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	<title>Ursula Recih &#8211; meinTestgelaende.de</title>
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	<title>Ursula Recih &#8211; meinTestgelaende.de</title>
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	<item>
		<title>Zwischen Sex und Sex (Teil 2)</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2024/04/zwischen-sex-und-sex-teil-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ursula Recih]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Apr 2024 12:55:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Sex]]></category>
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					<description><![CDATA[Sex ist nicht gleich Sex. Im zweiten Teil springt Autorin Ursula zwischen ganz individuellen Erfahrungen. CN: Dieser Text enthält explizite Darstellungen von sexuellen Handlungen, die von einigen als gewalttätig empfunden werden könnten, sowie Szenen von Missbrauch und Themen rund um schädigende Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Körperbild und Selbstwert. Wenn du dich durch solche Inhalte gestört]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Sex ist nicht gleich Sex. Im zweiten Teil springt Autorin Ursula zwischen ganz individuellen Erfahrungen. </strong></p>
<p><strong>CN: Dieser Text enthält explizite Darstellungen von sexuellen Handlungen, die von einigen als gewalttätig empfunden werden könnten, sowie Szenen von Missbrauch und Themen rund um schädigende Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Körperbild und Selbstwert. Wenn du dich durch solche Inhalte gestört fühlen könntest oder unsicher bist, ob du sie verkraften kannst, denke bitte darüber nach, ob du dich gut genug fühlst und ob du jemanden hast, mit dem du darüber sprechen kannst.</strong><span id="more-16007"></span></p>
<p>A. setzt sich auf sein Gesicht. Bewegt sich vor und zurück und im Kreis, spürt seine Zunge in ihr.<br />
Sie stöhnt, wirft ihren Kopf nach hinten, stützt sich an der Wand ab. Das ist hot, sie will ihn reiten,<br />
seinen Kopf mit ihrem Gewicht ins Kissen drücken, richtig sein Gesicht ficken. Er packt sie an<br />
ihrem Arsch, A. dreht sich um und sieht seinen harten Schwanz. Als sie ihn angrinst nickt er, nimmt<br />
ihre Hand führt sie an seinen Schwanz und kommt.</p>
<p>„Ich kann grad nicht, es tut mir leid“ sagt T. zu ihm. Sie will ihn nah bei sich haben, sein Geruch<br />
beruhigt sie, aber alles sexuelle geht gerade nicht. Sie ist zu traurig, zu verletzt, da ist kein Funken<br />
Lust in ihr. Die Szene läuft stattdessen non stop in ihrem Kopf, wie er sie packt, sein Lachen, seine<br />
fremden Hände auf ihrem Körper.</p>
<p>Sie werden sexualisiert, in fuckable oder nicht kategorisiert. Sie werden beschimpft, bleiben Katzen<br />
denen zugeschnalzt wird. Das Böse und Süße wird in ihnen herauf beschworen, fetischisiert werden<br />
sie für ihre mit Zuschreibungen überladenen Körper. Körper, die vom Rasieren bluten, sich<br />
entzünden, zu oft gewaschen werden. Körper, die nie genug und oft zu viel, aber niemals einfach<br />
sind.</p>
<p>„Und ja unser Sex war einfach super schön. Total innig und zärtlich und liebevoll fürs erste Mal.<br />
Und dann ist er irgendwann gekommen und hat gesagt ‚Ja, also ähm ich bin gerade gekommen‘ und<br />
ich habe gelacht und gesagt ‚ja das ist mir nicht entgangen‘ und er hat dann auch gelacht, das war<br />
süß. Und dann meinte er sofort ‚soll ich dich noch lecken oder fingern?‘. Das fand ich mega<br />
aufmerksam von ihm, dass er da auch meine Lust so auf m Schirm hatte.“</p>
<p>Wenn M. sich unsicher fühlt, dann ist es mit niemandem gut. Egal ob mit einer Frau, oder mit einem<br />
Mann. Dann ist sie einfach verkrampft und unentspannt. Dann fühlt sie sich danach meistens eklig<br />
und schämt sich. So als hätte sie etwas schlimmes getan, oder als hätte man ihr etwas schlimmes<br />
angetan.</p>
<p>„Für manche is Sex einfach so ein riesen Ding hab ich jetzt wieder gemerkt. Ich hatte so paar<br />
Gespräche mit Freundinnen in letzter Zeit, da ist mir wieder richtig klar geworden, dass das denen<br />
wichtig im Leben ist, also das spielt ne richtig große Rolle für die, verstehst du? Die denken da<br />
aktiv ganz viel drüber nach und das ist bei mir einfach gar nicht so. Gibt tausend spannendere Dinge<br />
im Leben.“</p>
<p>A. hatte es den ganzen Tag nicht raus geschafft, jetzt war es fünf Uhr und schon wieder dunkel. Sie<br />
brauchte Bewegung und frische Luft. Aber die Angst saß ihr noch zu tief in den Knochen, das wäre<br />
nicht entspannend &#8211; gehetztes laufen mit Angst im Bauch und herum wirbelndem Kopf. In dem Fall<br />
nur kurz Balkon heute.</p>
<p>„Und natürlich haben die auch nen krassen Performancedruck. Also ganz oft sind die ja auch mies<br />
unter Stress, weil sie denken, sie müssen immer wollen und können. Und dann kommen sie<br />
deswegen manchmal super schnell oder gar nicht. Und wenn deren Libido mal nicht so high is und<br />
sie die Erektion nicht aufrecht erhalten können, sind wir ja leider aber auch oft verunsichert und<br />
beziehen das auf uns.“</p>
<p>„Ja total. Ich wäre da ja auch verständnisvoll, aber dafür muss er halt erst mal mit mir reden und mir<br />
erklären, was bei ihm abgeht. Sonst habe ich einfach nur das Gefühl, er zieht sein Ding durch und<br />
meine Lust, meine Befriedigung spielt keine Rolle. Und das nervt hart und macht mich auch einfach<br />
traurig. Außerdem muss er ja auch keine dauerhafte Erektion haben, nur um mir Pleasure zu<br />
bereiten. Also wenn er eh gerade Sex mit mir hat, obwohl er gar nicht so doll Bock hat, sondern<br />
weil er es schön findet mir Lust zu bereiten, dann ist es doch egal, wenn er keine Erektion hat oder<br />
nicht kommt. Dann kann er sich doch einfach mal voll und ganz um mich kümmern. Ist schon oft<br />
genug n ziemlich lower effort, wenn es um meine Befriedigung geht. Ich hab das Gefühl er denkt<br />
mein Pleasure ist meine Aufgabe. Für das bin ich zuständig.“</p>
<p>T. dachte an den gestrigen Abend, den schmierigen Umschnall-Dildo auf ihrem Sofa. Sie war sich<br />
nicht sicher, ob es ihm wirklich gefallen hatte. Ihr selbst hatte es richtig Spaß gemacht.</p>
<p>Es tut ihr so weh, tausend Nadelstiche in ihrer Brust, wenn sie ihre Lippen auf seine legt, ihn sanft<br />
und dann immer leidenschaftlicher küsst, ihre Annäherung ganz vorsichtig wagt, ihr Becken an<br />
seines schmiegt und er zurückweicht, ihre Hände von seinem Körper nimmt und zum gefühlt<br />
tausendsten Mal sagt, ‚hey babe, sorry aber ich bin müde‘. M. zweifelt, fühlt sich mit jedem Mal<br />
weniger begehrenswert. Ihr Selbstbewusstsein ist inzwischen mit Kratzern übersät. Die Blicke in<br />
den Spiegel werden länger und inspizierender, ihre Mahlzeiten kleiner und seltener. Wann hat das<br />
angefangen und warum? Warum verdammt nochmal genügt sie nicht.</p>
<p>„Bei manchen mag ichs wenn sie meine Brüste ficken, bei manchen nicht. Das hängt auch damit<br />
zusammen, wie sehr ich die Person mag und wie attraktiv ich sie finde. Ist n bisschen wie<br />
angespuckt werden. Bei Menschen denen ich nah bin finde ich das oft richtig gut. Aber einmal hab<br />
ich mit so einem Dude geschlafen. Ich war noch staubtrocken und was macht er? Spuckt mir schön<br />
auf meine Fotze. Und dann rein, raus, rein, raus. Er ist zwei mal gekommen. Zwischen drin hat er<br />
sich darüber beschwert, dass ich zu geil bin und mein Blowjob so gut, dass er mich nochmal ficken<br />
muss.“</p>
<p>Sie sitzen einander gegenüber, streichen sich mit ihren Händen gegenseitig über ihre Körper und<br />
grinsen die jeweils andere verliebt an. Sie küsst A. und A. sagt ihr, wie schön sie sei und dass ihre<br />
Schlüsselbeine verdammt sexy sind. Sie kennen sich schon lange, aber so haben sie einander noch<br />
nie berührt. Deine Haut ist so weich, wie ist das überhaupt möglich sagt sie zu A.., deine Wangen<br />
und Beine und Arme. Da kommt er zurück ins Zimmer, ein Kondom zwischen zwei Fingern, dass er<br />
stolz in die Höhe hebt. Er hält noch im Türrahmen inne und guckt die beiden mit einem Blick voller<br />
Zärtlichkeit und Lust an. Schmunzelnd sagt er ‚ihr liebt euch, hm?‘</p>
<p>„Wir haben in letzter Zeit so schönen Sex, probieren uns viel aus und lernen unsere Körper ganz<br />
neu und unsere Lust immer besser kennen. Sich zu erkunden, Fragen zu stellen und sich Zeit zu<br />
nehmen ist so wichtig. Ich brauch auch manchmal einfach Zeit. Vor allem finde ich es so schön,<br />
wenn es sich langsam aufbaut. Die Lust wachsen darf, anschwellen, bis wir fast explodieren.<br />
Manchmal muss man Landstraßen nehmen, um neues zu entdecken, anstatt immer nur Autobahn zu<br />
fahren, um schnell und auf gewohnte Weise ans vermeintliche Ziel zu kommen. Und das Verhalten<br />
im Bett kann ja auch total auf andere Ebenen und Formen der Kommunikation in der Beziehung<br />
bezogen und übertragen werden. Zum Beispiel Interesse an der anderen Person zu zeigen, ihr<br />
liebevoll und mit Respekt zu begegnen, Kompromisse einzugehen, Lust an ihrer Lust zu empfinden<br />
und sich vor allem auf sie einzulassen und sich auch zu trauen, sich selbst fallen zu lassen.“</p>
<p>Es ist krank, was wir da auf uns nehmen, für Sex den wir nicht mal genießen, denkt T., während sie<br />
die Gyn-Praxis nach ihrem Notfalltermin vollkommen geschwächt und leicht humpelnd verlässt.<br />
Sie hat bereits natürliche Verhütung (inklusive monatlicher Angst schwanger zu sein), den Ring und<br />
diverse Pillen ausprobiert. Nebenwirkungen gabs jedes Mal umsonst dazu. Aus unerfindlichen<br />
Gründen schmerzt neuerdings, neben ihren Kreislaufproblemen, ihr rechtes Bein. T. setzt sich auf<br />
den Bürgersteig und zieht ihren Notfall-Schokoriegel aus der Tasche, während sie den Kopf darüber<br />
schüttelt, wer sich diese verdammt ungleiche Verteilung an Spaß, Schmerzen und Sorgen<br />
ausgedacht hat.</p>
<p>„Ich setze mich auf ihren Oberschenkel. Beginne mich daran zu reiben, lehne mich leicht nach<br />
vorne und schiebe meine Hand unter ihr Becken, sodass ich anfangen kann mit meinen Fingern ihre<br />
feuchte Pussy zu stimulieren. Wir stöhnen kurz im Einklang, lachen, halten kurz inne, aber ich bin<br />
zu geil, mache also weiter und werde direkt wieder lauter. Ich lehne mich nach vorne, sodass ich mit<br />
meinem Kopf beinah über ihrem bin, an ihrem Ohr lecken, ihren Hals küssen und sie beißen kann.<br />
Ich werde schneller. Sie sagt ja fick mich. Meine Hände zwischen ihren Lippen, am kreisen, mein<br />
Mittelfinger etwas oberhalb ihrer Klit. Fuck, ja, noch drei mal fuck, ja“</p>
<p>Sie sind nirgendwo sicher. Sie werden gecatcallt, egal wo, wie und wann sie sich bewegen. Ihre<br />
Körper werden ungefragt, immer wieder trotz eines Neins berührt. Manchmal in ihrem eigenen<br />
Bett, manchmal auf der Straße, manchmal in der Schule, manchmal in der Bar. Von allen Männern.<br />
Von jenen, die sie lieben, die sie nicht kennen, denen sie vertrauen, denen sie ausgeliefert sind, zu<br />
denen sie aufschauen. Manchmal mit und manchmal ohne Publikum. Meistens ohne Konsequenzen,<br />
für die Männer versteht sich &#8211; nicht für uns.</p>
<p>Wenn A. abschweift, gedanklich irgendwo anders ist, merkt er es ganz oft. Dann hält er inne und<br />
sagt, „na wo bist du gerade, was ist los?“ Meistens verstummt sie dann. Und wenn sie Stopp sagt,<br />
dann hört er sofort auf, lässt sie los, hebt manchmal seine Hände und sagt: „Alles gut, ich bin es. Ich<br />
bin bei dir. Was brauchst du gerade?“</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zwischen Sex und Sex</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2024/02/zwischen-sex-und-sex/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ursula Recih]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Feb 2024 13:08:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Liebe_n]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Sexualität]]></category>
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					<description><![CDATA[Zwischen Lust und Unlust, zwischen Intimität und Zweifeln: Ursula Recihs Text zeigt, wie verschieden Menschen Sex erleben. CN: In dem Text werden explizit sexuelle Handlungen beschrieben. Teil 1 „Manchmal fühle ich mich als wäre ich 50. Stuck in einer Beziehung, in der ich um meine Sexualität kämpfen muss, in der ich nicht befriedigt werde. Ich]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zwischen Lust und Unlust, zwischen Intimität und Zweifeln: Ursula Recihs Text zeigt, wie verschieden Menschen Sex erleben. CN: In dem Text werden explizit sexuelle Handlungen beschrieben.</strong><br />
<span id="more-15949"></span></p>
<p><strong>Teil 1</strong></p>
<p>„Manchmal fühle ich mich als wäre ich 50. Stuck in einer Beziehung, in der ich um meine Sexualität kämpfen muss, in der ich nicht befriedigt werde. Ich habe Angst aufzuwachen und mir zu denken, fuck warum habe ich Jahre meines Lebens in dieser Beziehung verschwendet. Aber ich bin nicht 50, ich bin noch nicht mal 30.“</p>
<p>Sie liegen im Bett, er neben M., seine Hand zwischen ihren Beinen, zwei Finger kreisen zu schnell, zu fest über und um ihre Klitoris. „Langsamer und nicht so fest“ sagt M. und stöhnt, eher aus Gewohnheit, nicht weil es ihr gefällt.</p>
<p>„Der kann davon kommen, dass ich ihn penetriere. Das finde ich so krass. Also obwohl niemand, er nicht, ich nicht, seinen Schwanz berührt. Das macht mich so heiß. Und auch sonst, was wir miteinander anstellen. Wie er mich berührt, mit mir spielt, mich zappeln lässt. Er baut Spannung auf, wechselt zwischen harten und sanften Berührungen, fährt die Innenseiten meiner Schenkel mit seinen Fingerspitzen von unten nach oben, legt meine Füße um seinen Schwanz, während er mich von hinten leckt. Er bumst mich, ich bumse ihn, wir schwitzen, wir lachen.. Ich tropfe, wenn ich nur daran denke.“</p>
<p>Sie laufen dicht aneinander, die Arme eingehakt. Ihre Freundin berichtet von ihrem Wochenende. Es raschelt hinter ihnen und A. zuckt zusammen. Sie guckt sich um, niemand da. Ok, einfach normal weiter laufen sagt sie sich, wendet sich wieder ihrer Freundin zu und bemerkt, dass diese ihre Erzählung gar nicht unterbrochen hat.</p>
<p>„Ich glaube das sind trotzdem auch Phasen. Also in beiden meiner Ehen, den richtig langen Beziehungen in meinem Leben, war der Sex immer wieder n Thema. Manchmal hat‘s richtig gut funktioniert und manchmal nicht und das hing mit unterschiedlichen Sachen zusammen. Stress, Verliebtheit, der körperlichen Verfassung und so weiter. Aber bei meinem ersten Mann, na ja, ich glaube der hat sich insgeheim auch immer irgendwie ne andere Art von Frau gewünscht, weißte?Also ich war einfach nicht dem sein Typ. Und so richtig Recht machen konnte ich es ihm auch nie. Der wollte Heilige und Hure zugleich und ich glaube, ich war ihm zu heilig. Dabei würde ich sagen, der hat mich einfach nicht richtig verstanden. Weil ich selber würde nicht von mir behaupten, dass ich heilig bin. Nur vielleicht nicht die Art von Hure, die er sich gewünscht hat.“</p>
<p>T. liegt neben ihm. Nein, eigentlich sind ihre Körper mehr ineinander verschlungen. Sein Kopf unter ihrem, sodass sie an seinen Haaren riechen und er ihr Brustbein küssen kann. Noch nie hat sie einen Mann so geliebt. Noch nie war sie jemandem so nah.</p>
<p>„Ich bin ne Slut. Auf jeden Fall. Ich liebe Sex, ich denke gerne drüber nach, spreche gerne drüber und ja, ich ficke gerne und viel. Das bedeutet nicht, dass ich nicht weiß, dass Sex auch scheiße und gewaltsam sein kann. Und dass gerade wir diese Erfahrung oft machen. Diese Gewissheiten können koexistieren. Deswegen find ich auch den Begriff sexpositiv scheiße. Weil was impliziert das? Was ist das für ne weirde Erwartungshaltung in einem fucking Patriarchat, in dem Sex als Gewaltmittel eingesetzt wird. Wie ignorant ist das gegenüber Betroffenen von sexualisierter Gewalt. Na ja, zurück zum Slut sein &#8211; ich würde mich wirklich in vielen Hinsichten als fluide bezeichnen, generell vieles als fluide begreifen. Aber ne Slut bin und bleibe ich.“</p>
<p>Fuck. Nur noch 3 Prozent. Das war A. für die Strecke und bei der Kälte zu wenig. Da würde ihr Handy im Nullkommanix ausgehen. Das würde für keinen Anruf reichen.</p>
<p>„Puh am Anfang war ich mir echt nicht sicher, ob das was wird. Das war schon auch Jahrelange Arbeit, dass unser Sex so gut ist, wie jetzt.“ Jahre lange Arbeit denkt M., während sie frustriert, mit noch angeschwollener Vulva auf dem Klo sitzt und sich das Sperma vom Bauch wischt. Der Frust breitet sich in ihrem ganzen Körper aus, bildet einen Wutball in ihrem Bauch, der in ihre Brust und Arme ausstrahlt. Sie erinnert sich nicht, wann sie das letzte Mal gekommen ist.</p>
<p>„Ich denke daran, wie sie vor mir liegt. Auf ihrem Bauch. Ihr Arsch direkt vor mir. Ich spiele ein bisschen mit ihm, meine rechte Hand kneift in ihre rechte Arschbacke, meine linke in ihre linke. Ich ziehe sie ein bisschen auseinander, presse sie dann aneinander, schiebe sie hoch. Sie wird lauter, sie sagt fuck ja. Meine Pussy pulsiert, ich schlag ihr auf den Arsch, frag sie, ob ihr das gefällt. Ich will sie aufessen, gehe mit meinem Kopf nach unten zu ihrer Pussy und beginne sie zu lecken. Ich spiele mit ihren Lippen, nehm sie zwischen meine, stupse sie mit meiner Zunge an, wandere dann zu ihrem Oberschenkel und lecke seine Innenseite. Zurück zu ihrer Pussy, ich bin zu hungrig. Ich küsse sie, erst sacht, dann mit Zunge. Fahre zwischen ihren Lippen, auf und ab, etwas schneller jetzt, dann mit ein bisschen mehr Druck. Sie bebt vor mir, greift nach meiner Hand. Ich gebe ihr die eine, mit der anderen greife ich ihren Oberschenkel, fahre langsam ihr Bein entlang. Mit meiner Zunge kreise ich nun um ihre Klit, sauge leicht an ihr, küsse alles, trinke ihren Saft und dringe schließlich langsam in sie ein.“</p>
<p>T. findet das respektlos. T. Fühlt sich benutzt für seine Lust.</p>
<p>„Wie schwierig kann es sein eine Pussy gut anzufassen. Ich weiß dann auch irgendwann nicht mehr, was ich noch sagen und machen soll und ich habe auch nicht immer Bock alles anzuleiten. Ich hab auch Lust überrascht zu werden, gerade das finde ich mega geil.“ „Ja, es ist schon crazy. Aber die reden halt auch meistens einfach nicht tiefer gehend über Sex. Ich meine, der tauscht sich da mit niemandem drüber aus. Kein Reality-Check. Wie soll man da seinen Horizont erweitern? Ich glaub auch ehrlich gesagt nicht, dass irgendeine der Frauen, mit denen der Sex hatte, da wirklich Spaß dran hatte. Also das ist jetzt natürlich auch mega überheblich. Vielleicht auch schon. Menschen finden ja unterschiedliches geil und vielleicht hat er auch mit irgendeiner voll gematcht, aber viele Frauen wissen halt leider auch einfach nicht wie geil Sex sein kann, weil sie immer nur mit Vollidioten im Bett waren, deren Verständnis von Sex von schlechtem Porno geprägt ist und die kein Plan von dem haben, was sie da machen, sich nicht wirklich mit der Lust ihres Gegenübers beschäftigt haben, mit der Anatomie einer Vulva schon gar nicht, und es ihnen, wenn man ehrlich ist auch einfach nicht wichtig ist, dass die Person, mit der sie da schlafen wirklich auf ihre Kosten kommt. Aber irgendwie denken genau solche Männer dann trotzdem immer, dass sie harte Ficker sind. Oder sie ahnen, dass sie‘s nicht sind und überspielen genau so ihre Unsicherheit. So oder so, peinlich alter, peinlich.“</p>
<p>Wieder liegt M. im Bett. Nur, dass jetzt eine Hormonspirale in ihrer Gebärmutter liegt und sie Wehen hat, weil ihre Gebärmutter es gar nicht witzig findet, dass sie jetzt von einem Fremdkörper ausgefüllt wird. M. hat 1-2-Minuten-Pausen bevor sich eine neue Welle anbahnt, die sie unter lautem Stöhnen versucht zu veratmen. Irgendwann kann und will M. die Tränen nicht mehr zurück halten. „Du machst das so gut“ sagt er und hält ihre Hand. Ihre Köpfe sind ganz nah. Sie liebt es, seinen Körper an ihrem zu spüren. „Geh bitte nicht weg, ja? Bleib bei mir bitte, es tut so weh“ schluchzt sie.</p>
<p>„Ich hab das Glück einfach sehr viel, sehr guten Sex in meinem Leben gehabt zu haben. Stundenlanger Sex, ohne Ende Erregung. Also klar gab es Ausnahmen. Aber echt wenige. Und natürlich gab es auch mit den Menschen, mit denen ich meistens guten Sex hatte, Momente, die scheiße waren – auch übergriffiges Verhalten. Und es gab Phasen, Jahre am Stück, in denen ich gar keinen Sex hatte. Manchmal habe ich mich sehr danach gesehnt, dann gab es Zeiten, in denen das Bedürfnis beinahe vollkommen verschwunden war und ich auch einfach keine Lust auf diese ganzen Kennenlern-Prozesse mit neuen Menschen hatte. Aber ja, letztens hatte ich nach längerer Zeit mal wieder Sex und das hat auf Anhieb sehr gut gepasst. Wir mochten es in dem Moment beide hart. Ich wurde gefesselt und ins Gesicht geschlagen. Ich habe darum gebettelt, das hat uns angemacht. Wir haben uns gewürgt und gekratzt, geknebelt und mit dem Nadelrad verwöhnt. Und da habe ich wieder gemerkt, dass ich richtig gerne Sex habe.“</p>
<p>T. steigt die steinernen Treppenstufen hoch, die Sonne brennt auf ihren Armen und ihr Rücken, auf dem sich eine dünne Schweißschicht gebildet hat schmerzt leicht. Der Mann steht am Ende der Treppe, sodass sie zu ihm aufschauen muss. Er raucht eine Zigarette, langsam und bedacht, als wäre es eine wichtige Aufgabe, der er mit aller Sorgfalt nachgehen müsste. Dennoch wirkt er dabei erstaunlich entspannt, denkt sich T., der nicht entgeht, wie er nun seinen Blick auf sie richtet. Ganz langsam fährt er ihren Körper ab, mustert sie, sieht dann kurz weg, nur um gleich darauf, als T. das Ende der Treppe erreicht und an ihm vorbeigeht, intensiv in ihre Augen zu blicken. Die ausführliche Beschreibung dieser Begegnung steht nicht für ihre Einzigartigkeit. Er war etwa der zehnte Mann an diesem Tag, der sie mit seinen Blicken auszog und er würde auch nicht der Letzte bleiben. Alle Männer, denen T. in der nächsten Stunde begegnen wird, werden ihre Köpfe nach ihr verrenken. Aus ihren Autos und Werkstätten heraus. Sie werden T. aus ihren Restaurants zurufen, die Luft küssen oder ihr hinterher pfeifen. Manche werden nett grüßen, um sie etwas weniger auffällig anstarren zu können. Als wäre es dann legitim. Das Optimum wird ein alter Mann sein, der nicht mehr weit von der 100 entfernt ist, sie aus seinem Auto heraus anhupt, dann gaffend überholt und anschließend wendet, nur um nochmal langsamer an ihr vorbeizufahren. „Hure“ werden sie denken. Hure, weil ihr Top zu kurz ist und dessen Schnürung ein Blick auf ihre Brüste offenbart. „Hure. Fotze. Ich ficke dich.“ Sie wird ihre Gedanken schmatzen und sabbern hören. Ihre kleinen Fickgedanken, die sich versuchen in ihren Körper zu graben. Die Frauen, die an T. vorbeieilen werden, beachten sie entweder gar nicht, mit einem leicht abfälligen Blick oder sie schämen sich für sie, wenn sie es schon selbst nicht tut. T. wird ihren Kopf heben und ihre Brust recken. „Ja eine Hure bin ich. Heute die Hure von Enna. Lasst mich eure Fotze sein. Italiens deutsche Fotze.“</p>
<p>Sie haben Angst. Angst, dass sie nicht mehr begehrt werden, nicht sexy und versaut genug sind, wenn sie nicht jeder Zeit selbstsicher performen, stöhnen und Lust haben. Wie oft fühlen sie sich genötigt, gepusht, wie oft wollen sie eigentlich nicht so richtig, fühlen es nicht und machen es trotzdem. Manchmal kommt der Spaß dabei, manchmal auch nicht.</p>
<p>„Ihre Titten tanzen vor mir, bouncen auf und ab. Sie seufzt, keucht, stöhnt, stößt ein letztes Mal und kommt in mir.“</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Less lesbian Lesbe</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2023/04/less-lesbian-lesbe/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ursula Recih]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Apr 2023 09:00:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Liebe_n]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Lesbisch]]></category>
		<category><![CDATA[pride month]]></category>
		<category><![CDATA[Queer]]></category>
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					<description><![CDATA[Ursula beschreibt „den Prozess ihrer lesbischen Subjektivierung“, der die Frage aufwirft, wer sich eigentlich als lesbisch bezeichnet und warum? Und was ändert sich, wenn sich was ändert? Bis vor zehn Monaten habe ich mich noch als lesbisch definiert. Die längste Zeit in meinem Leben war ich queer. Ich nutzte das Label bereits in meiner Jugend]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="page" title="Page 1">
<div class="layoutArea">
<div class="column">
<p class="Body"><strong>Ursula beschreibt „den Prozess ihrer lesbischen Subjektivierung“, der die Frage aufwirft, wer sich eigentlich als lesbisch bezeichnet und warum? Und was ändert sich, wenn sich was ändert?</strong></p>
<p><span id="more-14871"></span></p>
<p>Bis vor zehn Monaten habe ich mich noch als lesbisch definiert. Die längste Zeit in meinem Leben war ich queer. Ich nutzte das Label bereits in meiner Jugend für mich. Es sollte ausdrücken, dass ich nicht einfach nur pansexuell bin, sondern auch eine politische Person, die diese Bezeichnung als politischen Kampfbegriff versteht und sich der queeren Community zugehörig fühlt. Damit identifizierte ich mich, bis ich mit 22 step by step, über ein Jahr hinweg begriff, dass ich lesbisch bin. Das war eine wunderbare Phase. Aber auch anstrengend und aufwühlend, da ich mich gefragt habe, ob das die richtige Kategorie für mich ist, und ob ich, wenn ich einmal sage, dass ich lesbisch bin, dann immer lesbisch sein muss und was das dann (für den sehr unwahrscheinlichen Fall), dass ich mich doch nochmal in einen Mann verlieben sollte, bedeutet. Ich nenne diesen Prozess immer meine „lesbische Subjektivierung“. Ich begann mich zu erinnern und ein anderes, ein ursprünglicheres und gleichzeitig neues Ich zu entdecken.</p>
<p><em>Als Zehnjährige habe ich die „No Angels“ gehört, besonders das Album „Elle‘ments“. Ich erinnere mich an die zerkratzte Hülle und das Booklet, bestehend aus Songtexten und Bildern. Auf ihnen waren die fünf Sängerinnen in Outfits zu sehen, welche die Elemente verkörpern sollten. Jede von ihnen ein anderes. Nadja Benaissa war Luft. Auf dem Cover hatte sie ein lila-glitzernd schulterfreies Top an, das ich noch exakt vor Augen habe. Ich war lange davon überzeugt, dass ich diese Frauen einfach schön fände und irgendwann so aussehen und singen wollen würde wie sie. Dass es nicht nur das war, war mir damals nicht bewusst.</em></p>
<p>Ich erinnerte mich und reflektierte meine Kindheit und Jugend und begriff, dass es immer schon da gewesen war. Die Vorstellung meines kindlichen Ichs, das das Booklet hunderte Male durchblätterte und Nadja behutsam erkundete, konnte endlich freigelegt und als ent-täuschte, ehrliche Erinnerung gedeutet werden: Ich habe mich erotisch auf sie bezogen. In Konversationen mit Freund*innen wurde deutlich, dass es nicht nur mir so ging. Auch andere Frauen mussten tief graben, um an den Kern ihres Begehrens zu gelangen. Ich realisierte, dass dieser Kern vor langer Zeit Wurzeln in alle denkbaren Richtungen geschlagen hatte. Nicht-geradlinige Wurzeln wurden jedoch unmittelbar von der Heteromatrix beschnitten, durften sich nicht entfalten und niemals neue Triebe entwickeln. Erst als ich sie nach langer Zeit und viel Mühe ausgrub, gab ich ihnen den Raum zu wachsen. Und sie wuchsen. Ich trat auf die Straße und mein Körpergefühl hatte sich verändert. Ich lief aufrechter, selbstbewusster und begann Frauen anders anzusehen. Mein Blick auf sie war bisher durchaus liebevoll, solidarisch, häufig platonisch, selten auch sexuell, aber meist dominiert von einem Konkurrenzgedanken. Dieser vergleichende Blick war nicht von einem auf den anderen Tag weg, das ist er bis heute nicht. Er ist leider eins der extrem psychisch belastenden Resultate einer weiblichen Sozialisierung im Patriarchat. Dass man sich selbst und andere Frauen abwertet und in eine Konkurrenz um den Mann tritt, oder zumindest darum konkurriert, wer nach patriarchalen Standards die Schönste, manchmal auch Schlauste, halt generell die Beste (in wtf auch immer) ist. Und am Ende geht es meist um die Anerkennung von einem Mann: Dem Vater, dem Dozent oder dem Chef – der Bezug muss nicht immer ein romantischer oder sexueller sein. Aber wir lernen eben, dass wir erst dann etwas wert sind, wenn ein Mann uns das bestätigt. Wenn ein Mann uns lobt oder liebt oder begehrt.</p>
<p>Und auf einmal ist dieser Druck von mir abgefallen. Als hätte sich etwas, an dem ich bereits lange gearbeitet hatte, gelöst. Mein Zugang zur Welt wurde ein anderer, da sich mein Blick auf Frauen und so auch auf mich selbst verändert hatte. Ich begann Frauen offener und bewusster zu begehren und ich legte behutsam die Schichten ab &#8211; die etlichen Schichten der heterosexuellen Subjektivierung zur Frau.<br />
Es war sooo befreiend, Frauen erotisch zu begehren. Und vor allem, da dieses Begehren nicht von einem männlichen Blick geprägt war, sondern eine Eigenständigkeit entwickelte. Ich begehrte Frauen, die nicht ins normative Schönheitsideal passten. Als wäre endlich ein Knoten geplatzt, der mir erlaubte, Frauen und mich selbst nun richtig zu sehen und nicht mehr durch eine heteropatriarchale Brille. Ich durfte andere Menschen, mich und unsere Beziehungen unter Maßstäben betrachten, die ich stückweise mit Hilfe von lesbischer Literatur, Filmen und Serien erspürte und formte. Ich habe mich gestärkt gefühlt, auch in meinem Körper, den ich fortan neutraler, aber auch wertschätzender und liebevoller betrachtete. So entdeckte ich Erotik, weiblich gelesene Körper und Dynamiken zwischen Frauen neu. Meine Fantasie war so viel freier, auch freier von Gewalt. Ich konnte plötzlich eine Sexfantasie haben, in der ich dominant war, ohne mich auf einmal in einen Mann zu verwandeln. Eine Sexfantasie, mit mir als dominanter Frau, ganz ohne Gewalt. Der Perspektivwechsel auf Frauen eröffnete mir die Möglichkeit eine konsensuelle, respektvolle erotische Begegnung zu kreieren. Die Gleichzeitigkeit von Erotik und Identifikation, Begehren und Respekt ermöglicht ein Moment, das sich grundlegend von heteropatriachalen Standards unterscheidet. Es hat sich so emanzipatorisch angefühlt, so wichtig, so elementar, dass ich dachte, das ist revolutionär, das braucht der Feminismus, das soll jede Frau erleben und deshalb begann ich darüber zu lesen und zu schreiben, bis ich nach langer Zeit eine 50 seitige Bachelorarbeit beendete.</p>
<p><em>Audre Lorde liegt auf meinem Tisch. Natürlich nicht sie. „Zami“, ihr Buch. Neben Sara Ahmed, Sabine Hark und Alice Walker. Lesbische Literatur. Lesbische Theorie. Da finde ich mich drin wieder, auf so vielen Ebenen. Ich sehe „Audre Lorde – The Berlin Years“ und verliebe mich in sie. Wärme steigt in mir auf. Oh, ich bewundere diese Frau. Ich empfinde eine kindliche Zuneigung zu ihr, sie hat eine mütterliche Wirkung auf mich. Audre Lorde ist für mich mehr als akademischer Habitus, Universität, die Diskussion im Seminarraum, ein Name den man gerne droppt. Audre Lorde soll neben meinem Bett liegen, während ich über sie wache und sie über mich, während wir uns unsere erotischen Sehnsüchte zuflüstern. Lesbisches Begehren. Du bist der Inbegriff von lesbischem Begehren für mich. Du hast mir die Welt eröffnet, in der ich nun Zuhause bin. Ich möchte mehr und mehr lesen von Dir, möchte all Deine Bücher in meinem Regal stehen haben. Niemand wird das ganz verstehen, aber Du hast etwas in mir ausgelöst, das so viel mehr ist, als alles je zuvor.</em></p>
<p>Dennoch ist es ein Prozess, in dem ich immer wieder in alte Muster zurück falle. Denn die Zurichtung zur Frau ist nicht einfach mit dem Erwachsenenalter abgeschlossen. Wir lernen Frauen vergleichend zu betrachten und dem kann ich mich nicht entziehen, nur weil ich mich auch erotisch auf sie beziehe. Die patriarchale Idee von Frauen und ihre Inszenierung als Konkurrent*innen in einem Schönheitswettbewerb im Kampf um den Mann ist omnipräsent. Das klingt absurd, aber diese Mechanismen greifen nach wie vor. Ich sehe einen Mann auf der Straße, der mit mir flirtet und ganz ohne es zu wollen, checke ich, ob ich gut aussehe, achte auf meine Haltung, meinen Gesichtsausdruck und trete, wenn auch nur sehr subtil, in Interaktion mit ihm. Dabei finde ich ihn weder anziehend, noch will ich, dass aus diesem Blickflirt etwas folgt. Eigentlich will ich nicht mal diesen Blickflirt und ständig checken, ob ich gut aussehe. Und wenn ich Frauen begegne, vergleiche ich auch heute noch manchmal unsere Körper, die Kleidung, die wir tragen, wie wir uns ausdrücken, was wir leisten und die Aufmerksamkeit, die wir von Männern bekommen. Das heißt es kann koexistieren. Ich habe mich also als Zehnjährige nicht nur erotisch, sondern auch vergleichend auf Nadja Benaissa bezogen, weil es mir als normal eingeprägt wurde. Heute weiß ich, dass diese Normsetzung keine Wahrheit ist, sondern ein Konstrukt, und dass mein Begehren immer schon deviant war. Es ist jedoch weder vorgesehen, die Tools zu haben dieses zu erkennen, noch das Vokabular zu lernen es zu artikulieren. Ich war ein zehnjähriges Mädchen, das bereits gewaltsam zur Frau sozialisiert wurde. Und Frauen werden in dieser Gesellschaft immer im Bezug zum Mann gedacht.</p>
<p>Das alles wurde nicht gerade leichter, als ich mich dann vor zehn Monaten wieder in einen Mann verliebte. In einen heterosexuellen Cis-Mann. Und seitdem kann ich ja irgendwie nicht mehr so richtig behaupten, dass ich lesbisch bin. Also nutze ich den Begriff nur noch selten leise murmelnd, weil ich denke, ich darf ihn nicht mehr für mich beanspruchen. Deshalb sage ich jetzt eher, ich bin gay oder halt eben wieder queer. Das bedeutet auch, dass mein Begehren für Frauen in den Hintergrund gerückt ist und ich wieder stärker mit klassisch weiblich sozialisierten Mechanismen zu kämpfen habe, die heterosexuelle Dynamiken so mit sich bringen können. Außerdem werde ich häufig als heterosexuell gelesen und unsere Beziehung auch. Das ist sie aber nicht, nicht nur, weil ich, ich bin queer. Vielleicht bin ich jetzt also wieder politisch pansexuell, mit einem dollen Hang zu Frauen und irgendwie gerade mit einem Mann zusammen. Vielleicht bedarf es auch einfach keiner Kategorie. Denn meine lesbische Subjektivierung ist eins der besten Dinge, die mir in meinem Leben passiert sind. Weil sie mich näher zu mir selbst und anderen Frauen gebracht hat. Weil sie mich Frauen anders sehen und lieben lässt, weil sie mir die Welt eröffnet hat, in der ich mich am meisten gesehen und am wohlsten gefühlt habe und am ehesten Zuhause war.<br />
Versteht mich nicht falsch. Ich bin immer noch in diesen Mann verliebt und auch wenn es mich anfangs verwirrt hat, ich mich an den Gedanken gewöhnen musste und auch immer wieder fliehen wollte, habe ich mich bewusst für ihn und diese Beziehung entschieden. Weil ich eben ihn, als Menschen liebe. Aber ich weiß auch, dass es einen Teil von mir, der mir Kraft gibt, wieder unsichtbarer macht. Ich möchte damit sagen, emanzipatorische Prozesse sind nicht stetig und können auch Rückschläge und Abweichungen beinhalten. Sie sind widersprüchlich und kommen in Phasen und erfüllen nicht immer das Fortschrittsnarrativ, in dem gerne über sie berichtet wird. Ich habe niemals damit gerechnet, dass mich so starke Gefühle, die aus einer patriarchalen Vorstellung der Frau gebären, erneut einholen würden. Ich dachte manche Muster hätte ich ausreichend theoretisch durchexerziert und so hinter mir gelassen. Aber auch da wurde ich enttäuscht. Das bedeutet nicht, dass ich nicht auch in einer heterosexuellen Dynamik emanzipatorische Prozesse durchlaufen kann. Gerade bin ich an anderen Stellschrauben und arbeite eben gemeinsam mit einem Mann an den Widersprüchen einer feministischen heterosexuellen Beziehung, Fremdzuschreibung und Selbstidentifikation. Und dennoch wünsche ich mir wieder mehr Momente, in denen meine Frauen-begehrende Seite Raum hat, sichtbar ist und ich diesen ganz besonderen, wahrlich revolutionären Blick auf die Welt und mich selbst habe, der mich inspiriert und stärkt.</p>
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		<title>Call me Impostor or call it Kapitalismuskritik</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2022/05/call-me-impostor-or-call-it-kapitalismuskritik/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ursula Recih]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 May 2022 09:18:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Carearbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sexismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Mache ich genug? Ist das, was ich mache, unnütz und unwichtig? Bin ich unnütz und unwichtig und könnte ich nicht viel mehr machen? Als Ursula auf Instagram einen Talk über den Einfluss von Sexismus auf die Psyche schaut, stellt sie sich im folgenden Text genau diese Fragen. Ich rufe Instagram auf und swipe durch die]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Mache ich genug? Ist das, was ich mache, unnütz und unwichtig? Bin ich unnütz und unwichtig und könnte ich nicht viel mehr machen? Als Ursula auf Instagram einen Talk über den Einfluss von Sexismus auf die Psyche schaut, stellt sie sich im folgenden Text genau diese Fragen.</strong></p>
<p><span id="more-14800"></span></p>
<p>Ich rufe Instagram auf und swipe durch die Stories. Ich soll mir einen coolen Talk über den Einfluss von Sexismus auf die Psyche angucken. Klingt spannend und ich hatte mir eigentlich auch schon seit Tagen vorgenommen den zu schauen, also klicke ich drauf. Die ersten Minuten stellen sich die beiden sprechenden Personen vor. Vier Minuten, danach schließe ich das Fenster und brauche mindestens zwanzig Minuten und meine Nicht-denken-Serie um wieder klarzukommen. Während ich sie schaue zerbreche ich mir allerdings den Kopf darüber ob es okay ist, dass ich nur studiere und ein bisschen ehrenamtliche Arbeit nebenher leiste. Ich versuche es zu bejahen, mir wie ein Mantra aufzusagen, dass es genügt. Aber so einfach ist dieser Zustand leider nicht aufzulösen. Ich fühle mich schuldig, unnütz, unwichtig, ineffizient. Ich muss heute Abend noch mindestens einen Text darüber schreiben, irgendetwas zu Papier bringen, damit da was steht. Schwarze Buchstaben auf weißem Papier, die beweisen, dass ich etwas leiste, dass ich meine Zeit nicht verplemper.<br />
Eine Freundin sagte letztens zu mir, sie könne sich vorstellen, dass ich eine gute Schriftstellerin wäre. Ich frage mich, ob ich das tatsächlich könnte. Ich meine, ich schreibe schon immer und verdammt gerne &#8211; so kanalisiere ich meine Gefühle. Es hilft mir beim Einordnen und Analysieren. Einmal raus damit, wenn es beinahe schon überschäumt und dann beiseite legen.<br />
Aber es ist eben eher ein Mittel zum Zweck &#8211; manchmal auch Spaß und Leidenschaft, aber auch einfach eine Methode, um nicht durchzudrehen.<br />
Sie meinte, wenn ich es schaffen würde meine Reflexion über mich selbst, meine Gefühle, meine Gedanken, meine Beobachtungen von der Welt, meine Ansichten über gesellschaftspolitische Themen, die Handlungen meiner Freund:innen, ihre Verzweiflung, die ich helfe zu durchdringen und zu überwinden, wenn ich schaffen würde, das zu abstrahieren und auf Figuren zu übertragen, dann könnte ich sicherlich richtig gute Bücher schreiben.<br />
Vielleicht hat sie damit auch recht. Ich habe definitiv die Fähigkeit mich in Gedanken über mich und meine Erfahrungen, meine Wahrnehmung von Menschen zu verlieren, wie sie miteinander kommunizieren und Ideologien verfallen, weil sie sich an irgendetwas klammern müssen. Und egal wie links oder reflektiert sie sein wollen entsprechen sie doch alle den neoliberalen Vorstellungen, passen sich an, hecheln durch das System und verausgaben sich für Anerkennung, Wertschätzung und einen Status. In der Hoffnung, dass das ihre Existenz berechtigt und sie dann besser mit ihren Schuldgefühlen zurecht kommen.<br />
Ich schreibe so als wäre ich anders. Dabei bin ich genauso. Ich bin eine von ihnen. Deswegen weiß ich auch wovon ich schreibe und wie sich das anfühlt.<br />
Ich bin ausgelaugt. Nicht weil ich besonders viel mache, sondern weil ich denke ich bin niemals genug. Und da ist er direkt. Dieser Kalenderspruch, den immer alle auf solche Aussagen erwidern und der schon längst Teil meines Mantra-Repertoires geworden ist: „Don‘t compare yourself to others.“<br />
Das Schlimme ist ja, er stimmt. Diese Vergleiche machen eine:n verrückt und sie bringen nichts. Und vor allem: Ich möchte wirklich nicht so sein wie die anderen, mit denen ich mich da vergleiche! Deren Leben sind mir viel zu stressig.<br />
Klar denke ich, es wäre cool, mehr Energie zu haben und es würde nicht schon mindestens die Hälfte dafür draufgehen, stabil bis fröhlich zu sein, aufzustehen, den Alltag zu bewältigen, mit allem was so anfällt.<br />
Aber was wäre dann? Dann würde ich fünf Projekte neben einem Fulltime-Job machen und wäre ich dann irgendwie glücklicher, erfüllter? I really don‘t know. Weil das Ding ist, es hört ja nie auf. Luft nach oben gibt es immer.<br />
Es nervt mich, dass ich gerade versuche einen guten Text zu schreiben. Meine Gefühle, meine Stimmung darzulegen und schon wieder annehme, dass ich scheitere. Darüber hinaus mache ich das nicht mal einfach nur für mich und mein Wohlbefinden, sondern weil ich dachte, es würde irgendjemandem etwas beweisen, wenn ich ein Textdokument mehr auf meinem Computer habe. Und was mich noch viel mehr nervt, ist diese kontinuierliche Selbstabwertung, diese Überzeugung eine Versagerin zu sein. Ich habe gute Momente zwischendrin, in denen ich mit mir zufrieden bin. In denen ich nicht glaube beweisen zu müssen, dass ich mehr bin, mehr kann. In denen ich mich lässig und intelligent und gesehen fühle.<br />
Auslöser für diese Abwärtsspiralen sind tatsächlich meist die Vergleiche mit anderen. Die funktionieren natürlich immer nur so, dass man sich die Leute raus pickt, die im kapitalistischen Denken mehr „leisten“ als man selbst. Also Dinge machen, die im Kapitalismus wertgeschätzt werden. Zum Beispiel durch Entlohnung oder weil sie einfach gut im Lebenslauf aussehen und dann Nutzen tragen, wenn man sich auf diesen einen Traum-Job bewirbt.<br />
Das führt mich auch zu meinem nächsten Auslöser. Bewerbungen. Den eigenen Lebenslauf nieder schreiben und merken, üff der ist ganz schön dünn.<br />
Die Dinge, die meine Freund:innen, Familie, Bekannte und ich selbst an mir schätzen, sind keine, die ich mir in einen Lebenslauf schreiben kann.<br />
Ich bekomme so oft gesagt, wie selbstreflektiert und klug ich bin. Dass ich mich wirklich intensiv mit meiner Biographie und politischen Diskursen auseinandersetze und dies zusammenbringe, mit Menschen um mich herum, mit ihren Ängsten und ihrem Erleben. Dass ich Erklärungen für Gefühle finde und meinen Friends helfe in ihnen aufzuräumen, ihnen ein wenig Klarheit verschaffe, in ihnen wühle, sie auf Dinge hinweise und zu Prozessen und Erkenntnissen anstoße.<br />
Ich habe die letzten Jahre intensiv an Beziehungen gearbeitet, Traumata aus meiner Kindheit aufgearbeitet und das hauptsächlich ohne therapeutischen Rahmen, sondern mit mir selbst und in Gesprächen mit Freund:innen und Familie. (Das soll nicht bedeuten, dass dieser Weg besonders klug oder erstrebenswert ist. Ich will eigentlich nur den Punkt machen, dass es Arbeit, Zeit und Kraft gekostet hat.) Ich habe mir ein soziales Netzwerk und eine Wahlfamilie aufgebaut. Von dieser lerne und zehre ich nicht nur unheimlich, sondern ich investiere auch viel Energie, leiste Care-Arbeit, bin immer zur Stelle, höre zu und gebe Input.<br />
Und während ich das schreibe, denke ich: „Na ja, aber bei vielen nehme ich auch zu viel Raum ein. Vielleicht empfinden sie das gar nicht so, wie ich das eben formuliert habe.“ Dabei weiß ich das, weil sie es mir ständig sagen, weil ich das eigentlich auch selbst weiß, weil ich es erlebe, Tag für Tag.<br />
Es nervt mich, dass wir uns als links bezeichnen, Kapitalismuskritik üben und gleichzeitig alle aus dem ganzen leisten, leisten, leisten nicht rauskommen und insgeheim auch diejenigen ein bisschen shamen, die nicht so viel und schnell auf die Kette bekommen. Sind wir ehrlich, wir sind froh über die, die weniger schaffen, weil wir uns dann über sie erheben können.<br />
Und das kotzt mich an.<br />
Ich bin so erschöpft, aber nicht, weil ich tatsächlich die ganze Zeit arbeite, sondern weil ich mich immer schlecht fühle, wenn ich nicht arbeite und das widerspricht zutiefst meiner politischen Grundeinstellung. Ich halte Regeneration, Pausen und Selfcare für unfassbar wichtig und ich will für eine Gesellschaft kämpfen, in der alle den gleichen Anspruch und das Recht darauf haben. Eine Gesellschaft, die nicht auf Arbeit ausgerichtet ist, in der nicht der Wert einer Person über ihre Leistung definiert wird. In der alle nur so viel arbeiten müssen, dass sie davon leben können, ohne Mehrwert zu generieren, der abgeschöpft wird. Punkt aus Basta.</p>
<p>Zurück zum Schriftstellerin werden. Ich möchte das, ich möchte schreiben. Über Popkultur und Begehren, meine gesellschaftspolitische Position, über Farben und Gerüche, über warme Erinnerungen und Gesichter, die schöner nicht geformt sein könnten. Ich möchte darüber schreiben, wieso man sich an Orte träumt, wieso man nicht hinfährt. Wieso träumen so viel schöner ist als die Realität. Dass ich das ganz oft mache, wenn ich Fahrrad fahre. Eine halbe Stunde Fahrrad fahren bedeutet eine halbe Stunde zu träumen.<br />
Ich möchte ehrlich sein und meine Kreativität sprudeln lassen. Da ist so viel in mir, so viele Bilder, die es wert wären, sie mit Worten auszumalen, sie in all ihren kräftigen und sanften Farben aufs Papier zu bringen.<br />
Aber ich habe Angst vor dem Schreiben. Ich denke daran, wie andere Menschen ganze Welten mit ihren Worten kreieren und aus einem Wortschatz schöpfen, von dem ich nur träumen kann. Wie sie geschickt Sätze basteln, die Unikate sind, die eine:n weinen lassen, die das Herz zum Krampfen und Hüpfen bringen.</p>
<p>Jaja, der Einfluss von Sexismus auf die Psyche. Wow. Ein super wichtiger kritischer Talk war Auslöser für diesen Gedankenschwall. Und das nur, weil die Personen, die da befähigt sind drüber zu sprechen, in der Vorstellung ihrer Selbst, fünf Minuten abhandeln, was sie alles gleichzeitig so schaffen.<br />
Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, der es so ergeht. Ganz im Gegenteil, so viele Leute um mich herum zweifeln an sich selbst und ihren Fähigkeiten. Und das sind nicht zufälligerweise sehr oft Frauen. Natürlich hören kapitalistische Leistungsanforderungen und neoliberale Selbstoptimierungszwänge auch nicht bei weißen Hetero-Cis-Männern auf. Das ist ja das Gemeine am Kapitalismus, der ist universell und verdammt anpassungsfähig, da ist für jede:n was mit dabei. Die Anforderungen unterscheiden sich also zu Teilen in ihrer Form, aber vor allem, und wer hätte das gedacht, arbeiten Unterdrückungssysteme fröhlich zusammen und bedingen sich gegenseitig. Marginalisierte und von Diskriminierung betroffene Personen müssen sich also immer zehnmal mehr anstrengen, um diesen Anforderungen gerecht zu werden und das ist eine heftige scheiß Belastung für die Psyche. Und dass die viele Care- und Reproduktionsarbeit, die Frauen leisten auch nicht wertgeschätzt wird, unter- oder gar nicht bezahlt ist, wobei sie den ganzen Dreck aufrecht erhält, macht es jetzt auch nicht gerade besser. Nix was im Lebenslauf zählt, kein nennenswerter Skill.<br />
Jetzt ist der Text vier Seiten lang geworden und ich glaube ich habe nichts Neues über mich oder die Welt gelernt und ich habe auch niemandem etwas damit bewiesen und alles ist ein großes Durcheinander. Aber die Wut, der Frust und die Enttäuschung haben mal wieder Raum bekommen. Und manchmal geht es auch einfach nur darum.</p>
<p>(Ich habe den Text geschrieben, als ich noch nicht wusste, dass ich ihn irgendwann veröffentlichen werde und dafür ein Honorar bekomme – you see – alles ist verwertbar. ;))</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
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		<title>Kirschen pflücken</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2022/01/kirschen-pfluecken/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ursula Recih]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Jan 2022 07:00:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>
		<category><![CDATA[Beruf]]></category>
		<category><![CDATA[Empowerment]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Gender]]></category>
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					<description><![CDATA[Wir begrüßen eine neue Autorin auf meinTestgelände: Ursula Recih! Sie studiert Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim, lebt in Leipzig und schreibt Poesie und Prosa, um Erlebtes zu verarbeiten und ihre Gefühle zu kanalisieren. &#8222;Eine feministische Perspektive und meine eigene Position als queere Frau liegen meinen Texten zugrunde, welche sich mit Beziehungsdynamiken, lesbischem Begehren und gesellschaftspolitischen]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wir begrüßen eine neue Autorin auf meinTestgelände: Ursula Recih! Sie studiert Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim, lebt in Leipzig und schreibt Poesie und Prosa, um Erlebtes zu verarbeiten und ihre Gefühle zu kanalisieren. &#8222;Eine feministische Perspektive und meine eigene Position als queere Frau liegen meinen Texten zugrunde, welche sich mit Beziehungsdynamiken, lesbischem Begehren und gesellschaftspolitischen Verhältnissen auseinandersetzen.&#8220;, sagt sie. Wir wünschen euch viel Spaß mit ihrem ersten Text!</strong><span id="more-14374"></span></p>
<p>Vielleicht können wir dann klar sein, wenn unser Gegenüber unklar ist, wenn wir glauben selbst klarer zu sein und uns deshalb erhaben fühlen. Vielleicht ist Klarheit mit Macht verbunden, vielleicht gründet sie sich sogar auf Macht. Ich bin dann klar, wenn mir Raum und die richtigen Anstöße gegeben und Impulse gesendet werden und ich weiß, ich darf sein, ich bin nicht zu viel, egal wie viel ich ordnen muss und egal wie lange ich dafür brauche. Ich bin dann klar, wenn mein Gegenüber mir Klarheit zuspricht, wenn mein Gegenüber denkt, ich sei klar und ich bin eben dann unklar, wenn ich ahne, mein Gegenüber hält mich bereits für unklar.</p>
<p><i>Ich stehe neben meinem Vater im Garten, wir pflücken Sauerkirschen und er sagt, ich solle ihm aus meinem Leben erzählen. Ich beginne über meine Bachelorarbeit zu berichten und bemerke direkt, dass es mir schwer fällt mich zu formulieren, dass ich hadere. Einen Tag zuvor, als ich mit meiner Mutter spazieren war und wir über gesellschaftspolitische Themen diskutierten, hatte ich keinerlei Probleme meine Haltung argumentativ darzulegen und eloquent mein Wissen und Erlerntes zu vermitteln. Neben meinem Vater fühle ich mich auf einmal wieder wie ein kleines Mädchen. Seine kleine Tochter, die schön und künstlerisch kreativ ist aber nicht intelligent. Das allein ist schon paradox, denn für Kreativität bedarf es Intelligenz. Aber Intelligenz ist für meinen Vater und in dem patriarchalen System in dem wir leben, eben nicht gleich Intelligenz. Da gibt es Theorie und Praxis und da gibt es Eigenschaften, die Weiblichkeit zugeschrieben werden und deshalb keine Anerkennung erfahren oder Tätigkeiten, die sobald sie von Frauen ausgeübt werden, nicht mehr als Kompetenzen gelten. Soziale Fähigkeiten zum Beispiel oder eben, wie in meinem Fall, Wissen um Mode und Popkultur. Aber vor allem geht es um Zuschreibungen, die nicht selbst gewählt sind und in die ich nicht passe.</i></p>
<p><i>Er auf der Leiter Meter über mir, ich unten am Boden, mich am rechtfertigen, mich am erklären, am holpern, am Worte suchen. Ich scheitere daran, ihm meine These zu sagen. Ich weiß meine These und ich habe einiges zu ihr und den Texten und Büchern, die ich zu der Thematik gelesen habe, zu erzählen. Ich verspüre seine Skepsis und beginne meinen Satz immer wieder neu, mein Kopf leer, während ich nach den richtigen Worten suche und suche. Ein wenig oberflächliches Gedöhns findet den Weg aus meinem Mund, vor allem aber der wenig aussagende Satz „Ja, es macht mir einfach Spaß, ich finde das alles ganz toll, was denkst du darüber?“ Er erklärt mir, ich solle meine These schmal halten, nicht zu ausführlich werden, sonst würde ich nie fertig werden und eine Doktor-</i></p>
<p><i>anstatt eine Bachelorarbeit schreiben. Ich pflichte ihm zu, dass ich um diese Problematik wisse. Am Abend fahre ich zu meiner Mutter zurück und berichte ihr von dem Nachmittag, dem Kirschen pflücken, den darauf folgenden Gesprächen beim Kaffee, bei denen ich dann stille Zuhörerin geworden bin. Ich sage ihr „Ich fühle mich nicht gesehen, unsere Lebensrealitäten sind meilenweit entfernt.“ Ich sage vieles mehr, da ich einige Gedanken zu dem Geschehenen habe und auf einmal kann ich wieder sprechen.</i></p>
<p>Das heißt meine Annahme über die Haltung meines Gegenübers, anhand meiner Wahrnehmung, wie die Person agiert, bestimmt mein Handeln. Das heißt eine Vermutung bestimmt die Realität. Im Endeffekt ist also die Angst den vermeintlichen Erwartungen des Gegenübers nicht gerecht zu werden der Grund wieso ich dann tatsächlich unklarer werde. Ich beweise mir selbst, dass meine eigenen Zweifel gerechtfertigt sind und schiebe es auf den Habitus einer anderen Person. Das heißt nicht, dass dieser Habitus nicht tatsächlich auch zu meinem Verhalten beiträgt und diese Situation systemisch bedingt ist. Dass sie in vielen Gärten genauso von statten geht. Dass Väter auf Leitern stehen und auf ihre Töchter herabsehen und sie unterschätzen und dass diese Töchter sich deshalb stetig selbst unterschätzen. Aber vielleicht geht es viel mehr darum, mein Verhalten und Selbstbewusstsein nicht länger von der Antizipation, was mein Vater über mich denkt, abhängig zu machen. Sondern mich von dem Drang zu emanzipieren, ihm beweisen zu müssen, dass ich intelligent bin, um etwas wert zu sein.</p>
<p><strong>Mehr dazu:</strong></p>
<ul>
<li>Texte zum Thema Empowerment gefällig? <a href="https://www.meintestgelaende.de/schlagwort/empowerment/" target="_blank" rel="noopener"><strong>Hier entlang</strong></a>!</li>
</ul>
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