Aufstehen

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(c) CameliaTWU:  School  (CC BY-NC-ND 2.0)

Aufzustehen, die Stimme zu erheben, sich zu wehren – das ist in Fällen von Mobbing und Diskriminierung überhaupt nicht einfach.

Marlon von Was geht Almanya?! schreibt, wie er das geschafft hat. Dabei ist der erste Schritt oftmals, sich selbst anzuerkennen und zu akzeptieren.

Es war irgendwann im August, und die Schule fing wieder an. Normalerweise wäre ich an einem solchen Tag eher traurig gewesen, aber dieses Mal hatte ich einen Grund, mich über den Schulbeginn zu freuen. Denn der heutige Tag war der erste Tag in der neuen Schule und für mich gleichzeitig ein lang ersehnter Neubeginn. Ein Neustart, bei dem alles besser laufen sollte. Ich ging also in das Schulgebäude, stieg eine Treppe hoch und dann weiter Richtung Sekretariat, um dort nachzufragen, in welchen Raum ich müsste. Die Sekretärin gab mir eine Auskunft, und ich setzte meinen Weg Richtung Ausgangstür fort. Aber kaum hatte ich das Sekretariat verlassen, bekam ich einen riesigen Schock, und mein Herz blieb für eine Augenblick stehen. Auf dem Flur waren zwei „Kraft-Proleten“. Zwei riesige Klötze, bei denen man gleich merkte, dass sie sich eher durch ihre Muskel- als durch ihre Hirnmasse definieren. Und es waren nicht nur irgendwelche Kraftprotze, sondern genau die, die mir meine gesamte Zeit in meiner alten Schule zur Hölle gemacht hatten. Warum mussten gerade diese Gorillas (Fettes Sorry an jeden Gorilla dieser Welt) unbedingt hierhin wechseln? Kaum hatten sie mich gesehen, ging es schon wieder von vorne los. Die gleichen Beleidigungen und die gleichen Schikanen, die ich in all den Jahren ertragen musste. Am Ende schubsten sie mich zu Boden und sagten mir mit einem hämischen Grinsen, sie freuten sich schon auf mehr. Als sie weg waren, stand ich auf und schüttelte mir den Staub von den Klamotten. Ich hatte mir so gewünscht, ich hätte ihnen die Meinung gegeigt, aber ich hatte zu viel Angst davor und war einfach wie gelähmt. Meine Gefühlsebene schwankte zwischen Scham, Wut und Hass auf mich selbst. Als ich meinen Weg fortsetzen wollte, kam in dem Augenblick ein Junge zu mir, der alles mitbekommen hatte. Er erzählte mir, dass ich mich nicht wegen so etwas runterkriegen lassen solle und dass er auch Ähnliches durchgemacht habe. Seit seinem Coming Out hatte er viel durchgemacht. Er musste Vieles ertragen und hatte viel einstecken müssen. Doch irgendwann hat er sich gedacht: „Ich mache das nicht mehr mit. Ich bin nun mal so wie ich bin, und wenn es ihnen nicht passt, dann haben sie halt Pech gehabt“. Seitdem er so dachte und zu sich selbst stehen konnte, war es ihm egal, was andere von ihm dachten oder über ihn sagten, verlief sein Leben in eine positive Bahn. Immer mehr Leute haben angefangen, ihn zu akzeptieren, und wenn sie es nicht taten, war es ihm einfach egal. Seine Offenheit und Ehrlichkeit haben mich sehr beeindruckt. Das hat mich sehr nachdenklich gestimmt und mir den Mut gegeben, endlich den Mund aufzumachen und mir nichts mehr gefallen zu lassen. Vielleicht bin ich anders als viele andere. Aber anders sein ist cool. Und ich bin einmalig. Die beiden Jungs lassen mich mittlerweile endlich zufrieden und sagen keinen Ton mehr über mich. Ich habe gelernt, an mich zu glauben und mehr Selbstvertrauen zu haben und mich nicht mehr von Typen wie denen runterziehen zu lassen. Ich bin so wie ich bin. Und das ist auch gut so.

 

Mehr dazu:

  • Hier findet ihr weitere Beiträge der Redaktionsgruppe „Was geht Almanya?!“.
  • Und an dieser Stelle könnt ihr einen Text zu Mobbing im Internet lesen.

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