"Ich bin schwul" - H. erzählt

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(c) Colton Witt:  All you Need is Love  (CC BY-NC-ND 2.0)

H. steht nicht auf Fußball und findet Sport insgesamt eher uninteressant. Mit 13 hat er eine feste Freundin, aber während eines What‘s App-Chats merkt er, „ich mag – mag – mag den Jungen wirklich” – und dann wusste er, dass er schwul ist. In diesem Text (Teil 1) spricht er über sein Coming Out und die Probleme der Familie mit seiner Homosexualität.

Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass ich ein Mann bin, obwohl ich gerne ein Junge bin. Ich bin weiblicher als andere Jungen. Schlimm ist für mich, dass allgemein gilt, dass Jungen und Männer sportlich sein sollen. Man sollte Fußball mögen, weil jeder Mann und jeder Junge Fußball schaut oder Fußball spielt. Wenn ich sage, dass ich keinen Fußball mag und insgesamt auch nicht gerne Sport mache, sind die anderen erstaunt und sagen: „Aber du bist doch ein Junge?“ und es ist ein Problem für sie. Das geht so weit, dass viele Jungen sich scheinbar angegriffen fühlen, wenn ich sage, dass ich keinen Fußball mag. „Wie, du magst Fußball nicht? Das spielt doch jeder Junge!“ Ich verstehe nicht, warum das für die anderen ein Problem ist.

Es ist doch eine ganz persönliche Sache, was man mag und was nicht.

Diese Reaktion bekomme ich in der Schule und auch in der Familie. Mein Vater war früher sehr sportlich und hat in der Auswahlmannschaft seiner Schule Fußball gespielt. Er musste das Haus putzen bevor er zum Training durfte und kann überhaupt nicht verstehen, dass ich das, was er so hart erkämpfen musste, nicht machen möchte. Sie haben Erwartungen, wie ich sein und reagieren soll.

Man soll als Junge seine Gefühle nicht zeigen.

Man darf nicht anfangen zu weinen wenn etwas passiert, sondern muss stark bleiben. Wenn man als Mann anfängt zu weinen, ist man gleich eine Memme. Von klein auf lernt man, dass man als Junge stark sein muss. Wenn ein Mädchen weint oder seine Emotionen zeigt, gilt das als normal. Als Junge weinst du für dich alleine. Du kannst nicht vor anderen weinen, weil du dann Schwäche zeigen würdest. Das ist das, was ich scheiße finde.

Ein großes Problem für meine Familie ist, dass ich schwul bin. Ich weiß das schon seit einiger Zeit. Ich war 13 und habe mit einem Jungen WhatsApp-Nachrichten getauscht. Als er auf einmal nicht mehr online war, bin ich völlig außer mir gewesen. Das ist völlig untypisch für mich. Als er dann später geantwortet hat, hatte ich so ein beruhigendes und gutes Gefühl, dass ich von meinen Reaktionen ganz irritiert war. Ich spürte: Irgendetwas ist anders. Tag für Tag wurde das Gefühl deutlicher:

Ich mag – mag – mag den Jungen wirklich und ich wusste, dass ich schwul bin.

Dabei war ich noch sehr unsicher, ob das so stimmt und wollte es mir noch nicht eingestehen. Vor allem, weil ich wusste, dass meine Eltern darauf komisch reagieren würden. Ich hatte nicht vor es ihnen zu sagen.

Ich habe dann ziemlich schnell mit einer Freundin darüber gesprochen. Ich war sehr unsicher, weil sie religiös ist und ihre Religion das sehr negativ sieht und verbietet. Sie war trotzdem für mich da und hat mir zugehört. Kurz darauf habe ich eine zweite Freundin eingeweiht. Beide haben gut reagiert. Ich hatte einfach gute Freunde. Es war toll zu sehen, dass sie zu mir stehen. Das hat mir sehr geholfen. Es ist ja schon seltsam, wenn jemand kommt und sagt, ich bin gay. Ich bin ein Mensch, der mit anderen darüber reden muss, wenn er Probleme hat, sonst raste ich aus.

Ich war nicht unglücklich, aber sehr verwirrt, weil ich nicht wusste, bin das wirklich ich?

Bin ich wirklich schwul? Oder bin ich es nicht und es ist nur eine Phase? Als ich dann sicher war, war es für mich etwas Normales und nichts Schlimmes. Ich hatte zuvor eben noch nie jemand Schwules gesehen – wobei eigentlich doch – aber ich hab eben nichts dabei gedacht. Vor allem nicht, dass das etwas mit mir zu tun haben könnte.

Zu der Zeit hatte ich eine feste Freundin. Das war seltsam, weil sich in mir alles veränderte und ich keine Gefühle mehr für sie hatte. Ich wollte die Beziehung beenden, aber nicht sagen „ich mache mit dir Schluss, weil ich auf Jungs stehe“, sondern weil ich keine Gefühle mehr für sie habe. Was ja zu diesem Zeitpunkt auch gestimmt hat. Das heißt, ich hätte sie nicht angelogen, aber auch nicht die ganze Wahrheit gesagt. Ich hatte mir vorgenommen, ihr zu einem späteren Zeitpunkt zu sagen, was sich bei mir verändert hat.

Ein Mädchen, das mit uns beiden befreundet war, hat bemerkt, dass ich mich verändert habe und mit mir etwas nicht stimmt. Sie hat mitbekommen, dass ich schwul bin und ist zu meiner Freundin und hat ihr gesagt, dass ich deswegen mit ihr Schluss gemacht hätte. Das fand ich Scheiße, weil ich das später selber machen wollte. Ich war sauer auf dieses Mädchen und wir hatten Streit…

 

Mehr dazu:

  • „Schwul“ ist als Schimpfwort immer noch sehr geläufig. Auf dem #gelände16 haben wir uns umgehört, was Jugendliche darüber denken.
  • Kevin ist schwul – und schreibt das auf ein Schild. Damit stellt er sich in die Essener City und beantwortet Fragen.

Wir begrüßen auf meinTestgelände junge Menschen, die Fluchterfahrungen haben. Einige haben Angst vor Repressalien und Gewalt. Deshalb möchten sie ihre Geschichten anonym erzählen. Dies ist der Ort, an dem diese Geschichten ihren öffentlichen Platz haben.

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