Kurzgeschichte: Getäuscht

2016-10-17
(c) manfred majer:  Untitled  (CC BY-SA 2.0)

Als Ertugrul die Zeitung aufschlägt und die Wahrheit über seinen Kumpel erfährt, wird ihm schlecht. Wie konnte er sich nur so sehr in dem jungen Mann täuschen?

Diese Kurzgeschichte von Ertugrul Öztaskin ist in Aus Angst wächst Mut erschienen. Herausgeber: Gandhi Chahine und Matthias Hoof.

„Wie oft hab ich dir gesagt, schmeiß den Mist in den Müll, hier spielen Kinder!“ Also nahm ich die Tüte vom verdreckten Boden und warf sie in den Müllbehälter.

„Stell dir vor, du hast später Kinder. Willst du, dass sie damit in Kontakt kommen? Eher nicht, denke ich.“ Osman schaute auf den Boden und sein Blick war leer. Er schwieg für einen Augenblick. Dann murmelte er: „Das macht doch jeder, ist doch egal, das ist normal.“

Ich lauschte seiner tiefen Stimme, während ich die Bäume betrachtete. Ich drehte mich zu ihm um, schaute ihn grimmig an und sagte: „Es ist schon schlimm genug, dass wir den Mist rauchen, also können wir wenigstens unsern Scheiß in den Müll werfen. Ich möchte nicht der Grund dafür sein, dass kleine Kinder sich fragen, was das ist. Dass ihre Neugier geweckt wird für etwas so Ekelhaftes. Nachher bin ich daran schuld, dass diese Kinder wegen mir abhängig werden.“ Nein, das könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dachte ich.“ Ja, jetzt halt’s Maul und gib mir mal Blättchen!“, sagte Osman zu mir, während er in seiner Hand das Grass zerbröselte.

Es war windig und dunkel, also gab ich ihm Schutz vor dem Wind. Ich hatte die Taschenlampe meines Handys eingeschaltet und hielt diese so, dass er genug sehen konnte. Lässig holte ich mein Feuerzeug aus meiner rechten Tasche raus, steckte den Joint an und nahm einen kräftigen Zug. Auf Anhieb fühlte ich mich richtig locker. Ein herrliches Gefühl.

Wie aus dem Nichts standen wir zwei plötzlich in einem Lichtkegel und wurden durch das grelle Licht geblendet. Wir erkannten auf Anhieb, was das war. Die Polizei. Osman und ich schauten uns verdutzt an, nickten uns gegenseitig mit dem Kopf zu und nahmen die Beine in die Hand. „Yallah!“, war das Letzte, was ich von Osman hörte. Danach rannten wir los.

Ein Polizist rief uns lauthals hinterher: „Bleiben Sie stehen!“ Doch daran verschwendeten wir keinen einzigen Gedanken. Ihr werdet mich niemals bekommen, das ist mein Viertel, dachte ich. Osman und ich rannten die Straße runter, er bog rechts ab, ich links. Ich blickte nach hinten und sah, dass die beiden Polizisten hinter Osman herliefen und mich außer Acht ließen. Doch ich rannte die Straße immer weiter, bis ich mich sicher fühlte.

Ich kam zu einem Ort, von dem ich wusste, dass er sicher ist. Dort blieb ich stehen und rang nach Luft. Ich war total verschwitzt und außer Atem. Mein Puls war auf 180, mein Herz hämmerte in meiner Brust. Ich nahm ein paar tiefe Atemzüge und checkte danach meine Taschen ab. Handy, Ausweis, Feuerzeug und Schlüssel. Mehr hatte war ich nicht dabei. „Dafür bin ich weggelaufen?“, sagte ich laut zu mir selbst und lachte mit einem höhnischen Unterton.

Aber was war mit Osman passiert, fragte ich mich. Doch im selben Moment dachte ich: „Als ob der sich packen lässt, niemals!“ Ich entschied mich, nach Hause zu gehen, ich nahm den schnellsten und kürzesten Weg. Schließlich wollte ich nicht wieder auf die Polizei treffen, auch wenn ich wusste, ich hatte nichts getan.

Zuhause angekommen nahm ich erst mal einen großen Schluck Wasser, putzte meine Zähne und legte mich ins Bett. Die Fenster waren geschlossen, doch man hörte, wie der Wind immer stärker wurde. Wahrscheinlich würde es heute Nacht regnen. Ich zog die Bettdecke über meinen Kopf und schlief ein.

Das Klingeln und Vibrieren meines Handys weckte mich unsanft. Ich ging ran. „Hallo!“, sagte ich mit total verschlafener Stimme. „Bruder, hast du schon gehört, was mit Osman passiert ist?“, fragte mich eine aufgebrachte Stimme durch den Hörer. Ich erkannte Christoph am anderen Ende. Ohne eine Antwort abzuwarten fuhr er fort: „Guck mal in die Zeitung, da steht…“ Seine Stimme war auf einmal weg. „Hallo, Christoph? Hörst du mich?“ Die Verbindung war tot. Ich schaute auf die Uhr. 12.41Uhr, der halbe Tag war schon um. Ohne lange zu überlegen stand ich auf, zog mir meinen Trainingsanzug an und verließ das Haus. Ich war total verwirrt. Was war mit Osman passiert? Und wieso Zeitung?

Mir gingen die schlimmsten Gedanken durch den Kopf. Deshalb war ich froh, endlich am Kiosk anzukommen. Mit Schwung öffnete ich die Tür und hörte die Glocken oberhalb des Eingangs, die mein Kommen ankündigten. Ein junger Mann begrüßte mich mit einem freundlichen „Hallo“. „Hallo“, erwiderte ich, „ich hätte gerne einmal die Tageszeitung!“ Der Mann gab reichte mir die Zeitung, ich gab ihm das Geld passend. Dann verließ ich den Laden und schlug sofort die Lokalseite-Zeitung auf. Die Überschrift sprang mir in die Augen. Mir wurde schlecht und die Zeitung fiel mir fast aus der Hand. „Vergewaltiger wurde gefasst“, stand da in großen Buchstaben. Mit zitternden Fingern hielt ich das dünne Papier in der Hand und las den ganzen Artikel. Osman war also ein Sexualstraftäter. Ich konnte es nicht fassen: Der Junge, den ich erst vor einigen Wochen kennen gelernt habe, war ein Vergewaltiger. Ich konnte es nicht glauben, Wie hatte ich mich in ihm so täuschen können? „Wie kann ein Mensch so etwas Schlimmes tun?“, dachte ich mir.

Er hatte bei mir immer einen netten und freundlichen Eindruck hinterlassen. Und er war vor allem sehr zuvorkommend. An diesem Tag wurde mir schlagartig klar, dass ich mich nicht mehr mit jedem dahergelaufenen Typen anfreunden werde. Du kannst den Menschen bekanntlich nur vor den Kopf gucken, deshalb ist immer Vorsicht geboten. Und vielleicht ist es jetzt an der Zeit, auch endlich mit dem Kiffen aufzuhören.

Mehr dazu:

  • Die Vergangenheit hinter sich lassen, das eigene Leben in die Hand nehmen: Das ist das Thema von Sivaz Rap-Song Lachen.
  • Auch Aleyna hat sich in jemandem getäuscht. Wie sie damit umgeht, dass ihre Mutter ihr nicht das geben kann, was sie braucht, liest du in der Kurzgeschichte: Das rote Kleid.

 

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