H. erzählt - Teil 2

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(c) Noelle Redman:  Lonely  (CC BY-NC-ND 2.0)

Im ersten Teil seines Berichts ging es darum, wie H. feststellte, dass er auf Jungs steht, welche Gedanken ihn daraufhin beschäftigten und wie seine Freund*innen reagierten. Im zweiten Teil spricht H. ausführlich über die Reaktion seiner strenggläubigen Eltern und deren Versuch, ihn von seiner Homosexualität zu „heilen“.

Meine Familie erwartet, dass ich mich männlich verhalte.

Zuhause kann ich nicht sein wie ich bin. Ich bewege mich anders, breitbeiniger – so wie Jungs eben laufen, ich spreche anders – und vermeide viele Themen, die mich eigentlich interessieren. Es ist wie eine Veränderung meines Wesens um 180 Grad. Ich bin eine große Enttäuschung für meinen Vater – zu 100 Prozent.

Wenn mein Vater mich sehen würde, wie ich mit Mädchen spreche und später – wenn ich mich schminken würde, so wie ich es gerne will, würde er denken, das ist nicht mein Sohn.

Schwierig ist es, seit ich meinen Eltern gesagt habe, dass ich schwul bin. Ich lag am Neujahrsmorgen im Bett und habe überlegt, was wohl passiert, wenn ich es ihnen sage. Der Gedanke kam ganz plötzlich und hat mich nicht mehr losgelassen. Das war so ein dummer Gedanke von mir! Und ich dachte: „Nein, auf keinen Fall!“ aber der Gedanke kam immer wieder. Beide waren im Wohnzimmer, meine kleinen Schwestern haben noch geschlafen und ich hatte das Gefühl, ich muss es ihnen sagen. Ich wusste, sie werden furchtbar reagieren. Wir sind sehr christlich, ich bin von klein auf in die Kirche gegangen und es war klar, dass sie es nicht akzeptieren würden. Aber es sind meine Eltern und früher oder später würden sie es sowieso von mir erfahren.

Man hat keinen besten Zeitpunkt es zu sagen. Es gibt keinen besten Zeitpunkt – für gar nichts.

Ich lag eine Stunde im Bett und habe mit mir gerungen. Ich hatte große Angst, aber ich bin dann ins Wohnzimmer und habe mich an den Tisch gesetzt. Meine Eltern saßen auf der Couch, mein Vater hat ferngesehen, meine Mutter war auf das Handy konzentriert.

Ich habe gesagt: „Hört mal zu – ich steh auf Jungs.“

Mein Vater hat den Fernseher ausgemacht und enttäuscht geguckt. Meine Mutter hat es noch nicht geblickt. Mein Vater hat dann mit total enttäuschter Stimme gefragt: „Hast du gehört, was er gesagt hat?“ „Nein“ hat meine Mutter geantwortet und ich musste es wiederholen.

„Ich steh auf Jungs“ habe ich dann noch einmal gesagt.

Meine Mutter hat angefangen zu weinen, mein Vater war kurz davor. Sie haben gesagt, dass das etwas ist, wovor sie schon eine längere Zeit Angst hätten, dass es passieren würde.

Mein Vater hatte mich schon sieben bis acht Monate davor einmal gefragt, ob ich auf Jungs stehe und ich hatte „Nein“ gesagt. Er hat sich Gedanken und Sorgen gemacht, weil ich nicht Fußball dafür aber gern Theater spiele, weil ich viel mit Mädchen mache und fast nichts mit Jungs. Und mich nicht für Autos interessiere.

Das läuft so ab: er sagt mit Begeisterung:“ Oh, schau dir das Auto an!“ und ich sage: „Ja, es ist rot.“

Ich hoffe, er hat es nicht nur daraus abgeleitet, sondern auch gespürt.

Wir hatten dann eine zweistündige Diskussion. Meine Mutter meinte, das Jahr hätte damit furchtbar angefangen und könnte nur noch schlimmer werden.

Er meinte dann: Seine schlimmste Angst sei wahr geworden und das würde vom Teufel kommen. Meine Mutter hat gesagt: „Du kannst gleich gehen. Entweder entscheidest du dich für uns oder für’s Schwulsein und dann kannst du gleich gehen. Mein Vater wollte nicht, dass sie mich vor diese Entscheidung stellt, er meinte: „So etwas sagt man nicht, hör auf damit.“ er hat mich etwas in Schutz genommen, aber er war sehr sauer auf mich und enttäuscht. Er sagte mir sehr klar, dass ich wissen würde, dass sie das nicht akzeptieren werden. Es wäre gut, dass ich so mutig sei, dass ich es ihnen gesagt hätte, damit sie mir helfen könnten, nicht mehr so zu sein. Er hat gefragt:

„Wie bist du überhaupt auf den Gedanken gekommen?“

Ich habe gesagt, dass das einfach passiert sei und ich mit meinen Freunden darüber gesprochen hätte und die würden das akzeptieren und mir helfen. Daraufhin ist er komplett ausgerastet. Er meinte, er hätte mir nicht erlauben dürfen diese Freunde zu treffen. Sie seien schlechter Umgang, und hätten mich ermutigt, weil sie das akzeptieren und mich damit schwul gemacht.

Ich habe erklärt, dass das nichts mit meinen Freunden zu tun hat, sondern dass es meine Entscheidung sei. Obwohl das ja keine Entscheidung ist – man ist schwul oder man ist es nicht. Niemand kann das beeinflussen. Ich hatte das Gefühl, wenn ich zu ihnen sagen würde, das ist keine Entscheidung, sondern ich bin einfach so, hätten sie mich ‚umgebracht‘.

Mein Vater erzählte dann noch, dass Gott alle Lesben und Schwulen verbrannt hat. Ich würde vor Gott wie Dreck dastehen, denn Gott hasst solche Menschen.

Ich hab die ganze Zeit daran gedacht, wie man mir erzählt hat, dass Gott alle Menschen liebt. Warum dann mich nicht?

Aber das habe ich nicht gesagt. Meine Eltern würden nicht zuhören. Auch wenn die Wissenschaft etwas herausgefunden hätte, würden sie das nicht hören wollen.

Ich wusste ja, dass ihre erste Reaktion entsetzlich werden würde. Aber dass es so eskaliert und sie so hart dagegen sein würden, hatte ich nicht erwartet.

Mein Vater hat dann für einige Zeit täglich zwei bis drei Stunden mit mir geredet. Dazu kamen neue Regeln, wie zum Beispiel, dass ich meine Zimmertür nicht mehr zumachen darf – nur beim Hausaufgabenmachen und beim Schlafen – und nicht zu lange duschen. Er meinte, ich hätte zu viel Privatsphäre gehabt und das hätte mir nicht gut getan.

Sie haben täglich auf mich eingeredet – wie sehr sie leiden, dass es gegen die göttlichen Regeln ist und dass ich es schwer haben werde im Leben.

Wann ist es bitte schön einfach im Leben? Es wird nie einfach im Leben!

Ich durfte nicht mehr mit Mädchen schreiben, telefonieren nur mit Jungs – höchstens fünf Minuten – und nicht mehr in der Freizeit nach draußen. Mein Vater meinte, ich solle zeigen, dass ich mich verändern will. Dass ich komme und sie in den Arm nehme und sage, ich will mich verändern. Er sagte, ich solle zu meiner Mutter gehen und sie trösten. Sie hat nach Neujahr erst einmal drei Tage nicht mehr mit mir geredet und mich ignoriert. Ich habe dann geweint und sie haben überlegt, was sie in der Erziehung falsch gemacht haben. Sie sagten mir, siewürden lieber sterben, als mich schwul zu sehen und wenn ihnen etwas passieren würde – also wenn sie sich selbst etwas antun wegen mir – wäre ich daran schuld. Sie haben sich meinetwegen gestritten. Mein Vater meinte, dass meine Mutter mir zu viel Freiraum gelassen hätte und meine Mutter meinte, mein Vater hätte zu wenig mit mir unternommen und kein richtiges Gespräch geführt zwischen Vater und Sohn.

Ich habe das irgendwann nicht mehr ausgehalten und ihnen dann gesagt, dass ich mich verändern will und jetzt nicht mehr schwul bin. Wenn sie wieder davon angefangen haben – und das haben sie ständig – habe ich gesagt, dass es nicht gut ist, wenn sie mich daran erinnern, weil es dann schwerer wäre, mich zu ändern. Ich glaube, im Grunde wissen sie, dass es nicht ‚weg‘ ist.

Wenn ich achtzehn bin, will ich ausziehen.

Ich brauche keine Menschen in meinem Leben, die mich nicht mögen wie ich bin.

Ich habe gute Freunde, die für mich wie Familie sind. Ich finde gut, dass man jetzt heiraten darf. Das ist wirklich ein Fortschritt. Ich kann mich glücklich schätzen in einer Zeit zu leben, in der das Schwulsein von vielen akzeptiert wird und in einem Land, in dem man so leben darf.

Beruflich will ich ausprobieren was mir gefällt. Mein Lebensmotto muss man ein bisschen mit Ironie verstehen: „There was a time when everything was perfect and now, shit happens.“

 

Mehr dazu:

  • Hier lest ihr den ersten Teil des Berichts von H.
  • In diesem Text erklärt Mare, was ihr die Regenbogenfahne bedeutet.

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