Ein Tag im Rollstuhl

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(c) Kasmeneo:  Rollstuhl-Treppe / wheelchair stairs  (CC BY-SA 2.0)

Florian wird Erzieher – ein eher nicht so typischer Beruf für einen Mann. Innerhalb seiner Ausbildung hatte er dann die Aufgabe, einen Tag im Rollstuhl zu verbringen. Für uns hat er seine Erfahrungen aufgeschrieben.

Hey, ich werde Erzieher und ich bin nicht mal eine Frau. Ja, viele Leute sind überrascht wenn dieser Mensch, männlicher Gattung, ihnen erzählt, dass es sein größter Berufswunsch ist mit Kindern zu arbeiten. Die Meisten freuen sich, sind aber, wie gesagt, überrascht. Ich habe die letzten Jahre meiner Pubertät in einer Wohngruppe mit Betreuern verbracht und lebte mit Kindern von 3-18 zusammen. Mich faszinierte die Arbeit meiner Betreuer und das inspirierte mich, mein erstes Schulpraktikum in einer Kita zu absolvieren. Das ist nun gute 2 Jahre her und nun ist es soweit. Ich habe meine Schule beendet und sitze jetzt in der nächsten, um in ein paar Jahren mich mit Elan in das anstrengende, aber dennoch spaßige Berufsleben zu stürzen.

In meiner Ausbildung bearbeiten wir derzeit ein Projekt, welches das Organisieren und Betreuen eines Herbstspiel- und Sportfestes als Ziel hat. Vorrangig Kinder mit Behinderung werden dort sein und wir werden dafür sorgen, dass sie einen schönen Tag mit uns verbringen können. Als Vorbereitung darauf war es auch unsere Aufgabe uns einen Tag lang in einen Rollstuhl zu setzen, um unseren Alltag ohne die Benutzung unserer Beine zu absolvieren. Ich muss ehrlich sagen, dass diese Simulation in der Gruppe viel lustiger ist, als wenn man auf sich alleine gestellt ist. Was es bedeutet an einen Rollstuhl gefesselt zu sein, bemerkte ich direkt beim Verlassen des Schulhofes, es war nämlich sehr anstrengend erst einmal überhaupt ein Gefühl dafür zu entwickeln wie man sich fortbewegt, von der Belastung in den Armen will ich gar nicht erst anfangen. Nachdem wir es auf die Straße wagten, entschlossen wir uns zu der örtlichen Kaufhalle zu fahren und zu gehen. (Wir waren 4 Leute und wir mussten uns abwechseln.)

Kaum waren wir auf dem Weg, ergab sich für mich das erste Hindernis in Form einer Kante am Bürgersteig. Voll motiviert nahm ich Fahrt auf, um gegen die Kante zu donnern und fast aus dem Stuhl zu fallen. Im Nachhinein wurde mir dann erklärt, wie man dort ohne Probleme hinaufkommt. Als ich es nach einem gefühlt 3- stündigen Lachanfall der Anderen auf den Gehweg schaffte, folgte, wie sollte es auch anders sein, die nächste Hürde. Der Gehweg war marode und die viereckigen Betonplatten ragten unregelmäßig aus dem Boden heraus, was es mir erschwerte mit den Fußgängern Schrittzuhalten. Wie man nun auch ungemein erkennen kann, hat unser Jahr die Herbstzeit erreicht, was zur Folge hatte, dass feuchtes Laub das Vorankommen auf dem ohnehin schon schwierigen Weg erschwerte. Nun ja, irgendwann war der marode Höllenpfad überwunden und wir erreichten die Kaufhalle. Es waren relativ viele Leute dort, die einen manchmal anlächelten oder übereifrig so taten als wollen sie mir gegenüber nichts falsch machen. Einer äußerte das, in dem er fast panisch zur Seite sprang, damit ich durch den 3 Meter breiten Gang passe. Das war ein Moment wo ich mir dachte, dass man es auch nicht übertreiben muss. Dennoch genoss ich es, dass die Leute mich mal nicht so ansahen, als hätte ich sie beleidigt, so wie es sonst immer der Fall ist. Ein anderer Moment in dem ich mir gerne etwas Hilfe gewünscht hätte, war bei dem Regal mit Cola Flaschen. Ganz vorne standen die 2 Liter Flaschen, ich wollte aber die 1,25 Liter Flaschen, welche direkt dahinter standen. Um dort anzukommen musste ich die Bremsen anziehen und mich mehr als zur Hälfte aus dem Stuhl hieven, um mit meinen Fingerspitzen eine Flasche zu ergattern. Nebenbei schlenderten zwei Mitarbeiter des Marktes an mir vorbei.
Nun hatte ich meine Cola und auch eigentlich alles, was ich wollte. Die Leute an der Kasse gaben auf mich acht, die Kassiererin redete mit mir, als wäre ich ein Kleinkind und meine Arme und Handgelenke schmerzten. So langsam verging mir die Lust auf das Rollstuhl fahren. Ich hatte auch keine Lust mehr in der Straßenahn in einem beengten Gang zu stehen, in der S-Bahn nicht auf die Toilette zu können weil unüberwindbare Stufen im Weg waren und ich hatte es satt, immerzu angestarrt zu werden.

Dieser Tag im Rollstuhl war eine sehr wichtige Erfahrung für mich. Mit meinen gesunden Beinen laufe ich jeden Tag, jeden maroden Weg, umgehe jede noch so große Pfütze und laufe Treppen hoch. Im Rollstuhl haben ganz viele kleine Dinge plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Ich kann mir vorstellen, dass viele Rollstuhlfahrer damit umgehen können und sich auch daran gewöhnt haben, aber ich für meinen Teil bin froh, laufen zu können. Mir ist bewusst geworden, was noch getan werden muss, damit es Menschen mit Behinderung leichter fällt den Alltag zu bewältigen und ich werde mir überlegen, wie ich diesen Spalt der völligen Desinteresse und Übermotivation schließen könnte. Jeder, der diese Chance der Selbsterfahrung hat, sollte diese auch nutzen, es öffnet die Tür zu der gleichen, aber dennoch anderen Welt.

 

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  • Hier berichtet Lilith von ihren Plänen nach dem Abi.

Ich bin 18 Jahre alt, wohne in Rostock, höre extrem gerne Rap und arbeite ab September in einer Kita als Bundesfreiwilliger. Mein Leben widme ich der Politik und ich bin fest entschlossen Ungerechtigkeiten anzusprechen und gegen Rassismus zu kämpfen. Wo kann man dies am Besten? Im Internet natürlich! Ich hoffe durch meine Texte, euch meine Sicht der Dinge und der Welt näherzubringen, damit vielleicht etwas bewegt werden kann.

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