Von Frauen und Vögeln in der Informatik

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(c) Kat:  true love  (CC BY 2.0)

Besonders bei der Berufswahl wird deutlich, wie tief Geschlechterklischees in unserem Denken verankert sind. Es gibt diese typischen Männer*- und Frauen*berufe und eine weibliche KFZ-Mechanikerin oder ein männlicher Erzieher sind noch immer die große Besonderheit. Auch die Informatik gehört wohl zu diesen männlich dominierten Berufszweigen. Für Lilith kein Problem, sie hat Lust aufs Programmieren, also macht sie es einfach.

Schon wieder leuchtet der weiße Schriftzug auf dem schwarzen Shell-Hintergrund auf. „error“. Seufzend blicke ich auf meinen Laptop, schalte dann von der Fehlermeldung auf meinen Programmcode um und versuche herauszufinden, worin das Problem besteht. Ansonsten wird das heute nichts mehr mit den schönen Graphiken. Doch – was möchte ich eigentlich darstellen?

Fangen wir von vorne an: am 22. Oktober kam ich mit Flugzeug und Zug über Manchester nach Sheffield angereist und am nächsten Tag ging es gleich zur Uni, an der mich mein Praktikumsbetreuer Toni bereits empfing. Nach einer kurzen Campus-Tour und dem Einrichten meines Arbeitsplatzes stand dem Arbeitsstart nichts mehr im Weg. Die ersten Schritte lagen im Erlernen der Programmiersprache Python samt dem Umgang mit Paketen wie numpy, matplotlib und seaborn, mit denen Vektorrechnung sowie das Erstellen von anschaulichen und gut strukturierten Graphiken möglich ist. Parallel dazu begann die inhaltliche Arbeit. Paper wurden durchforstet und auch Diskussionen mit Toni halfen dabei, den aktuellen Wissensstand der Forschung zu erfassen und die Intention hinter meiner Aufgabe hier in England nachzuvollziehen. Ganz grob gesagt forschen wir an der DNA-Struktur von Vögeln in Hinblick auf ihre Evolution. Im Detail befassen wir uns mit dem Phänomen der GC-biased gene conversion. Dabei handelt es sich um einen Vorgang, der im Laufe der Evolution dazu führt, dass der GC Gehalt gegenüber dem AT Gehalt (die einzelnen Basen) in der DNA stetig ansteigt. Dies basiert auf falsch vorgenommenen Reparaturen in der DNA während der Rekombination. Daraus folgen falsche Annahmen von Mutationen und eine ungenaue Bestimmung der Verwandtschaftsgrade. Um hierin Klarheit zu schaffen, führte ich am Computer Simulationen durch und versuchte, effiziente Algorithmen zu entwickeln, die unabhängig dieser Vorgänge, gute Ergebnisse erzielen.

Fünfeinhalb Wochen verbrachte ich insgesamt im Alfred Denny Building der University of Sheffield in der Arbeitsgruppe Animal and Plant Science. Doch – wie bin ich überhaupt zu diesem Praktikum gekommen? Es ist ein Gewinn meiner Teilnahme an der IBO (Internationale Biologie Olympiade). Darüber hinaus hat mich Programmieren schon lange begeistert. Nicht umsonst hatte ich bereits 2016 am Fraunhofer-Institut in Stuttgart in der Programmiersprache Java Roboter programmiert und mit komplexen Aufgaben und Hardwareprogrammierung in den Sommerferien 2016 in gleich zwei Informatikcamps meine Erfahrungen in diesem Bereich erweitert.

Informatiker – die meisten Deutschen stellen sich darunter die Nerds vor, die in dunklen Kammern pizzamampfend auf ihrer Tastatur herumschlagen. Frauen werden hierin ebensowenig gesehen, wie sie sich selbst in einem solchen Beruf vorstellen können. Der Anteil an Frauen in diesem Bereich ist tatsächlich nicht nur niedrig, sondern wird noch dazu geringer. Während 1997 noch 14 % der Lehrplätze für Informatik an Frauen vergeben wurden, sank der Anteil bis zum Jahr 2012 auf 7,5 %.

Dabei ist „Software Engineering“ historisch gesehen ein Frauenberuf: Die erste bekannte Programmiererin hieß Ada Lovelace und war Mathematikerin. Sie trug bereits im 19. Jahrhundert zu großen Fortschritten der Informatik bei. Und auch Jahrzehnte später während des Zweiten Weltkriegs saßen fast ausnahmslos Frauen vor den Bildschirmen. Wie kann es also sein, dass wir die Informatik heutzutage egal ob im Bereich der Wirtschaft oder Wissenschaft als vollkommen männerdominiert erleben müssen?

Viele Erklärungsversuche liegen im lange anhaltenden schlechten Image des Programmierens. Damit wollen Frauen heute wohl nichts zu tun haben. Die weit verbreitete Meinung, dass Frauen ein geringeres Interesse an Computern und Technik zeigen würden, ist wissenschaftlich nachgewiesen falsch. Umso überzeugender wird das Argument, dass weibliche Jugendliche und junge Frauen trotz grundsätzlich vorhandenem Interesse, tatsächlich besonders aufgrund des schlechten Image von einem Studien- oder Berufswunsch in dieser Richtung absehen. Auch die stereotype Erziehung von Mädchen und Jungen gilt als entscheidender Grund sowie die weit verbreitete falsche Überzeugung der verlangten Voraussetzungen. So denken viele Mädchen, dass sie es ohne das Beherrschen einer Programmiersprache gar nicht erst an einer Uni im Fach Informatik versuchen müssen.

Besonders alarmierend ist auch die nicht selten geäußerte Angst, in einem Beruf zu arbeiten, in denen fast ausschließlich Männer vertreten sind. Die Befürchtungen beginnen hierbei bei fehlendem Respekt und reichen bis hin zu Angst vor sexueller Belästigung. Ganz interessant ist zudem ein Unterschied, der zu anderen MINT-Berufen auffällt: im Fach Informatik weisen die Frauen eine deutlich höhere Abbruchquote auf. Stichhaltige Gründe dafür wurden nicht gefunden.

Alles verloren ist jedoch nicht. Auch im 21. Jahrhundert gibt es Beispiele für erfolgreiche Frauen, die das Informatik-Stereotyp mehr und mehr entkräften. Jade Raymond, z.B. die

als Produzentin mehrerer erfolgreicher Spiele aus dem Bereich des Action-Adventure sowie als Gründerin der Ubisoft-Dividion Schlagzeilen macht. 2011 wurde sie für diese Leistungen mit dem Wiener Frauenpreis ausgezeichnet. In Wien gibt es noch mehr Preise. Z.B. den Wissenschaftspreis der TU Wien, den ebenfalls 2011 Ivona Brandic erlangte. Sie hat sich auf den Bereich der Forschung konzentriert und beschäftigt sich mit der Energiereduktion bei Hochleistungsrechnern. widmet sich nebenher aber noch der Appentwicklung. Dass Frauen nicht nur im Beruf, sondern bereits im Informatikstudium erfolgreich sein können, zeigte Marissa Mayer, die ihr Studium in Stanford mit Auszeichnung beendete. Dass sie diese wirklich verdient hat, lässt sich an ihrem Aufstieg bei Google bis zur Vizepräsidentin und zur CEO von Yahoo erkennen.

Auch dass Deutschland mit Prof. Dr. Ina Schieferdecker, die sich als Leiterin zahlreicher Institute, wie z.B. des Fraunhofer-Instituts für Offene Kommunikationssysteme FOKUS und als Professorin an der TU Berlin im Fach „Quality Engineering of Open Distributed Systems“ hervorhebt, ebenfalls eine wichtige weibliche Persönlichkeit in diesem Feld vorzuweisen hat, kann nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass Deutschland eine ganz besonders schlechte Rolle im internationalen Vergleich einnimmt. Auch an die restlichen westeuropäischen Länder kann man keine Komplimente verteilen. Besonders im Vergleich mit den romanischen und slawischen Ländern sieht die Involvierung der Frauen in der Informatik im deutschsprachigen Ländern, den Niederlanden, wie auch in der skandinavischen Region und Großbritannien erschreckend schlecht aus.

Eine hohe Jobsicherheit besonders durch die rasante technische Entwicklung in den letzten und kommenden Jahrzehnten könnte jedoch zu einer Steigerung der Attraktivität der technischen Berufe im Allgemeinen und für ehrgeizige Frauen im Besonderen führen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Programme mit dem Ziel, Frauen an diese Berufe heranzuführen. Die meisten von ihnen setzen bei den Schülerinnen an. Gerade da das Fach Informatik an vielen Schulen noch keinen Einzug gefunden hat, sollten Lehrkräfte sich bemühen, Mädchen von den Fachgebieten Mathematik und Physik zu begeistern, da Können in und Interesse an diesen Fächern eine wichtige Grundlage für das Verständnis der Informatik darstellen. Spezielle Programme für die MINT Bereiche im Allgemeinen (z.B. „Komm mach MINT“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung), aber auch für Informatik im Speziellen sprießen seit einigen Jahren in die Höhe. So entwickelte z.B. die Gesellschaft für Informatik eV: die Initiative „Girls go Informatik: Der Link in Deine Zukunft!“. Auch der Girl’s Day bietet Schülerinnen die Möglichkeit, in männerdominierte Berufe reinzuschnuppern. Zu erwähnen ist zudem „FrITZI“, die angenehme Abkürzung der langen Bezeichnung „Forum zu Fragen der Informationsgesellschaft, Technologie, Zukunfts- und Informatikberufe“. Auch einzelne Hochschulen sind mit Programmen aktiv, um Mädchen besonders der höheren Klassen anzuwerben, etwa die Technische Universität München. Die Hoffnung liegt darin, mit derartigen Angeboten das schlechte Image aufzubessern, den Zugang zur Informatik zu erleichtern und den Facettenreichtum sowie Zukunftsperspektiven des Berufes aufzuzeigen.

Nun aber zurück zu meinen Erfahrungen: Tatsächlich saß ich während dieses Praktikums klischeehaft die meiste Zeit des Tages vor meinem Programmcode am Laptop, doch auch das kann unglaublich viel Spaß machen. Und das war noch lange nicht das einzige.

Mit einer bunten Mischung aus Programmieren, inhaltlicher Arbeit und dem Besuch von Gruppen-Meetings und Vorträgen konnte ich genügend Abwechslung genießen und Einblicke in weitere Themen erhalten. Auch das Uni-Leben durfte ich nebenbei kennenlernen, sodass meine Abende mit Sportprogramm und Diskussionen anlässlich von Themenwochen, wie z.B. der „International Week“ oder des „SocialScienceEvents“ gefüllt waren.

Ganz besonders gerade in Hinblick auf Frauen- und Mädchenrechte hat mich eine Aktionswoche mit dem Titel „ThisGirlCan“ begeistert. Eine Woche lang konnten Mädchen kostenlos die verschiedensten Sportarten ausprobieren und ich hatte meinen Spaß beim Baseball, Taekwondo und Rugby.

Dass England im Bereich der Gender-Politik und der Gesellschaftsakzeptanz von Frauen, Transgender, LGBT+ und Queer keineswegs rückschrittlicher ist, als Deutschland zeigte zudem ein weiteres 16-Tage-Programm, das sich an diese Woche anschloss: „16 Days Against Gendered Violence“. Leider reiste ich bereits vier Tage nach Start dieser Aktion ab, aber immerhin konnte ich an dem Umzug „Reclaim the Night“ teilnehmen und die Einführungsveranstaltung mit spannenden Vorträgen, Diskussionen und Live-Band miterleben. Auch ein Blick durchs Programm war vielversprechend: Eine Begleitausstellung im Hauptgebäude der Universität, Gruppentreffen muslimischer Frauen, und eine kostenlose Filmvorstellung des Films „Girl Rising“, sind nur wenige Beispiele.

Neben dem Beweis, dass Frauen durchaus einen Platz in der Forschung und der Informatik verdienen, konnte ich so noch mehr Erfahrung im Gender-Thema sammeln.

Auch wenn ich noch nicht genau weiß, was ich tatsächlich studieren möchte, stehen die Begriffe Informatik und Software Engineering auf jeden Fall auf meiner Liste. Und, dass ich in meiner Freizeit weitermachen werde, zu programmieren, steht ohnehin außer Frage.

 

Mehr dazu:

  • Florian ist Erzieher. Und hier erzählt er, was er in seiner Ausbildung so erlebt hat.
  • Falls euch interessiert, was Lilith neben dem Praktikum so macht, schaut doch mal auf ihrem Blog vorbei.

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