Mein Soldat

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(c) SebastianBartoschek:  Regenbogen  (CC BY 2.0)

Menschen um sich zu haben, die für oder mit uns kämpfen, ist ein gutes Gefühl. Die Redakteurin Vivi von den Sunrise Writers hat eine solche Person gefunden und ihr auch den folgenden Text gewidmet. „Mein Soldat“ ist dabei eine Metapher für den Menschen, der mit ihr kämpft – gegen die Stimmen, die sagen, dass es falsch ist, wie und wen sie liebt.

Mein Soldat,

Wir kennen uns inzwischen einen Monat, es kommt mir aber schon viel länger vor. Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht, nicht wahr? Deine Aufgabe ist es, Krieg zu führen. Krieg gegen die Stimmen in meinem Kopf, die mir sagen, dass ich falsch bin. Dass es falsch ist, wie ich liebe. Dass es falsch ist, wen ich liebe. Dass es falsch ist, dass ich da zu geboren wurde, Frauen lieben zu können. Dich lieben zu können.
 Deine Aufgabe ist es, Krieg zu führen, doch alles, was du mir bringst, ist Frieden. Du hast die zerstrittenen Fronten in mir besänftigt. Du hast die Bomben entschärft. Du tanzt so grazil durch das Minenfeld meiner Gedanken. Der letzte Schuss ist gefallen, als du das erste Mal in meine Augen geschaut hast. Mit einem Mal wurde alles leise in meinem Kopf. Dieses Gefühl, diese Ruhe, bereitete mir fast schon Angst. Ich kannte diese Stille nicht. Ich wusste nicht, dass diese Stille so schön sein konnte, denn bisher bedeutete sie nur, dass nachgeladen wurde. Dann hast du mich geküsst. Die weißen Fahnen gingen hoch, zusammen mit unserem Regenbogen. Es kehrte langsam wieder Frieden ein. 
Zwischen all den Trümmern kommen langsam wieder Blumen zum Vorschein. Sie sind noch schwach und liegen unter all den schweren Steinen, aber du hilfst mir dabei, alles wieder aufzubauen. Dich zu lieben heißt zu lernen, mich selbst zu lieben. Dich zu lieben heißt zu lernen, zu lieben, wie ich liebe.
Du weißt ja gar nicht, zu was für einen zufriedenen Menschen du mich eigentlich machst. Du weißt nicht, wie wundervoll du bist. Ich weiß aber, dass in dir ebenfalls ein Krieg herrscht. Ich höre die Schüsse und sehe die Trümmer und all das tut mir so leid. Ich wünschte die Waffen würden endlich fallen. Doch lass mich dir sagen, wenn der letzte Schuss fällt, dann bin ich da. Dann räumen wir zusammen all diese Trümmer fort. Dann hissen wir ohne Angst unsere Regenbogenfahnen und sind stolz darauf, wer wir sind und wen wir lieben. Und dann pflanzen wir wieder Samen ein, damit du wieder blühen kannst. Damit wir zusammen blühen können.

In Liebe, 
dein Hippie-Gesindel,
Vivi


 

Mehr dazu:

Hey ho! Wir sind Jugendliche aus dem queeren Jugendzentrum „ Sunrise “ in Dortmund. Queer bedeutet schwul, lesbisch, bi, trans* und alle andere Sexualit äten und Geschlechteridentitäten, die unsere Gesellschaft gerne mal als „ nicht normal “ darstellt, obwohl wir finden, dass es das doch eigentlich ist. Einmal die Woche treffen wir uns, schreiben Texte zu al len möglichen Themen und haben zusammen Spaß. Jeder von uns hat eigene Gründe, warum sie* oder er* schreibt und die eigenen Texte mit anderen Leuten teilt.

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