Wie geht feministische Erziehung von Jungen?

2017_02_14

Unsere Autorin Sarah Wies im Interview mit der Bloggerin Melanie Trommer, die den Blog glücklich scheitern betreibt. Melanie ist 36 Jahre alt und wohnt in Köln. Sie hat mehrere Studiengänge angefangen und dann Sozialpädagogik (auf Diplom) und Soziologie und Gender Studies (Master) beendet. Sie mag Bücher, Reisen und die Weihnachtszeit und wohnt mit ihrem Freund und ihren beiden Kindern zusammen. Im Interview erzählt sie, wie sie die feministische Erziehung ihrer beiden Jungs gestaltet.

Sarah Wies: Seit wann bezeichnest du dich als Feministin?

Melanie Trommer: Gute Frage. Ich hatte in dieser Schule diese „Feminismus? Das sind doch diese Emanzen die überall unnötigerweise rumnerven-Menschen“-Phase. Fand ich überflüssig. Einerseits. Andererseits hat es mich voll genervt, wenn man Mädchen, die gute Noten hatten, unterstellte, sie hätten ihren „Titten-Bonus“ ausgenutzt. Oder wenn ich auf einer Ferienfreizeit mit den Mädchen basteln sollte, statt Abenteuerspiele zu planen. Naja, irgendwie war ich wohl immer sehr feministisch, hätte mich aber lange nicht so bezeichnet, weil es ein schlechtes Image hatte. Durch das Studium dann und mit dem Lesen von Blogs wie der Mädchenmannschaft oder dem Missy Magazin fand ich das Image dann erstens besser und zweitens immer nebensächlicher. Frauen werden in vielen Bereichen benachteiligt, das ist ein Fakt. Das zu benennen, aufzuzeigen und zu ändern halte ich für unabdingbar. Dass das nicht immer Spaß macht, das Männer ungern ihre Privilegien aufgeben, daran habe ich mich inzwischen gewöhnt. Und dass man mit anderen Feministinnen sehr wohl sehr viel lachen kann ist ein netter Nebeneffekt.

SW: Was hat sich durch die Geburt deines Kindes geändert?

MT: Oh, eine Menge! Weniger Schlaf, mehr Liebe 😉 Aber jetzt mit Blick zum Beispiel auf Partnerschaft und Beruf haben mein Freund und ich gemerkt: Auch wenn wir beide die totale Gleichberechtigung , werden uns ganz schön viele Steine in den Weg gelegt. Wir haben beide sechs Monate Elternzeit genommen, bis hier hin alles gut und schön. Aber während ich im Job anschließend merkte, dass man mich nicht mehr für voll nahm, ging beim Mann alles weiter wie vorher. Mehrtätige Dienstreise? Kein Problem! Keiner seiner Auftraggeber ging von einer Veränderung aus. Bei späteren Bewerbungen merkte ich sehr oft, dass meine Kinder – mal mehr, mal weniger – ein Thema und ein Hindernis sind.

Bezogen auf meine feministische Einstellung hat sich aber auch einiges verändert. Gehörte ich vorher eher in die Kategorien „Gleichheits- oder Karrierefeministin“, also eine, für die das feministische Ziel ist, den Männern gleichgestellt zu sein und Erfolg im Job zu haben. Inzwischen denke ich viel mehr auf anderen Fragen rum: Wie soll Sorgearbeit generell in einer Gesellschaft aufgeteilt sein und welchen Wert messen wir dem zu? Warum wird Erfolg so sehr an beruflichem Aufstieg gemessen und nicht zum Beispiel daran, ob man das tut, was man liebt? Ich bin immer noch Feministin, ganz besonders seit ich Kinder habe. Aber ein paar Annahmen haben sich eben geändert: Statt als Ziel zwei vollzeitarbeitende Elternteile zu setzen eher die Frage, wie wenig Lohnarbeit (für Beide!) reicht aus um gut zu leben, die eigenen Kräfte für Lohn- und Sorgearbeit zu bündeln und gerecht untereinander aufzuteilen. Darüber hinaus auch, wie man Alleinerzieherinnen unterstützen kann und wie man Familie auch gesetzlich unabhängig von biologischer Verwandtschaft denken kann.

SW: Du hast zwei Söhne. Wie genau sieht denn hier feministische Erziehung aus?

MT: Das Wichtigste: Statt davon auszugehen, dass sie bestimmte Sachen mögen oder nicht mögen beobachte sie und versuche sie individuell zu betrachten. Also statt anzunehmen, weil sie Jungs sind spielen sie lieber mit Autos als mit Puppen biete ich ihnen beides an. Oder greife auf, was sie an Bedürfnissen zeigen. Der Große hat zum Beispiel in der Zeit, in der er Laufen lernte, auf den Spielplätzen den anderen Kindern immer die Puppen-Buggies „geklaut“, sich dran festgehalten und ist dann losmarschiert. Ich wollte dann, dass er zum Geburtstag auch einen bekommt. Tja und da fing das Problem an: Keiner aus meiner Verwandtschaft bzw. Freundeskreis wollte ihm sowas schenken. Und damit fangen die Probleme auch schon an…(siehe nächste Frage). Und zweitens versuche ich grade meine Jungs für das Thema Konsens und Einvernehmlichkeit zu sensibilisieren. Dass sie nie zu Jungs werden, die Mädchen bedrängen Dinge zu tun, die diese nicht wollen.

Konkret heißt hier nein zum Beispiel immer nein, besonders wenn es um ihre Körper geht. Sie selber sollen erfahren, dass ein Nein akzeptiert wird. Wenn ich sie zum Beispiel kitzel und es ihnen zu viel wird, hör ich direkt auf und mach nicht weiter, weil´s ja „nur Spaß ist“. Wenn Tante Klothilde oder Oma Trude einen Kuss von ihnen wollen aber meine Jungs sie eben nicht küssen wollen, dann wende ich mich an beide und sage, dass sie das nicht tun müssen. Da werde ich dann gegebenenfalls auch ungehalten. Ich hoffe, wenn sie erfahren, dass sie selber über ihre Körper entscheiden dürfen, dass sie auch bei anderen nie in die Versuchung geraten, Grenzen zu überschreiten.

SW: Es ist sehr schwer, bei Spielzeug nicht in die Gender-Falle zu tappen. Wie umgehst du das Problem?

MT: Ich weiß nicht – wir haben hier viele Autos, Eisenbahnen, Baukästen…ich vermute, wir sind irgendwann voll in die Falle getappt. Der Große hat seit etwa anderthalb Jahren aber auch sehr konkrete Vorstellungen von Jungs- und Mädchenspielzeug. Im Kindergarten und durch den Kontakt mit anderen Kindern hat sich unser Einfluss da leider sehr relativiert. Aber goldenen Glitzernagellack will das Kind immer noch J.

SW: Glaubst du, dass feministische Erziehung von Jungs anders funktioniert als von Mädchen?

MT: Eigentlich nicht. Eigentlich stehen die individuellen Bedürfnisse des Kindes im Fokus. Ist ein Kind sehr bewegungsfreudig, dann sollte ich das fördern. Und bevor ich den Jungen beim Fußball und das Mädchen beim Ballett anmelde vielleicht mal nachfragen und ein paar Stunden ausprobieren lassen, was ihnen denn so gefällt.

Die einzige Ausnahme ist für mich eben das Thema Rücksicht und Konsens. Das liegt mir einfach am Herzen, dass meine Söhne nicht zu grenzüberschreitenden Arschlöchern werden, sondern zu Menschen die Respekt vor den Grenzen anderer haben.

SW: Was wünschst Du dir für die Zukunft?

MT: Oh, eine Menge. Konkret auf die Fragen hier bezogen: dass die Leute mehr nachdenken. Wirklich. Darüber, wer ihre Kinder sind. Wer ihre Schüler_innen. Sich weniger auf vermeintliche Unterschiede zu konzentrieren und dafür die Gemeinsamkeiten zu sehen. Und jede*r, die_der eine pädagogische Ausbildung macht, soll das Buch „Die rosa-hellblau Falle“ von Almut Schnerring lesen.

 

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Ich bin Sarah, 1991 geboren, Bloggerin und Journalistin. Bei meinTestgelände schreibe ich für mehr Gerechtigkeit und Respekt und um mich auszutauschen.

Kommentare

  1. Gute Frage, mehr Austausch und Meinung fänd ich wünschenswert. Vor allem nach den Kleinkindjahren, wo der Wunsch, den Kindern ihre individuellen Interessen bar der üblichen Rollenmuster zu lassen, wird es dünn in der feministischen Erziehung. Kindergarten, Schule, Betreuung, Medien - es ist nicht einfach gegen die gängigen Bilder allein anzustinken. Besonders alleinerziehende Mütter haben es diesbezüglich schwer, wenn das, im besten Falle ebenfalls feministisch erziehende, männliche Vorbild wegfällt. Da sind nur die Mütter vor Ort zum rebellieren, Mütter, die sowohl die Sorge- als auch die Erwerbsarbeit leisten. Was macht das mit pubertierenden Jungs, frage ich mich als Betroffene? Ich habe ganz normal pubertierende Söhne, natürlich bemühe ich mich, Ihnen die Bedeutung von Feminismus beizubringen. Das übliche Augenrollen bei diesem (wie natürlich auch anderen) Themen verunsichert. Schule, Internet und Filme sind da ein schwerer Gegner mit sexistischen Onlinespielen, Pornos und einem sexfeindlichem Bildungsystem. Die 80er waren dagegen frauenfreundliches Wunderland.

  2. (...)„Frauen werden in vielen Bereichen benachteiligt, das ist ein Fakt. Das zu benennen, aufzuzeigen und zu ändern halte ich für unabdingbar. Dass das nicht immer Spaß macht, das Männer ungern ihre Privilegien aufgeben, daran habe ich mich inzwischen gewöhnt.“(...)

    Das ist eine Fakt...lustig. Wo sind denn meine Privillegien ? Niemand fragt eine Frau/Mädchen, ob sie meinen Job mal machen würde. Nicht im Traum käme man darauf. Rücken kaputt arbeiten ist und bleibt Männersache. Frauenquote im Straßenbau ? Davon höre ich nichts. Wenn Frauen am Bau sind, dann laufen sie mit Warnweste umher und vermessen. Schwer tragen, dreckig werden, stinken, die Haut zerstören...das überlassen wir doch denen, die ohnehin nicht so gut lernen können.

    Fakt ist, das keine Feministin Interesse an Veränderungen in unbeliebten Berufen zeigt. Nur dort, wo es sich lohnt, da müssen die Privillegien weg. Die Rosinen quasi.

    Übrigens kenne ich in meinem direkten Umfeld zwei Männer, die ihre Eltern pflegen. Beide Single. Keine Frau ist an Männern mit derartigen Altlasten interessiert, die zudem im unteren Lohnniveau angesiedelt sind.
    Nicht weiter tragisch. Die stammen, wie ich, aus der ersten Generation jener Männer, die schon aus Schule und Medien hörten, dass sie im Grunde überflüssig sind. Sie sind dumpf-stupide Sklaven, die funktionieren, solange die Knochen halten. Eine Aussicht auf eigene Familie haben sie nicht.

    Dann sind da sicher auch noch Väter in meiner Generation. Auch die gibt’s. Alles zwischen Jahrgang 1960 und 1975.
    Ich kenne keinen darunter, der den Einfluss auf die Erziehung hatte, den er gern gehabt hätte. Macht er nicht, was er soll, dann „sieht er die Kinder nie wieder“. So eine gängige Drohung. Hängen bleibt danach aber nur eine Zahlungsverweigerung, versteht sich.

    Söhne ohne genderzwang erziehen....? Das wäre nicht einfach wünschenswert, sondern eigentlich Pflicht. Was ich aber kennengelernt habe ist eine rigorose Bevorzugung der Mädchen. Meine Mutter erklärte meiner kleinen Schwester, was sie alles kann und darf. „Mädchen können alles“, hörte ich täglich, während mein Weg sicher und stetig bergab führte. Ich bin oft nicht sicher, ob ich meinen Hass inzwischen im Griff habe.

    Vor einem Jahrhundert hieß es, Mädchen könnten weniger gut lernen, seien allgemein eben nicht zu wissenschaftlichen Höchleistungen fähig. Die Leistung des Feminismus ist, diesen Satz nicht nur umzukehren, sondern noch zu verschärfen.

    Heute und in den kommenden Jahrzehnten strömt eine ganze Welt in das kleine Europa. Hier warten nun ein paar Millionen junge oder zukünftige Männer, denen der Feminismus beigebracht hat, dass sie überflüssig sind, kaum zu irgendwas zu gebrauchen, dümmer und das in Wahrheit schwache Geschlecht.
    Ein paar Millionen Jungs, deren Aussicht eine Familie zu begründen, ihren Weg zu gehen, verschwindend gering ist. Immer mehr Mädchen entscheiden sich entweder für andere Mädchen (die Zahlen sollen rapide steigen) oder eben für den kräftigen Migranten, der im Männlichkeitsvergleich mit dem Euro-Weichei einfach besser abschneidet.

    Ich weiß, sie werden das hier nicht veröffentlichen, aber immerhin sollten sie lesen und wissen, dass das was sie hier schreiben nur ihrer eigenen Wahrnehmung entspricht und von meiner Realität weit entfernt ist.

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