Mein Opa

2017_08_28
(c) electricnude:  sky  (CC BY-SA 2.0)

Jeremy Jameel Chahine von unserer Redaktionsgruppe Was geht Almanya hat einen Text über, aber auch für seinen Opa geschrieben. Darin beschreibt Jeremy, wie er den Tod seines Opas erlebt hat – die letzten Erinnerungen, das erste Mal am Grab und sein Umgang mit dem Verlust eines geliebten Menschen.

Ich habe heute ein mulmiges Gefühl, mir geht es nicht sonderlich gut. Ich trete ans Fenster, blicke raus ohne wirklich wahrzunehmen, was sich draußen tut und denke, hoffentlich kommt er bald raus. Er ist da schon viel zulange drin. Mein Vater ist fast jeden Tag da. Bei meinem Opa im Krankenhaus. Er ist schon seit Wochen dort, aber ich weiß immer noch nicht warum. Ich frage sie und frage sie. Aber meine Eltern wollen es mir nicht sagen. Sie sagen nur, es sei grade schwer. Ich frage mich, warum ist es schwer. Ich verstehe das nicht. Der Tag neigt sich langsam dem Ende zu, ich gehe ins Bett und schlafe nicht. Ich liege stundenlang wach und frage mich immer wieder, was mit meinem Opa los ist. Ich höre meine Eltern reden, verstehe aber nicht, über was sie sich unterhalten. „Wie geht es dir, Opa?“, formen meine Lippen leise. Es ist bestimmt schon nach zwölf, aber ich kann immer noch nicht einschlafen. Meine Eltern kommen abwechselnd rein, um nach mir zu schauen. Ich tue so, als würde ich bereits schlafen. Irgendwann merke ich, dass meine Augen vor lauter Müdigkeit zufallen. Ich flüstere leise „Ich hab dich lieb, Opa!“, danach schlafe ich ein. Ich schlafe unruhig, wälze mich von einer Seite auf die andere. Irgendwann stehe ich auf und habe von meinem Opa geträumt. Es war ein schöner Traum. Dort sah ich, dass mein Opa wieder gesund ist. Und dass er mit mir wieder spielen kann. Bei diesem Gedanken muss ich lächeln. Ich lächle und spüre gleichzeitig, wie Tränentropfen meine Wangen runterfließen. Ich will so gerne glauben, dass es ihm besser geht. Ich gehe ins Wohnzimmer. Mein Papa sitzt am Esstisch und weint. Er wischt sich die Tränen von den Augen und lächelt mich an. Dann umarmt er mich, deutlich fester als sonst, und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Er lächelt und weint gleichzeitig. Ich sehe ihm an, wie sehr er sich bemüht, nicht mehr so traurig zu sein. Das gelingt ihm einigermaßen. Was denn los sei, frage ich ihn. Er sagt, dass er von uns gegangen sei.

„Dein Opa ist gestorben.“ Ich spüre Schmerzen, die ich vorher nicht kannte und bin nicht in der Lage, irgendetwas zu sagen. Ich frage, warum Opa gestorben sei. Mein Papa antwortet, dass jeder irgendwann gehen müsse. Das sei nun mal der Lauf der Dinge. Er gab mir noch einen Kuss, dann sagte er, dass ich nicht so traurig sein solle, denn Opa würde in uns, in ihm und in mir, weiterleben. „Opa wird immer ein Teil von uns bleiben.“

Die Beerdigung steht an. Ich will unbedingt bei der Beerdigung dabei sein und meinen Opa noch einmal sehen, bevor er ganz von uns geht. Doch meine Mutter ist dagegen. Ich sei noch zu klein, sagt sie. Ich bin sehr traurig und verstehe das nicht. Ich will ihn doch nur ein letztes Mal sehen. Meine ganzen Cousinen und Cousins werden doch auch hingehen, erwidere ich ihr. Warum ich nicht? Aber meine Mutter bleibt bei ihrem Nein, ich sei mit fünf Jahren einfach noch zu jung. Mein Opa wird beerdigt, und ich kann nicht dabei sein. Alle begleiten meinen Großvater auf seinem letzten Weg, und ich kann nicht mit den anderen trauern. Ich sei ja zu jung, was ich nicht wirklich verstehe.

Ein paar Tage später darf ich zu seinem Grab. Ich fahre mit meinen Eltern zum Friedhof und bin sehr aufgeregt. Die Sonne scheint an diesem Tag im Juni. Wir parken das Auto und betreten den Friedhof. Es ist für mich das erste Mal, dass ich einen Friedhof besuche. Ich gucke mich um, überall gibt es Gräber, einige sind sehr schön geschmückt, andere dagegen sind schlicht gehalten. Und dann stehen wir vor dem Grab meines Opas. Das Grab ist voller Blumenkränze. Wir stehen davor und ich merke, wie mein Vater weint. Ich schaue zu meiner Mutter und sehe, dass sie auch feuchte Augen hat. Dann nehme ich die Hand meines Vaters und drücke sie fest. Er guckt mich an und lächelt. Dort also liegt mein Opa, einige Zentimeter unter der Erde. Mein Großvater ist gestorben und wird nie wieder zurückkommen. Ich stehe vor dem Grab und verstehe, was das jetzt bedeutet. Mein Vater sagt, mein Opa sei nun an einem besseren Ort. An einem Ort, wo er nicht mehr krank ist und wo es ihm gut geht. Diese Vorstellung beruhigt mich. Trotzdem bin ich traurig, dass mein Großvater auf den Tag genau einen Monat vor meinem Geburtstag gestorben ist.

Ich hätte mich sehr gefreut, wenn mein Opa meinen sechsten Geburtstag noch erlebt hätte. Vielleicht guckt mein Opa vom Himmel aus zu und wünscht mir alles Gute. Diese Vorstellung gefällt mir.

Zuhause angekommen, gehe ich in mein Zimmer und denke über meinen Großvater nach. Danach gehe ich zu meinem Vater ins Wohnzimmer, setze mich zu ihm auf das Sofa und lächele ihn an. Er nimmt mich in den Arm und schaut mich fragend an: „Warum bist du so glücklich?“ Ich sage ihm: „Ich weiß dass mein Opa uns nie verlassen wird. Er wird auf uns aufpassen und uns beschützen.“ Mein Vater lächelt. „Kannst du mir ein paar Geschichten von meinem Opa erzählen?“, frage ich ihn. Er nickt und erzählt mir einige lustige Geschichten aus dem Leben seines Vaters. Ich höre aufmerksam zu und merke, dass mein Großvater nicht wirklich weg ist. Er wird immer in meinem Herzen bleiben, und ich werde mein Leben lang an ihn denken. Mein Vater schaut mich an, lächelt leicht und sagt, dass ich meinem Opa sehr ähnlich sehe, vor allem seine gigantischen Ohrläppchen hätte ich von ihm geerbt. Ich merke, wie mein Mund sich zu einem Lächeln formt. Trotz all der Trauer fühle ich, wie ich so etwas wie Glück empfinde. Und dann schlafe ich auf dem Schoß meines Vaters ein.

 

Mehr dazu:

  • Der Text ist ein Kapitel aus dem Buch „Aus Angst wächst Mut“, den Link dazu findet ihr hier.
  • Und hier ein weiteres Kapitel, das bei uns veröffentlicht wurde.

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