Was juckt dich die Ehre deiner Schwester?

2017_05_05

Ehre ist für viele ein großes Wort. Mit Ehre lassen sich Beleidigungen und Gewalt rechtfertigen. Ehre ist auch immer ein Druck von außen, etwas das beschützt werden muss. Burak Yilmaz von den Heroes Duisburg arbeitet in Workshops viel zu diesem Thema und beschreibt seine positiven Erfahrungen im folgenden Text.

Gewalttäter im Namen der Ehre stehen seit jeher im Fokus der gesellschaftlichen Wahrnehmung, aber es wächst eine geschlechtersensible Generation heran, die laut Ja sagt zu Geschlechtervielfalt, sexueller Selbstbestimmung und Freiheit des Individuums. Diese mutigen Jugendlichen brauchen unsere Unterstützung.

Es ist ein bewölkter Montagmorgen, als ich zusammen mit zwei anderen Mistreitern zu einem Workshop an eine Schule fahre, den wir zu dritt leiten werden. Wir sprechen in diesen HeRoes-Workshops über Rollenbilder, Sexismus, Familienehre und Jungfräulichkeit vor der Ehe. Das Ziel dieser Workshops besteht darin, Alltagsszenen darzustellen, Mechanismen der Gewalt offenzulegen und gemeinsam mit der Klasse Lösungsansätze zu suchen, wie man aus solchen Situationen herauskommen kann.

Angst vor der Familie

Auf dem Weg zur Schule sitzt Can hinten im Auto und fragt plötzlich: „Ist euch mal aufgefallen, dass viele aus unserem Kulturkreis in der Öffentlichkeit nie Händchen halten? Und sich auch nie in der Öffentlichkeit küssen? Warum ist das so?“ Wir müssen am Anfang schmunzeln, aber wir merken, worauf Can hinaus will.

„Das hat viele Gründe, Bruder.“, antwortet ihm Adem. „Du hast Schiss, dass deine Familie irgendwo auftaucht und dich mit einem Mädchen sieht, dass sie das direkt an deine Eltern verpetzen. Das ist wie Verfolgungswahn, wo du nicht mal in Ruhe knutschen kannst. Diese ganze Schamerziehung, die wir bekommen, als wäre Sexualität der Teufel höchstpersönlich. Man schämt sich einfach in der Öffentlichkeit zu knutschen und weil wir das nicht wahr haben wollen, nennen wir das Ganze einfach „ehrenvoll“ oder „Kultur“, weil dann müssen wir uns damit nicht auseinander setzen. Wenn wir diese Schamerziehung kritisieren, dann denken die meisten, wir würden ihre Kultur angreifen und deshalb gibt es dieses System auch schon ewig.  Jede Art von Kritik wird als Angriff auf die gesamte Kultur verstanden, obwohl wir doch alle unter dieser Scheiße leiden. Wir können noch nicht mal unsere Freundinnen mit nach Hause nehmen, weil unsere Eltern direkt mit Heiraten ankommen. Stattdessen triffst du dich mit ihr in einer anderen Stadt, mietest sinnlos Hotelzimmer oder triffst dich mit ihr im Park, wo man nicht gesehen werden kann.“

Ich stimme Adem zu und merke, dass ich seine Worte ergänzen muss: „Das ist nicht Kultur, das Patriarchat verkleidet sich aber als Kultur. Mit Scham und Schuld lassen sich Menschen am einfachsten einschüchtern und bevor wir diese patriarchalen Strukturen bekämpfen, müssen wir uns als allererstes von diesen Gefühlen befreien. Ist das unsere Kultur, unsere Cousinen und Schwestern zu kontrollieren? Ist das unsere Kultur, Jugendlichen Angst zu machen, wenn sie ihren Körper kennenlernen wollen? Wo bleibt da die Menschenwürde? Das ist doch nichts anderes als Gewalt.“

Hauptsache Ehre verteidigen

Can schaut bei meinen Worten etwas verträumt, aber auch wütend aus dem Fenster. Er fügt hinzu: „Wisst ihr was? Ein Gewaltsystem kann doch niemals Kultur sein! Das sind Familienstrukturen, die emotionale Leichen erzeugen- aber Hauptsache Ehre verteidigen! Mit wie vielen Ängsten man aufwächst, um ja nicht diese Ehre zu verlieren…“

Solche oder ähnliche Diskussionen, die auch mal recht emotional werden können, haben wir häufig untereinander, da wir diese Familienstrukturen, die Can meint, alle aus unserem Alltag kennen und insbesondere in unseren Workshops merken, wie viele junge Menschen unter diesem System der Familienehre leiden, obwohl sie ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben.

Als wir den Klassenraum betreten, begegnet uns eine Mischung aus neugierigen und skeptischen Blicken. Wir spielen unser erstes Rollenspiel, in dem es darum geht, dass der Vater seinen Sohn ohrfeigt und mit ihm schimpft, weil seine Schwester um 20 Uhr noch nicht zu Hause ist. Der Sohn macht sich auf die Suche nach seiner Schwester, er trifft auf dem Weg einen Freund, der ihm schon vorwirft: „Deine Schwester hängt so spät draußen rum, was denken die Leute über sie? Hol die mal nach Hause!“ Der Sohn wird nervös und begegnet aufgebracht seiner Schwester, die sich wehrt und noch eine halbe Stunde draußen bleiben will. „Guck mal wie die mit dir redet!“, hetzt der Freund den Sohn auf. „Wenn das meine Schwester wäre, hätte ich der schon längst eine geklatscht. Was ist mit deiner Ehre, Junge?“ Der Sohn fühlt sich dadurch noch motivierter und zerrt seine Schwester am Arm durch alle Öffentlichkeit und bringt sie nach Hause, wo ein wütender Vater auf die beiden wartet.

Tabu vorehelicher Sex

Wir merken schon nach wenigen Minuten in der anschließenden Diskussion, dass viele Schülerinnen und Schüler diese Situation von zu Hause kennen und fangen an zu diskutieren. Sie erzählen persönliche Geschichten, dass sie einen ähnlichen Vater zu Hause haben, dass viele mit diesen Strukturen nicht einverstanden sind, aber dann doch mitmachen und dass einige der Schülerinnen und Schüler nur dann einen Partner haben dürfen, wenn sie diesen auch heiraten. Voreheliche Beziehungen oder vorehelicher Sex sind ein Tabu und führen zum Ausschluss aus der Familie.

„Ich liebe aber meinen Freund, ich habe Gefühle! Was soll ich machen? Soll ich meine Emotionen abschneiden? Ich treffe mich heimlich mit ihm, so dass es niemand mitbekommt. Auch er fühlt sich sehr unwohl dabei und wir haben beide wahnsinnige Angst, dass man uns erwischt, aber wir lieben uns beide zu sehr, als dass wir uns davon unterkriegen lassen wollen.“, sagt eine Schülerin offen und bekommt dafür positives Feedback. Die Klasse scheint ihre Situation zu kennen.

Als das Thema dann zu Jungfräulichkeit kommt, gibt es einige in der Klasse, die Sex vor der Ehe für eine große Sünde halten. „Wenn meine Schwester vor der Ehe Sex haben würde, würde ich sie nie wieder anschauen!“, sagt uns einer sehr direkt. Eine aufgebrachte Schülerin schaut ihn an und sagt: „Und bei euch Männern ist das okay, oder was?“

Can und Adem lassen die beiden diskutieren und schnell wird deutlich, wieso es so ein Tabu ist, vor der Ehe Sex zu haben: „Weil die Leute dann über deine Familie reden, die Ehre ist dann beschmutzt!“, antwortet der Schüler und knickt langsam aus seiner starren Haltung. Die Schülerin erwidert ihm: „Was juckt die Leute denn, mit wem deine Schwester zusammen ist? Das ist ihre Entscheidung! Warum gibt man so viel Wert auf Menschen, die schlecht über einen reden? Das hat die nicht zu interessieren und wenn man es ihr verbietet, wird sie es am Ende versteckt tun! Willst du, dass sie Geheimnisse vor dir hat oder willst du Vertrauen zu ihr aufbauen?“

Sexuelle Selbstbestimmung

Die Frage versetzt die ganze Klasse in absolute Stille, sie bringt viele zum Nachdenken und wir greifen das Beispiel auf, um es auf das Rollenspiel zu übertragen. Can und Adem ergänzen sich dabei gegenseitig, in dem sie erwähnen, dass der Vater sich um die Ehre bzw. den Ruf der Familie sorgt und Gewalt einsetzt gegenüber seinen Kindern. Die Kinder wiederum haben kein Vertrauen zu den Eltern, auch untereinander ist die Beziehung zwischen Tochter und Sohn sehr zerstritten. Die Tochter würde einen Freund verheimlichen, sie müsste andauernd Angst haben, dass ihr Bruder sie kontrolliert. Der Sohn wiederum ist auf der einen Seite Täter und auf der anderen Seite steht er unter Druck, die Familienehre als Mann zu beschützen. Gibt es eine Alternative zu diesem Familienbild? Muss das immer so sein wie in dem Rollenspiel?

Can und Adem kennen diese Szene aus ihrem Alltag, sie haben sie selbst entworfen. Adem sagt, dass auch er mal wie der Sohn im Rollenspiel gehandelt und eine strenge Beziehung zu seinen Schwestern gehabt habe. Als er sich mit seiner Rolle als Mann auseinandergesetzt und gemerkt hat, dass das Gerede der Leute die Beziehung zu seiner Schwester zerstört, habe es bei ihm Klick gemacht. „Ich habe nur diese eine Schwester, warum soll ich denn immer streng und autoritär zu ihr sein? Meine Schwester hat seit zwei Jahren einen Freund und ich bin der einzige in der Familie, dem sie es erzählt hat- weil ich ihr vertraue und mich auch für sie freue, dass sie ohne Angst lieben kann“, ergänzt Adem und viele in der Klasse machen große Augen. „Und was ist, wenn sie sich mit ihm küsst und beide miteinander schlafen? Würdest du nicht ausrasten?“, fragt ein Schüler sehr interessiert.

„Es ist ihre Entscheidung. Für mich ist Selbstbestimmung und Freiheit wichtig und dazu gehört auch sexuelle Selbstbestimmung. Natürlich habe ich Angst, dass meine anderen Familienmitglieder es erfahren. Die würden ausrasten, ja. Aber die Beziehung zu meiner Schwester ist Gold wert und nichts auf dieser Welt wird diese Beziehung mehr zerstören können“, antwortet Adem auf die Frage, während der Schüler ihn immer noch mit großen, neugierigen Augen anschaut.

Das Tabu Ehre aufbrechen

Der Workshop kommt zum Ende und wir haben das Gefühl, dass wir das Tabu Ehre aufgebrochen haben. Wir bedanken uns bei den Schülerinnen und Schülern für ihre Offenheit und den Austausch, während sie die Klassenlehrerin fragen, ob wir nicht bald wiederkommen können, um im nächsten Workshop vertiefter über andere Formen von Sexismus und Geschlechterungerechtigkeit zu sprechen.

Viele Lehrerinnen und Lehrer sind mit dem Thema Unterdrückung im Namen der Ehre und der damit verbundenen Geschlechtertrennung stark überfordert, weil sie in ihrer Ausbildung diese Themen nicht behandeln. Es gibt an den Universitäten immer noch keine Konzepte und Methoden, wie man Jugendliche aus diesen Milieus erreichen kann, obwohl diese seit über 50 Jahren in Deutschland leben. Das ist es auch, was uns motiviert. Vorbilder wie Can und Adem haben nicht nur einen persönlichen Zugang zu diesem Thema, sondern entwickeln selbst Methoden, die diese Jugendlichen und auch die ganze Klasse erreichen können.

Es sind genau diese Arten von Workshops, die wir aus Überzeugung und mit großer Leidenschaft machen, nicht nur, weil wir aus erster Hand biografisch betroffen sind von einem Gewaltsystem, dass uns vorschreiben möchte wie wir zu leben haben, sondern weil wir merken, dass vielen Jugendlichen Vorbilder und Modelle fehlen.

Sexismus geht alle an

Wir brauchen diese Vorbilder und Modelle, die sich von patriarchalen Strukturen emanzipieren wollen, auch wenn sie von Familie und Freunden einem enormen Druck und Beleidigungen ausgesetzt sind. Sie sind keine Verräter oder „Assimilierte“, nur weil sie Gewaltstrukturen bekämpfen und einen Wandel von innen wollen. Man kann kein Verräter sein, wenn man gegen Sexismus kämpft!

Eher ist man jemand, der etwas Positives zu seiner Gesellschaft oder Kultur beitragen möchte, denn es ist völlig offensichtlich, wie viele Menschen unter dem System Familienehre leiden. Ein neues Bewusstsein in Bezug auf Sexualität muss sich auf alle Ebenen übertragen, vom eigenen Haus über Shisha Bars bis in die Moscheen.

Man ist auch nicht „eingedeutscht“ oder „europäisiert“, wenn man sich für Geschlechtergerechtigkeit engagiert – so wie es viele dann aus dem eigenen Verwandten- und Bekanntenkreis behaupten – denn das würde ja bedeuten, dass Deutschland und Europa frei von Sexismus sind, was aber absolut nicht der Fall ist, auch wenn die Formen des Sexismus und die damit verbundene Gefühlswelt andere sind. Sexismus ist universell vorherrschend, er hat unterschiedliche Gesichter und Erscheinungsformen. Dazu gehört nicht nur der Sexismus in der Werbeindustrie oder in der Musikbranche, sondern eben auch der Sexismus, der an den Ehrbegriff gekoppelt und tief verankert ist in familiären Strukturen.

Wir brauchen authentische und mutige Jugendliche, die wir unterstützen und in ihrer Identität stärken müssen. Es wächst eine geschlechtersensible Generation heran, die laut Ja sagt zu Geschlechtervielfalt, sexueller Selbstbestimmung und Freiheit des Individuums. Diese jungen Menschen brauchen ein Gehör, sie brauchen Angebote und Räume, um sich zu entfalten und sich selbst zu ermächtigen. Kritisches Denken in Bezug auf Geschlecht und Gender muss alle Schichten und Milieus erreichen. Auch die, die gesellschaftlich weniger privilegiert sind. Gerade die Arbeit dieser Jugendlichen kann dazu führen, dass Can und Adem als Modelle und Vorbilder für die gesamte Gesellschaft stehen – denn Sexismus und seine Ausprägungen und Formen gehen uns alle an.

(Erstveröffentlichung auf www.diekolumnisten.de.)

 

 

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