Divas! 6 Gründe, warum Feminist*innen in die Oper gehen sollten

2017_04_03
(c) Max Froumentin:  opera  (CC BY 2.0)

Die Oper ist für alte Leute, sie ist elitär und teuer. Alle tragen Anzug oder Pelzmantel. Und außerdem, warum ewig sitzen, um sich eine langweilige, antiquierte Story anzugucken? Alles Vorurteile, meint unsere Autorin Fee und liefert 6 Gründe, warum gerade Feminist*innen in die Oper gehen sollten.

Ein grüner Hügel voller Nazi-Geschichte, umjubelte Titelpartie-Protagonisten, die sich damit rühmen, schon 1003 Frauen in nur einem Land gehabt zu haben, schwache Prinzessinnen, starke Heldentenöre, fragwürdige Besetzungsmethoden und die Königin der Nacht, die nur deswegen Bösewicht ist, weil sie als Frau herrschen will. Zugegeben: Das klingt erst mal nicht direkt nach einem Muss für Feminist*innen.
Ich plädiere aber trotzdem und gerade deswegen dafür, in die Oper zu gehen! Oft! Viel! Bewusst! Und gerade als Feminist*in.
Hier sind die Gründe dafür:

1. Oper scheißt auf Geschlechter!

Der erste Grund dafür liegt in der Tatsache, dass auch Oper Theater ist. Und Theater war schon immer eine Welt für sich, in der sehr viel mehr sehr viel früher möglich war und ist als in unserer konventionell-bestimmten Lebensrealität. Während Rollenklischees und Prüderie unseren Alltag beherrschten, wurde das Theater bunter, freier und fortschrittlicher. Hosenrollen und Rockpartien waren von Anfang an Teil des Geschehens. Während draußen nur zögerlich Regeln aufgebrochen wurden, wie sich Frau und Mann zu kleiden hätten, sangen drinnen schon seit Jahrzehnten Kastraten und Countertenöre, tanzten Männer in Kleidern und verführten dabei die ganze Bühnen-Herrenwelt. Frauen, die Männer spielen, die Frauen spielen? Gibt´s in der Oper!
Männer, die leicht bekleidet mit hoher Fistelstimme Amor spielen? Wird mit großem Ernst in der Oper praktiziert!
Die Vielfalt von Rollen, die man mit allen Geschlechtern besetzen kann, ist unglaublich.
Dass freilich die Küsse unter Männern bei Shakespeare eher damit zu tun hatten, dass Frauen der Zutritt zur Bühne verwehrt war, und auch, dass die Praxis von Kastraten alles andere als begrüßenswert war, sollte dabei natürlich nicht außer Acht gelassen werden. Einen Weg haben aber auch diese Phänomene gebahnt, auf dem immer ausgelassener, freizügiger und experimentierfreudiger getanzt wurde.

2. Die dicke Frau darf singen. Und wird verehrt!

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Ja, ja, ja… Natürlich ist auch die Oper nicht frei von gesellschaftlichen Trends, es gibt Professor*innen, die ihren Studierenden vorschreiben, abzunehmen, die Größe des Dekolletés war schon so manches Mal bei einer Besetzung entscheidend und perfekt geschminkt muss sowieso sein. Und auch jajaja, das Ding mit der dicken Opernsängerin ist ein Klischee und stimmt gar nicht immer.
Aber! Nirgends sonst werden Frauen, deren Körper nicht dem vorherrschenden Schönheitsideal des 21. Jahrhunderts entsprechen, so verehrt, bewundert und begehrt wie auf und hinter den Opernbühnen.

Dass der Tenor so viel wiegen darf, wie er möchte, solange seine Töne herzzerreißend schön sind, das könnte man gerade noch annehmen, aber dass sogar Frauen nicht in erster Linie nach ihrem Körper bewertet werden, das ist neu in unserem Alltag. Und statt für jedes Gramm über Kleidergröße 38 verachtet zu werden, wird die Opernsängerin mit und in ihrem Körper inszeniert, sie verkörpert Rollen, die Sinnbild der Verführung sind, singt von der Unwiderstehlichkeit ihrer Reize, hat mindestens zwei Liebhaber pro Stück, die sich gerne mal vor lauter Liebe und Wahn für sie irgendwo runter stürzen, und in der Garderobe und vor dem Künstler*innenausgang warten dann unter Umständen noch drei weitere Verehrer*innen.
Und das alles mit walkürenhaften Körpern.
Dass eine Frau, die nicht dem gängigen Schlankheitsideal entspricht, tatsächlich und ganz selbstverständlich mit Attributen wie „sexy“, „verführerisch“, „unwiderstehlich“ und „wunderschön“ behangen wird, ist abseits der Oper weder in Hollywood, noch in der Werbung oder gar der Modebranche denkbar.
3. Divas!

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The struggle is real: Man gesteht Männern* prinzipiell eher zu, sich bestimmend und selbstbewusst zu verhalten, man traut ihnen Führungskompetenz zu und wenn sie sich etwas herausnehmen, was unverschämt anmutet, wird es ihnen leichter vergeben. Frauen* laufen – so die Ergebnisse mehrerer Studien zum Thema- eher Gefahr, für dasselbe Auftreten und Verhalten als Zicke, arrogant und Mannsweib abgestempelt zu werden. Weiß man ja: Mädchen lächeln eh immer und müssen einfühlsam, höflich und süß sein.
Auch da macht die Oper einfach nicht mit. Denn hier gibt es noch etwas, das man in den Chefetagen lange suchen muss: Diventum.
Die empfindliche, ihre Stimme schonende, leicht verstimmbare, zickige und alles bestimmen wollende Operndiva ist natürlich genau so ein Klischee. Und trotzdem gibt es sie noch und das ist gar nichts so Furchtbares, wie man meinen möchte. Eigentlich ist das doch wunderbar, dass es diesen Ort gibt, an dem sich auch Frauen mal menschlich völlig daneben benehmen dürfen, ihre Allüren haben, horrende Gagen fordern und am Ende dennoch die sympathischen Stars im Scheinwerferlicht sein dürfen, um die sich alle scharen und bemühen.
Die Realität sieht selbstverständlich oft anders aus, aber selbst, wenn das Diventum im Backstage ausstirbt: Auf der Bühne wird es weiterhin Rollen wie die der durchtriebenen Rosina oder der allürenhaften Musetta geben, in denen Frauen bestimmen wo´s lang geht – ohne Rücksicht auf Verluste.

4. Frauenquote – weil´s sein muss.

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Der Grund ist selbsterklärend. Oper soll das Leben abbilden und zum Leben gehören nun mal alle Geschlechter.
Deshalb haben wir uns von den Praktiken zu Shakespeare´s und Monteverdis Zeit wegentwickelt und Opern wie Billy Budd, in denen nur Männerrollen vorkommen, sind eine totale Seltenheit geworden.
Eine Freundin, die mit einem sehr negativen Frauenbild aufgewachsen ist, erzählte mir mal, sie hätte früher weder Ärztinnen, noch Pilotinnen vertraut. Aber dass den Sopranjob eine Frau machen muss, das hätte sie eingesehen.
Hier kommt die Diskussion um Frauenquoten gar nicht erst auf, denn für einen ausgewogenen Chorklang braucht man ähnlich viele Vertreter*innen der einzelnen Stimmlagen und in den Solopartien ergeben sich die Geschlechter-Verteilungen auch von selbst.
Bleibt noch die Frage nach allen Geschlechtern außerhalb des binären Geschlechterkonzepts. Aber ehrlich gesagt würde ich so weit gehen zu behaupten, dass auch das seine Berücksichtigung in den Stücken findet. Natürlich nicht immer explizit benannt und auch nicht immer in der wünschenswerten politischen Korrektheit, aber auch in der Opernwelt finden sich androgyne Gestalten, Frauen, die „seltsamerweise“ von niemandem sexuell angezogen werden, genderfluide Darstellungen und selbstverständlich trans*-Personen, weil Oper ja – wie anfangs erwähnt – auf Geschlechter scheißt.
Oper ist endlich mal ein Bereich, in dem Frauen* nicht um ihre Berechtigung für den Job bangen müssen oder gar beweisen müssten, dass sie den Beruf genau so gut wie ihre männliche Kollegen ausüben.

5. Markt und Nachfrage

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In der Komischen Oper in Berlin stehen Inszenierungen auf dem Plan, die leidenschaftlich gern und oft das Spiel mit den Geschlechtern und Sexualitäten betreiben. Ich habe dort zum Beispiel eine Inszenierung von Händels Orlando gesehen, in der kein Versuch unternommen wurde, die attraktiven Sängerinnen, die den Ritter Orlando und den Prinzen Medoro verkörperten, auch nur ansatzweise in Männerkleidung zu stecken und ihre Oberweiten zu verstecken. Stattdessen wurde einfach ein Lesben-Drama aus der Geschichte gemacht, das perfekt aufging. Und das Publikum? Klatschte und war froh.
Ein neuer Star in der Szene ist auch Lucia Lucas, eine trans-Opernsängerin, die jetzt gerade den ersten weiblichen Bariton verkörpert und immer häufiger auch auf der Bühne als Frau stehen darf.
Das Musiktheater wandelt sich und das ist gut so! Wenn ihr gedacht habt, Opern, das sind immer nur heteronormative Geschichten in Barock-Mäntel gehüllt, überwindet eure Vorurteile und schaut euch an, was mittlerweile auf den Bühnen passiert!
Trotzdem liegt es leider nicht ganz fern, dass sich Inszenierungsideen wie diese oft erst durchsetzen müssen, solange das Publikum weiterhin aus konservativen Bildungsbürgertumshaushalten generiert wird. Schon allein deshalb: Solange die Nachfrage nach moderneren Rollenkonzepten, feministischen Inszenierungen und trans-Opernsänger*innen besteht, wird das Theater sich weiter in diese Richtung entwickeln. Und wer könnte den Markt beeinflussen, wenn nicht wir? Also, Feminist*innen, auf in die Oper!

6. Es ist meeega schön. Und auch als Feminist*in darf man sich ab und zu was Schönes gönnen!

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Mehr dazu: 

Ich bin Fee aus München und Poetry Slammerin. Bei meinTestgelände schreibe ich mit, weil ich mich unter anderem für genderspezifische, feministische Themen interessiere und dazu eine Meinung habe, mit der und über die ich gerne diskutiere.

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