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	<title>Beau &#8211; meinTestgelaende.de</title>
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	<title>Beau &#8211; meinTestgelaende.de</title>
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		<title>Wir marodier&#8217;n durch die Ruin&#8217;n vom Stasiknast</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Beau]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 May 2026 09:00:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Me Myself & I]]></category>
		<category><![CDATA[Coming of Age]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>
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					<description><![CDATA[Beau nimmt uns mit auf eine Bewusstseinsreise zwischen dem Aufwachsen im Osten und den urbanen Überschneidungspunkten zu Westdeutschland. Der immerwährende Diskurs, ob es Ost/West überhaupt noch gibt, schließt sich in diesem Text an Popkulturelle- und Literaturzitate, die mit einer queeren Biografie verknüpft werden. Über das Aufwachsen in Ostdeutschland, Musik, Architektur und Ratlosigkeit Eine Weile hatte]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong>Beau nimmt uns mit auf eine Bewusstseinsreise zwischen dem Aufwachsen im Osten und den urbanen Überschneidungspunkten zu Westdeutschland. Der immerwährende Diskurs, ob es Ost/West überhaupt noch gibt, schließt sich in diesem Text an Popkulturelle- und Literaturzitate, die mit einer queeren Biografie verknüpft werden.</strong><span id="more-17486"></span></p>
<h2>Über das Aufwachsen in Ostdeutschland, Musik, Architektur und Ratlosigkeit</h2>
<p>Eine Weile hatte ich das Ritual, immer einen bestimmten Song zu hören, wenn ich die Ländergrenze von Niedersachsen nach Thüringen im Regio passierte. Es war Uwe &amp; Heiko des inzwischen aufgelösten Rap-Duos Zugezogen Maskulin mit den Zeilen „Wir marodier&#8217;n durch die Ruin&#8217;n vom Stasiknast, Thälmann-Statue schaut herab wie König Ozymandias“. Die Kombination dieser beiden Bilder – der Stasiknast, der inzwischen meine Musikschule darstellte, und die Thälmann-Statue, die ich von einer Seitenstraße kannte – erschien mir zuerst wie ein verrückter Zufall, einer dieser schönen Momente, wenn ein Lied zum perfekten Soundtrack meines Pendler-Wegs wird. Später realisierte ich, dass sich die Kombination aus Stasi-Gebäude-Ruinen und Thälmann-Statue wahrscheinlich in jeder Klein- bis Großstadt in Ostdeutschland findet. Jetzt wohne ich wieder im Osten – ich könnte auch schreiben im ehemaligen Osten, aber momentan bin ich noch ein Fan der mehr oder weniger unkritischen Verwendung von Ost und West als Vereinfachung, die keine ist. Ein besonderes Ritual wäre nun eher notwendig, wenn ich wieder in den Westen fahre, aber was hört man da? Vielleicht Bilderbuch (aber die sind ja eine österreichische Band?): „Komm vorbei in meinem Bungalow! By the rivers of cashflow – Wir trinken Soda, trinken Soda – Komm vorbei mit deinem Škoda?“ Zumindest auch ein Song aus meinen Teenie-Jahren, der von einer schillernden Halb-Realität berichtet. Sie scheint sich hinter einem seidenen, paillettenbestickten Vorhang abzuspielen, aber nicht hinter einem eisernen.</p>
<p>Als Kind und Teenager war mir nie sonderlich bewusst, dass es Unterschiede zwischen meinem Aufwachsen und dem einer Person in Westdeutschland geben könnte. Ich fand es sogar eher anstrengend, wenn Menschen die immer noch bestehenden Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschland besprachen, es kam mir wie eine alte Kiste vor, die man nicht mehr hervorkramen muss. Für mich war es normal, dass jede erwachsene Person, mit der ich in Kontakt war, eine DDR-Vergangenheit hatte, dass DDR-Geschichten geteilt wurden und sozialistische Statuen und Mosaike die Straßen zierten. Aber es muss doch etwas bewegt haben, dieses Aufwachsen auf dem Gebiet eines Landes, das es nicht mehr gibt, dessen Geschichte sich jedoch in den Erinnerungen, öffentlichen Architektur, fehlenden Infrastrukturen fortschreibt. Erst, als ich für mein erstes Studium nach Niedersachsen zog, begann sich meine Welt zu öffnen, wobei ich zuallererst ebenjene sozialistische Statuen und Mosaike im neuen Stadtbild vermisste. Mit meinen Freund*innen mache ich manchmal den Witz, dass ostdeutsche Städte genauso hässlich wie westdeutsche sind, aber bei ostdeutschen Städten bedeutet es zumindest was. Vielleicht vernachlässige ich dabei, dass ein Post-Zweiter-Weltkrieg-Betonklotz in einer westdeutschen Stadt natürlich auch einen inhärenten ideologischen Wert besitzt; er strahlt die Macht des Kapitals aus, wohingegen ein ähnlicher Betonklotz in einer ostdeutschen Stadt einst das Gegenteil repräsentieren sollte. Dessen Eingangspforte ziert vielleicht noch ein Relief von muskulösen sowjetischen Arbeiter*innen, die standhaft nach vorne schreiten, bis die Witterung sie eines Tages vollends hinunter geschliffen hat. Ich frage mich schon lange, was es bedeutet, so inmitten der Zeichen einer verlierenden Ideologie aufzuwachsen, die zu viel Schmerz geführt und die Biografien aller umgebenden Erwachsenen zerschnitten hat und gleichzeitig nach wie vor für Menschen, auch für junge Menschen wie mich ein Grund zur Hoffnung ist.</p>
<p>Vielleicht bedeutet es so viel, dass all die Gefühle und Gedanken, die ich mit dem Osten verbinde, in sich implodieren und wieder in Bedeutungslosigkeit versinken. Mit 20 besuchte ich als Teil einer internationalen Jugendgruppe einen Berliner Jugendclub für queere Menschen. Den Moment, als ich die Auslage der Flyer im Eingangsbereich lag, erinnere ich nach wie vor als signifikant, weil ich damals fast geweint hätte bei dem Gedanken, wie viel nur ein einziger dieser Flyer in meiner Schule für mich hätte verändern können, geschweige denn ein ganzes Jugendzentrum. Aber hat das jetzt mit Ost/West-Kram zu tun oder einfach damit, dass ich in den frühen 2010er-Jahren in einer provinziellen Gegend aufgewachsen bin, die bei Shifts in sozialen Paradigmen immer zehn Jahre hinterher hängt? Inzwischen gibt es in meiner Heimatstadt sogar einen CSD, den ich nie geschafft habe zu besuchen, bevor er nun wieder aufgehört zu haben scheint. Call it Scham, call it Feigheit, call it Trotz. Vielleicht will ich dieser Stadt mein queeres Ich einfach nicht geben, nicht sichtbar sein in diesen Straßen, die mich solange gezwungen haben, unsichtbar zu sein. Ich könnte gehen, wenn ich mich darauf verlassen könnte, eine gute, empowernde Zeit zu haben, aber das ist bei Kleinstadt-CSDs im Osten eben nicht garantiert, wie der Nazi-Aufmarsch 2024 in Bautzen zeigt.</p>
<p>Gestern saß ich im Regionalzug von Weimar nach Leipzig, schaute aus dem Fenster auf die AfD-Flaggen über den Schrebergärten, die diese nostalgische Hügellandschaft meiner Jugend überziehen, und dachte, dass es über den Osten eigentlich gar nichts mehr zu sagen gibt. Es ist alles schon irgendwie ausgesprochen und lässt mich insgesamt mit viel Ratlosigkeit zurück. Einer meiner Lieblingsautoren, der in die DDR eingewanderte, viel zu früh verstorbene schwule Aktivist Ronald Schernikau, schrieb als Untertitel einer seiner Bücher „daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können, geschweige mittels ihrer literatur“. Manchmal habe ich das Gefühl, er hat immer noch Recht. Und trotzdem arbeiten die Nachwendegenerationen sich weiter am Osten ab, trotzdem erscheinen immer wieder gute Bücher, die bereits gesagtes erneut gut sagen, trotzdem versuchen junge Menschen, sich mit diesem anderen Land und seinem Erinnerungsgut auseinanderzusetzen. So arbeiten wir alle weiterhin daran, die Thälmann-Statue abzuschleifen oder zu etwas neuem zu machen, komme was wolle und wer weiß, wo es hinführt, es muss trotzdem geschehen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
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		<title>Bericht aus der Arbeitslosigkeit</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/03/bericht-aus-der-arbeitslosigkeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Beau]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Mar 2026 09:00:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Was bedeutet Arbeit in einem System, das manche sichtbarer macht als andere?Beau – trans*maskulin, nicht-binär und irgendwo zwischen Kunst, Studium und Prekarität – nimmt uns mit in die „shadowlands“ des Kapitalismus. Ein persönlicher Einblick in unsichtbare Arbeit, fehlende Gleichberechtigung und die Frage, wer überhaupt Platz bekommt. Vor kurzem habe ich zum ersten Mal in meinen]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Was bedeutet Arbeit in einem System, das manche sichtbarer macht als andere?</strong><br data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="hardBreak" data-prosemirror-node-inline="true" /><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Beau – trans*maskulin, nicht-binär und irgendwo zwischen Kunst, Studium und Prekarität – nimmt uns mit in die „shadowlands“ des Kapitalismus. Ein persönlicher Einblick in unsichtbare Arbeit, fehlende Gleichberechtigung und die Frage, wer überhaupt Platz bekommt.</strong><span id="more-17372"></span></p>
<p><span data-contrast="auto">Vor kurzem habe ich zum ersten Mal in meinen Leben die </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> betreten.  </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Die </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> bilden ein Konzept der kanadischen Autorin und Journalistin Naomi Klein, die darüber in ihrem Beststeller </span><i><span data-contrast="auto">Doppelgänger</span></i><span data-contrast="auto"> berichtet; es handelt sich um die dunklen Flächen am Rand des Kapitalismus, in die ungeliebte Arbeit „verschwindet“. Arbeit, die wir selbst nicht machen wollen, schieben wir auf die </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> ab. Dazu gehört eine breite Spanne von Tätigkeiten – die Herstellung von Textilien, Haushaltsgegenständen und Essen beispielsweise, aber auch logistische Herausforderungen wie der Gang zu einem Geschäft lässt sich problemlos auf die </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> verlagern. Klein arbeitet heraus, dass die Arbeit sich natürlich nicht in Luft auslöst, oder irgendwo hinter verschlossenen Türen von reibungslos funktionierenden, anspruchslosen Maschinen verrichtet wird. Die </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> sind genau wie alle anderen Arbeitsplätze von Menschen bevölkert. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Zehn bis fünfzehn Stunden meiner Woche bringe ich nun in den </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> zu, um meine staatliche Unterstützung aufzustocken und der Behörde meinen Arbeitswillen zu demonstrieren. Eine kleine Summe an Zeit im Vergleich mit meinen in Vollzeit arbeitenden Kolleg*innen, und die Umstände in meinem privaten </span><i><span data-contrast="auto">shadowland</span></i><span data-contrast="auto"> – das Fulfillment-Center eines mittelgroßen Lieferdienstes – sind weitaus menschlicher als beim </span><i><span data-contrast="auto">shadowland</span></i><span data-contrast="auto">-Fürsten</span><span data-contrast="auto"> Amazon. Noch dazu könnte ich den Job vermutlich kündigen, wenn ich ihn wirklich nicht mehr machen wollte; könnte die dadurch entstehenden Sanktionen beim Jobcenter schon irgendwie bewältigen; und der Papierkram und die Gänge zum Amt fallen mir als </span><i><span data-contrast="auto">weiße</span></i><span data-contrast="auto">, muttersprachliche Person leichter als anderen. All das gesagt, um auszumalen, dass meine Erfahrung im </span><i><span data-contrast="auto">shadowland </span></i><span data-contrast="auto">nicht exemplarisch ist. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Ich trage einen Scanner und ein digitales Pad an Handschuhen; das Pad zeigt mir an, was ich scannen und verladen muss und dirigiert mich so durch das Lager. Während ich die Kisten auf dem Kommissionier-Wagen stapele, denke ich an die Videos von menschen-ähnlichen Robotern, welche rennen und springen, aber anscheinend nicht schwer heben können. Ich mache den Job einer Maschine, weil ich ein wenig koordinierter und vermutlich auch billiger bin, während eine Maschine, eine A. I., irgendwo meinen Job macht – Gedichte schreibt, Social-Media-Postings erstellt, Filmmaterial generiert, halbgare Informationen zusammenträgt. Die Künstler*innen, auf deren gestohlener Arbeit das A. I.-Material beruht, werden nicht entlohnt; stattdessen schießen die Preise für Grafik-Karten und RAM in die Höhe, und die Orte, die neugebaute Data-Centers ertragen müssen, büßen ihr Grundwasser ein. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Meine Arbeit im Lager umfängt eine Reihe von Tätigkeiten, die passieren müssen, bevor die Produkte in die Fahrzeuge der Lieferant*innen geladen werden. Die Arbeit des Auslieferns verrichten zum Großteil migranitisierte Menschen unter prekären Bedingungen, wie eine Recherche der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausarbeitet</span><span data-contrast="auto">1</span><span data-contrast="auto">. Die körperlich harte Arbeit wird dabei schlecht entlohnt und die Löhne steigen nur langsam</span><span data-contrast="auto">2</span><span data-contrast="auto">, Überausbeutung ist alltäglich</span><span data-contrast="auto">3</span><span data-contrast="auto">, beispielsweise durch das regelmäßige Überschreiten der Höchstarbeitszeit von zehn Stunden</span><span data-contrast="auto">4</span><span data-contrast="auto">. Arbeitgeber im Logistik- und Lieferbereich gehen auch gerne gegen die Gründung von Betriebsräten vor und agieren häufig nur mit befristeten Arbeitsverträgen. Doch die Branche boomt, und schreit nach immer mehr Körpern, die es auszubeuten gilt. Und die schlechten Arbeitsbedingungen sind bei Weitem nichts besonders, </span><b><span data-contrast="auto">es ist beinahe so, als würde jeder belanglose ausgewählte Aspekt meines alltäglichen Lebens in Deutschland irgendwie auf Ausbeutung beruhen</span></b><span data-contrast="auto">, nicht nur das Bestellen von Paketen, sondern auch das Kaufen von Kleidung, der Gang in die Notaufnahme, der kurze Aufenthalt bei McDonald’s, das Benutzen der Straßenbahn&#8230;überall werden Arbeitskämpfe geführt, und überall hat die Leistung von Arbeiter*innen in der Vergangenheit erst zu den Bedingungen geführt, unter denen wir jetzt arbeiten. Der 8h-Tag, der Verbot von Kinderarbeit sind die Leistungen früher sozialer Bewegungen. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Nach einer Schicht tausche ich Textnachrichten mit meinen Kommiliton*innen aus; erst im September 2025 beendete ich meinen Master, bin aber bereits seit Juli auf Arbeitssuche, an die fünfzig Ablehnungen habe ich bisher angehäuft. Wir waren zu sechst in unserem Studiengang; drei Personen sind jetzt prekär in der Service-Industrie angestellt, in der sie auch schon vor dem Master gearbeitet haben, eine Person ist zu ihrem alten Beruf als Lehrerin zurückgekehrt, und die letzten zwei sind arbeitslos. Ich sehe, wie meine Kommilitonin C. Instagram-Reels mit den wunderschönen Notizbüchern grafischer Künstlerinnen einen Like gibt, und erinnere mich an unsere Arbeit in der Dunkelkammer. Beide sind wir jetzt hochspezialisiert ausgebildet und träumen nachts von den experimentellen Dokumentarfilmen, die wir gerne machen würden, wenn Kulturförderung nicht massiv zusammengestrichen werden würde, und wir nicht in unseren prekären Jobs oder Arbeitslosigkeit feststeckten. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Sicher fragen sich Menschen, warum ich nicht etwas „Sinnvolles“ studiert habe und meine Kunst als Hobby vollziehe; die Antwort ist, dass im derzeitigen Arbeitsmarkt eigentlich niemand mehr sicher ist (wir haben den höchsten Stand an Arbeitslosigkeit seit 2015</span><span data-contrast="auto">5</span><span data-contrast="auto">). Und warum sollte ich mich nicht in dem Bereich bilden, in dem ich am besten bin, den ich am liebsten mache, und in dem ich den größten Beitrag zur Gesellschaft leisten und am produktivsten für meine Mitmenschen da sein kann? </span> <span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Es ist später Abend, und sitze ich musik-hörend in der Bahn und scrolle durch die Nachrichten. Anscheinend ist Friedrich M. wiedereinmal aus einem Pool giftigen Schlammes aufgetaucht und hat es für gut befunden, sich in den öffentlichen Diskurs einzubringen. Die Deutschen würden ja viel zu wenig arbeiten, besonders vom 8h-Tag ist er kein Fan. Kurz stelle ich mir vor, wie M. zehn Stunden lang schwere Pakete die Treppe hoch- und runterträgt, bedroht von aggressiven Hunden und erschöpft von der pausenlosen Zeit am Steuer. Die kindliche Fantasie verschafft nur kurz Erleichterung, und ich kehre dazu zurück, zu recherchieren, welcher Gewerkschaft ich beitreten könnte. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
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<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Politik der Grausamkeit</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2025/02/die-politik-der-grausamkeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Beau]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Feb 2025 07:00:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>
		<category><![CDATA[Aktivistisch ins neue Jahr]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[Unser Autor Beau findet, die aktuellen Lösungsvorschläge aus den politischen Reihen zeichnen sich vor allem durch eins aus: Grausamkeit. Frauen wählen nicht, wie Konservative es wünschen? Weg mit dem Frauenwahlrecht. Die Renten sind nicht sicher und jedes 7. Kind lebt in Armut? Sollen sie doch in Aktiendepots anlegen. Wie Beau es schafft, nicht zu verzweifeln]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Unser Autor Beau findet, die aktuellen Lösungsvorschläge aus den politischen Reihen zeichnen sich vor allem durch eins aus: Grausamkeit.<br />
</strong><strong>Frauen wählen nicht, wie Konservative es wünschen? Weg mit dem Frauenwahlrecht. Die Renten sind nicht sicher und jedes 7. Kind lebt in Armut? Sollen sie doch in Aktiendepots anlegen. Wie Beau es schafft, nicht zu verzweifeln und was der christliche Glaube damit zu tun hat, erfahrt ihr im Text.<br />
</strong></p>
<p><span id="more-16614"></span></p>
<p class="western" align="justify">CDU-Mitglied Gundolf Siebeke schreibt auf X: <i>„Sollte es so sein, dass Frauenstimmen den politischen Heiratsschwindler Robert H. ins Kanzleramt hieven und damit Deutschland über die Klippe, muss über das Frauenwahlrecht inoffiziell, über antiemotionalen Demokratieunterricht offiziell nachgedacht werden.“</i></p>
<p class="western" align="justify">Sollte es Diskurs über jeden Tweet/ Post von irgendeinem Deppen geben? Nein, denn dann wären wir ewig beschäftigt und noch dazu ziemlich schlecht gelaunt. Ich ziehe diese aufmerksamkeitsheischende Meinung von Siebeke nur exemplarisch heran – <i>antiemotionaler Demokratieunterricht</i>, was soll das überhaupt sein? Wie versteht Siebeke Demokratie – als eine Art Management-Programm, mit denen man einen Haufen Menschen möglichst wirtschaftseffizient organisiert? Ganz Margaret Thatcher – <i>„there is no such thing [as society]! There are individual men and women and there are families and no government can do anything except through people and people look to themselves first.“</i></p>
<p class="western" align="justify">Die Haltung, das Menschen zuerst an sich selbst denken und deswegen zu allem, was mit anderen zu tun hat, gewissermaßen gezwungen werden müssen, hat sich in den Köpfen der meisten Partei-Obersten durchgesetzt. <i>Antiemotionaler Demokratieunterricht –</i> kühl und rational muss entschieden werden. Menschen, die nicht arbeiten wollen, müssen dazu gezwungen werden. Der Staat wird als Erzieher konzeptioniert, mit Zuckerbrot und Peitsche oder vielleicht nur mit Peitsche, Zuckerbrot für alle ist ja teuer.</p>
<p class="western" align="justify">Die massive Ungleichheit in Deutschland, die sterbende Mittelschicht, das neue Prekariat, die Wohnungsnot – wie adressieren wir es? Durch Grausamkeit. Wer in Zeiten von Dauerkrise, Inflation, einer stets wachsenden Zahl von psychisch und physisch Erkrankten in der Bevölkerung arm wird, der muss sich eben mehr anstrengen. Nach dem Anschlag in Magdeburg verlangt Ministerin Faeser mehr Befugnisse für die Sicherheitsbehörden, dieselben, die mehrmals vor dem Attentäter gewarnt wurden. Merz schlägt vor, dass ja auch schon Schulkinder für ihre eigene Rente in ein Aktiendepot einzahlen könnten – jedes siebte Kind in Deutschland ist dabei armutsgefährdet, und zwar jetzt gerade und nicht erst in siebzig Jahren. Das 49-Euro-Ticket – die bahnbrechendste (ha) verkehrspolitische Maßnahme in Deutschland seit Jahren – wird teurer, wenn nicht eh bald abgeschafft. Geflüchtete, die in kalten Hallen auf Feldbetten untergebracht werden, sollen mit einer Bezahlkarte einkaufen gehen, damit man kontrollieren kann, dass sie ihr weniges Geld bloß nicht für die falschen Sachen ausgeben oder gar außerhalb ihres festgeschriebenen Landkreises. Migrantische Wiederholungsstraftäter*innen sollen nach zwei Straftaten abgeschoben werden – als Straftat zählt auch so etwas wie Busfahren ohne Ticket.</p>
<p class="western" align="justify">Das ist vor allem eins: grausam. Grausamkeit ist im Kommen. Wieder modern oder vielleicht nie nicht modern gewesen. Ober-Nazi Höcke spricht 2019 davon, „wohltemperierte Grausamkeit“ einsetzen zu wollen in einer Periode des Wandels, in der er Deutschland von allen Menschen befreien möchte, die nicht in sein faschistisches Weltbild passen. Wir scheinen jetzt in einer Zeit angekommen, in der es wieder denk- und sagbar ist, dass Deutschland harte Männer an der Spitze braucht, Männer, die kalkuliert entscheiden, mit harter Hand regieren, et cetera, et cetera.</p>
<p class="western" align="justify">„<i>I Don&#8217;t Know How To Explain To You That You Should Care About Other People“</i> – der Titel eines Artikel von Kayla Chadwik, 2017. Chadwick schreibt, dass sie nicht den Sinn darin sieht, mit Menschen über Politik zu diskutieren, die ein völlig anderes Verständnis von Gesellschaft haben als sie: <i>&#8222;I don’t know how to convince someone how to experience the basic human emotion of empathy. I cannot have one more conversation with someone who is content to see millions of people suffer needlessly in exchange for a tax cut that statistically they’ll never see (…). I cannot have political debates with these people. Our disagreement is not merely political, but a fundamental divide on what it means to live in a society, how to be a good person, and why any of that matters.“ </i><i>(*Übersetzung unten)</i></p>
<p class="western" align="justify">Dieser Paragraph packt ganz gut, warum mir meine persönliche Debattierlaune eher vergangen ist. Doch kenne ich genauso gut Menschen, die wesentlich konservativer als ich sind und denen ich trotzdem attestiere, das Herz am rechten Fleck zu haben. Trotzdem steige ich nicht in den Ring, um sie von meinen Haltungen zu überzeugen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass für sie Politik eine Art aufregendes Spiel ist – ein großes Debattierclub, ein Forum der Ideen und des fairen Austausches, in dem sie ihre großen Pläne präsentieren können. Für mich fing meine Politisierung da an, als mir mit 15 gesagt wurde, ich gehöre in ein Konzentrationslager, da ich bisexuell sei. Oder mit dem Aufwachsen in einer strukturschwachen Region. Mit dem Alleinsein als queere Person in der Schule und mangelnder sexueller Aufklärung. Mit den Hakenkreuz-Graffiti überall. Meine Politiken sind geleitet von sehr realer, greifbarer Angst – vor Freund*innen in Krankenhäusern, nachdem sie auf der Straße angegriffen wurden, von selbst erlebten Übergriffen – von Wut über die allgemeine Empathielosigkeit. Aber genauso gut von Liebe (klingt kitschig, ist aber so), Freude und Hoffnung, von genauso real erlebten alternativen Wohnformen, die mir gezeigt haben, wie schwierig und doch lohnend es ist, Solidarität im Alltag zu leben. Jedenfalls kann ich manchmal keine besseren Argumente präsentieren als –<i> es ist richtig, sich umeinander zu kümmern. </i></p>
<p class="western" align="justify">Aber im Forum des knallharten Wortekampfes reicht das nicht aus. Wenn für meine Gegenperson nicht einmal vorstellbar ist, dass es nicht für alle Menschen möglich ist, sich selbst aus ökonomischer Schwäche heraus zu kämpfen, einfach arbeiten zu gehen, oder für ihre Kinder Geld für die Rente anzusammeln. Meine Idee von Gesellschaft kann aushalten, wenn jemand wirklich nicht arbeiten will (der winzige Prozentsatz, der das tatsächlich wäre), und genauso die „Freaks“ am Rand von normativen Gender-Vorstellungen. Bestimmtes Verhalten wird es immer geben, es hat sich durch Jahrtausende der Menschheitsgeschichte fortgeschrieben – Verhalten wie Drogensucht, Abtreibung, Sexarbeit, Queerness, Verhalten das gerne hart reglementiert und bestraft wird und sich dann eben unter noch schwereren Bedingungen weitergeht. Zu versuchen, Menschen durch harte Strafen hier zu „erziehen“, schlägt nachgewiesenermaßen fehl. Trotzdem scheint es der dominierende Ansatz der gegenwärtigen Politik zu sein.</p>
<p class="western" align="justify">Es ist auch schwierig, in so einer Stimmung politische Forderungen durchzusetzen, welche die Klimakrise einschränken würden, denn leider trifft die Klimakrise <i>andere Menschen –</i> die dann möglicherweise zu Geflüchteten werden – andere Lebewesen, hunderte Tier- und Pflanzenspezies außerdem – und nicht Aktiendepots. Zumindest nicht hart genug, und das Kalkül, dass sich die Wirtschaft schon zum Grünen wenden werde, hat sich offensichtlich nicht ausgezahlt.</p>
<p class="western" align="justify">Wie kann man nicht verzweifeln in Angesicht der Kälte der Welt? Ehrlich gesagt, ich habe keine allgemeinen Antworten. Sich nicht von der Grausamkeit vereinnahmen lassen, das ist eins. Auch für mich ist die Grausamkeit nie fern, auch mein Denken verhärtet schnell. Ich muss mich darauf konzentrieren, dass ich meine politischen Gegner nicht tot sehen will. Ich will sie auch nicht leiden sehen. Ich will, dass sie ihre Herzen erweichen und <i>verstehen,</i> so langweilig und uncool und auf den ersten Blick wenig radikal das klingt. Also hier mein Aufruf – werdet zimperlich, werdet emotional, <i>lose your cool</i>.</p>
<p class="western" align="justify">Ansonsten – ich habe den christlichen Glauben für mich wieder gefunden, das hilft zumindest mit der allgemeinen Empathieschwäche, die sich auch in mir niedergeschlagen hat. Ab und zu schalte ich die Nachrichten aus (metaphorisch, eigentlich schließe ich nur einen Tab) und kuschele dann mit meinen Freund*innen am warmen Kamin, das hilft auch. Alles Schritte, die man tun muss, um klarzukommen, um an einen Punkt zu kommen, von dem an man dann politisch aktiv, solidarisch sein kann, mit anderen teilen kann – in Suppenküchen, auf Demos, als Knastunterstützung, als Autofahrer*in für Kranke. Es wird immer andere Wege geben als Grausamkeit.<a name="tw-target-text"></a></p>
<p class="western" align="justify"><strong>*</strong> <em>“<span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE">Ich weiß nicht, wie ich jemanden davon überzeugen kann, </span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE">sich auf </span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE">das grundlegende menschliche Gefühl der Empathie </span></span><span style="color: #000000;"><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span style="font-size: medium;"><span lang="de-DE">einzulassen</span></span></span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE">. Ich kann kein weiteres Gespräch </span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE">mehr</span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE"> mit jemandem führen, der damit </span></span><span style="color: #000000;"><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span style="font-size: medium;"><span lang="de-DE">einverstanden ist</span></span></span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE">, dass Millionen von Menschen unnötig leiden, als Gegenleistung </span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE">für </span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE">Steuersenkung</span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE">en</span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE">, die </span></span><span style="color: #000000;"><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span style="font-size: medium;"><span lang="de-DE">wir,</span></span></span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE"> statistisch </span></span><span style="color: #000000;"><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span style="font-size: medium;"><span lang="de-DE">betrachtet,</span></span></span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE"> nie erleben werden (…). Ich kann mit diesen Leuten keine politischen Debatten führen. Unsere Meinungsverschiedenheit</span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE"> ist</span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE"> nicht nur politischer Natur, </span></span><span style="color: #000000;"><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span style="font-size: medium;"><span lang="de-DE">sondern handelt von einem</span></span></span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE"> grundlegend </span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE">anderen Verständnis</span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE"> da</span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE">von</span></span></em><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE"><i>, was es bedeutet, in einer Gesellschaft zu leben, wie man ein guter Mensch ist und warum das alles wichtig ist.“ &#8211; </i></span></span><span style="font-family: Arial, sans-serif;"><span lang="de-DE">Kayla Chadwik, 2017</span></span></p>
<p align="justify">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Lose Gedanken zum Thema Maskulinität &#8211; Post-Mastektomie</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2024/09/lose-gedanken-zum-thema-maskulinitaet-post-mastektomie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Beau]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 Sep 2024 08:00:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Identitäten]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Leben - wie ich will]]></category>
		<category><![CDATA[Männlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[trans*]]></category>
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					<description><![CDATA[Geschlecht ist Performance: Was für ein Mann er sein will, was Männlichkeit sein kann und warum auch trans* Männer manchmal sexistisch sind, erzählt Beau nach seiner Mastektomie. Im Krankenhaus – Novemberwetter, kaltes Licht, frühe Abende, Halbschlaf, schlechtes Essen und belanglose Podcasts – fühlte ich mich, als erführe ich das gesamte Spektrum der Transmaskulinität. Auf einer]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Geschlecht ist Performance: Was für ein Mann er sein will, was Männlichkeit sein kann und warum auch trans* Männer manchmal sexistisch sind, erzählt Beau nach seiner Mastektomie.</strong><br />
<span id="more-16222"></span></p>
<p><span data-contrast="auto">Im Krankenhaus – Novemberwetter, kaltes Licht, frühe Abende, Halbschlaf, schlechtes Essen und belanglose Podcasts – fühlte ich mich, als erführe ich das gesamte Spektrum der Transmaskulinität. Auf einer Seite meines Zimmers ein junger trans Mann in einer Beziehung mit einer cis Frau, perfektes Passing, ein sympathischer Raufbold in einem Standard-Ausbildungsberuf. Auf der anderen Seite eine nichtbinäre Person, im Grafik- und Soundbereich in Berlin tätig, clever im politischen Analysen und in transaktivistischen Kreisen unterwegs. Dazwischen ich – transmaskulin oder transmännlich, mit butch-lesbischem Background, halb Künstler und halb arbeitslos.</span><span data-ccp-props="{&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6}"><br />
Ich genoss unsere Kameradschaft, die darauf baute, dass wir ab achtzehn Uhr das Licht löschten, uns in Ruhe ließen und uns ansonsten für die verschiedenen Schritte der Heilung gutmütige Worte zusprachen. Es trug mich gut durch die langwierigen Tage nach der Operation, diese Gemeinschaft, und ließ mich nachdenken über Transmaskulinität, öffnete meinen Blick für die vielen Aspekte, mit denen ich selbst weniger vertraut bin. Für die trans Männer, die tatsächlich jene Unsichtbarkeit, die transmännlichen Personen so oft zugesprochen wird, erfüllen – die keinen Anschluss an eine wie auch immer geartete trans Community haben, die sich vielleicht nach ihren Operationen gar nicht mehr als trans begreifen. Ein Leben, das mir (der ich mich so viel mit trans Themen beschäftige und mit anderen trans Menschen umgebe) fremd ist, und gleichzeitig, durch die medizinischen Praktiken, die wir teilen, und die rechtlichen Prozesse, durch die wir gehen müssen, sehr nah. Gegenüber der Mehrheitsgesellschaft begreifen diese trans Männer sich als </span><i><span data-contrast="auto">normal</span></i><span data-contrast="auto">, vielleicht als </span><i><span data-contrast="auto">ein Geheimnis habend</span></i><span data-contrast="auto">, während ich mich stolz als </span><i><span data-contrast="auto">fremd</span></i><span data-contrast="auto"> begreife. Gleichzeitig hadere ich damit, ob ich immer als fremd, als nicht zugehörig wahrgenommen werden möchte. Es ist einfacher und sicherer Passing zu haben – etwas, nachdem ich jetzt nach der Mastektomie kaum noch arbeiten muss. Beziehungsweise hat sich diese Arbeit, die ich leiste, verlagert, vom Binder-Tragen auf andere, schwerer zu definierende Aspekte.</span><span data-ccp-props="{&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6}"><br />
Hin und wieder halte ich mich in rein cismännlichen Gruppen auf, nun scheinbar unsichtbar. Es ist interessant, da ich den Eindruck habe, schon als männlich, aber auch irgendwie als </span><i><span data-contrast="auto">anders</span></i><span data-contrast="auto"> gelesen zu werden, post Mastekomie. Als meine Brust mich noch als trans outete, kodierte mein Habitus mich als maskulin. Aber jetzt reicht dieser Habitus auf einmal nicht mehr aus. Werde ich als queerer Mann gelesen? Vielleicht. Alles nur Spekulation. Im Deutschen ist es, anders als im Französischen oder im Englischen, eher unüblich, Menschen in der Öffentlichkeit, an Supermarktkassen und am Gehweg als „Herr oder Dame“ anzusprechen. So ist es schwierig, herauszufinden, wie fremde Leute einen sehen, ohne sie danach zu fragen. Aber wenn ich nicht den coolen Bro-Hug mache, sondern darin ansetze, andere Männer richtig zu umarmen, kommen wir ins Stocken, und plötzlich ist da eine Unsicherheit in der Interaktion der anderen mit mir. Ich versuche, diese Momente zu vermeiden, indem ich mich zu Maskulinitäts-Chamäleon mache – ich beobachte die Maskulinität anderer, wie sie sich in den Dynamiken der Gruppe ausspielt, und reproduziere sie so gut wie möglich, sei es eben durch Bro-Hugs oder durch Fistbumps oder durch harte, kurze Schläge auf den Rücken, mit dem man sich Bestärkung kommuniziert. Ich steige mit ein, wie man eine Fremdsprache lernt, durchs Zuhören und Nachsprechen, ein Anthropologe, der versucht, möglichst viele Praktiken zu beobachten und zu verstehen. Es macht mir Spaß, mitzuperformen, vielleicht, weil es eine so bewusste, spielerische Entscheidung für mich ist. Ich muss mich anderen nicht anpassen, ich könnte natürlich meinen eigenen Habitus bewahren, ich könnte auch damit spielen, cis Männer zu verunsichern. Vielleicht werde ich irgendwann die Resilienz aufgebaut haben, dies selbstsicher tun zu können, aber für den Moment bleibe ich bei der Performance der Maskulinität, die natürlich von den meisten nicht als Performance wahrgenommen wird. Nicht als Spiel, sondern als Sache des Überlebens.</span><span data-ccp-props="{&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6}"><br />
</span><span data-contrast="auto">Ein trans Mann machte in einer WhatsApp-Gruppe in unserer Krankenhauszeit eine sexistische Bemerkung, als ich ihn darauf hin anschrieb, beleidigte er mich ausführlich und unter der Gürtellinie. Nicht, dass jeder, der selbst Sexismus erlebt hat, frei davon ist, ihn zu reproduzieren – aber die defensive Vehemenz, die Aggression dieser Antwort überraschte mich. Als müsste man, um seine eigene Männlichkeit zu erhalten – eine Männlichkeit, die sich natürlich fragiler anfühlt als die von cis Männern – sich umso gewaltvoller auf die Seite des Patriarchats schlagen, nicht nur Gesten und Berührungen, sondern auch sexistische Verhaltensmuster reproduzieren. Spielerische Performance auf der einen, sexistischer Habitus auf der anderen Seite; eine Spannung zwischen den harmlosen und verletzenden Parts von Maskulinität.</span><span data-ccp-props="{&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6}"><br />
</span><span data-contrast="auto">Zunehmend habe ich das Gefühl, das eigentlich die meisten Männer auf irgendeiner Ebene unsicher in ihrer Maskulinität sind und das auf verschiedenste Arten kompensieren. Manche mit Sexismus, durch Übergriffigkeit; manche, indem sie zu Klassenclowns werden, immer einen sarkastischen Kommentar auf den Lippen, der eher nach unten als nach oben tritt. Manche werden das Gegenteil, schweigsam, „the strong and silent type“, machen sich unangreifbar, unzugänglich. Eine Gradwanderung im Spannungsbereich der Maskulinität. Oft geht es um Machterhalt; die Beziehung zu Macht so untrennbar mit hegemonialer, </span><i><span data-contrast="auto">weißer</span></i><span data-contrast="auto"> Männlichkeit und Maskulinität verknüpft. Eben diese hegemoniale Männlichkeit ist es, die an Männer unerreichbare, patriarchal durchtränkte Ansprüche stellt – der Beschützer und Familienmensch sein, gleichzeitig ein Frauenheld, ein Muskelprotz, arbeitsam, klug, charismatisch, väterlich, reich, </span><i><span data-contrast="auto">besitzend</span></i><span data-contrast="auto">. Natürlich kann man an diesen Ansprüchen nur scheitern, die sich gleichzeitig, gemeinsam mit ihrer Beziehung zu Weiblichkeit und Femininitität im starken Wandel befinden, ein weiterer Aspekt, der Männer gerne verunsichert. Zu Recht verunsichert – damit konfrontiert, dass es in vielen Kreisen zunehmend sozial akzeptiert ist, wenn Männer weinen, Gefühle zeigen, fähig im Emotionen ausdrücken sind und kümmernde Rollen einnehmen.</span><span data-ccp-props="{&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6}"><br />
</span><span data-contrast="auto">Wirft man noch Queerness in den Mix, verkompliziert sich das Konstrukt abermals – Männer, die dem Bild hegemonialer Männlichkeit nacheifern, wollen sich von Queerness abspalten. Dabei geht es oft um Eigenschaften, die als feminin wahrgenommen wurden, und diese Abspaltung drückt sich durch Misogynie aus. Queere Männer hingegen entwickeln andere Ideale von Männlichkeit, die manchmal gar nicht so weit vom hegemonialen Bild entfernt sind, oder haben eine ganz und gar antagonistische Beziehung zu diesem Bild. Als trans Mann oder als trans männlich wahrgenommene Person befindet man sich hier ein bisschen zwischen den Stühlen. Trans männliche Personen reproduzieren natürlich genauso die Spannung zwischen den verschiedenen, schadenden und harmlosen Parts von Maskulinität, nur dass eben vielleicht noch das Gefühl hinzukommt, viel mehr an Männlichkeit zu scheitern als cis Männer.</span><span data-ccp-props="{&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6}"><br />
</span><span data-contrast="auto">Was mich angeht, versuche ich mir bewusst zu machen, dass diese Ideen hegemonialer Männlichkeit existieren und ich sie absichtlich in meiner eigenen Performance von Maskulinität ablehnen kann. Genauso kann ich mich aber auch entscheiden, bei gewissen Praktiken mitzuspielen, solange ich darauf achte, keinen misogynen Scheiß zu reproduzieren.</span><span data-ccp-props="{&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6}"> </span></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Dokumentarfilm und trans Menschen – Ein Abriss über „Trans: I Got Life“ und Andere</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2024/03/dokumentarfilm-und-trans-menschen-ein-abriss-ueber-trans-i-got-life-und-andere/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Beau]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Mar 2024 10:42:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Filmkritik]]></category>
		<category><![CDATA[trans*]]></category>
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					<description><![CDATA[Neugierig auf Dokus, die trans Lebenswelten einfangen? Lies Beaus Kritik am Film &#8222;Trans: I Got Life&#8220; (2021)&#8220; und erfahre außerdem welche Dokus sehenswert sind. Um diesen Artikel von Vorneherein richtig einzuleiten: ich vertrete nicht die Überzeugung, dass cis Regisseur*innen keine Filme über trans Menschen machen dürfen. Alle dürfen Filme über alle machen. Das nur zur]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Neugierig auf Dokus, die trans Lebenswelten einfangen? Lies Beaus Kritik am Film &#8222;Trans: I Got Life&#8220; (2021)&#8220; und erfahre außerdem welche Dokus sehenswert sind.</strong><span id="more-15981"></span></p>
<p align="JUSTIFY">Um diesen Artikel von Vorneherein richtig einzuleiten: ich vertrete nicht die Überzeugung, dass cis Regisseur*innen keine Filme über trans Menschen machen dürfen. Alle dürfen Filme über alle machen. Das nur zur Klarstellung, damit meine Worte nicht als Munition für die „Man darf ja nichts mehr“-Maschinerie herangezogen werden. Aber, wie sich gleich zeigen wird: wenn man sich entschließt, dokumentarisch zu einer marginalisierten Gruppe zu arbeiten, der man selbst nicht angehört, muss man es eben richtig machen. Von Filmen, die es, wie ich finde, richtig gemacht haben, zeige ich im zweiten Teil des Artikels eine Auswahl – aber zuerst müssen wir uns dem Gegenbeispiel widmen.</p>
<p align="JUSTIFY">Der größte deutsche Dokumentarfilm über trans Menschen, der in den letzten Jahren erschienen ist, heißt „<i>Trans: I Got Life</i>“ (2021). Die Regisseurinnen Imogen Metz und Doris Kümmel widmeten sich einem siebenjährigen Prozess, um den Film auf die Leinwand zu bringen, der auf den Münchener Filmfestspielen Premiere feierte und dort auch gleich den Publikumspreis gewann. Der Film folgt mehreren trans Protagonist*innen, sowohl trans Männern als auch trans Frauen, in ihrem Alltag über längere Zeit – Stress mit der Familie, Spaziergänge durchs Dorf, auf der Arbeit sein, und dann natürlich die OPs. Viele, viele OPs.</p>
<p align="JUSTIFY">Ich merke, dass es gar nicht so einfach für mich ist, über „Trans: I Got Life“ zu schreiben. Es ist ein Film, der eine hyperdifferenzierte Behandlung erfordert. Eine Behandlung, die ich mit mehreren sehr vorsichtigen Aussagen beginnen muss: erst mal ist nichts von dem, was ich schreibe, eine Kritik an den Protagonist*innen, die sehr viel auf sich nehmen, um Teil eines solchen Projektes zu sein, und denen es hoffentlich viel gebracht hat. Weiterhin &#8211; natürlich ist es toll, dass cis Regisseur*innen sich Mühe geben, trans Menschen vor die Kamera zu holen, und natürlich ist es bemerkenswert und hoffentlich für die Zukunft prägend, dass dafür Filmförderung gestellt wird und dass jener Film dann so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Natürlich gibt es sehr, sehr viele trans Menschen, die sich in dem Film wiederfinden werden, die binär trans sind, die einen Weg anstreben, der von OPs gezeichnet ist und der insgesamt der im Film dargestellten trans Leben sehr ähneln wird. Natürlich hilft ein solcher Film Menschen, die sich vielleicht nicht ganz sicher sind, ob sie wirklich trans sind, und natürlich bauen derartige filmische Dokumente gesellschaftliche Transfeindlichkeit ab.</p>
<p align="JUSTIFY">Na ja. Das war jetzt ein ganzer Absatz vorsichtiger Aussagen, wobei ich mir bei der letzten gar nicht mal so sicher bin, denn vielleicht werde ich nach dem Konsum von „<i>Trans: I Got Life</i>“ dann nicht mehr mit offener Feindlichkeit konfrontiert, sondern mit Mitgefühl für mein „schweres Schicksal“. Beides beruht auf Stereotypen, beruht darauf, mich nicht als Mensch zu sehen, sondern in eine Schublade einzusortieren, auf der „transsexuell“ steht. Eine Schublade, für die es viele Expert*innen gibt, cis Expert*innen natürlich. Und so muss ich mir in „<i>Trans: I Got Life</i>“ lange Interviews mit einem Arzt anhören, der über „unbehandelte transsexuelle Patienten“ spricht. Gerade der Umgang mit der Protagonistin, einer jungen trans Frau, die kurz vor ihrer geschlechtsangleichenden OP steht, hat mich verärgert. Mir wird schlecht vor Wut, wenn ich sehe, wie der cis Operateur mit ihr redet, als wäre sie fünf Jahre alt, und auch wie ihre Mutter mit ihr redet. Mussten wir dann wirklich auch ihre OP sehen? Laut einem Artikel der Glamour<a class="sdfootnoteanc" href="#sdfootnote1sym" name="sdfootnote1anc"><sup>1</sup></a> sagte Imogen Kimmel vor der Premiere des Films: „<i>Wir werden gleich grafische Szenen mit Blut sehen, nur dass ihr darauf vorbereitet seid. Wem dabei schlecht wird, kann während den Szenen im OP gerne nach draußen gehen.“</i> Warum sehen wir diese Szenen? Wozu ist das gut, wenn nicht für den Schockfaktor? Und wie unterscheidet es sich damit von den reaktionären, auf Schock ausgelegten medialen Erzählungen über trans Menschen der letzten fünfzig Jahre? In dem Artikel der Glamour kommen auch noch ein paar andere bemerkenswerte Infos zu Tage: <i>„Die Idee für die die Doku “TRANS –I Got Life” hatte Imogen Kimmel ganz zufällig, als Dr. Schaff, der Arzt, den man in der Dokumentation kennenlernt, 2015 im Flugzeug neben ihr saß und von seiner Arbeit als plastischer Chirurg mit Schwerpunkt “geschlechtsangleichende Operationen” berichtete.“ </i>Deswegen also nimmt ein paternalistischer cis Chirurg in einem Film über trans Menschen so außergewöhnlich viel Raum ein, deswegen ist er eine so große Autorität, der Mann, der so viel über diese ach so mysteriösen, traurigen, mit sich selbst beschäftigen Transsexuellen weiß, viel mehr, als sie über sich selbst wissen können. Die Entmündigung ist real. Dass viele trans Menschen das Wort „transsexuell“ gar nicht mehr für sich verwenden, ja sogar als verletzend empfinden, spielt dabei keine Rolle. Der Chirurg wird als Meister über das Schicksal inszeniert, als der, der neue Menschen schafft, verbunden mit irgendwelchen halb spirituellen Aussagen über die Macht von Technik über Natur und das Anthropozän. Cis Menschen sind <i>obsessed</i> mit dem Gedanken, dass die Existenz von trans Menschen irgendwelche grundlegenden Dinge über das Anthropozän aussagt. Trans Menschen als Metapher, als Ausgangspunkt einer philosophischen „Debatte“. Das wir als Community unsere eigenen Philosoph*innen, unsere eigenen Theorien haben, scheint Metz und Kimmel nicht untergekommen zu sein. Man fragt sich: haben die Regisseurinnen in den sieben Jahren Filmentwicklung solche Grundlagen-Texte wie „<i>Trans. Frau. Sein.</i>“ von Felicia Ewert oder „<i>Whipping Girl</i>“ von Julia Serano gelesen? Das hätte vielleicht geholfen, gesellschaftliche Transfeindlichkeit, spezifisch Transmisogynie, zu benennen und als strukturell und institutionell einzuordnen.</p>
<p align="JUSTIFY">Ich interpretiere das zu Wort kommen der vielen trans Menschen und weiteren „Expert*innen“ für „Transsexualität“ so, dass der Film die Intention verfolgt, ein breites Bild von trans Identität zu zeichnen und verschiedene Lebensentwürfe zu zeigen. Hier allerdings liegt das Problem: das Konzept von trans sein, welche „<i>Trans: I Got Life</i>“ letztendlich an das Publikum bringt, ist sehr begrenzt. Nichtbinäre Menschen, trans Menschen, die keine OPs oder Hormone anstreben, und trans Aktivist*innen, die für unsere Rechte kämpfen, kommen nur am Rand vor. Mir erscheint es, als vermittle der Film wieder und wieder die Idee, trans Menschen seien doch eben „ganz normal“, hätten nur ein besonders schweres Schicksal, was natürlich im Endeffekt dazu führt, dass ein Teil der Community immer als „zu laut, zu bunt, zu radikal“ wahrgenommen werden wird, bei gleichzeitiger Individualisierung aller gesellschaftlichen Probleme, die mit dem trans Sein einhergehen.</p>
<p align="JUSTIFY">Wenn man ein breites Bild der trans Community bekommen und sich gleichzeitig mit medialen Ideen von trans Identität beschäftigen möchte, hilft einem die auf Netflix verfügbare Dokumentation „<i>Disclosure: Trans Lives on Screen“ </i>(2020, Sam Feder)<i>. </i>Hier wird besonders die Inszenierung von trans femininen Geschichten als Narrativ von Enthüllung und Schock analysiert, die ich vorhin angesprochen habe, wobei cis „Expert*innen“ nicht dominierend zu Wort kommen. Vor kurzem ist auf Netflix auch ein viel gelobter deutscher Dokumentarfilm über queere Leben in den 1920er Jahren erschienen, den ich selbst noch nicht gesehen habe: „<i>Eldorado – Alles, was die Nazis hassen</i>“ (2023, Benjamin Cantu). Der Film beschäftigt sich unter anderem mit Magnus Hirschfeld, dessen Institut für Sexualwissenschaft als Kontaktstelle für trans Menschen eine große Rolle spielte – und dessen gesamte Bibliothek an Forschung und Wissen in den Flammen der nationalsozialistischen Bücherverbrennung aufging.</p>
<p align="JUSTIFY">Neben diesen zwei allgemeineren Empfehlungen möchte ich noch eine privatere hinzufügen: „<i>Southern Comfort</i>“ (2001, Kate Davis). Hin und wieder ist der Film auf YouTube verfügbar, wenn man Glück hat. In der Dokumentation folgt Davis dem trans Mann Robert Eads, der in einem winzigen Haus abseits der Zivilisation ein Cowboy-Leben führt, durch die Jahreszeiten. Wir bekommen mit, wie Eads mit seiner <i>chosen family</i> Zeit verbringt – andere trans Menschen, die seine Geschwister und Kinder geworden sind – wie er sich in die trans Frau Lola verliebt – und wie er in keinem einzigen Krankenhaus Hilfe für seinen Gebärmutterkrebs findet. Alle weigern sich, einen trans Mann zu behandeln. „<i>Southern Comfort</i>“ ist ein intimes Porträt einer kleinen Gruppe an trans Menschen, und genau dadurch so effektiv: der Film hat nicht den Anspurch, etwas grundlegendes über <i>alle</i> trans Menschen zu sagen. Trotz Eads’ Krebserkrankung liegt der Fokus nicht auf medizinischen Aspekten des trans Seins, sondern auf seiner Interaktion mit seiner Community, seinem Bemühen und Aktivismus, seiner Menschenwärme. Ganz ohne melancholische Musik, die mir sagt, dass das alles zwar schön ist, aber irgendwie auch super tragisch, ist es angenehm, trans Menschen einfach Mal beim Herumsitzen, Quatsch machen und Grillen zuzuschauen.</p>
<div id="sdfootnote1">
<p class="sdfootnote"><a class="sdfootnotesym" href="#sdfootnote1anc" name="sdfootnote1sym">1</a>Madlener, Hanna: „Doku “TRANS – I Got Life”: Dieser Film hat mir gezeigt, was ich von Transmenschen lernen kann“, Glamour, 2022, in: &lt;https://www.glamour.de/artikel/doku-trans-i-got-life&gt;</p>
</div>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Passing: Überlegung in 4 Takten</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2023/11/passing-ueberlegung-in-4-takten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Beau]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Nov 2023 08:41:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Passing]]></category>
		<category><![CDATA[trans*]]></category>
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					<description><![CDATA[Heute ist der Transgender Day of Remembrance, ein Gedenktag für die Opfer und Betroffenen von transfeindlicher Gewalt. In &#8222;Passing: Überlegung in 4 Takten&#8220; nimmt Beau uns mit auf eine Reise an verschiedene Orte, die eins gemeinsam haben: Passing spielt überall eine Rolle. Was Passing für Beau bedeutet und warum er vielschichtige Gefühle dazu hat, erfahrt]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Heute ist der Transgender Day of Remembrance, ein Gedenktag für die Opfer und Betroffenen von transfeindlicher Gewalt. In &#8222;Passing: Überlegung in 4 Takten&#8220; nimmt Beau uns mit auf eine Reise an verschiedene Orte, die eins gemeinsam haben: Passing spielt überall eine Rolle. Was Passing für Beau bedeutet und warum er vielschichtige Gefühle dazu hat, erfahrt ihr im Text.</strong><br />
<span id="more-15820"></span></p>
<p>Ich erinnere mich an den essentiellen Rausch der Pariser Metro. Einsteigen, Aussteigen, sich von warmen Körpern zur Seite drängen lassen in einer Flut aus heißem Wind, Schweißgeruch, das Geräusch von Metall auf Metall, sekundenlange Dunkelheit, Gesichter, die hinter Masken hervor luken, und dazu die hämmernden Bässe französischen Raps. Im nördlichen Banlieu lebend, war die Metro meine Lebenslinie, meine Verbindung zum lichtdurchfluteten Herzen der Stadt, zumindest in Nicht-Lockdown-Zeiten. Ich trug meinen blauen, zu weit geschnittenen Mantel und lief die langen Linien der Stadt ab. Stand im Weg, verstand die unausgesprochenen Regeln der Rolltreppen nicht. Monsieur! Monsieur! Die Maske half, der Winter ebenfalls, meine Form nur noch gerade Striche unter Schals und Pullovern. Ich hörte „Ich bin Linus“ von Linus Giese, dachte mir, dass mir so etwas Schweres wie eine Transition wohl nie gelingen würde, und wurde von meinen Mitpassagieren, die nie einen zweiten Blick auf mich verschwendeten, automatisch richtig gegendert, ohne dass ich mir besonders viel Mühe gegeben hätte. Der zweite Blick – und die Überraschung, die Korrektur – folgten erst an der Supermarktkasse, wenn ich meine Stimme erhob, um in brüchigen Französisch „Hallo“ oder „Danke“ zu sagen. Oh, vous êtes une femme! Schulterzucken, entschuldigend lächeln, den mentalen Facebook-Status auf „Es ist kompliziert“ umstellen, den Song „Paris“ von Hans Unstern hören und hoffen, dass die Außenwelt es schon irgendwie mitbekommen wird.</p>
<p>Es ist wohl so eine Sache mit mir, Passing und Mänteln. Zumindest trug ich auch einen Mantel – diesmal rot statt blau – als ich von einer Gruppe Jugendlichen in meiner Heimatstadt transphob angeschrien wurde, mehrere Jahre bevor ich selbst meine Transidentität realisierte. Ich hätte wohl nicht stehenbleiben dürfen, nachdem sie mir nachriefen: „Bist du ein Mann oder eine Frau?“ Heute würde ich auch nicht mehr stehenbleiben. Aber ich war wohl mal optimistischer, interessierter an sogenanntem Diskurs im sogenannten öffentlichen Raum. Auf der Straße in meiner Unistadt zeigt ein Kind auf mich: „Schau mal, ein Transgender“, sagt es zu seiner befreundeten Person. Nach anderthalb Jahren Hormoneinnahme passe ich also als transgender. Besuche bei mir unbekannten Arztpraxen und Bahnhofstoiletten werden kompliziert, genauso Grenzübergänge und Schwimmbäder, all diese grauweißen Blanko-Situationen, die nach Desinfektionsmittel riechen.</p>
<p>Jetzt wohne ich auf dem Dorf, trage achtzig Prozent der Zeit schlammige Arbeitsschuhe, lasse mir einen schrecklichen Nackenbart stehen und die Mädels vor dem lokalen Döner geben flirty Kommentare ab. Da verziehe ich mich schnell ins Warme und tue so, als würde ich ganz non-chalant auf meinem Handy scrollen. Keine Miene verziehen wie ein echter Kerl. Die Röte auf den Wangen stammt von der Kälte draußen, klar. Ich freue mich nicht, wenn ich passe. Oder ich freue mich doch, aber es ist eher so ein puh, ich hab’s geschafft, ich bin nicht aufgeflogen. Ich könnte so etwas Verklausuliertes schreiben wie „Ich bin ein queerer Untergrund-Agent im nationalen heteronormativen System“, aber was mache ich schon, außer mir jeden Morgen etwas Testosteron auf die Arme zu schmieren? Klar ist das irgendwo auch revolutionär, aber wir wollen’s mal nicht übertreiben. Ich bin mostly binär transmännlich, ich mogele mich durch, gut genug, um nicht diesen gefährlichen zweiten Blick herauszufordern, zumindest, wenn man mich auf der Straße passiert. Im Festzelt beim Erntedankgottesdienst stehen die Dinge schon anders, hinten in der letzten Reihe. Mir fehlt ein gewisses je ne sais quoi. Vielleicht ist mein Outfit doch zu koordiniert, um als normaler Typ durchzugehen. Mein Habitus zu kontrolliert, zu bedacht darauf, gerade zu stehen und die Arme vor der Brust zu überkreuzen. Ein Hauch Androgynität in meiner Stimme beim Singen. Vielleicht sollte ich der freiwilligen Feuerwehr beitreten oder dem Kirchenrat. Zumindest traut sich niemand, etwas zu sagen.</p>
<p>Passing ist eins dieser aufwühlenden Themen in der Community. Was bedeutet Passing überhaupt für nicht binäre Personen? Ist es okay, passen zu wollen, als cis durchgehen zu wollen, oder unterwerfen wir uns damit nur dem oppressiven Willen der Mehrheitsgesellschaft? Oder müssen wir möglichst viel dafür tun, zu passen, um vor Übergriffen geschützt zu sein? Wird Passing verkompliziert durch eine wachsende mediale Sichtbarkeit von trans Menschen?<br />
Wir werden uns noch lange mit diesen Fragen beschäftigen müssen. Meine eigenes Verhältnis zu Passing bleibt indessen vielschichtig; es ist ein Tanz, für den man sich schick macht und dessen Schritte man jahrelang einübt, um dann hoffentlich im überfüllten Saal unterzugehen.</p>
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		<title>Was geht eigentlich gerade in den USA ab – Gedanken zu transfeindlichen legislativen Entwicklungen</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2023/10/was-geht-eigentlich-gerade-in-den-usa-ab-gedanken-zu-transfeindlichen-legislativen-entwicklungen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Beau]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Oct 2023 11:22:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[trans*]]></category>
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					<description><![CDATA[Beau kommentiert die legislativen Entwicklungen von Trans*-Rechten in den USA und fragt sich, was das mit ihm selbst zu tun hat. 566 Anti-Trans Gesetzesentwürfe. 566. Wenn ich die Seite translegislation.com in einigen Tage aktualisiere, werden es noch mehr sein. Von diesen 566 Gesetzesentwürfen, die sich auf die Bundesstaaten der USA verteilen, sind 125 bereits gescheitert,]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Beau kommentiert die legislativen Entwicklungen von Trans*-Rechten in den USA und fragt sich, was das mit ihm selbst zu tun hat.</strong><span id="more-15753"></span></p>
<p>566 Anti-Trans Gesetzesentwürfe. 566. Wenn ich die Seite translegislation.com in einigen Tage aktualisiere, werden es noch mehr sein. Von diesen 566 Gesetzesentwürfen, die sich auf die Bundesstaaten der USA verteilen, sind 125 bereits gescheitert, 83 wurden verabschiedet. Im Gegensatz dazu steht das Jahr 2022 mit „nur“ 174 Gesetzentwürfen (142 gescheitert, 26 verabschiedet). Diese Entwürfe, die sich auf 49 der 50 us-amerikanischen Bundesstaaten verteilen, betreffen alle Aspekte des Lebens einer trans Person – Kontrolle bis hin zur kompletten Unmöglichmachung medizinischer Transition, Verbot des Nutzens öffentlicher Toiletten, Sport-Verbote. Queer.de berichtete, dass sich etwa die Hälfte der Gesetze auf den Schul- und Bildungsbereich beziehen. Üblich sind sogenannte „book bans“, bei denen Literatur, die sich mit queeren, aber auch mit anti-rassistischen Themen beschäftigt, aus Schulbüchereien entfernt werden soll, sowie damit einhergehend häufig der Verbot von Unterrichtsmaterial gleicher Art.<br />
Ein ausführlicheres Beispiel &#8211; Oklahoma Senate Bill 129 (in Übersetzung): „Ein Arzt oder eine andere medizinische Fachkraft darf einer Person unter sechsundzwanzig Jahren keine Hilfe zur Gender Transition anbieten. (…) Ein Arzt oder eine andere medizinische Fachkraft, die wissentlich eine Überweisung für eine Transition ausgestellt oder eine solche durchgeführt hat an einer Person unter sechsundzwanzig Jahren, macht sich bei Verurteilung einer Straftat schuldig.“<br />
Eine medizinische Transition bezieht sich meistens auf das Einnehmen von Hormonen und/oder Hormonblockern sowie gegebenenfalls OPs verschiedenster Art (beispielsweise die Mastektomie bei transmaskulinen Personen) und einer Sammlung anderer Maßnahmen (beispielsweise Laser-Haarentfernung). Nicht alle trans und nicht-binären Menschen haben Interesse an einer medizinischen Transition, und nicht jede medizinische Transition sieht völlig gleich aus.<br />
Die ersten Forderungen zur Einschränkung medizinischer Transitionen beschäftigten sich größtenteils mit dem Verbot von (nachgewiesenermaßen reversiblen und sicheren) Hormonblockern bei Jugendlichen. Diese ermöglichen ein verschobenes Einsetzen der Pubertät und schaffen Bedenkzeit für die jungen Menschen, um herauszufinden, was sie möchten und wie sie sich gegenüber ihrem Körper fühlen.<br />
Inzwischen hat sich der Diskurs so verschärft, dass wie in Bill 129 beschrieben Erwachsenen bis zum Alter von 26 Jahren die Transition völlig verweigert werden soll, unter Androhung von Strafe für das medizinische Personal. An anderer Stelle geht der Gesetzestext noch darauf ein, dass keine staatliche Krankenkasse Transitions-Maßnahmen bezahlen darf. So verschiebt sich der Diskurs. Ein höheres Alter als 26 für die „Erlaubnis“ der Transition hat bisher niemand vorgeschlagen – aber wenn es kommt, werde ich nicht überrascht sein. Bis irgendwann der komplette Verbot medizinischer Transition in einem Gesetzesvorschlag auftaucht. Diese Gesetze stellen sich komplett gegen den medizinischen Konsens. Auch in der USA bezeichnet beispielsweise die American Medical Association medizinische Transitions-Maßnahmen für die, die sie wollen, als notwendig.<br />
Auf der Conservative Political Action Conference 2023 sagte der Kommentator und Autor Michael Knowles: „Beim Umgang mit Transgenderismus [sic] kann es keinen Mittelweg geben. (&#8230;) Wenn es falsch ist, dann muss Transgenderismus zum Wohle der Gesellschaft (&#8230;) vollständig aus dem öffentlichen Leben getilgt werden.&#8220;<br />
Weißt man Knowles auf die extreme menschenfeindliche Natur seines Statements hin, kommt man nicht besonders weit, denn er macht einen Unterschied machen zwischen „Transgenderismus“, der angeblichen „Ideologie“, und Einzelpersonen, eine argumentative Masche. Wenn Menschen wie er von der Auslöschung von „Transgenderismus“ sprechen, ist klar, was – oder eher wer – damit gemeint ist. Trans Menschen gelten als Anhänger*innen einer angeblich gefährlichen „Ideologie“, die als aktive Gefahr wahrgenommen wird und gegen die sich verteidigt werden muss. Diese Rhetorik kritisiert das Lemkin-Insitut für Genozid-Prävention folgendermaßen:<br />
„Das Lemkin-Institut möchte betonen, dass Genozid ein Verbrechen gegen Gruppenidentitäten und nicht gegen einzelne Menschen ist (&#8230;). Ein offensichtlich überzeugter Transphobiker wie Knowles könnte glauben, dass Transgender-Menschen nicht real sind und stattdessen durch etwas namens &#8222;Transgenderismus&#8220; in die Irre geführt werden, so dass er mit der Ausrottung von &#8222;Transgenderismus&#8220; keine reale Identität auslöschen würde. Zu diesem Gedankengang können wir nur anmerken, dass die Arroganz, zu bestimmen, welche Identitäten real sind und welche nicht, und somit zu bestimmen, welche Identitäten ausgelöscht werden können, bereits ein großer Schritt in Richtung Genozid ist. Sobald eine Identität als illegitim, kriminell und bedrohlich eingestuft wird, ist es mit der Tötung von Menschen mit dieser Identität nicht mehr weit her.“<br />
Natürlich ist Michael Knowles noch nicht über alle Maßen bekannt, und zweifelsohne werden viele der 566 Gesetzentwürfe scheitern. In einigen Bundesstaaten existieren erst sehr wenige Anti-Trans Vorschläge, sowie „erst“ 31 auf Bundesebene, gegenüber denen der derzeitige Präsident Biden bisher nicht zu offen zu sein scheint.<br />
Was diese Masse an Gesetzesentwürfen jedoch demonstriert, ist der Umschwung des gesellschaftlichen Klimas und die Diskurshoheit von Transfeindlichkeit. Konservative und Rechts-Populist*innen, die sich profilieren möchten, schmücken sich mit uns, dem neuen „Hot Topic“. Diese Diskursmacht entstand natürlich nicht erst gestern, sondern resultiert aus einer jahrelangen, mal untergründigen, mal offensichtlichen Kampagne eines explosiven politischen Zusammenschlusses aus ebenjenen rechtspopulistischen Stimmungsmacher*innen, ihren Geldgebenden, fundamentalistischen christlichen Organisationen sowie TERFs. (Diese Allianz und ihre Geschichte muss man noch viel gründlicher analysieren, als ich es in diesem Artikel angehe.)<br />
All das aufzuschreiben, so emotionslos wie möglich, sich durch diese stumpfen Gesetzestexte zu wühlen, die sachlich die komplette Zerstörung der eigenen Menschengruppe propagieren – am Ende, nach all der Angst und der Wut stoße ich auf dem Grund meines Seins auf eine einzige Frage: Warum? Ich möchte nicht zu tief in die Psychologie der Menschen hinter diesen Gesetzesvorschlägen eindringen. Da ist kalter Opportunismus – Anti-Trans-Gesetze verkaufen sich sozusagen gut. (Ob sie wirklich zu so viel mehr Wählerstimmen führen, bleibt abzuwarten.) Da ist Angst, der Gedanke, dass diese trans Menschen zu einem nach Hause kommen, die Kinder „verwandeln“, das Fenster mit Graffiti beschmieren und gleich noch die Reifen des Benzinerns zerstechen.<br />
Dann, je länger ich schreibe, je länger ich darüber nachdenke, gerate ich mit mit mir in Zwiespalt. Natürlich möchte ich einfach nur mein Leben als trans Person leben, in Ruhe gelassen werden, ohne Probleme ins Krankenhaus oder auf eine öffentliche Toilette gehen können wie andere auch. Assimilation, „normal sein“, nicht auffallen, das alles reizt, und oft baue ich auf mein Passing, um einen angenehmeren Alltag zu haben, ohne Übergriffe und Belästigung. Aber abseits dieses Bedürfnisses nach persönlicher Sicherheit stehen meine politischen Ansprüche. Die gesellschaftlichen Zwänge, die uns das Geschlecht, das uns bei der Geburt zugeordnet wird, aufdrückt, möchte ich loswerden, für cis Männer und cis Frauen genauso wie für trans Menschen und nichtbinäre Personen. Ich kann schlecht dafür argumentieren, dass man mich als trans Mensch nur in Ruhe zu lassen braucht, weil ich ja „niemandem etwas tue“ – das wäre der ultimative Rückzug ins Private. Ich will eben nicht, dass alles bleibt wie es ist. Ich wünsche mir vollständige geschlechtliche Selbstbestimmung ohne Diskriminierung und die Möglichkeit, unsere Körper so zu verändern, wie wir es uns wünschen; und wenn konservative oder rechtspopulistische Kräfte diese Wünsche als Angriff auf ihr fragiles Lebensmodell sehen, dann weil sie so gemeint sind. Aber im Gegensatz zu ihnen hege ich keine Auslöschungsfantasien – ich möchte, dass Menschen sich frei dazu entscheiden können, wie sie leben wollen, und all ihre Möglichkeiten kennenlernen dürfen.<br />
Eigentlich wollte ich in diesem Artikel auch über Großbritannien schreiben, über Uganda. Am Ende ist es doch nur wieder die USA geworden, die sicher unsere Berichterstattung bereits ausreichend dominiert. Angesichts der Lage in all diesen anderen Staaten erfüllt mich ein Gefühl der Ohnmacht. Sicher, ich kann an entsprechende Organisationen spenden, ich kann auf das Unrecht aufmerksam machen, und natürlich in Deutschland aktivistisch tätig sein, damit die diskursive Welle der Transfeindlichkeit (die bereits merklich das Selbstbestimmungsgesetz beeinflusst hat) nicht noch zu einem schlimmeren gesellschaftlichem Klima führt. Die Kraft zu finden und all das zu tun, ist zweifelsohne wichtig, doch meine Gedanken halten sich an all die Menschen, die jetzt gerade von diesen neuen Gesetzen unterdrückt werden, die einzelnen Personen, deren Namen ich nicht kenne und denen ich nicht helfen kann, wie ich meinen Geschwistern gern helfen würde. „Wenn sich die Welt so für einen interessiert, fragt man sich schließlich, ob man nicht etwas Seltenes und Kostbares an sich hat – wie sonst ließe sich erklären, dass alle Bewegungen, die der Freiheit den Tod wünschen, so genau wissen wollen, was wir mit unseren Identitäten (…) anfangen?“ fragt Virginie Depentes. Auf Gesetze, auf die Polizei ist kein Verlass, um uns zu schützen. Aber wir sind wertvoll, und wir müssen uns selbst beschützen. Als Community gemeinsam lernen, gemeinsam auf die Straße gehen, gemeinsam zu Ärzt*innen gehen. Aber genauso gemeinsam trauern, um die, die nicht mehr bei uns sein können.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Alienation</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2022/08/alienation/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Beau]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Aug 2022 10:42:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierung]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Queer]]></category>
		<category><![CDATA[trans*]]></category>
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					<description><![CDATA[Wir freuen uns, euch mit Beau einen neuen Autoren auf meinTestgelände vorstellen zu dürfen. In seinem ersten Text „Alienation“ beschreibt er das Gefühl, sich als trans* Person alleine in Cis-Räumen zu bewegen. Er lässt uns an der Anspannung teilhaben, die bereits durch die Antizipation von Diskriminierung ausgelöst wird und wie wichtig daher queere Rückzugsräume sind.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="Body"><strong>Wir freuen uns, euch mit Beau einen neuen Autoren auf meinTestgelände vorstellen zu dürfen. In seinem ersten Text „Alienation“ beschreibt er das Gefühl, sich als trans* Person alleine in Cis-Räumen zu bewegen. Er lässt uns an der Anspannung teilhaben, die bereits durch die Antizipation von Diskriminierung ausgelöst wird und wie wichtig daher queere Rückzugsräume sind.</strong></p>
<p><span id="more-14976"></span></p>
<p>Vor kurzem war ich, relativ kurz aufeinander folgend, Gast auf zwei künstlerischen Festivals. Meine Freude über das Privileg, solche Veranstaltungen besuchen zu können – gerade in pandemischen Zeiten – trübte jedoch der Fakt, dass ich meines Wissens nach die einzige trans Person unter dutzenden bis hunderten von cis Menschen war. Im Englischen gibt es ein schönes Wort dafür: alienation. Die Übersetzung Entfremdung trifft es für mich nicht so ganz; alienation fängt das „zum Alien werden“ ein. In einem Raum voller cis Menschen war ich das Alien. Ich habe zum ersten Mal verstanden, wie dieses Gefühl einen brechen kann. Als ich mich wieder in einem Raum voller queerer Menschen aufhielt, war es wie ein Aufatmen.</p>
<p>Dabei könnte man einlenken: mir ist doch gar nichts passiert. Mir ist keine konkrete Gewalt widerfahren, niemand hat mich blöd angemacht – ich sollte doch froh sein. Tatsächlich ist es schwierig, in Worte zu fassen, was denn eigentlich das Problem ist, wenn nur das Potential von Diskriminierung in der Luft liegt, die Angst, jederzeit könnte ein beschissener Kommentar fallen, und niemand würde sich Mühe geben, mir zur Unterstützung beizuspringen. Das Wissen: wenn etwas passiert, bin ich allein. Die Fragen: tolerieren sie mich nur, weil ich ein weißer, transmaskuliner Mensch bin? Würden sie mit meinen Geschwistern, die andere Labels tragen, anders umspringen? Werden meine Arbeit und meine Aussagen anders behandelt als die von meinen cis Mitbürger*innen? Sind sie wirklich froh, dass ich da bin – oder sind sie froh, weil meine Anwesenheit ihnen beweist, wie tolerant sie selbst sind?</p>
<p>Denn gerade in linken Räumen besteht ja häufig durchaus ein Interesse, dass trans Menschen und queere Menschen mit am Tisch sitzen. Doch dieses Interesse resultiert dann nicht in konkreten Maßnahmen, die Räume für trans Menschen zugänglicher machen würden. Wie viele Orte nennen sich beispielsweise „FLINTA* Only“, begreifen „FLINTA*“ jedoch nur als „aufgeklärte“ Version des Wortes „Frauen“ und verweigern dann sowohl trans Frauen, trans femme Personen und als auch Menschen, die sie als zu butch und zu maskulin einstufen, den Zutritt? Andere wichtige Maßnahmen wären vielerorts die Schaffung von einer nicht gegenderten Toilette, die Einführung von Awareness Teams oder Diskriminierungsbeauftragen oder generell das Anbieten von Schulungen über Transphobie. Wenn es an Wissen fehlt, bestehen in unserer Zeit der Instagram-Infographik genug Möglichkeiten, sich dieses Wissen anzueignen – das Interesse muss nur da sein. Wahres Interesse, die Perspektiven von trans Menschen mit einzubeziehen, auch wenn das zusätzliche Arbeit bedeutet.</p>
<p>Und selbst, wenn man als Organisation all die Arbeit macht, ist es wichtig, ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass es trotzdem nicht genug sein kann. Kein Ort, an dem Menschen miteinander kommunizieren, ist je perfekt, egal wie viel Anti-Diskriminierungs-Wissen in ihm steckt. Die Erkenntis der Unmöglichkeit darüber, jemals mit der Arbeit gegen Diskriminierung fertig sein zu können, sollte jedoch nicht davon abhalten, es zu versuchen. Solange ein Raum größtenteils aus nicht queeren Menschen besteht – und das sind die meisten Räume – wird es für mich eben immer einen Punkt geben, an dem ich mich wieder irgendwohin zurückziehen muss, wo ich von meiner Community umgeben bin. Ich vermute, das geht vielen queeren Menschen so.</p>
<p>Genau deswegen braucht es auch eine Vielzahl von queeren Räumen, welche die Bedürfnisse aus allen Ecken der Community erfüllen: sowohl offene, fehlerfreundliche Orte, in denen Menschen mit verschiedenen Erfahrungsschätzen miteinander in Diskurs treten können, als auch geschlossene safe spaces als Entspannungs- oder Unterstützungsangebot und Antwort auf diskriminierende Erfahrungen. Vielerorts bestehen bereits hervorragende Strukturen – queere Menschen haben sich vernetzt, ihre eigenen Räume geschaffen. Abseits von großen Städten stoßen derartige Initiativen jedoch oft auf Unverständnis von öffentlicher Seite, auf einen Mangel an geeigneten<br />
Räumlichkeiten oder an finanzieller Förderung. Zum Glück schafft das Internet inzwischen Abhilfe, auch wenn Online-Communities nicht immer ein Ersatz für konkrete Hilfe vor Ort sein können.</p>
<p>In der ebenfalls eher provinziell veranlagten Gegend, in der ich mich gerade herumtreibe, hat sich vor ein paar Monaten ein Transmännlichkeiten-Stammtisch zusammengefunden. Zeitgleich hat eine Gruppe begonnen, zweimal pro Monat ein queeres Treffen im örtlichen linken Zentrum zu organisieren. All die Bücher von trans Autor*innen, die ich gelesen habe, die Twitteraccounts, denen ich folge, die Online-Communities – all diese Ressourcen haben mir geholfen, doch sie kommen nicht an die heilende Wirkung heran, welche diese beiden regelmäßigen online oder in Präsenz stattfindenden Treffen auf mich hatten. Ich wünsche mir für alle trans Menschen, die sich des Öfteren in cis-dominierten Räumen aufhalten, solche Rückzugsmöglichkeiten.</p>
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