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	<title>Anjuli &#8211; meinTestgelaende.de</title>
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		<title>Do men care?</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/06/do-men-care/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anjuli]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jun 2026 09:00:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Carearbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie viel Zeit investieren Männer tatsächlich in Care-Arbeit? Anjuli beleuchtet die Realität unbezahlter Arbeit und die Medienrepräsentation männlicher Vaterschaft anhand der TV-Serie Modern Family. Care-Arbeit betrifft uns alle. Spätestens mit dem Erwachsenwerden habe ich das verstanden. Vor allem mit dem Auszug aus dem Elternhaus wurde mir klar, wie viel Zeit pro Tag für Einkaufen, Haushalt]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Wie viel Zeit investieren Männer tatsächlich in Care-Arbeit? Anjuli beleuchtet die Realität unbezahlter Arbeit und die Medienrepräsentation männlicher Vaterschaft anhand der TV-Serie </strong><em data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="em"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Modern Family.</strong></em><span id="more-17534"></span></p>
<p>Care-Arbeit betrifft uns alle. Spätestens mit dem Erwachsenwerden habe ich das verstanden. Vor allem mit dem Auszug aus dem Elternhaus wurde mir klar, wie viel Zeit pro Tag für Einkaufen, Haushalt und derlei Unvermeidbares draufgeht. Alleine der Mental Load, der damit einhergeht, ist enorm. In der Debatte um Geschlechtergerechtigkeit spielt die Verteilung von unbezahlter Care-Arbeit eine zentrale Rolle. Während Frauen in Deutschland wöchentlich etwa 29 Stunden unbezahlte Arbeit für Haushalt und Familie aufwenden, leisten Männer nur ca. 20 Stunden. Visuelle Medien, wie das Fernsehen, haben solche Stereotype über Jahrzehnte gespiegelt. Die Kleinfamilie als Schauplatz ist zum Beispiel bei Sitcoms sehr beliebt. Oft sehen wir dort Mütter, die den Haushalt schmeißen und die Kinder verpflegen, und Väter, die als Alleinverdiener nur Zeit für die kleineren Aufgaben haben. So haben Medien dazu beigetragen, diese Strukturen zu normalisieren. Doch wie oft werden eigentlich Männer im Fernsehen beim Kindererziehen, Putzen und Einkaufen gezeigt?</p>
<p>Schon als <em>Modern Family</em> vor über 10 Jahren rauskam, habe ich die Serie sehr gerne geschaut. Es gab so viele lustig-quirlige Charaktere und chaotische Familiendynamiken, mit denen man sich endlich mal identifizieren konnte. Jetzt, so viele Jahre später, ist mir aufgefallen, wie besonders die männlichen Charaktere sind und wie sehr sie sich von anderen Sitcom-Protagonisten unterscheiden. Wenn Vaterschaft in Film und Fernsehen thematisiert wird, hat dies oft einen besonderen Ausnahme-Charakter. Männer in Care-Positionen werden gerne als Sonderfall oder Ergebnis tragischer Ereignisse gezeigt, aber so gut wie nie als natürlicher Zustand einer Paarbeziehung. Berühmte und erfolgreiche Produktionen, in denen nur Männer mit ihren Kindern zu sehen sind, Serien wie <em>Full House</em> oder <em>Two and a Half Men</em>, basieren auf Handlungen, in denen die Mutter entweder verstorben ist oder Paare geschieden sind und das Sorgerecht zwangsläufig geteilt wurde. Dann gibt es noch absurde Komödien, in denen Gruppen von Männern Babys finden und sich dann um diese kümmern (müssen). Solche Darstellungen exotisieren Vaterschaft und vermitteln das Gefühl, dass Väter nur Care-Arbeit leisten, wenn sie durch außergewöhnliche oder tragische Gründe dazu gezwungen werden.</p>
<p>Für die Uni habe ich vor kurzem, anhand der Serie <em>Modern Family</em>, untersucht, wie geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und männliche Care-Arbeit dort repräsentiert ist. Das ließ sich anhand zweier Konzepte veranschaulichen: Hegemoniale Männlichkeit und Caring Masculinities. Hegemoniale Männlichkeit ist ein soziales Konstrukt, das durch die Idealisierung eines bestimmten Männlichkeitsbildes Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und zwischen verschiedenen Männlichkeitstypen stabilisiert. Diese Ideale sind unter anderem Heterosexualität, das Streben nach Macht und Kontrolle, emotionale Distanz und eine Abgrenzung von allem »Weiblichen«. Es ist das global dominierende Männlichkeitsideal. Da dies Männern und Frauen gleichermaßen sowohl psychisch als auch physisch schadet, ist die Entwicklung neuer, fürsorglicher Männlichkeitsformen ein wichtiger Schritt hin zu echter Geschlechtergerechtigkeit und besserer Lebensqualität. Das Konzept der Caring Masculinities dient als theoretischer Gegenentwurf zur hegemonialen Männlichkeit und definiert männliche Identität über die Ablehnung von Dominanz sowie die Annahme emotionaler und beziehungsorientierter Werte. Es basiert auf der dauerhaften Beteiligung an Care-Arbeit, einem breiten emotionalen Spektrum sowie dem Verzicht auf männliche Privilegien, um Geschlechtergleichheit zu erreichen.</p>
<p>Schon als <em>Modern Family</em> vor über 10 Jahren rauskam, habe ich die Serie sehr gerne geschaut. Es gab so viele lustig-quirlige Charaktere und chaotische Familiendynamiken, mit denen man sich endlich mal identifizieren konnte. Jetzt, so viele Jahre später, ist mir aufgefallen, wie besonders die männlichen Charaktere sind und wie sehr sie sich von anderen Sitcom-Protagonisten unterscheiden. In <em>Modern Family</em> wird das Format der Mockumentary (also eine Pseudo-Dokumentation) benutzt, um die Vielfalt männlicher Identitäten humorvoll zur Schau zu stellen. Die Familienväter in der Serie zeigen eine ganz andere Form von Männlichkeit und Vaterschaft, als man es sonst im Fernsehen gewohnt ist. So machen sie das Publikum auf die soziale Konstruktion von Männlichkeit aufmerksam. Einer der Väter, Phil Dunphy, bricht mit dem klassischen Sitcom-Muster des „incompetent dad“. Er wird als extrem fürsorglich und emotional präsent dargestellt. Obwohl er oft albern ist, übernimmt er in Krisenmomenten kompetent die Verantwortung für seine Kinder. Der Vater und Opa, Jay Pritchett (gespielt von Ed O’Neil, bekannt geworden als Al Bundy, Ikone und patriarchaler Loser der 90er-Sitcoms), verkörpert das klassische traditionelle Familienoberhaupt. Im Laufe der elf Staffeln vollbringt er jedoch eine bemerkenswerte emotionale Veränderung. Er zeigt zunehmend Zuneigung, eine verletzliche Seite und spricht offen über seine Ängste. Mitchell und Cam repräsentieren als homosexuelles Paar zwar einige Klischees, zeigen aber gleichzeitig, dass männliche Elternschaft und emotionale Care-Arbeit kein Widerspruch sind.</p>
<p>Die Serie schafft es, väterliche Kinderbetreuung und Hausarbeit nicht als komödiantisches Scheitern oder heroische Ausnahme zu inszenieren, sondern als wichtigen Bestandteil männlicher Identität. Durch Humor werden alte Rollenbilder entlarvt und für ein Massenpublikum lachhaft gemacht. Obwohl die Charaktere privilegiert und weiß sind und zur Mittelklasse gehören, ist <em>Modern Family</em> ein wichtiges Vorbild. Die Serie zeigt, dass Fürsorglichkeit und Männlichkeit sich nicht ausschließen. Sie trägt dazu bei, dass veraltete Ideale vielleicht nach und nach über Bord geworfen werden. Ich hoffe, dass wir in Zukunft sehr viel mehr Beispiele von Caring Masculinities in den Mainstream-Medien sehen. Denn <em>Modern Family</em> zeigt, dass sogar Comedy-Serien Themen mit emotionaler und sozialer Tragweite verhandeln können und uns dabei noch bestens unterhalten.</p>
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		<title>Mein Kinderstaubsauger und ich &#8211; Über Care-Arbeit und hartnäckige Rollenverteilung</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/02/mein-kinderstaubsauger-und-ich-ueber-care-arbeit-und-hartnaeckige-rollenverteilung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anjuli]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Feb 2026 09:00:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Anjuli hatte einen pinken Kinderstaubsauger, heute fragt sie sich, was daran wirklich Spiel war. Ein persönlicher Text über Care-Arbeit, Corona und die unbequeme Erkenntnis, dass selbst reflektierte Haushalte alte Rollenbilder weitertragen. Für mein Studium habe ich vor kurzem einen Text über Care-Arbeit während der Corona-Krise gelesen und wie sich diese auf die Arbeitsteilung in Haushalten]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Anjuli hatte einen pinken Kinderstaubsauger, heute fragt sie sich, was daran wirklich Spiel war. Ein persönlicher Text über Care-Arbeit, Corona und die unbequeme Erkenntnis, dass selbst reflektierte Haushalte alte Rollenbilder weitertragen.</strong><br />
<strong><span id="more-17337"></span></strong></p>
<p>Für mein Studium habe ich vor kurzem einen Text über Care-Arbeit während der Corona-Krise gelesen und wie sich diese auf die Arbeitsteilung in Haushalten ausgewirkt hat. Inspiriert davon habe ich über mein Elternhaus nachgedacht – und darüber, ob sich damals bei uns etwas verändert hat.</p>
<p>Ich habe den Großteil meines Bachelors während Corona absolviert. In einem Online-Seminar mit dem Titel „Who cares“ begann ich intensiver über Arbeitsteilung zuhause nachzudenken. Seit ich mich erinnern kann, war meine Mutter diejenige, die den Haushalt geschmissen hat. Als Teenager hing ich eine Postkarte an die Tür des Wäschekellers: „Wäsche von Mutti machen lassen, 1€.“ Ich fand das lustig. Gleichzeitig war ich überzeugt, dass mein Vater vermutlich nicht einmal wusste, wie man eine Waschmaschine bedient.</p>
<p><strong>Care-Arbeit im Ausnahmezustand</strong></p>
<p>Während der Pandemie schien vieles im Ausnahmezustand zu verschwimmen. Meine Mutter war in den Wochen, in denen mein pendelnder Vater nicht zuhause war, faktisch alleinerziehend – und gleichzeitig berufstätig. Rückblickend wurde mir erst spät bewusst, wie viel Care-Arbeit sie tatsächlich getragen hat.</p>
<p>Auf meine Nachfrage sagte sie, während Corona habe sich nicht viel verändert. Sie habe vielleicht mehr renoviert, aber nicht mehr Hausarbeit übernommen – weil sie ohnehin schon immer den größeren Anteil getragen habe. Damit bestätigte sie ungewollt, was ich aus meinem Uni-Text kannte: Krisen verändern Rollenbilder nicht zwangsläufig, sie machen bestehende Ungleichheiten sichtbarer.</p>
<p><strong>Latente Rollenbilder</strong></p>
<p>Obwohl ich meine Eltern nie als konservativ wahrgenommen habe, leben sie klassische Rollenbilder: Meine Mutter kocht und trägt den Mental Load. Mein Vater kümmert sich um Finanzen und handwerkliche Aufgaben. Es ist kein offener Machtkampf – sondern ein eingespieltes Muster.</p>
<p><strong>Und ich?</strong></p>
<p>Am irritierendsten ist für mich, dass sich ähnliche Dynamiken in meinem eigenen Haushalt wiedergefunden haben. Trotz Bachelorabschluss in Gender Studies war ich plötzlich diejenige, die organisiert, plant, Verantwortung übernimmt. Keine Kinder, kein Zwang – und trotzdem reproduzierte ich Muster, die ich kritisiere.</p>
<p>Haushaltsaufgaben zu boykottieren funktioniert nur bedingt. Reflexion anzustoßen bleibt oft an mir hängen. Vielleicht, weil diese Muster so tief eingeschrieben sind, dass Wissen allein sie nicht auflöst.</p>
<p><strong>Der Kinderstaubsauger</strong></p>
<p>Ich hoffe, dass es irgendwann normal ist, allen Kindern Spielküchen und Puppen zu schenken – nicht nur Mädchen pinke Staubsauger. So dass Care von klein auf als gemeinschaftliche Aufgabe erlebt wird.</p>
<p>Denn gerade weil sich diese Muster trotz feministischer Diskurse so hartnäckig halten, zeigt sich, wie tief Re-Traditionalisierung in Alltagspraktiken verankert ist. Care-Arbeit muss immer wieder neu verhandelt werden.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>zu viele Haare / Zwischen Zugehörigkeit und Rebellion</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/02/zu-viele-haare-zwischen-zugehoerigkeit-und-rebellion/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anjuli]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Feb 2026 09:00:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Me Myself & I]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Haare]]></category>
		<category><![CDATA[Körper]]></category>
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					<description><![CDATA[In ihrem ersten Text auf meintestgelände schreibt Anjuli über Körper, Feminismus und die Frage, ob Selbstbestimmung auch bedeutet, Schönheitsideale zu brechen dabei innere Widersprüche auszuhalten. Seit mehreren Jahren befinde ich mich immer mal wieder in Gesprächen oder Diskussionen darüber, ob wir als Feminist*innen eigentlich alle gängigen Schönheitsideale ablehnen müssen, um wirklich als solche zu gelten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In ihrem ersten Text auf meintestgelände schreibt Anjuli über Körper, Feminismus und die Frage, ob Selbstbestimmung auch bedeutet, Schönheitsideale zu brechen dabei innere Widersprüche auszuhalten.</strong><span id="more-17306"></span></p>
<p data-start="735" data-end="1236">Seit mehreren Jahren befinde ich mich immer mal wieder in Gesprächen oder Diskussionen darüber, ob wir als Feminist*innen eigentlich alle gängigen Schönheitsideale ablehnen müssen, um wirklich als solche zu gelten. Jegliche Körperbehaarung wachsen lassen statt waxen, keine Schminke benutzen, keine figurbetonten Klamotten tragen, erst recht nicht unters Messer legen oder sich die Falten wegspritzen lassen – und natürlich auch keine langen Haare haben, die man stundenlang föhnen und frisieren muss.</p>
<p data-start="1238" data-end="1577">Durch diese Unterhaltungen habe ich von vielen Frauen viele verschiedene Meinungen gehört.<br data-start="1328" data-end="1331" />„Aller Anfang ist schwer.“<br data-start="1357" data-end="1360" />„Wir haben das halt so gelernt.“<br data-start="1392" data-end="1395" />„Mein Freund findet Haare aber eklig und rasiert sich selbst die Achseln.“<br data-start="1469" data-end="1472" />„Schönheitseingriffe und Auftakeln sind auch feministisch, weil ich mache das ja, um MICH gut zu fühlen.“</p>
<p data-start="1579" data-end="1593">Und so weiter.</p>
<p data-start="1595" data-end="2127">Mir selbst fällt dabei oft ein innerer Zwiespalt auf. Ich bin so vielen Idealen unterworfen, bin mit ihnen als Norm aufgewachsen und habe gelernt, dass Dazugehören bedeutet, diesen Idealen nachzueifern. Doch gleichzeitig lerne ich immer mehr über patriarchale Strukturen, darüber, wie wenig Einfluss Frauen historisch auf Schönheitsideale hatten. Dass diese Ideale benutzt wurden und werden, um Frauen zu objektivieren und zu sexualisieren. Dass sie Frauen auferlegt wurden – über Hunderte von Jahren. Dass sie UNS auferlegt wurden.</p>
<p data-start="2129" data-end="2336">Natürlich fühlen wir uns also nach mehreren Jahrhunderten Indoktrinierung besser, wenn wir sie befolgen. Aber was bedeutet das dann für mich? Sind Feminismus und Schönheitsideale schlichtweg nicht vereinbar?</p>
<hr data-start="2338" data-end="2341" />
<p data-start="2343" data-end="2804">Meine Eltern erzählen oft, dass ich schon mit einer großen Portion Selbstvertrauen und einem starken Willen auf die Welt kam. Ich habe immer – als Kleinkind, als Teenager und auch noch als junge Erwachsene – mit (teilweise auch zu viel) Überzeugung angezogen, was ich wollte. Während ich also mit unbeirrbarer Selbstsicherheit knallige Farben und Tierprints getragen habe, gab es trotzdem immer einen Teil meines Äußeren, der mich verunsichert hat: meine Haare.</p>
<hr data-start="2806" data-end="2809" />
<p data-start="2811" data-end="3159">Mein Leben lang wurde mir gesagt, wie toll meine Haare seien und dass ich mich freuen müsse über so eine Haarpracht. Das habe ich nie verstanden. Für mich waren meine Haare etwas, womit ich herausgestochen bin, etwas, wodurch ich anders aussah als alle anderen – und womit ich mehr Raum eingenommen habe als die glatthaarigen Mädchen um mich herum.</p>
<p data-start="3161" data-end="3648">Ich erinnere mich an ein Foto, das mich und eine Freundin nebeneinander zeigt. Wir sehen beide ganz fröhlich aus, aber ich weiß noch, wie ich das Foto zum ersten Mal gesehen habe und es direkt gehasst habe. Sie war ein dünnes, schmales Mädchen mit aalglatten braunen Haaren. Ich war nicht so zart und schmal und hatte sehr voluminöses Haar. Schon mit acht Jahren habe ich das Foto angeschaut und gedacht, dass ich – vor allem durch meine Haare – zu breit und massig aussehe im Vergleich.</p>
<p data-start="3650" data-end="4043">Was mein Unwohlsein diesbezüglich noch verstärkt hat, war ein Verbot für die Mädchen in meiner Grundschule, die Haare offen zu tragen. Wem die Haare ins Gesicht hängen, kann sich nicht konzentrieren, hieß es. Je mehr und je länger die Haare, desto schlimmer. Wer sich widersetzt hat oder es vergessen hat, musste zum Sekretariat und sich ein Küchengummi holen. Und das hat schrecklich geziept.</p>
<hr data-start="4045" data-end="4048" />
<p data-start="4050" data-end="4618">Bis heute trage ich meine Haare nicht gerne offen, weil ich immer noch das Gefühl habe, zu sehr aufzufallen und zu viel Raum einzunehmen. Ich habe dann ständig das Bedürfnis, mein Spiegelbild überprüfen zu müssen und meine Haare bloß irgendwie in Form zu halten. Und gleichzeitig ist der Gedanke, sie ganz kurz zu schneiden, extrem abwegig. Auf der einen Seite bin ich fest davon überzeugt, dass es mir nicht stehen würde, und auf der anderen Seite bin auch ich schlichtweg nicht frei von der Assoziation, dass lange Haare Weiblichkeit und Attraktivität symbolisieren.</p>
<hr data-start="4620" data-end="4623" />
<p data-start="4625" data-end="4712">Coco Chanel sagte einst:<br data-start="4649" data-end="4652" /><strong data-start="4652" data-end="4712">„A woman who cuts her hair is about to change her life.“</strong></p>
<p data-start="4714" data-end="5247">Haare waren kulturell schon immer extrem bedeutungsmächtig und ein sehr wichtiger Schönheitsmarker. Frisuren und Haarfarben trendeten stets genauso wie Klamotten. Kaiserin Sissis Haarpracht war beispielsweise fast genauso berühmt wie sie selbst. Sie hatte eine Magd, die nur für ihre Haarpflege angestellt war und ihr jeden Tag stundenlang das bodenlange Haar kämmte und frisierte. Marilyn Monroe erlangte erst Ruhm, als sie sich die Haare wasserstoffblond färbte, und Anna Wintours stärkstes Erkennungsmerkmal ist ihr markanter Bob.</p>
<p data-start="5249" data-end="5480">Sowohl historische Frauenfiguren als auch Models, Schauspielerinnen und andere Frauen des öffentlichen Lebens zeigen uns, wie sehr unsere weiblich konnotierten Frisuren mit Status, Anerkennung und Symbolträchtigkeit zusammenhängen.</p>
<hr data-start="5482" data-end="5485" />
<p data-start="5487" data-end="6009">In vielen Filmen gibt es diese eine Szene, in der sich die weibliche Protagonistin theatralisch die Haare absäbelt, um eine Art der Veränderung und Emanzipation anzukündigen. Diese Protagonistinnen verwandeln sich dann oft von unterdrückten Mauerblümchen in skrupellose Kämpferinnen. Selbst in Kinderfilmen wie <em data-start="5798" data-end="5805">Mulan</em> wird der Akt des Haareschneidens als Befreiungsschlag dargestellt, wobei dieser dort sogar an die Identität als Frau gekoppelt ist. Ihre langen Haare stehen symbolisch für ihre traditionelle Frauenrolle.</p>
<p data-start="6011" data-end="6358">Aber auch reale Frauen benutzen den Akt des Haareschneidens, um der Welt zu zeigen, dass sie eine Veränderung oder Emanzipation durchmachen. Berühmte Beispiele dafür sind Britney Spears, Miley Cyrus und Emma Watson. All diesen Frauen wurde gesellschaftlich ein bestimmtes Image auferlegt, welches sie durch das Haareschneiden durchbrechen wollten.</p>
<p data-start="6360" data-end="6602">Auffällig ist die Reaktion der Öffentlichkeit, die manchmal auf subtile und oft auf unverblümte Weise junge Frauen abwertet, wenn sie sich plötzlich für eine Kurzhaarfrisur entscheiden. In dem Buch <em data-start="6558" data-end="6576">Drawing the Past</em> heißt es an einer Stelle:</p>
<blockquote data-start="6604" data-end="6845">
<p data-start="6606" data-end="6845">„Long hair for women is a strong signifier for their femininity. Cutting a woman’s hair is an effective and efficient way of destroying her beauty, which is no small matter in societies that view women first and foremost as sexual beings.“</p>
</blockquote>
<p data-start="6847" data-end="7140">Ein aktuelles Beispiel für die öffentliche Abwertung einer Frau wegen ihrer Kurzhaarfrisur ist die schweizer Sängerin Stefanie Heinzmann. In den sozialen Medien wurde sie gefragt, warum sie sich so verschandeln müsse, ob sie jetzt lesbisch sei, und behauptet, sie sehe jetzt aus wie ein Junge.</p>
<hr data-start="7142" data-end="7145" />
<p data-start="7147" data-end="7531">Lange Zeit benutzte man das Kahlrasieren des Kopfes, um Frauen zu bestrafen oder zu erniedrigen. Im Mittelalter wurden Frauen die Haare abgeschnitten, wenn man sie der Hexerei bezichtigte, da man den Haaren magische Kräfte nachsagte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden französischen Frauen, die man verdächtigte, Beziehungen mit deutschen Soldaten gehabt zu haben, die Haare abrasiert.</p>
<p data-start="7533" data-end="7775">Dieser Akt wird auch gerne in Film und Fernsehen verwendet – sehr prominent zum Beispiel in <em data-start="7625" data-end="7642">Game of Thrones</em>, als Cersei ihr langes blondes Haar abrasiert wird und sie nackt und kahlgeschoren einen buchstäblichen „Walk of Shame“ machen muss.</p>
<hr data-start="7777" data-end="7780" />
<p data-start="7782" data-end="8181">All diese Beispiele verdeutlichen die enorme Symbolträchtigkeit, die unseren Haaren als Frauen innewohnt. Ich glaube zwar, dass es noch etwas dauern wird, bis ich selber so weit bin und meinen Haaren ihre Bedeutung nehmen kann. Bis dahin hoffe ich aber, dass es weiterhin viele Frauen geben wird, die in diesem Prozess schon weiter sind und sich von öffentlichen Meinungen nicht kleinkriegen lassen.</p>
<p data-start="8183" data-end="8679">Zu meiner Frage, ob Feminismus und Schönheitsideale vereinbar sind, habe ich mir viele Gedanken gemacht, und eine klare, zufriedenstellende Antwort habe ich bisher nicht. Sich als Frau von seinen langen Haaren – also DEM Symbol für Weiblichkeit und Jugend – zu trennen, ist ein Akt der Rebellion und eine Abwendung von westlichen Schönheitsidealen. Aber heißt das gleichermaßen, dass man sich dem Patriarchat mit seinen strengen Schönheitsidealen unterwirft, wenn man lange Haare trägt und liebt?</p>
<p data-start="8681" data-end="8958">Selbstbestimmung und Unterwerfung liegen hier sehr nah beieinander – eine Widersprüchlichkeit, die aktuell gerne als Ambiguitätstoleranz bezeichnet wird. Letztens habe ich ein Zitat gefunden, das ich sehr passend finde und das indirekt eine Antwort auf meine Frage sein könnte:</p>
<p data-start="8960" data-end="9073"><strong data-start="8960" data-end="9073">„Mit Komplexität leben zu lernen – das ist vielleicht die größte Aufgabe demokratischer politischer Bildung.“</strong></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
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