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		<title>Octupusse haben drei Herzen</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/07/octupusse-haben-drei-herzen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anna Beda]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Jul 2026 09:00:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Liebe_n]]></category>
		<category><![CDATA[Age-Gap]]></category>
		<category><![CDATA[Beziehung]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
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					<description><![CDATA[Anna hat ihre Age-Gap-Beziehung immer verteidigt – bis aus „Ich weiß schon, was ich tue“ plötzlich „Alle hatten recht“ wurde. Ich bin eine dieser Frauen, die Age-Gap Beziehungen immer verteitigt haben, bis sie vorbei waren. Meistens bleibt man dann zurück und dann kommt ein großes Nichts. Was fange ich an mit dem kollektiven „Wir haben]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Anna hat ihre Age-Gap-Beziehung immer verteidigt – bis aus „Ich weiß schon, was ich tue“ plötzlich „Alle hatten recht“ wurde.</strong><span id="more-17578"></span></p>
<p>Ich bin eine dieser Frauen, die Age-Gap Beziehungen immer verteitigt haben, bis sie vorbei waren. Meistens bleibt man dann zurück und dann kommt ein großes Nichts. Was fange ich an mit dem kollektiven „Wir haben es dir doch immer schon gesagt“? Wer übernimmt Verantwortung für diese Age-Gap-Frauen? Eben diese Frauen selbst. Ich bin jetzt eine Frau mit Verantwortung und das ist scheiße, weil ich quasi Unordnung mache und hinter mir eine Spur aus Chaos hinterlasse, die ich im selben Augenblick auch aufräumen soll. Als hätte ich acht Arme. Als wäre ich ein Oktopus mit mehreren Herzen, die diese ganze Ambiguität aushalten könnten.</p>
<p>Ich hätte zu oft gerne eine große Schwester gehabt, ein älteres Ich, das auf das jüngere Ich aufpasst. Dann werde ich plötzlich sauer und traurig und handlungsunfähig. Hier geht&#8217;s doch eigentlich immer um Verantwortung. Alte Männer, die junge Frauen begehren, selber sauer daran aufstoßen, zur Therapie gehen und anfangen aufzuhören, immer wieder jüngere Frauen zu daten. Männer in Vorständen, die sich beim Reden zuhören, merken, dass sie Frauen kollektiv klein halten, einfach mal das Maul halten und ihren Rücktritt ankündigen. Besser noch, vielleicht einfach ihren eigenen Frauen den Posten anbieten. Aber Verantwortung liegt leider immer bei den Betroffenen, weil da ja auch die Not viel klarer, viel brennender, viel penetranter deutlich wird.</p>
<p>Und jetzt sitze ich hier und merke, dass Verantwortung auch bedeutet, sich selber beim Zerfallen zuzusehen. Niemand sagt einem das vorher. Alle reden immer nur davon, dass man „daraus lernen“ wird, als wäre Lernen etwas Schönes, etwas Ruhiges, etwas, das mit Wachstumsschmerzen endet und nicht mit Scham. Aber Lernen heißt oft einfach nur, dass man plötzlich erkennt, wie oft man sich selbst verlassen hat, um jemand anderem näher zu sein.</p>
<p>Ich glaube, das Schlimmste an diesen Männern ist nicht mal, dass sie gehen. Menschen gehen ständig. Das Schlimmste ist, wie ich mich langsam daran gewöhnt habe, übersehen zu werden. Zuerst dachte ich, das sei Reife. Ich nannte es Freiheit, Unabhängigkeit, Unverbindlichkeit. Ich finde es sexy, dass er mich nicht kontrolliert, nicht klammert, nicht fragt, wo du bist. Bis ich irgendwann merke, dass er gar nicht fragt. Nie.</p>
<p>Und natürlich habe ich mich besonders gefühlt. Weil ich dachte, ich wäre die Ausnahme von der Regel. Nicht wie die anderen Frauen, die verletzt wurden. Nicht wie die Warnungen. Nicht wie die Statistik. Man hält sich für außergewöhnlich, dabei wiederholt man oft nur ein sehr altes Skript. Ein Mann, der sich in der Nähe jüngerer Frauen lebendig fühlt. Ich war eine junge Frau, die verwechselt hat, begehrt zu werden mit gesehen zu werden.</p>
<p>Wie oft ich mich angepasst habe, damit nichts kippt. Wie oft ich mich still und heimlich dafür gehasst habe. Ich habe früh gelernt, Atmosphären zu stabilisieren. Männer nennen das dann unkompliziert. Und ich bin so müde davon, unkompliziert gewesen zu sein.</p>
<p>Ich bin müde davon, mich selber ständig in Relation zu Männern zu verstehen. Müde davon, stolz darauf gewesen zu sein, „reif“ für mein Alter zu wirken, obwohl das oft einfach nur bedeutet hat, früh zu lernen, die eigenen Bedürfnisse leise zu machen. Niemand hat mir gesagt, wie schnell ich anfange, mir selbst beim Verschwinden zuzusehen, wenn ich dafür gelobt werde, angenehm zu sein.</p>
<p>Und vielleicht liegt genau da der Schmerz. Darin, dass man sich irgendwann fragt, ob man jemals wirklich da war. Ob man als Mensch gemeint war oder eher als Projektionsfläche. Etwas Junges, Weiches, Aufmerksames. Etwas, das zuhört und bewundert und nicht zu viele Ansprüche stellt. Etwas, das einem älter werdenden Mann noch mal beweist, dass er noch gewählt werden kann.</p>
<p>Ich merke jetzt erst, wie oft ich Dinge heruntergeschluckt habe, nur um nicht anstrengend zu wirken. Wie oft ich weniger gesagt habe, als ich eigentlich dachte. Wie oft ich so getan habe, als würde mich etwas nicht verletzen, nur damit der Abend nicht kippt. Denn wenn die Stimmung kippt, dann fange ich an zu arbeiten. Emotional zu arbeiten. Ich glätte, beruhige, relativiere. Und irgendwann merkt man gar nicht mehr, dass man die ganze Zeit arbeitet, während der andere einfach nur da ist.</p>
<p>Vielleicht bin ich deshalb so wütend. Weil ich plötzlich sehe, wie viel Kraft mich dieses Unkompliziertsein gekostet hat. Wie viel Jugend darin verschwunden ist. Wie oft ich dachte, Liebe würde bedeuten, Verständnis für alles zu haben. Für Distanz. Für Unverbindlichkeit. Als wäre Verständnis etwas, das nur in eine Richtung funktioniert.</p>
<p>Und das Peinlichste daran ist vielleicht, dass ein Teil von mir immer noch verstanden werden will von genau diesen Männern. Dass ich manchmal immer noch denke, wenn ich es nur gut genug erkläre, ruhig genug bleibe, klug genug analysiere, dann würden sie plötzlich sehen, was sie mit einem machen. Aber vielleicht sehen sie es längst. Vielleicht ist genau das der Punkt.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ich bin erwachsen &#8211; Aber seit wann eigentlich?</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/07/ich-bin-erwachsen-aber-seit-wann-eigentlich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michelle]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Jul 2026 09:00:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Coming of Age]]></category>
		<category><![CDATA[Erwachsenwerden]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie wird Erwachsensein definiert? Ist es der Moment, in dem wir das erste mal alleine wohnen? Oder vielleicht der 18. Geburtstag, der erste Job? In ihrem aktuellen Text schreibt Michelle über die unklaren Grenzen des Erwachsenseins, die Erwartungen anderer und die ständige Suche nach dem eigenen Weg. Vielleicht, seit ich allein wohne, meine Wäsche selbst]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong data-renderer-mark="true">Wie wird Erwachsensein definiert? Ist es der Moment, in dem wir das erste mal alleine wohnen? Oder vielleicht der 18. Geburtstag, der erste Job? In ihrem aktuellen Text schreibt Michelle über die unklaren Grenzen des Erwachsenseins, die Erwartungen anderer und die ständige Suche nach dem eigenen Weg.</strong><span id="more-17574"></span></p>
<p>Vielleicht, seit ich allein wohne, meine Wäsche selbst wasche und mein Essen koche. Aber das habe ich schon getan, als ich noch bei meiner Mutter gelebt habe. Damals hatte ich „Haushaltsgeld“ und habe mich größtenteils selbst versorgt. Ich war 15 – also sicher noch nicht erwachsen.</p>
<p>Vielleicht seit meinem 18. Geburtstag, seit ich in Deutschland als volljährig gelte. Doch auch in diesem Alter habe ich vieles falsch gemacht und noch weniger verstanden. Andererseits geht mir das manchmal immer noch so.</p>
<p>Vielleicht also ab dem Moment, in dem andere mich für erwachsen hielten. Aber auch diese Sicht schwankt. Zu oft habe ich gehört, mir fehle noch „die Lebenserfahrung“ und ich würde das alles später ganz anders sehen. Vielleicht stimmt es, dass sich Meinungen ändern. Aber macht das die jetzigen weniger gültig?</p>
<p>Irgendwann jedenfalls haben alle angefangen zu erwarten, dass ich erwachsen bin – ohne mich zu fragen, wie sich das eigentlich anfühlt. Und sie fragten: Was machst du jetzt? Als wäre „jetzt“ ein Ort, den ich längst hätte erreichen müssen. Ich weiß nicht, was ich jetzt mache. Ich lebe. Ich stolpere über meinen eigenen Weg und versuche, dabei die Richtung nicht ganz zu verlieren.</p>
<p>„Und was, wenn das nicht klappt?“ Dann versuche ich es weiter.</p>
<p>Das Leben besteht nicht aus Checkpoints, die man freischaltet – und wenn man einen verpasst, muss man nicht sofort die Richtung ändern. Auch das Erwachsensein ist kein Punkt, den man plötzlich erreicht. Es ist ein Prozess. Ein Weg aus Fehlern, Zweifeln und Lernen. Und damit hört man, wie man so sagt, nie auf.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>(Ver-)Blühen</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/07/ver-bluehen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Eileen Ahland]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Jul 2026 11:18:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Me Myself & I]]></category>
		<category><![CDATA[Coming of Age]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstwert]]></category>
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					<description><![CDATA[Eileen lädt ein, das Leben aus einer neuen Perspektive zu betrachten. In einem eindringlichen Gedicht beschreibt sie den inneren Kampf zwischen Selbstwert und gesellschaftlichem Druck. Wie fühlt es sich an, in einer Welt zu leben, die Leistung über alles stellt? Erblicke das Leben aus der Vogelperspektive Von oben herab, losgelöst vom Rest der Welt Träume]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Eileen lädt ein, das Leben aus einer neuen Perspektive zu betrachten. In einem eindringlichen Gedicht beschreibt sie den inneren Kampf zwischen Selbstwert und gesellschaftlichem Druck. Wie fühlt es sich an, in einer Welt zu leben, die Leistung über alles stellt?</strong><span id="more-17562"></span></p>
<p>Erblicke das Leben aus der Vogelperspektive<br />
Von oben herab, losgelöst vom Rest der Welt<br />
Träume von Schwerelosigkeit, Frieden und Liebe<br />
Aus dem Positiven wurde alles Negative<br />
Als ich begann, mich selbst zu verlieren</p>
<p>In einer aus Fremdscham bestehenden Gesellschaft<br />
In der du wertlos bist, wenn du nichts leistest<br />
In der du wertlos bist, wenn du nicht funktionierst<br />
Jahrelang die eigenen Bedürfnisse zurückgesteckt<br />
Doch schon längst daran krepiert und verreckt<br />
An dem Schauspiel der Marionetten</p>
<p>Den Platz in der Welt noch nicht gefunden<br />
Ziellos umherirren, Sekunden werden zu Stunden<br />
Kein Frieden, keine Ruhe, keine Sicherheit<br />
Im Kopf ein Dämon, der sich erfreut an jeder Kleinigkeit<br />
Die seinen Trübsinn füttert und stärkt<br />
Bis er immer größer wird und keiner es bemerkt<br />
Was für eine Schlacht das gerade ist<br />
Eure Idealvorstellung sich tief in mein Fleisch frisst</p>
<p>Um mich herum passiert so viel<br />
In mir passiert so wenig<br />
Euer Ziel ist nicht automatisch mein Ziel<br />
Eingesperrt in einem Käfig<br />
Mitten im Heilungsprozess<br />
Trübes Gemüt, Kontrollverlust<br />
Gedanken zerdenken bis zum Exzess<br />
Ich lebe für mich, nicht für euren Frust</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Abifahrt an die Ostfront</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/06/abifahrt-an-die-ostfront/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nicolas]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Jun 2026 12:35:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Partizipation]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlrecht]]></category>
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					<description><![CDATA[Während die Politik über ‚Kriegstüchtigkeit‘ philosophiert, kämpft eine Generation gegen Einsamkeit und chronische Machtlosigkeit. Ein Plädoyer gegen die Vorherrschaft der Alten und für ein längst überfälliges Wahlrecht ab 16. An meinem 16. Geburtstag kotzte ich eine Flasche Pfefferminzlikör einsam aus meinem Kinderzimmer-Fenster. Dank Corona waren meine Freunde nur im Voice-Chat dabei. Für zukünftige Generationen heißt]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Während die Politik über ‚Kriegstüchtigkeit‘ philosophiert, kämpft eine Generation gegen Einsamkeit und chronische Machtlosigkeit. Ein Plädoyer gegen die Vorherrschaft der Alten und für ein längst überfälliges Wahlrecht ab 16.</strong><span id="more-17546"></span></p>
<p>An meinem 16. Geburtstag kotzte ich eine Flasche Pfefferminzlikör einsam aus meinem Kinderzimmer-Fenster. Dank Corona waren meine Freunde nur im Voice-Chat dabei. Für zukünftige Generationen heißt es bald: „Happy Birthday zum 18.! Wie wär&#8217;s: Abi-Fahrt an die Ostfront?“</p>
<p>Friedrich Merz will auch nur das Beste für die Zukunft Deutschlands. Demokratische Parteien haben keine Lust auf Krieg und die Corona-Pandemie ist kein Geheimplan der Eliten. Na und? Das macht das Leben für Jugendliche nicht leichter. Es braucht einen Plan.</p>
<p>Doch von vorne: Spätestens seit Corona geht es der Jugend schlecht. Vereinsamt versuchen junge Menschen auf nur selten funktionierenden Schul-Plattformen ihre Hausaufgaben abzugeben. Auf der Suche nach einer Zukunft werden sie in einer zunehmend zertrümmerten Welt aber nicht fündig. In der Shell Jugendstudie gaben ungefähr 70% der jungen Menschen an, Zukunftsängste oder Angst vor Armut zu haben. Mehr als die Hälfte junger Menschen fühlt sich laut Bertelsmann Stiftung gleichzeitig von Einsamkeit betroffen. Bei beiden Zahlen ist die Tendenz steigend.</p>
<p>Und wie steht es um Besserung? Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine geht ins vierte Jahr. Der Nahostkonflikt ist weit entfernt von einer Lösung und jüngst hat sich Donald Trump dazu entschlossen, Soldat*innen aus Deutschland abzuziehen. Und das nur, weil Merz zuvor zaghafte Widerworte erhoben hatte. Wenn die Bundeswehr in den nächsten Jahren von alleine nicht verteidigungsfähig wird, dann droht bald wieder eine konsequente Wehrpflicht ab 18 Jahren.</p>
<p>Nun kann man natürlich auf die da oben schimpfen. Realistisch betrachtet sind die Probleme der Welt allerdings komplexer. Irgendwie muss die drittstärkste Wirtschaftsmacht der Welt auf die um sich greifenden Kriege schließlich reagieren. Ob mit Wehrpflicht oder mit Diplomatie. Egal, wie man es sieht: Über konkrete Lösungen zu diskutieren und Verständnis für alle Seiten aufzubringen, tut am Ende immer gut.</p>
<p>Doch trotz aller Diplomatie, aller Neutralität und aller politischen Mitte kann kein*e Demokrat*in behaupten, es gehe gerecht zu. Denn eine Gruppe wird in Deutschland in jedem Diskurs zum Opfer: Die Jugend. Und die darf nicht mal wählen.</p>
<p>Es ist einfach frustrierend. Immer wieder dürfen Jugendliche die Wahlentscheidung der Alten ausbaden. Kein 14-Jähriger hatte 2020 Mitspracherecht, als die Regierung die Schulen schloss und eine Ausgangssperre verhängte. Kein frisch gebackener 18-Jähriger hatte Mitspracherecht bei der Wehrpflicht. Kein*e Minderjährige*r kann die gleiche Verantwortung für die Gegenwart tragen, wie ein*e Erwachsene*r. Und trotz dieses sowieso schon ungerechten Machtverhältnisses schließt die Verfassung die Jugend vor Wahlen aus. Nicht mal 16-Jährigen gewährt der Staat ein Wahlrecht.</p>
<p>Und wenn ein Friedrich Merz am Anfang dieses Kommentars womöglich aufgeatmet hat, dann zu Unrecht: Kaum eine Partei wehrt sich gegen jugendliche Stimmen so sehr wie die CDU. Vielleicht, weil sie bei 18-24-Jährigen bei der letzten Bundestagswahl nur 13% erntete. SPD und Grüne waren beide schwächer und haben sich in der Vergangenheit vermehrt für eine Altersabsenkung eingesetzt. Im Koalitionsvertrag der CDU und SPD soll das Wahlrecht ab 16 dank der SPD zwar „geprüft werden“, eine Umsetzung ist allerdings nicht in Aussicht.</p>
<p>Dazu gäbe es ja die Möglichkeit, die Jugend auf irgendeine andere Art zu entlasten. Aber nein: Das Deutschlandticket wurde Anfang 2026 teurer, das ach so tolle Sondervermögen für Infrastruktur geht nur zu einem Bruchteil in Bildung und statt über einen Umgang mit sozialen Medien diskutieren alte weiße Männer bei Markus Lanz über ein Social Media Verbot für Minderjährige.</p>
<p>In einem Heute-Show Interview vor sieben Jahren sagte FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann zur Wehrpflicht spaßeshalber: „Also wenn nichts mehr reicht, dann kommen Frauen 60+!“ Auf den ersten Blick lustig. Auf den zweiten Blick offenbart es aber, wie fern es vielen Politiker*innen liegt, die Jugend ernst zu nehmen.</p>
<p>Wer gegen ein Wahlrecht ab 16 aufgrund mangelnder Kompetenzen argumentiert, dürfte noch nie in einem Altersheim gewesen sein. Eine politische Diskussion mit meinen Großeltern reicht mir jedenfalls, um deren Wahlkompetenz einschätzen zu können. Da könnte man auch einen Grundschüler an die Urne schicken.</p>
<p>Dieses Jahr wird meine kleine Schwester 18. Und auch, wenn sie aufgrund absurder Geschlechtskategorien von einer Wehrpflicht nicht betroffen wäre — welche Diskussionen führen wir hier eigentlich? — möchte ich nicht, dass sie einsam eine Flasche Pfefferminzlikör aus dem Fenster kotzt und beim ersten Mal wählen die Entscheidung zwischen Pest oder Cholera hat. Oder noch schlimmer: West- oder Ostfront.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Fast 30 und immernoch lost</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/06/fast-30-und-immernoch-lost/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kreaty]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Jun 2026 09:00:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Coming of Age]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstakzeptanz]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstliebe]]></category>
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					<description><![CDATA[Im neuen Video fragt sich Kreaty, wie beeinflussen frühere Traumata unsere Identität? Warum ist es wichtig, sich selbst zu akzeptieren und zu lernen, dass „anders sein“ vollkommen in Ordnung ist?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong>Im neuen Video fragt sich Kreaty, wie beeinflussen frühere Traumata unsere Identität? Warum ist es wichtig, sich selbst zu akzeptieren und zu lernen, dass „anders sein“ vollkommen in Ordnung ist?</strong></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Do men care?</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/06/do-men-care/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anjuli]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jun 2026 09:00:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Carearbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie viel Zeit investieren Männer tatsächlich in Care-Arbeit? Anjuli beleuchtet die Realität unbezahlter Arbeit und die Medienrepräsentation männlicher Vaterschaft anhand der TV-Serie Modern Family. Care-Arbeit betrifft uns alle. Spätestens mit dem Erwachsenwerden habe ich das verstanden. Vor allem mit dem Auszug aus dem Elternhaus wurde mir klar, wie viel Zeit pro Tag für Einkaufen, Haushalt]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Wie viel Zeit investieren Männer tatsächlich in Care-Arbeit? Anjuli beleuchtet die Realität unbezahlter Arbeit und die Medienrepräsentation männlicher Vaterschaft anhand der TV-Serie </strong><em data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="em"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Modern Family.</strong></em><span id="more-17534"></span></p>
<p>Care-Arbeit betrifft uns alle. Spätestens mit dem Erwachsenwerden habe ich das verstanden. Vor allem mit dem Auszug aus dem Elternhaus wurde mir klar, wie viel Zeit pro Tag für Einkaufen, Haushalt und derlei Unvermeidbares draufgeht. Alleine der Mental Load, der damit einhergeht, ist enorm. In der Debatte um Geschlechtergerechtigkeit spielt die Verteilung von unbezahlter Care-Arbeit eine zentrale Rolle. Während Frauen in Deutschland wöchentlich etwa 29 Stunden unbezahlte Arbeit für Haushalt und Familie aufwenden, leisten Männer nur ca. 20 Stunden. Visuelle Medien, wie das Fernsehen, haben solche Stereotype über Jahrzehnte gespiegelt. Die Kleinfamilie als Schauplatz ist zum Beispiel bei Sitcoms sehr beliebt. Oft sehen wir dort Mütter, die den Haushalt schmeißen und die Kinder verpflegen, und Väter, die als Alleinverdiener nur Zeit für die kleineren Aufgaben haben. So haben Medien dazu beigetragen, diese Strukturen zu normalisieren. Doch wie oft werden eigentlich Männer im Fernsehen beim Kindererziehen, Putzen und Einkaufen gezeigt?</p>
<p>Schon als <em>Modern Family</em> vor über 10 Jahren rauskam, habe ich die Serie sehr gerne geschaut. Es gab so viele lustig-quirlige Charaktere und chaotische Familiendynamiken, mit denen man sich endlich mal identifizieren konnte. Jetzt, so viele Jahre später, ist mir aufgefallen, wie besonders die männlichen Charaktere sind und wie sehr sie sich von anderen Sitcom-Protagonisten unterscheiden. Wenn Vaterschaft in Film und Fernsehen thematisiert wird, hat dies oft einen besonderen Ausnahme-Charakter. Männer in Care-Positionen werden gerne als Sonderfall oder Ergebnis tragischer Ereignisse gezeigt, aber so gut wie nie als natürlicher Zustand einer Paarbeziehung. Berühmte und erfolgreiche Produktionen, in denen nur Männer mit ihren Kindern zu sehen sind, Serien wie <em>Full House</em> oder <em>Two and a Half Men</em>, basieren auf Handlungen, in denen die Mutter entweder verstorben ist oder Paare geschieden sind und das Sorgerecht zwangsläufig geteilt wurde. Dann gibt es noch absurde Komödien, in denen Gruppen von Männern Babys finden und sich dann um diese kümmern (müssen). Solche Darstellungen exotisieren Vaterschaft und vermitteln das Gefühl, dass Väter nur Care-Arbeit leisten, wenn sie durch außergewöhnliche oder tragische Gründe dazu gezwungen werden.</p>
<p>Für die Uni habe ich vor kurzem, anhand der Serie <em>Modern Family</em>, untersucht, wie geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und männliche Care-Arbeit dort repräsentiert ist. Das ließ sich anhand zweier Konzepte veranschaulichen: Hegemoniale Männlichkeit und Caring Masculinities. Hegemoniale Männlichkeit ist ein soziales Konstrukt, das durch die Idealisierung eines bestimmten Männlichkeitsbildes Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und zwischen verschiedenen Männlichkeitstypen stabilisiert. Diese Ideale sind unter anderem Heterosexualität, das Streben nach Macht und Kontrolle, emotionale Distanz und eine Abgrenzung von allem »Weiblichen«. Es ist das global dominierende Männlichkeitsideal. Da dies Männern und Frauen gleichermaßen sowohl psychisch als auch physisch schadet, ist die Entwicklung neuer, fürsorglicher Männlichkeitsformen ein wichtiger Schritt hin zu echter Geschlechtergerechtigkeit und besserer Lebensqualität. Das Konzept der Caring Masculinities dient als theoretischer Gegenentwurf zur hegemonialen Männlichkeit und definiert männliche Identität über die Ablehnung von Dominanz sowie die Annahme emotionaler und beziehungsorientierter Werte. Es basiert auf der dauerhaften Beteiligung an Care-Arbeit, einem breiten emotionalen Spektrum sowie dem Verzicht auf männliche Privilegien, um Geschlechtergleichheit zu erreichen.</p>
<p>Schon als <em>Modern Family</em> vor über 10 Jahren rauskam, habe ich die Serie sehr gerne geschaut. Es gab so viele lustig-quirlige Charaktere und chaotische Familiendynamiken, mit denen man sich endlich mal identifizieren konnte. Jetzt, so viele Jahre später, ist mir aufgefallen, wie besonders die männlichen Charaktere sind und wie sehr sie sich von anderen Sitcom-Protagonisten unterscheiden. In <em>Modern Family</em> wird das Format der Mockumentary (also eine Pseudo-Dokumentation) benutzt, um die Vielfalt männlicher Identitäten humorvoll zur Schau zu stellen. Die Familienväter in der Serie zeigen eine ganz andere Form von Männlichkeit und Vaterschaft, als man es sonst im Fernsehen gewohnt ist. So machen sie das Publikum auf die soziale Konstruktion von Männlichkeit aufmerksam. Einer der Väter, Phil Dunphy, bricht mit dem klassischen Sitcom-Muster des „incompetent dad“. Er wird als extrem fürsorglich und emotional präsent dargestellt. Obwohl er oft albern ist, übernimmt er in Krisenmomenten kompetent die Verantwortung für seine Kinder. Der Vater und Opa, Jay Pritchett (gespielt von Ed O’Neil, bekannt geworden als Al Bundy, Ikone und patriarchaler Loser der 90er-Sitcoms), verkörpert das klassische traditionelle Familienoberhaupt. Im Laufe der elf Staffeln vollbringt er jedoch eine bemerkenswerte emotionale Veränderung. Er zeigt zunehmend Zuneigung, eine verletzliche Seite und spricht offen über seine Ängste. Mitchell und Cam repräsentieren als homosexuelles Paar zwar einige Klischees, zeigen aber gleichzeitig, dass männliche Elternschaft und emotionale Care-Arbeit kein Widerspruch sind.</p>
<p>Die Serie schafft es, väterliche Kinderbetreuung und Hausarbeit nicht als komödiantisches Scheitern oder heroische Ausnahme zu inszenieren, sondern als wichtigen Bestandteil männlicher Identität. Durch Humor werden alte Rollenbilder entlarvt und für ein Massenpublikum lachhaft gemacht. Obwohl die Charaktere privilegiert und weiß sind und zur Mittelklasse gehören, ist <em>Modern Family</em> ein wichtiges Vorbild. Die Serie zeigt, dass Fürsorglichkeit und Männlichkeit sich nicht ausschließen. Sie trägt dazu bei, dass veraltete Ideale vielleicht nach und nach über Bord geworfen werden. Ich hoffe, dass wir in Zukunft sehr viel mehr Beispiele von Caring Masculinities in den Mainstream-Medien sehen. Denn <em>Modern Family</em> zeigt, dass sogar Comedy-Serien Themen mit emotionaler und sozialer Tragweite verhandeln können und uns dabei noch bestens unterhalten.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Unkraut vergeht nicht</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/06/unkraut-vergeht-nicht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Sven Hensel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Jun 2026 10:25:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Coming of Age]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Queer]]></category>
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					<description><![CDATA[In einer Welt, in der queere Geschichten oft ignoriert werden, erzählt uns ein kleiner Kaktus von seinem Kampf gegen die Erwartungen seiner Familie und Gesellschaft. Er wächst über seine Wurzeln hinaus und zeigt, dass selbst die Stacheln eines Kaktus Platz für Farbe und Vielfalt haben. Ich wollte schon immer mal darüber schreiben, wie es für]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong>In einer Welt, in der queere Geschichten oft ignoriert werden, erzählt uns ein kleiner Kaktus von seinem Kampf gegen die Erwartungen seiner Familie und Gesellschaft. Er wächst über seine Wurzeln hinaus und zeigt, dass selbst die Stacheln eines Kaktus Platz für Farbe und Vielfalt haben.</strong><span id="more-17524"></span></p>
<p>Ich wollte schon immer mal darüber schreiben, wie es für mich war, aufzuwachsen. Ich bin nicht der Einzige, dem eine solche Geschichte passiert ist, und auch wenn es für uns alle als queere Menschen tendenziell eher besser wird, passieren diese Geschichten auch so oder so ähnlich, noch immer heutzutage, und noch schlimmer.</p>
<p>Leider fiel es mir schon immer schwer, die Geschichte meines Lebens zusammenzufassen. Manche möchten nicht, dass ich über meine Erfahrungen erzähle, andere schämen sich, wieder andere sprechen mir meine Erfahrungen komplett ab. Deshalb möchte ich euch stattdessen ein Märchen erzählen, das natürlich überhaupt gar nichts mit mir zu tun hat, sondern darum geht, wie Pflanzen über ihre Ursprünge hinauswachsen.</p>
<p>Es war einmal ein kleiner Keimling, der nie selbst seine Wurzeln schlug. Man könnte stattdessen eher sagen, seine Wurzeln wurden geschlagen. Er hat sich nicht ausgesucht, wohin und wann er gepflanzt wurde, aber das tun wir alle nicht, außer wenn wir kleine Pusteblumensamen im Wind sind.</p>
<p>Er wurde ein kleiner Pflanzerich, der anders war als die meisten Pflanzen um ihn herum, denn statt schöner Blätter wuchsen ihm nur Stacheln aus dem Haupt: Ein kleiner Kaktus wurde geboren, hinein in eine Familie voller Veilchen. Die Vornamen seiner Familie kamen aus dem Land der Fjorde, der immergrünen Tannenbäume und den Permafrostböden – da war es irgendwo nachvollziehbar, dass die Atmosphäre hier leider eher eine kalte war.</p>
<p>Hier wurden Traditionen aufrechterhalten, so gab es zum Sonntagsessen immer den gleichen Sauerbraten, so wurde der Sauerteigstarter selbst gepflegt und gezüchtet, und so wurde auf die Flora, die anders war als die Veilchen, sauer hinunter geblickt und sie wurde gemieden.</p>
<p>Dem Kaktus wurde also schon vom Sprösslingsalter an klargemacht, er habe sich anzupassen. Er eckte an und stach andere Pflanzen, wo er sie eigentlich nur umarmen wollte. Schon im Kindergarten verstand er nicht, warum andere die Esel zu zählen begannen, wann auch immer sein Hosenstall offen war.</p>
<p>Als Scheidungssprössling hat er schon immer zwischen den Töpfen aus den 1€-Shops gesessen. Das Vaterveilchen schlug nicht nur seine Wurzeln, und auch nicht nur die Wurzeln des Mutterveilchens, also nahm sie ihre Wurzeln und zog weit weg.</p>
<p>Sein Liebväterchenveilchen nannte sein Mutterveilchen immer böses Unkraut, und es begann ein einseitiger Rosenkrieg, in der Hoffnung, dem Kaktus klarzumachen, dass nicht nur er als Vaterveilchen verlassen worden wäre, sondern wir alle im Stich gelassen wurden. Wären sie doch nur wenigstens Rosen gewesen, oder hätte man ihm nur gezeigt, dass Dornen auch in Ordnung sein können, dann hätte der kleine Kaktus sich mit seinen Stacheln weniger allein gefühlt.</p>
<p>So wuchs er also auf, zwischen den Saatgütern der Veilchen. Dem Kaktus selbst wurde durchaus oft ein Veilchen verpasst, denn über Gefühle reden Kakteen nicht. Kakteen müssen sich durch Gewalt zu helfen wissen, dafür sind sie schließlich gemacht: um mit ihren Stacheln zu verletzen.</p>
<p>In der Luft seines Aufwachsens duftete es nach den flüssigen Pflanzen-Nahrungsergänzungsmitteln des Blumenladens seiner Familie, wo er als heranwachsender Zögling auch arbeiten musste, um öfter und länger unter Beobachtung stehen zu können.</p>
<p>Die Privilegien der Freiheit wurden ihm entzogen, als er einmal zu oft dabei erwischt wurde, wie er anderen Kakteen ein bisschen zu lange hinterherblickte. Der kleine Kaktus konnte die Schönheit der Rosen durchaus sehen und verstehen, aber er fand sie nicht so schön wie Kakteen.</p>
<p>Dem Kaktus wurde eingebläut, er sei nicht richtig, wie er ist. Dem Kaktus wurde versucht einzureden, dass er sich das alles nur einbildet mit dem Kaktus-Dasein, denn eigentlich sei er natürlich ein normales Veilchen wie der Rest der Familie. Und überhaupt, wenn er so unbedingt ein Kaktus sein möchte, dann könne man ihm ja auch einfach direkt alle Nadeln, die er will, einzeln reinrammen, dann sieht er schon, wie toll das ist.</p>
<p>Als Kaktus könne man niemals Setzlinge züchten. Soll der Stammbaum bei dir enden? Als Kaktus wird man viel schneller alleine gelassen und unglücklich und sucht sich illegale Wege des Wachstums. Willst du auf die schiefe Wachstumsbahn geraten?</p>
<p>Als Kaktus kriegst du das Kaktus-Immunschwächesyndrom und stirbst, wenn ich dir nicht schon vorher deine Wurzeln ausgerissen habe. Also überleg einmal ganz genau, welchen Weg deine Wurzeln einschlagen. Diese Worte musste der kleine Kaktus immer wieder hören.</p>
<p>Der kleine Kaktus blieb kein kleiner Kaktus. Der Zwergkaktus wuchs und wuchs und wuchs, und eines Tages schnitt er sich selbst von den vergifteten Wurzeln seiner Abstammung frei. Und wenn er nicht verdorben ist, dann pflegt er sich noch heute.</p>
<p>Eigentlich wollte ich nicht schon immer mal darüber schreiben, wie es für mich war, aufzuwachsen, denn das Aufwachsen war für mich nichts Schönes, und dennoch etwas, was zu mir gehört, etwas, das mich ausmacht, etwas, das informiert, wieso ich heute so bin, wie ich bin: laut, bunt, radikal queer.</p>
<p>Mir und anderen ging es so, und wir können nichts dafür, wir sind nicht schuld an unseren Traumata. Wir müssen nicht dankbar dafür sein, dass sie uns widerfahren sind, wir müssen nur uns selber dankbar dafür sein, dass wir sie überlebt haben, dass wir über sie hinauswuchsen. Auch wenn man uns als Unkraut sieht, auch wenn man uns versucht zu stutzen, auch wenn man versucht, uns klein zu halten, und auch wenn man versucht, uns zu verbieten: Unkraut vergeht nicht, und selbst Kakteen können und dürfen und werden blühen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Lass mal wieder Kind sein!</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/06/lass-mal-wieder-kind-sein/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marv]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Jun 2026 10:19:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Me Myself & I]]></category>
		<category><![CDATA[Coming of Age]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein poetischer Text über die Sehnsucht, sich Leichtigkeit, Fantasie um den Blick des inneren Kindes zu bewahren. Zwischen Alltagsdruck und Erwachsenenerwartungen erinnert Marvmallow daran, dass Lebensfreude oft dort beginnt, wo man wieder spielerisch auf die Welt schaut. Du stehst vorm Spiegel im Bad. 1001 Cremes füllen den Schrank. Du schaust dich an: Die Haut war]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Ein poetischer Text über die Sehnsucht, sich Leichtigkeit, Fantasie um den Blick des inneren Kindes zu bewahren. Zwischen Alltagsdruck und Erwachsenenerwartungen erinnert Marvmallow daran, dass Lebensfreude oft dort beginnt, wo man wieder spielerisch auf die Welt schaut.</strong><span id="more-17519"></span></p>
<p>Du stehst vorm Spiegel im Bad.</p>
<p>1001 Cremes füllen den Schrank. Du schaust dich an:</p>
<p>Die Haut war schon mal straffer, frischer und wacher; da sind erste Falten, vom Feiern, vom Lachen, vom Ärgern über Steuererklärung und Politik und von der ewigen Frage, was es morgen zu essen gibt. Was … ist nur mit dir passiert?!</p>
<p>Dein Blick ist müde und leer. Erwachsen sein wirkt einfach nur schwer und verkehrt. Wo ist denn die leichte Zeit geblieben? Wann hast du unterschrieben, so zu leben?</p>
<p>Hättest du das alles vorher gewusst, dann hättest du den AGBs nie zugestimmt, anstatt Kind endlich erwachsen sein zu dürfen. Denn nun erwartet die Gesellschaft von dir, dass du dich entsprechend verhältst. Dass du Verantwortung übernimmst, Geld verdienst. Dass du genau weißt, was du willst, und am besten bald eigene Kinder kriegst.</p>
<p>Doch das alles sind starre Schablonen, die sich nicht lohnen, auszumalen.</p>
<p>So bist du vielleicht gar nicht; so wolltest du nie sein!</p>
<p>Nein, du wolltest noch etwas länger Kind sein; frei sein. Völlig losgelöst davon, was andere sagen und erwarten. Und du begreifst langsam: Das ist schwer mit 18, 35 oder 70. Verdammt schwer, …</p>
<p>aber nicht unmöglich. Mir geht es genauso! Du bist nicht allein mit diesem Gefühl.</p>
<p>Darum komm! Nimm meine Hand! Und zusamm’n schlüpfen wir dann durchs Rabbit-Hole und besuchen Alice in ihrem Wunderland. Dort gibt es erst einmal eine Tasse Tee, oder auch fünf Tassen – hier kannst du nichts verpassen und die Fünfe gerade sein lassen.</p>
<p>Lass mal alles liegen und steh’n (auch die Antifaltencreme!) und lass lieber mal wieder schaukeln geh’n. So doll, dass die Angeln quietschen; so doll, dass wir quietschen – vor Freude, als wär‘s das allergrößte Heute. Denn das ist es!</p>
<p>Lass nochmal Schwung holen. So doll, dass wir abheben, die ganze Welt aus den quietschenden Angeln heben und über allen Erwachsenen-Sorgen schweben. Mehr braucht es nicht, glücklich zu sein, in diesem leichten Moment.</p>
<p>Wieder am Boden angekommen: Lass uns rutschen! Und wippen! Einen Eimer Wasser in die Sandkiste kippen und alles durchkneten: schwarze Fingernägel – diese Haptik! Wie ‘n Drogen-Trip, nur krasser und gesünder.</p>
<p>Wir kneten eine riesige Burg aus Sand. Schmücken sie mit bunten Streuseln und Steinen vom Wegesrand. Steine, in allen Formen und Farben; solch wunderschöne Pracht, wie Juwelen aus „1001 Nacht“. Doch: Alle Steine sind gleich viel wert. Denn Kinder urteilen nicht.</p>
<p>Und als die Burg fertig ist, lassen wir sie hinter uns und ziehen weiter. Wir rennen einfach los, ohne Ziel. Wir stolpern bloß über Stock und Stein, und über Hänschen-Klein. … Hoppla! Wir plumpsen hin: „Hoppe hoppe Reiter*in“ – selbst Kinder kriegen das Gendern hin.</p>
<p>Lass mal wieder aufstehen. Dann wirst du sehen: Dieses „Hinfallen“ ist wild! Halb so wild.</p>
<p>Wir blättern durch Stickeralben, ohne Neid, ohne Geiz. Nein, such dir welche aus! Ich schenk sie dir. Und ja, du darfst auch die nehmen mit Glitzer und Filz. (Das waren doch die besten!)</p>
<p>Und so strahlst du wieder, voller „Daylight in your eyes“ – und in der Hand ein Eis: Du ein Bum-Bum und ich ein Mini-Milk-Vanille. Arm in Arm am Strand genießen wir … die Stille.</p>
<p>Aber nicht allzu lange: Mit Captain Balu und seiner tollkühnen Crew geht’s im Nu nach Neverland. Hier essen wir mit Peter Pan die nach ihm benannten Burger. Dazu gibt’s Bandsalat und Freibadpommes. Danach sind wir zwar unser ganzes Taschengeld los, doch wir sind trotzdem reich: reich an Fantasie und Leichtigkeit. Da ist kein Zeitdruck. Nur wir und die Sonne und weiße Watte-Wonne. Mehr brauchen wir nicht.</p>
<p>Wir liegen auf dieser Wiese und „Ich sehe was, was du nicht siehst!“ und das ist diese Wolke da: Die sieht aus wie ein Gameboy.</p>
<p>Und die da, wie unser Schicksal.</p>
<p>Und die da drüben! Die sieht aus wie Barbara Schöneberger inklusive der großen … Augen.</p>
<p>Kann meinen kaum trauen, was da alles für Wunder am Himmel zu sehen sind!</p>
<p>Lass dich versinken im Zuckerwatte-Wolkenmeer.</p>
<p>Lass das innere Kind frei aus den Fängen von dieser Frau Stahl.</p>
<p>Lass uns nochmal sitzen bleiben, auf den Dächern dieser Wunderwelt, bis in die Puppen durchquatschen, und damit aufhören, andere zu judgen – alle Menschen sind gleich viel wert. (Außer vielleicht Trump und Nazis.)</p>
<p>Lass mal nicht, typisch erwachsen, immer über ALLES meckern, sondern lieber mit dem Tuschkasten kleckern. Wir malen nichts mehr schwarz, sondern alles kunterbunt. … Und da: eine Sternschnuppe! Was hast du dir gewünscht?</p>
<p>Und du singst: „Ich will ein Haus, ein kunterbuntes Haus. Ein Äffchen und ein Pferd … ?</p>
<p>Nein, will ich gar nicht. Macht viel zu viel Arbeit! Ich… will kein Haus, will nur zufrieden sein, ein Käffchen &#8211; nicht verkehrt, – und wir schauen zum Fenster raus und lachen unbeschwert! So doll, dass wir Schluckauf kriegen.”</p>
<p>Und ich nicke dir zu; du hast es endlich begriffen, ja: Lass mal wieder Kind sein!</p>
<p>Den Kopf aus- und das Herz aufmachen. Wir dürfen im Hühnerstall Motorrad fahr‘n (sofern du ‘ne gute Haftpflicht hast). Wir dürfen schaukeln, rutschen, wippen. Wasser durch die Sandburg kippen – egal, was andere denken. Wir sind niemals zu alt für irgendetwas. Alle Träume sind gleich viel wert. (Außer vielleicht die von Trump und Nazis.)</p>
<p>Bitte hab keine Angst: Jedes Hinfallen ist ‘ne Chance. Alles ist immer noch möglich – mit Leichtigkeit und Fantasie. Sie ist keine Flucht, nein: Fantasie ist nur eine andere Art und Weise, die Realität zu begreifen.</p>
<p><strong>Und die Moral von dem Gedicht:</strong></p>
<p>Unser inneres Kind lebt auch noch mit 18, 35 oder 70.</p>
<p>Wir müssen es nur frei lassen. Uns ‘nen Ruck verpassen und einfach machen, worauf wir Lust haben – egal was andere sagen. Darum, lass mal im Herzen für immer Kind bleiben – weil: Kinder wissen einfach am besten, wie so-richtig-leben geht. Denn irgendwann ist es dafür sonst zu spät.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Nobody said it was easy</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/06/nobody-said-it-was-easy/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Phuong]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Jun 2026 09:01:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Videos]]></category>
		<category><![CDATA[Coming of Age]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Lebensfragen]]></category>
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					<description><![CDATA[Warten auf die Bahn, Fragen über Kinderkriegen und die Realität des Erwachsenwerdens: Wie viel Verantwortung kann und will ich wirklich übernehmen? Inmitten von Unsicherheiten und Zukunftsträumen reflektiert Phuong über Freiheit, Erwartungen und das Streben nach dem eigenen Weg. Es ist schon spät und kalt. Meine befreundete Person und ich warten auf die Bahn. Ich teile,]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Warten auf die Bahn, Fragen über Kinderkriegen und die Realität des Erwachsenwerdens: Wie viel Verantwortung kann und will ich wirklich übernehmen? Inmitten von Unsicherheiten und Zukunftsträumen reflektiert Phuong über Freiheit, Erwartungen und das Streben nach dem eigenen Weg.</strong><span id="more-17511"></span></p>
<p>Es ist schon spät und kalt. Meine befreundete Person und ich warten auf die Bahn. Ich teile, dass ich vor Kurzem die Entscheidung getroffen habe, keine Kinder zu wollen. Die Reaktion daraufhin hallt noch bis heute nach. Während ich darüber nachdenke, <strong>ob</strong> ich will, beschäftigt sie viel mehr die Frage, ob sie überhaupt kann. Sie realisiert nämlich, dass sie gar nicht fähig dazu wäre, so viel Verantwortung zu übernehmen.</p>
<p>Lange Zeit war das Kinderhaben für mich keine Frage des Ob, sondern des Wie und Wann. Wie viele Kinder möchte ich? Wo würden sie aufwachsen? Welche Sprachen würde ich ihnen beibringen? Mit welchen Menschen würde ich diesen Weg gehen? Ist eine polycule-artige Familie überhaupt möglich? Will ich das selber überhaupt? Wie viel vietnamesische Kultur könnte ich weitergeben, obwohl ich selbst nur begrenzt Zugang habe? Werden meine Eltern meine Kinder jemals kennenlernen und andersrum? Weil ich gerne mit Kindern bin, stellte ich mir ein erfülltes Leben mit drei Kindern vor. Mittlerweile erkenne ich, dass ich Elternschaft viel zu sehr romantisiert habe und die Realität um einiges herausfordernder ist. Während Kinder zu haben etwas Wundervolles ist und ich großen Respekt vor Eltern bzw. Elternschaft habe, hat es auch seinen Preis. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Preis zahlen möchte oder kann, wenn ich meine Freiheit zu sehr mag. Ich erkenne auch, dass die Option, auf die Frage des Kinderwollens mit Nein zu antworten, viel damit zu tun hat, welche sozialen Erwartungen auf mir liegen. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Zweifel habe ich, ob ich es verantworten kann, ein Kind in diese Welt, in der wir leben, zu setzen und zu erziehen.</p>
<p>Meine Mama hatte bereits in meinem Alter meine Schwester geboren und ich war auch kurz davor, auf die Welt zu kommen. Ich hingegen springe von einem Bewerbungsgespräch zum nächsten. Mein Leben ist in vieler Hinsicht instabil. Gerade deshalb bin ich froh, keine Kinder zu haben. Nach mehreren Jahren habe ich meinen Abschluss gemacht und habe ziemlich Angst vor dem Arbeitsleben. Der Gedanke, mich mein ganzes Leben selbst finanzieren und arbeiten zu müssen, fühlt sich schwer an. Manchmal denke ich, ein Masterstudium wäre der einfachere Weg gewesen, aber weiter zu studieren konnte ich mir gar nicht vorstellen. Das Leben nach dem Studium ist härter, als ich erwartet habe, besonders wenn man keinen geradlinigen Lebenslauf hat. Ich habe bislang verschiedene Dinge erlebt, berufliche Erfahrungen gesammelt und in verschiedenen Städten gewohnt, in WGs, Hausprojekten und habe alleine gelebt. Ich war schon immer viel unterwegs und verbringe tatsächlich die meiste Zeit im Zug. Mir ist es wichtig, in Bewegung zu bleiben, auch wenn es nur zwischen zwei Städten ist. Ich möchte mir sagen, dass ich noch jung bin und viel Zeit habe, Dinge herauszufinden. Die Vorstellung aber, eine feste Sache zu finden und mich mein Leben lang dafür zu investieren, scheint auch nicht zu passen. Ich bin unentschlossen darüber, was ich machen will, aber ich möchte mir die Möglichkeit geben, immer wieder Neues auszuprobieren.</p>
<p>Wenn ich in mein Umfeld blicke, sehe ich Menschen, die auch verschiedene Lebensabschnitte durchlaufen</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Groß geworden</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/06/gross-geworden/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Sophie]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Jun 2026 09:15:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Me Myself & I]]></category>
		<category><![CDATA[Coming of Age]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstakzeptanz]]></category>
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					<description><![CDATA[Perfekt sein zu wollen ist anstrengend. Sophie erzählt, wie sie aufgehört hat, einem Ideal hinterherzurennen und angefangen hat, sich selbst zu vertrauen. Als Kind und Jugendliche sind mir die Dinge immer riesig vorgekommen. Die Hausaufgaben für den nächsten Tag, Streit mit einer Schulfreundin, die ein bisschen unangenehme Situation im Sportverein. Irgendwie war um mich herum]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Perfekt sein zu wollen ist anstrengend. Sophie erzählt, wie sie aufgehört hat, einem Ideal hinterherzurennen und angefangen hat, sich selbst zu vertrauen.</strong><span id="more-17504"></span></p>
<p>Als Kind und Jugendliche sind mir die Dinge immer riesig vorgekommen. Die Hausaufgaben für den nächsten Tag, Streit mit einer Schulfreundin, die ein bisschen unangenehme Situation im Sportverein.</p>
<p>Irgendwie war um mich herum alles ganz überwältigend und aufregend, manchmal beängstigend – ich dagegen war ganz klein.</p>
<p>Ich habe immer versucht, perfekt zu sein. Die perfekte Freundin, die perfekte Schwester, die perfekte Tochter. Manchmal wusste ich nicht so ganz, wer ich sein wollte, nur wer ich glaubte sein zu müssen.</p>
<p>Ich habe mich immer in die Zukunft geträumt. Hin zu dem, wie es einmal sein könnte. Die Orte, die ich sehen könnte, die Menschen, die ich treffen könnte. Das, was aus all meinen Wünschen und Hoffnungen entstehen könnte, hat mich angetrieben, weiterzumachen.</p>
<p>Ein bisschen habe ich dabei vielleicht auch vergessen zu leben – eine Sache, die mir neben Studium und Job definitiv noch schwerfällt. Aber ich bin großgeworden. Ich habe angefangen, eine Balance zwischen mir und der Welt mit ihren Erwartungen zu finden.</p>
<p>Manchmal ist es einfacher, manchmal ist es schwerer, und ich habe das Gefühl, dass so viele um mich herum schon viel weiter sind und gemeistert haben, was ich noch versuche für mich auszuloten.</p>
<p>Ich weiß aber mittlerweile, was ich wert bin – auch losgelöst von Anforderungen der Gesellschaft. Ich weiß nicht, wo mich das Leben hinführen wird, aber ich habe das Vertrauen, dass ich schon einen passenden Weg finden kann.</p>
<p>Meine Gefühle sind immer noch groß, vielleicht sogar manchmal größer als früher. Aber meine Träume und mein Selbstvertrauen sind es auch.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das Kind in mir muss keine Heimat finden, es sollte einfach mehr One Direction hören</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/06/das-kind-in-mir-muss-keine-heimat-finden-es-sollte-einfach-mehr-one-direction-hoeren/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lina]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Jun 2026 09:00:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Me Myself & I]]></category>
		<category><![CDATA[Coming of Age]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
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					<description><![CDATA[Warum das Kind in uns manchmal keine Heilung braucht, sondern einfach die Freiheit, sich für das zu begeistern, was ihm guttut beschreibt Lina in ihrem neuen Text. Eine Reflexion über Neurodivergenz, Misogynie, Nostalgie und die Kunst, milder auf das eigene frühere Ich zu blicken. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich als Kind]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong>Warum das Kind in uns manchmal keine Heilung braucht, sondern einfach die Freiheit, sich für das zu begeistern, was ihm guttut beschreibt Lina in ihrem neuen Text. Eine Reflexion über Neurodivergenz, Misogynie, Nostalgie und die Kunst, milder auf das eigene frühere Ich zu blicken.</strong><span id="more-17500"></span></p>
<p>Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich als Kind alles sein wollte, außer ein Kind. Ich wollte erwachsen sein, mit dazu gehören und endlich für mich selbst verantwortlich sein. Jetzt bin ich 26 und habe nicht das Gefühl, wirklich ‚erwachsen‘ zu sein. Ich vergesse Arzttermine, ernähre mich nicht annähernd ausgewogen und habe Existenzängste.</p>
<p>Das Erwachsenwerden wird oft als eine Bewegung beschrieben: ein Fortschreiten, ein Hinter-sich-Lassen, ein linearer Prozess hin zu Stabilität. Für viele ist es das nicht und ich frage mich, ob es das für irgendwen ist. Für manche ist es eher eine Überlagerung von Versionen des Selbst, die nie ganz verschwinden, sondern sich in bestimmten Momenten wieder nach vorne schieben.</p>
<p>Als Jugendliche bestand meine Existenz gefühlt vor allem aus Scham. Scham ist kein beiläufiges Gefühl im Prozess des Erwachsenwerdens. Sie ist strukturierend. Sie entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern in einem Geflecht aus Erwartungen: daran, wie ein Körper zu sein hat, wie ein Mädchen* sich zu verhalten hat, wie Aufmerksamkeit funktioniert, wie „angemessen“ Konzentration, Lautstärke, Begeisterung oder Chaos sein dürfen. Für weiblich sozialisierte Personen mit ADHS verschränkt sich diese Erwartungsstruktur auf spezifische Weise mit neurologischer Differenz.</p>
<p>Studien zeigen, dass ADHS bei Mädchen und Frauen lange unterdiagnostiziert wurde, weil sich Symptome häufig internalisieren: weniger störend, weniger sichtbar, dafür stärker mit Selbstzweifeln, Perfektionismus und sozialer Anpassung verbunden. Das Ergebnis ist nicht weniger Leid, sondern oft mehr, weil die Abweichung nicht als solche erkannt wird, sondern als persönliches Versagen interpretiert wird.</p>
<p>Das bedeutet konkret: Man wächst auf mit dem Gefühl, falsch zu sein, ohne eine Sprache dafür zu haben. Ich erinnere mich an 2016. An Fanfiction, an Tumblr, an endlose Stunden mit Musik und Videos über Harry Styles, die gleichzeitig Zuflucht und Projektionsfläche waren. An das erste Konzert, auf dem alles zu viel und genau richtig war. An das Gefühl, zu laut zu sein, zu aufgeregt, zu emotional und gleichzeitig daran, wie notwendig genau das war. Ich erinnere mich daran, wie glücklich ich war im Internet und wie beschämt ich war, wenn ich mich nicht getraut habe, meine Konzertshirts in der Schule zu tragen.</p>
<p>Zehn Jahre später stehe ich wieder auf einem Konzert einer Boyband. Wieder mit meiner besten Freundin. Die gleiche Band, ein anderer Kontext, ein anderer Körper, ein anderes Selbstverständnis. Und plötzlich ist sie da: diese irritierende Gleichzeitigkeit von Nähe und Distanz zu meinem früheren Ich. Es ist verführerisch, rückblickend zu urteilen. Zu sagen: Du hast dir zu viele Gedanken gemacht. Du warst zu unsicher. Zu abhängig davon, was andere denken. Aber diese Perspektive ist vermessen. Sie unterschätzt die strukturellen Bedingungen, unter denen dieses Denken überhaupt erst entstanden ist. Was wie individuelle Unsicherheit erscheint, ist oft das Ergebnis kollektiver Zuschreibungen. Misogynie funktioniert nicht nur über offene Abwertung, sondern über subtile Disziplinierung: über die ständige Rückmeldung, beobachtet zu werden. Bewertet zu werden. Zu viel zu sein oder nicht genug. Für neurodivergente Personen verstärkt sich dieser Effekt, weil sie ohnehin häufiger als „abweichend“ markiert werden. Scham ist in diesem Kontext keine Schwäche, sondern eine erlernte Überlebensstrategie. Und vielleicht ist das der Punkt, an dem sich mein Blick verschiebt.</p>
<p>Nicht im Sinne einer vollständigen Versöhnung – das wäre zu einfach. Sondern eher als vorsichtige Neubewertung: Das Kind, das ich war, musste keine „Heimat in sich selbst finden“. Es musste auch nicht weniger fühlen, weniger denken, weniger sein. Vielleicht hätte es einfach mehr Räume gebraucht, in denen es existieren durfte, ohne sich permanent zu reflektieren. Vielleicht hätte es einfach mehr Musik hören sollen. Oder genauer: Es hätte sich nicht dafür schämen sollen, wie sehr es diese Musik gebraucht hat.</p>
<p>Das Erwachsenwerden besteht dann nicht darin, dieses frühere Selbst zu überwinden. Sondern darin, die Perspektive zu korrigieren, aus der man auf es schaut. Zu erkennen, dass viele der Zweifel nicht aus einem „zu viel Nachdenken“ entstanden sind, sondern aus einem System, das genau dieses Nachdenken produziert. Und dass Nostalgie nicht nur Verklärung ist, sondern auch eine Form von Erkenntnis: darüber, was gefehlt hat.</p>
<p>Jetzt höre ich die Musik, lese die Texte und schaue die Inhalte von vor 10 Jahren. Irgendwie hat sich nichts geändert und eben doch alles.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Liebe Zwanziger</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/05/liebe-zwanziger/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nathan]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 May 2026 09:00:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Me Myself & I]]></category>
		<category><![CDATA[Coming of Age]]></category>
		<category><![CDATA[Erwachsenwerden]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.meintestgelaende.de/?p=17495</guid>

					<description><![CDATA[In einem Gedicht an die Zwanziger reflektiert Nathan eine Lebensphase voller neuer Herausforderungen. Eine Zeit geprägt von wichtigen Entscheidungen und solche die wie welche wirken. Gerade einmal ausgezogen, schon steht der nächste Umzugskarton bereit. Der erste, zweite, dritte – oder ist es schon der fünfte Teilzeitjob? Soll ich studieren, eine Ausbildung machen oder doch selbstständig]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In einem Gedicht an die Zwanziger reflektiert Nathan eine Lebensphase voller neuer Herausforderungen. Eine Zeit geprägt von wichtigen Entscheidungen und solche die wie welche wirken.</strong><span id="more-17495"></span></p>
<p>Gerade einmal ausgezogen,<br />
schon steht der nächste Umzugskarton bereit.<br />
Der erste, zweite, dritte – oder ist es schon der fünfte Teilzeitjob?</p>
<p>Soll ich studieren, eine Ausbildung machen oder doch selbstständig werden?<br />
„Finde deinen Lebenssinn“,<br />
steht jahrelang über meinem Bett<br />
im Kinderzimmer.</p>
<p>Ich aber suche nur nach der Leichtigkeit;<br />
Hatte ich sie gerade doch noch dabei?<br />
Manchmal sehe ich sie noch, einen kleinen Augenblick lang,<br />
doch scheint sie unerreichbar<br />
fürs Erwachsenwerden zu sein.</p>
<p>Ja, die Zwanziger, sagen sie,<br />
sind der Höhepunkt, die Krönung im Leben.<br />
Für mich ist es eher eine Tofujagd:<br />
Finde Hinweise über dich heraus,<br />
um am Ende doch nur wieder am Anfang zu stehen.</p>
<p>Liebe Zwanziger, nehmt das Leben noch nicht so ernst.<br />
Gebt mir Zeit;<br />
Ich ertrage den Schmerz,<br />
der Erwachsenen noch nicht so sehr.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der Umweg als Regel</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/05/der-umweg-als-regel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Luisa Galli]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 May 2026 09:00:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Berufsorientierung]]></category>
		<category><![CDATA[Coming of Age]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.meintestgelaende.de/?p=17491</guid>

					<description><![CDATA[Manchmal verläuft das Leben ganz anders, als man denkt. Von der Tagesschau-Moderatorin über die Alternative Bundeskanzlerin bis zur Begleiterin – der Weg ist oft ein Umweg. Luisas Text zeigt, wie gesellschaftliche Erwartungen und Geschlechterrollen unsere Entscheidungen beeinflussen. Es kommt oft anders, als man denkt Vor allem, wenn es um den eigenen Weg geht. Auch ich]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong>Manchmal verläuft das Leben ganz anders, als man denkt. Von der Tagesschau-Moderatorin über die Alternative Bundeskanzlerin bis zur Begleiterin – der Weg ist oft ein Umweg. Luisas Text zeigt, wie gesellschaftliche Erwartungen und Geschlechterrollen unsere Entscheidungen beeinflussen.</strong><span id="more-17491"></span></p>
<h3>Es kommt oft anders, als man denkt</h3>
<p>Vor allem, wenn es um den eigenen Weg geht. Auch ich dachte lange, es gäbe diesen einen Lebensplan, der einfach funktioniert, wenn ich mich nur genug anstrenge.</p>
<p>Es begann als Grundschulkind, da wollte ich Tagesschau-Moderatorin werden, weil ich so gern redete. Bis ich gemerkt habe, dass ich nicht neutral bleiben will. Als Teenager wollte ich dann als alternative Bundeskanzlerin werden. Bis mir klar wurde, dass dieser Weg Parteistrukturen braucht, die ich so nicht wollte. Heute, als junge Erwachsene, geht es mir mehr darum, andere dabei zu unterstützen, sich selbst zu helfen.</p>
<p>Ich bin also durch drei Phasen gegangen, mit drei völlig unterschiedlichen Richtungen. Die Wendepunkte waren dabei immer ähnlich. Es waren keine großen Entscheidungen, sondern eher ein leises Gefühl, dass etwas nicht mehr stimmt. Genau da wird es schwierig, denn wir wachsen stets in einem Spannungsfeld zwischen eigenen Wünschen und den Ansprüchen von außen auf. Sich darin zu finden, erzeugt Druck. Und schnell passiert es, dass man sich daran orientiert und nicht mehr an sich selbst. Dass Entscheidungen sinnvoll wirken, aber sich nicht richtig anfühlen – so wie es bei mir der Fall war – ist dann die Konsequenz. Deswegen ist die Reflexion mit sich selbst auch so wichtig. Wer bin ich? Wer will ich sein? Wovor habe ich Angst?</p>
<p>So gelingt es, bei sich zu bleiben. Denn Außenstehende wissen nie so viel wie man selbst. Für Außenstehende wirkt vieles riskanter als für einen selbst. Deswegen ist es kein Maßstab, sondern nur eine Perspektive von vielen. Wenn sich etwas richtig anfühlt, reicht das oft als Ausgangspunkt. Und selbst wenn es nicht aufgeht, bleibt etwas: die Erfahrung.</p>
<p>Bei mir verlief es von der Moderatorin zur Kanzlerin zur Begleiterin. Drei Richtungen ohne einen roten Faden. Aber jede davon hat etwas hinterlassen. Und genau deshalb kommt es oft anders, als man denkt. Vielleicht sogar viel besser.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wir marodier&#8217;n durch die Ruin&#8217;n vom Stasiknast</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/05/wir-marodiern-durch-die-ruinn-vom-stasiknast/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Beau]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 May 2026 09:00:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Me Myself & I]]></category>
		<category><![CDATA[Coming of Age]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>
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					<description><![CDATA[Beau nimmt uns mit auf eine Bewusstseinsreise zwischen dem Aufwachsen im Osten und den urbanen Überschneidungspunkten zu Westdeutschland. Der immerwährende Diskurs, ob es Ost/West überhaupt noch gibt, schließt sich in diesem Text an Popkulturelle- und Literaturzitate, die mit einer queeren Biografie verknüpft werden. Über das Aufwachsen in Ostdeutschland, Musik, Architektur und Ratlosigkeit Eine Weile hatte]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong>Beau nimmt uns mit auf eine Bewusstseinsreise zwischen dem Aufwachsen im Osten und den urbanen Überschneidungspunkten zu Westdeutschland. Der immerwährende Diskurs, ob es Ost/West überhaupt noch gibt, schließt sich in diesem Text an Popkulturelle- und Literaturzitate, die mit einer queeren Biografie verknüpft werden.</strong><span id="more-17486"></span></p>
<h2>Über das Aufwachsen in Ostdeutschland, Musik, Architektur und Ratlosigkeit</h2>
<p>Eine Weile hatte ich das Ritual, immer einen bestimmten Song zu hören, wenn ich die Ländergrenze von Niedersachsen nach Thüringen im Regio passierte. Es war Uwe &amp; Heiko des inzwischen aufgelösten Rap-Duos Zugezogen Maskulin mit den Zeilen „Wir marodier&#8217;n durch die Ruin&#8217;n vom Stasiknast, Thälmann-Statue schaut herab wie König Ozymandias“. Die Kombination dieser beiden Bilder – der Stasiknast, der inzwischen meine Musikschule darstellte, und die Thälmann-Statue, die ich von einer Seitenstraße kannte – erschien mir zuerst wie ein verrückter Zufall, einer dieser schönen Momente, wenn ein Lied zum perfekten Soundtrack meines Pendler-Wegs wird. Später realisierte ich, dass sich die Kombination aus Stasi-Gebäude-Ruinen und Thälmann-Statue wahrscheinlich in jeder Klein- bis Großstadt in Ostdeutschland findet. Jetzt wohne ich wieder im Osten – ich könnte auch schreiben im ehemaligen Osten, aber momentan bin ich noch ein Fan der mehr oder weniger unkritischen Verwendung von Ost und West als Vereinfachung, die keine ist. Ein besonderes Ritual wäre nun eher notwendig, wenn ich wieder in den Westen fahre, aber was hört man da? Vielleicht Bilderbuch (aber die sind ja eine österreichische Band?): „Komm vorbei in meinem Bungalow! By the rivers of cashflow – Wir trinken Soda, trinken Soda – Komm vorbei mit deinem Škoda?“ Zumindest auch ein Song aus meinen Teenie-Jahren, der von einer schillernden Halb-Realität berichtet. Sie scheint sich hinter einem seidenen, paillettenbestickten Vorhang abzuspielen, aber nicht hinter einem eisernen.</p>
<p>Als Kind und Teenager war mir nie sonderlich bewusst, dass es Unterschiede zwischen meinem Aufwachsen und dem einer Person in Westdeutschland geben könnte. Ich fand es sogar eher anstrengend, wenn Menschen die immer noch bestehenden Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschland besprachen, es kam mir wie eine alte Kiste vor, die man nicht mehr hervorkramen muss. Für mich war es normal, dass jede erwachsene Person, mit der ich in Kontakt war, eine DDR-Vergangenheit hatte, dass DDR-Geschichten geteilt wurden und sozialistische Statuen und Mosaike die Straßen zierten. Aber es muss doch etwas bewegt haben, dieses Aufwachsen auf dem Gebiet eines Landes, das es nicht mehr gibt, dessen Geschichte sich jedoch in den Erinnerungen, öffentlichen Architektur, fehlenden Infrastrukturen fortschreibt. Erst, als ich für mein erstes Studium nach Niedersachsen zog, begann sich meine Welt zu öffnen, wobei ich zuallererst ebenjene sozialistische Statuen und Mosaike im neuen Stadtbild vermisste. Mit meinen Freund*innen mache ich manchmal den Witz, dass ostdeutsche Städte genauso hässlich wie westdeutsche sind, aber bei ostdeutschen Städten bedeutet es zumindest was. Vielleicht vernachlässige ich dabei, dass ein Post-Zweiter-Weltkrieg-Betonklotz in einer westdeutschen Stadt natürlich auch einen inhärenten ideologischen Wert besitzt; er strahlt die Macht des Kapitals aus, wohingegen ein ähnlicher Betonklotz in einer ostdeutschen Stadt einst das Gegenteil repräsentieren sollte. Dessen Eingangspforte ziert vielleicht noch ein Relief von muskulösen sowjetischen Arbeiter*innen, die standhaft nach vorne schreiten, bis die Witterung sie eines Tages vollends hinunter geschliffen hat. Ich frage mich schon lange, was es bedeutet, so inmitten der Zeichen einer verlierenden Ideologie aufzuwachsen, die zu viel Schmerz geführt und die Biografien aller umgebenden Erwachsenen zerschnitten hat und gleichzeitig nach wie vor für Menschen, auch für junge Menschen wie mich ein Grund zur Hoffnung ist.</p>
<p>Vielleicht bedeutet es so viel, dass all die Gefühle und Gedanken, die ich mit dem Osten verbinde, in sich implodieren und wieder in Bedeutungslosigkeit versinken. Mit 20 besuchte ich als Teil einer internationalen Jugendgruppe einen Berliner Jugendclub für queere Menschen. Den Moment, als ich die Auslage der Flyer im Eingangsbereich lag, erinnere ich nach wie vor als signifikant, weil ich damals fast geweint hätte bei dem Gedanken, wie viel nur ein einziger dieser Flyer in meiner Schule für mich hätte verändern können, geschweige denn ein ganzes Jugendzentrum. Aber hat das jetzt mit Ost/West-Kram zu tun oder einfach damit, dass ich in den frühen 2010er-Jahren in einer provinziellen Gegend aufgewachsen bin, die bei Shifts in sozialen Paradigmen immer zehn Jahre hinterher hängt? Inzwischen gibt es in meiner Heimatstadt sogar einen CSD, den ich nie geschafft habe zu besuchen, bevor er nun wieder aufgehört zu haben scheint. Call it Scham, call it Feigheit, call it Trotz. Vielleicht will ich dieser Stadt mein queeres Ich einfach nicht geben, nicht sichtbar sein in diesen Straßen, die mich solange gezwungen haben, unsichtbar zu sein. Ich könnte gehen, wenn ich mich darauf verlassen könnte, eine gute, empowernde Zeit zu haben, aber das ist bei Kleinstadt-CSDs im Osten eben nicht garantiert, wie der Nazi-Aufmarsch 2024 in Bautzen zeigt.</p>
<p>Gestern saß ich im Regionalzug von Weimar nach Leipzig, schaute aus dem Fenster auf die AfD-Flaggen über den Schrebergärten, die diese nostalgische Hügellandschaft meiner Jugend überziehen, und dachte, dass es über den Osten eigentlich gar nichts mehr zu sagen gibt. Es ist alles schon irgendwie ausgesprochen und lässt mich insgesamt mit viel Ratlosigkeit zurück. Einer meiner Lieblingsautoren, der in die DDR eingewanderte, viel zu früh verstorbene schwule Aktivist Ronald Schernikau, schrieb als Untertitel einer seiner Bücher „daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können, geschweige mittels ihrer literatur“. Manchmal habe ich das Gefühl, er hat immer noch Recht. Und trotzdem arbeiten die Nachwendegenerationen sich weiter am Osten ab, trotzdem erscheinen immer wieder gute Bücher, die bereits gesagtes erneut gut sagen, trotzdem versuchen junge Menschen, sich mit diesem anderen Land und seinem Erinnerungsgut auseinanderzusetzen. So arbeiten wir alle weiterhin daran, die Thälmann-Statue abzuschleifen oder zu etwas neuem zu machen, komme was wolle und wer weiß, wo es hinführt, es muss trotzdem geschehen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Aufwachsen in Schubladen</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/05/aufwachsen-in-schubladen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Romy]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 May 2026 09:00:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Coming of Age]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterrollen]]></category>
		<category><![CDATA[Schubladen]]></category>
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					<description><![CDATA[Anhand des fiktiven Mädchens Silvie, beschreibt Romy wie Kinder in stereotype Geschlechterrollen gedrängt werden und welche Folgen das hat. Die Geschichte verdeutlicht, wie früh Erwartungen ihr Selbstbild prägen können und wie wichtig es ist, Kindern die Freiheit zu geben, ihre Talente ohne Einschränkungen zu entdecken. Ein wichtiger Schritt für eine offenere und vielfältigere Zukunft! „Wir]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Anhand des fiktiven Mädchens Silvie, beschreibt Romy wie Kinder in stereotype Geschlechterrollen gedrängt werden und welche Folgen das hat. Die Geschichte verdeutlicht, wie früh Erwartungen ihr Selbstbild prägen können und wie wichtig es ist, Kindern die Freiheit zu geben, ihre Talente ohne Einschränkungen zu entdecken. Ein wichtiger Schritt für eine offenere und vielfältigere Zukunft!</strong><span id="more-17481"></span></p>
<blockquote><p>„Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden dazu gemacht“ – Simone de Beauvoir.</p></blockquote>
<p>Mit diesem Satz zeigt die französische Schriftstellerin und Philosophin einen zentralen Aspekt des Aufwachsens und Erwachsenwerdens auf, der uns alle betrifft. Ein Aspekt, dem wir zunächst mehr oder weniger ausgeliefert sind – ob wir wollen, oder nicht: Sozialisation.</p>
<p>Wir alle sind geprägt, gerade im jungen Alter, von unserem Umfeld. Von den Menschen, die uns großziehen. Von denjenigen, mit denen wir unsere Zeit verbringen, die oft auch Vorbilder für uns darstellen. Sie alle können einen großen Einfluss darauf haben, wer wir später sind, und wie wir uns selbst wahrnehmen. Nicht jeder erlebt die Sozialisation dabei auf eine gleiche Art und Weise – wir als Individuen werden natürlich auch von den unterschiedlichsten, individuellen Menschen aufgezogen und geprägt. Das macht diesen Prozess aber nicht frei von Strukturen. Im Gegenteil. Gerade in Bezug auf die Geschlechter lässt sich sehen: bei Mädchen und Jungen gibt es ein sich stark unterscheidendes Muster. Aufgrund unseres Geschlechtes geschieht die Sozialisation unterschiedlich und drängt uns nach und nach, ob latent oder deutlich, in eine bestimmte Rolle. Das nennt sich geschlechtsspezifische Sozialisation. Ich werde in dem Text sowohl darauf eingehen wie geschlechtsspezifische Sozialisation sich äußern kann, als auch, was das für die spätere Identität von Kindern bedeuten kann.</p>
<h3>Silvie – ein Beispiel für das System</h3>
<p>Um den Prozess zu verdeutlichen, werde ich nun aus der Perspektive eines heranwachsenden, fiktiven Mädchens namens Silvie sprechen. Was sie hier erlebt, was ihr gesagt und vermittelt wird, hat noch einen maßgeblichen Einfluss darauf, wie sie später ihr Leben gestalten möchte.</p>
<p>Silvie liebt es eigentlich, in die Schule zu gehen. Sie ist jetzt in der vierten Klasse und freut sich schon riesig auf die weiterführende Schule. Sie möchte auf ein naturwissenschaftliches Gymnasium gehen, um ihrem Traum, eine Physikerin zu werden, noch näher zu kommen. Gleich hat Silvie Matheunterricht. Kurz vor Unterrichtsbeginn fällt dem Lehrer auf: die Stühle reichen nicht. „Können kurz drei starke Jungs mitkommen, um mir beim Stühletragen zu helfen?“, fragt der Lehrer in die Runde. Silvie hätte zwar auch gerne geholfen, aber ihre Hilfe ist hier wohl nicht angebracht, denkt sie.</p>
<p>Die Stunde geht vorüber, es ist an der Zeit, dass die Noten der letzten Mathe-Schulaufgabe herausgegeben werden. Vorher äußert sich ihr Lehrer noch kurz zu den Noten: „Ich soll sowas eigentlich nicht sagen, aber mir ist dieses Mal besonders aufgefallen, dass sich die Mädchen beim Lernen wohl etwas mehr ins Zeug gelegt haben als die Jungen. Schon ungewöhnlich, Naturwissenschaften liegen nämlich Jungs viel mehr, das ist auch irgendwie ein Jungsfach. Aber genug geredet, hier die Schulaufgaben!“</p>
<p>Silvie freut sich sehr über ihre Zwei, verunsichert ist sie trotzdem. Wenn Naturwissenschaften „Jungssache“ ist, macht ihr Traum dann überhaupt noch Sinn?</p>
<h3>Geschlechtsspezifische Schubladen</h3>
<p>Was Silvie dort erlebt, ist ein konkret veranschaulichtes Beispiel dessen, wie geschlechtsspezifische Sozialisation aussehen kann. Kindern wird schon im jungen Alter ein Bild vermittelt von einem binären Geschlechtersystem, dessen zwei Geschlechter sich angeblich signifikant unterscheiden in ihren Talenten und Stärken. Männliche Attribute fokussieren sich dabei meist auf Stärke, körperlich und emotional. Weibliche Attribute drehen sich meist um Fürsorge, Liebe, Emotionalität.</p>
<p>Kindern werden dabei Schubladen offenbart, in die sie sich, ihrem biologischen Geschlecht gemäß, einordnen sollen. Diese Schubladen stehen in Verbindung mit einer Erwartungshaltung an Kinder, wie sie sich später Verhalten sollen – „ihrem Geschlecht gemäß“, natürlich.</p>
<p>Auch Sätze oder Begriffe wie „Jungssache“ oder „Mädchensache“ können dazu führen, dass Kinder zum einen ihren Talenten nicht nachgehen, wenn sie eher dem anderen Geschlecht zugeordnet werden. Zum anderen kann es sie davon abschrecken, verschiedenste Dinge auszuprobieren, um festzustellen, was sie wollen und worin sie gut sind. Das kann auch signifikante Auswirkungen auf ihr späteres Leben und ihre Karriere haben, wenn sie das Gefühl bekommen sich in dem zurückhalten zu müssen, was sie wirklich machen wollen.</p>
<p>Auch Spielzeuge können einen Einfluss darauf haben, in welcher Rolle sich Kinder schon früh beginnen einzuordnen. So vermitteln beispielsweise Spielzeuge wie Puppen oder der Kochherd, die unter anderem in der Werbung meist an Mädchen adressiert werden, früh die erwartete Rolle von Frauen als Fürsorgerinnen, Kümmerinnen und Mütter. Das kann den Eindruck vermitteln, dass die Mädchen später einmal für genau das Verantwortung übernehmen sollen – nämlich für die Care-Arbeit. In diese werden Mädchen auch früher eingebunden, beispielsweise für Aufgaben wie das Aufräumen der Spülmaschine oder den Frühjahrsputz.</p>
<h3>Die Folge geschlechtsspezifischer Sozialisation</h3>
<p>Diese Art von Sozialisation, die uns unserem Geschlecht gemäß in bestimmte Kategorien steckt, hat allerdings nicht nur einen möglichen Einfluss auf unseren späteren Karriereweg. Sie kann auch der mentalen Gesundheit schaden.</p>
<p>So wird Männern beispielsweise ein Männlichkeitsbild vermitteln, in welchem sie dauerhafte Stärke zeigen müssen – diese „Stärke“ wird hier verbunden mit dem Unterbinden vom Zeigen der eigenen Emotionen, beispielsweise mit dem Weinen. Dieses Bild von „Stärke“ kann außerdem dazu führen, dass Männer sich keine oder zu spät Hilfe holen, wenn sie welche bräuchten, beispielsweise im Umgang mit psychischen Krankheiten oder auch suizidalen Gedanken. Auch Attribute wie „das Zeigen von Dominanz“ kann für jene Männer belastend sein, die sich davon distanzieren, und dafür auf Ablehnung, insbesondere von anderen Männern, stoßen können.</p>
<p>Eine solche Form von Ablehnung erleben auch Frauen, die sich nicht den Charaktereigenschaften gemäß verhalten, die von Ihnen erwartet werden. Im schlimmsten Fall äußert sich diese Form von Ablehnung in beispielsweise häuslicher, psychischer oder sexueller Gewalt – oder auch in einem Femizid.</p>
<p>Es ist wichtig zu verstehen, dass das, was wir unseren Kindern vermitteln, sich auf ihr späteres Leben, ihre Partnerschaften und sich selbst auswirken. Wir sollten Kindern die Möglichkeit lassen, sich in ihren Talenten und in ihrem Charakter frei entwickeln zu lassen – abseits von dem, was wir gesellschaftlich klar als stereotypisch „männlich“ und „weiblich“ in Schubladen einordnen möchten.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Mein kleines Ich</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/05/mein-kleines-ich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[sabylonica]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 15 May 2026 09:00:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Me Myself & I]]></category>
		<category><![CDATA[Coming of Age]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
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					<description><![CDATA[In seinem*ihren neuen Text spricht sabylonica’s jetziges Ich zu seinem*ihrem jüngeren Selbst und bietet Trost in Zeiten der Unsicherheit und eine Erinnerung daran, dass er*sie genau so richtig ist, wie er*sie ist. Ich weiß, du sitzt gerade irgendwo zwischen Fragen, auf die du keine Antworten bekommst, und Problemen, die du keiner Person erzählen kannst. Du]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In seinem*ihren neuen Text spricht sabylonica’s jetziges Ich zu seinem*ihrem jüngeren Selbst und bietet Trost in Zeiten der Unsicherheit und eine Erinnerung daran, dass er*sie genau so richtig ist, wie er*sie ist.</strong><span id="more-17473"></span></p>
<p>Ich weiß, du sitzt gerade irgendwo zwischen Fragen, auf die du keine Antworten bekommst, und Problemen, die du keiner Person erzählen kannst. Du schaust in dein Spiegelbild und versuchst selbst Antworten zu finden, die dir aber mehr Fragen zuwerfen. Dabei suchst du nach einer Antwort, die dir sagt, du bist richtig, wie du bist. Und ich wünschte, du hättest die Antwort selbst geben können. Ich wünschte, ich könnte dir jetzt die Antwort geben. Denn du bist es. Du bist richtig! Auch wenn du das nicht so siehst.</p>
<p>Ich weiß genau, wie du dich selbst betrachtest. Auf jede Linie deiner Haut, jedes einzelne Härchen, das da wächst, wo es angeblich nicht wachsen soll. Auf all das, was dir beigebracht und vorgelebt wurde, zu verstecken, zu glätten, zu korrigieren. Du denkst, Schönheit müsstest du dir verdienen, dass sie von außen kommt. Aber irgendwann, das verspreche ich dir, wirst du verstehen, dass dein Körper nie das Problem war. Kein einziges Haar ist zu viel. Und kein anderer Teil von dir ist falsch. Du wirst lernen, ihn nicht nur zu akzeptieren, sondern ihn zu sehen als etwas Eigenes, etwas Lebendiges, etwas, das zu dir gehört.</p>
<p>Aber es wird nicht plötzlich passieren. Es wird leise kommen und anfangen. In Momenten, in denen du dich nicht mehr vergleichst. In denen du aufhörst, dich kleiner zu machen, nur damit sich andere wohler fühlen. Und eines Tages wirst du merken, dass du dich nicht mehr versteckst. Dass du einfach da bist.</p>
<p>Und ich weiß auch, wie schwer es sich gerade mit deiner Familie anfühlt. Wie widersprüchlich es ist. Wie du gleichzeitig dazugehören willst und dich doch fremd fühlst. Du denkst vielleicht, dass mit dir etwas nicht stimmt, weil es nicht einfach ist. Aber du musst wissen: Liebe hat viele Formen und nicht alle davon sind die, mit denen wir aufgewachsen sind.</p>
<p>Du wirst ausziehen, allein wohnen, neue Menschen treffen. Nicht sofort, nicht alle auf einmal, aber nach und nach. Menschen, die dich sehen, ohne dass du dich erklären musst. Die dich nicht lesen, sondern verstehen. Mit ihnen wirst du lachen, so frei, dass es dich selbst überrascht. Mit ihnen wirst du still sein können, ohne dass es sich leer anfühlt. Das ist deine gewählte Familie. Deine Chosen Family. Und sie wird dir zeigen, dass Zugehörigkeit nicht bedeutet, sich anzupassen, sondern anzukommen.</p>
<p>Du wirst auch lernen, dich selbst zu wählen. Und ich weiß, wie ungewohnt sich das anfühlen wird. Wie egoistisch es dir vorkommt, Grenzen zu setzen, Nein zu sagen, dich an erste Stelle zu stellen. Aber es ist kein Egoismus. Es ist Fürsorge. Es ist Liebe. Und zwar eine, die du dir lange nicht erlaubt hast.</p>
<p>Deine Identität wird sich nicht wie ein klares Ziel anfühlen. Eher wie ein Weg, der sich ständig ändert und verschiebt. Manchmal wirst du dich sicher fühlen, manchmal komplett verloren. Und ja, es wird kompliziert, weil die Welt dich weiterhin in Kategorien stecken will, die nicht passen. Weil Sprache, Körper, Herkunft und Erwartungen sich überlagern und du oft das Gefühl hast, zwischen allem und nichts zu stehen. Aber genau darin liegt auch etwas Kraftvolles. Du bist nicht trotz dieser Widersprüche, sondern durch sie die Person, die du bist. Sie machen dich nicht weniger, sondern mehr. Du wirst lernen, dass du dich nicht aufteilen musst, um verstanden zu werden.</p>
<p>Du wirst viel sehen. Schöne Dinge, die dich staunen lassen. Orte, die sich wie Atem anfühlen. Menschen, die Spuren hinterlassen. Und ja, auch Dinge, die weh tun. Momente, in denen du zweifelst, fällst, dich verlierst. Aber du wirst auch merken, dass du immer wieder zurückfinden wirst. Ob allein oder mit deiner Chosen Family. Aber eben nicht an Erwartungen geknüpft.</p>
<p>Vielleicht ist das das Erwachsenwerden, von dem alle sprechen. Nicht anzukommen, sondern sich selbst immer wieder neu zu begegnen und dabei sanfter zu werden. Ich weiß, du hättest gern Gewissheit. Einen Punkt, an dem alles Sinn ergibt. Den gibt es aber nicht. Aber es gibt dich. Und das reicht weiter, als du jetzt glauben kannst.</p>
<p>Ich warte hier nicht auf eine bessere Version von dir. Ich bin nur du, nur eben ein Stück weiter. Und du wirst es bis hierher schaffen. Auf deine Weise. Immer. Deshalb sei nicht so streng zu dir, wie es andere mit dir sind.</p>
<p><strong>Du bist richtig, wie du bist.</strong></p>
<p>In Liebe,</p>
<p>Dein jetziges Ich</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Pubertät</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/05/pubertaet/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lilith]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 May 2026 09:00:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Me Myself & I]]></category>
		<category><![CDATA[Coming of Age]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Pubertät]]></category>
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					<description><![CDATA[Mit ihrem neuen Video eröffnet Lilith unseren neuen Themenschwerpunkt und beginnt eine Reihe von Coming-of-Age-Geschichten über das Erwachsenwerden. Erfahrt mehr über die Freuden, Erwartungen und Identitätsfragen, die uns in der Pubertät begleiten, sowie die Herausforderungen, die oft mit sozialem Druck und Schönheitsidealen einhergehen. Lasst uns gegenseitig unterstützen und daran erinnern, dass niemand perfekt durch diese]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong>Mit ihrem neuen Video eröffnet Lilith unseren neuen Themenschwerpunkt und beginnt eine Reihe von Coming-of-Age-Geschichten über das Erwachsenwerden. Erfahrt mehr über die Freuden, Erwartungen und Identitätsfragen, die uns in der Pubertät begleiten, sowie die Herausforderungen, die oft mit sozialem Druck und Schönheitsidealen einhergehen. Lasst uns gegenseitig unterstützen und daran erinnern, dass niemand perfekt durch diese Phase kommt.</strong><span id="more-17469"></span></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Volltreffer</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/05/volltreffer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nev]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 May 2026 08:40:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Liebe_n]]></category>
		<category><![CDATA[Videos]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderwunsch]]></category>
		<category><![CDATA[trans*]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.meintestgelaende.de/?p=17461</guid>

					<description><![CDATA[Nev und seine Frau teilen in diesem Video ihre Reise zur Schwangerschaft durch künstliche Befruchtung. Sie erzählen von den Herausforderungen, der Hoffnung und der Freude, die sie auf diesem Weg erlebt haben. Ein Einblick in ihre Geschichte und ein Blick auf die Herausforderungen der Familienplanung!]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nev und seine Frau teilen in diesem Video ihre Reise zur Schwangerschaft durch künstliche Befruchtung. Sie erzählen von den Herausforderungen, der Hoffnung und der Freude, die sie auf diesem Weg erlebt haben. Ein Einblick in ihre Geschichte und ein Blick auf die Herausforderungen der Familienplanung!</strong></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sollte es &#8222;fotzigen&#8220; Feminismus geben?</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/04/sollte-es-fotzigen-feminismus-geben/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Carlotta]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Apr 2026 14:36:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Videos]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rap]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.meintestgelaende.de/?p=17455</guid>

					<description><![CDATA[Provokant, vulgär, feministisch? Ikkimel nennt ihr Album FOTZE und reclaimt Begriffe, die lange gegen Frauen verwendet wurden. Während sexistische Lines von Männern normalisiert sind, wird weibliche Provokation schnell zum Skandal. Ist das zu viel – oder genau die Form von Empowerment, die Rap braucht? „Ich rede über Fotzen und ich bring sie in die Charts“]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong>Provokant, vulgär, feministisch? Ikkimel nennt ihr Album <em data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="em">FOTZE</em> und reclaimt Begriffe, die lange gegen Frauen verwendet wurden. Während sexistische Lines von Männern normalisiert sind, wird weibliche Provokation schnell zum Skandal. Ist das zu viel – oder genau die Form von Empowerment, die Rap braucht?</strong><span id="more-17455"></span></p>
<h2>„Ich rede über Fotzen und ich bring sie in die Charts“</h2>
<p><em>IDGAF, Ikkimel</em></p>
<p>Die Berliner Rapperin Ikkimel provoziert gerne mit ihren Texten, verwendet vulgäre Sprache und haut umstrittene Zeilen raus – alles im Namen des Feminismus und der Wiederaneignung so mancher beleidigender Begriffe. Vor allem das Wort „Fotze“ spielt dabei eine ganz zentrale Rolle. Ihr erstes Album trägt diesen Titel in Großbuchstaben. FOTZE erregt Aufmerksamkeit, ist plakativ und provokant. Aber kann man solche Provokationen als Feminismus betiteln oder ist die Künstlerin da doch einen drüber?</p>
<p><strong>„Sie würden gern ’ne kleine Fotze sein, aber ich bin’s“</strong></p>
<p><em>Mami, Ikkimel und The Cratez</em></p>
<p>Die kurze Antwort ist: Ja, ihre Musik ist durchaus feministisch. Und sie ist dabei auch nicht alleine. Immer mehr deutsche Musiker*innen und Rapper*innen verwenden provozierende Sprache und eignen sich Schimpfwörter, die vor allem abwertend für Frauen gelten, wieder an. Sie benutzen eigentlich genau das Vokabular, womit Rapper jahrelang ihr Geld verdient haben: „Schlampe“, „Hure“, „Nutte“, „Fotze“, „Bitch“ und viele mehr. Sobald es aber von Frauen kommt, wird es natürlich direkt kritisiert, verhöhnt und von den Medien ausgeschlachtet. Während sich Rapper jahrzehntelang mit Frauen geschmückt haben, die halbnackt in ihren Videos tanzen, werden Künstlerinnen wie Ikkimel dafür verurteilt, wenn sie genau das machen – nur ohne Mann anwesend und nicht für den Male Gaze. Genauso ist es mit der weiblichen Sexualität, die nicht wie die männliche Sexualität gefeiert und gepriesen wird, sondern eben als falsch oder problematisch angesehen wird.</p>
<p><strong>„Jetzt sind die Fotzen wieder da“</strong></p>
<p><em>Die Fotzen sind wieder da, SXTN</em></p>
<p>Was das Rap-Duo SXTN sich schon vor 10 Jahren getraut hat, findet jetzt durch die steigende Popularität von Künstler*innen wie Ikkimel immer mehr Anklang in der deutschen FLINTA*-Rap-Szene. Je größer der Trend wird, solche Texte zu schreiben, desto mehr werden die einst abwertenden Wörter wiederholt und verlieren schließlich an Macht, sodass die Bedeutung der Wörter neu besetzt werden kann. Und wie schön wäre es, wenn die schlimmsten Schimpfwörter nicht immer weiblich konnotiert wären oder das Weiblich-Sein selbst als Beleidigung gelte.</p>
<p><strong>„Ab in’n Zwinger, noch ’ne Runde<br />
Weil du warst ein böser Junge“</strong></p>
<p><em>BÖSER JUNGE, Ikkimel</em></p>
<p>Und was ist jetzt mit den Männern? Die kommen in den Texten dieser Künstler*innen nämlich auch nicht so gut weg. Im klassischen Rap hat es natürlich niemanden interessiert, wenn Frauen in den Texten schlechter dargestellt wurden, ihnen schlechte Eigenschaften zugeschrieben wurden oder sie verachtet wurden. Weiblichen Künstler*innen wird aber, wenn sie genau das tun, Männerhass oder glatt Hetze vorgeworfen. Gesellschaftlich wird es mal wieder nur als problematisch gesehen, wenn die Machtposition der Männer angegriffen wird.</p>
<p><strong>„Von der größten Fotze meiner Stadt, zur größten in Europa“</strong></p>
<p><em>WHO’S THAT, Ikkimel</em></p>
<p>Was ich aus Ikkimels Musik mitnehme, ist in erster Linie eine ganze Menge Empowerment. Es ist schön, Musik zu hören, in der sich eine Frau selbstbewusst zeigt, wenn man als Frau ein Leben lang lernt, an sich zu zweifeln und sich klein zu machen. Ikkimel nimmt Raum ein und das finde ich inspirierend. Ich finde es auch gut, dass Männer in ihren Texten auch mal nicht die höchste Machtposition einnehmen – das tun sie ja immerhin schon im echten Leben. Dass Ikkimels Musikstil nicht allen gefällt, ist natürlich normal, jede*r hat nun mal einen eigenen Geschmack. Ihr Vorwürfe zu machen wegen ihrer Texte finde ich allerdings zu viel. Musik ist eine Kunst, alle dürfen sie ausleben, wie sie wollen. Man sollte sich eher die Frage stellen, ob ihre Texte wirklich so provokant sind oder nur so gesehen werden, weil sie von einer Frau kommen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Philosophie oder Frauenfeindlichkeit?</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/04/philosophie-oder-frauenfeindlichkeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lino]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Apr 2026 11:22:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Misygonie]]></category>
		<category><![CDATA[Podcasts]]></category>
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					<description><![CDATA[Nicht jede provokante Aussage ist einfach nur eine Meinung. Wenn sexualisierte Gewalt als „normal“ relativiert wird, hört Philosophie auf und Frauenfeindlichkeit beginnt. Ein Text über die Frage, warum gefährliche Aussagen im Netz nicht nur diskutiert, sondern klar benannt werden müssen. Es geht für mich in diesem Text um eine Frage: Ist es Philosophie oder Frauenfeindlichkeit?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nicht jede provokante Aussage ist einfach nur eine Meinung. Wenn sexualisierte Gewalt als „normal“ relativiert wird, hört Philosophie auf und Frauenfeindlichkeit beginnt. Ein Text über die Frage, warum gefährliche Aussagen im Netz nicht nur diskutiert, sondern klar benannt werden müssen.</strong><br />
<strong><span id="more-17449"></span></strong></p>
<p>Es geht für mich in diesem Text um eine Frage: Ist es Philosophie oder Frauenfeindlichkeit?</p>
<p>Ich habe online gesehen, wie ein Podcaster die Aussage gemacht hat, dass es ja keine Vergewaltigung sei, wenn man sich auf dem damaligen Klischee beruft. Das heißt, wenn es einen „Jäger“ und eine Frau, welche zu Hause bleibt, in einer Familie gibt, ist es nicht verwerflich, sich als „Jäger“ zu verordnen. Er sagte, dass er der „Meinung“ sein kann, Frauen vergewaltigen zu können, wenn er es als „normal“ bezeichnen würde.</p>
<p>Meinung ist ein Teil der Philosophie. Du musst begründen, warum du dieser Meinung bist. Aber das ist nun mal außerhalb der ordentlichen Philosophie.</p>
<p>Zum einen ist es nach moralischen Werten nicht akzeptabel, zum anderen gibt es Regeln und Grundgesetze, dass man sich hier, in der heutigen Zeit, an bestimmte Regeln halten muss.</p>
<p>Das ist auch keine Unterdrückung seiner „Meinung“.</p>
<p>Ich habe mir nach diesem verstörenden Video von dem Podcaster etwas vorgestellt.</p>
<p>Man sitzt im Gerichtssaal und ist der Vergewaltigung beschuldigt. Der Podcaster würde dann ja wirklich aussagen, dass er es nicht schlimm findet, da er es für etwas Normales hält.</p>
<p>Der würde dann natürlich verurteilt werden. Aber dennoch finde ich es unfassbar, dass er so im Internet herumposaunt und sogar noch tausende Likes kassiert.</p>
<p>Ich finde, wir sollten uns alle mal fragen, ob wir diese Meinungen dulden oder nicht zumindest mal hinterfragen. Denn das ist wirklich nicht mehr normal. Und meine Meinung ist, dass es keine Philosophie mehr ist, und meine Meinung habe ich ja in den letzten Zeilen gründlich ausgeschrieben.</p>
<p>Außerdem verstehe ich nicht, wie man so denken kann.</p>
<p>Schüttet Liebe, kein Hass.</p>
<p>Denkt gesund, nicht krank.</p>
<p>Das war mein Beitrag für heute und ich kann sagen, dass es das nächste Mal positiver wird.</p>
<p>~Lino</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Toll – 2.600 Wochen dasselbe!</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/04/toll-2-600-wochen-dasselbe/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marv]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Apr 2026 12:03:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Poetry Slam]]></category>
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					<description><![CDATA[Aufstehen, arbeiten, funktionieren und dann wieder von vorne. In seinem neuen Text nimmt Marv den Alltag auseinander, bis klar wird: Es ist nicht nur Routine, es ist ein System, das erschöpft. Wie viel Leben bleibt übrig, wenn alles nur Arbeit ist? Und was passiert, wenn wir anfangen, auszubrechen? (1) Aufstehen – Wecker. Frühstück – lecker.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong>Aufstehen, arbeiten, funktionieren und dann wieder von vorne. In seinem neuen Text nimmt Marv den Alltag auseinander, bis klar wird: Es ist nicht nur Routine, es ist ein System, das erschöpft. Wie viel Leben bleibt übrig, wenn alles nur Arbeit ist? Und was passiert, wenn wir anfangen, auszubrechen?</strong><span id="more-17442"></span></p>
<p><strong>(1)</strong></p>
<p>Aufstehen – Wecker. Frühstück – lecker. Danach wie immer ins Badezimmer: ein Hoffnungsschimmer. Rein in die Klamotten, dem Tage wohlgesonnen. Frisch gestylt ein Muss, und dann los zum Bus. 8 Stunden Geld verdienen, oder mehr – ist doch nicht so schwer. Denn um 17 Uhr zum Glück geht es schon nach Haus zurück. Etwas Feines essen, die Familie und auch das Sozialleben nicht vergessen. Kurz am Handy das Neueste checken. Bemerken, wie gut die Antipasti heute schmecken, und um 22 Uhr nur noch einschlafen, endlich, friedlich.</p>
<p>Von vorne:</p>
<p>Aufstehen – Wecker! Frühstück – lecker! Danach wie immer ins Badezimmer: ein Hoffnungsschimmer. Rein in die Klamotten, dem Tage wohlgesonnen. Frisch gestylt ein Muss, und dann los zum Bus. 9 Stunden Geld verdienen, oder mehr – ist doch nicht so schwer. Denn um 18 Uhr zum Glück geht’s doch schon nach Haus zurück. Etwas Feines essen, die Familie und auch das Sozialleben nicht vergessen. Kurz am Handy das Neueste checken. Bemerken, wie gut die Chips heute schmecken, und um 22 Uhr nur noch einschlafen, endlich, friedlich.</p>
<p>Von vorne:</p>
<p>Aufstehen – Wecker! Frühstück – lecker! Danach wie immer ins Badezimmer: ein kleiner Hoffnungsschimmer. Rein in die Klamotten, dem Tage wohlgesonnen. Frisch gestylt ein Muss, und dann los zum Bus. 9 Stunden Geld verdienen, oder mehr – ist doch nicht so schwer. Denn um 18 Uhr zum Glück geht’s doch schon nach Haus zurück. Etwas Kleines essen, Familie und Sozialleben nicht vergessen! Kurz am Handy das Neueste checken. Bemerken, wie gut die Chips heute schmecken, und um 23 Uhr doch noch einschlafen, endlich, friedlich.</p>
<p>Von vorne!</p>
<p>Aufstehen – Wecker! Frühstück – lecker?! Danach ins Badezimmer: kein Hoffnungsschimmer. Rein in die Klamotten, dem Tage wohlgesonnen. Frisch gestylt – Muss! LOS! Zum Bus! 10 Stunden Geld verdienen, oder mehr – ist doch nicht so schwer. Denn um 19 Uhr zum Glück geht’s doch schon nach Haus zurück. Etwas Schnelles essen, Familie und Sozialleben vergessen. Kurz oder lang am Handy das Neueste checken. Runterschlucken, ohne zu schmecken, und um 24 Uhr doch nur noch einschlafen. Endlich. Friedlich … oder auch nicht.</p>
<p>Von vorne!</p>
<p>Aufstehen! Wecker! Frühstück FÄLLT AUS! Im Badezimmer: kein Hoffnungsschimmer. Rein in dieselben Klamotten, dem Wochenende wohlgesonnen. Kaum gestylt, Maske auf – MUSS. Los, zum Bus! 10 Stunden Geld verdienen, oder mehr – fällt so tonnenschwer. Denn erst um 19 Uhr zum Unglück geht’s nach Haus zurück. Nichts mehr da zum Essen. Die Familie und dein Sozialleben so gut wie vergessen. Zu lange das Handy checken, nichts mehr fühlen oder schmecken. Und um 24 Uhr doch nur noch einschlafen, endlich, friedlich. Nein, sicherlich nicht.</p>
<p>Ausatmen.</p>
<p>Endlich Wochenende – mal zwei. Doch der Kopf wird nicht auf Knopfdruck frei. Deine Partnerin fragt bereits panisch: „Alles okay bei dir?!“ Und du antwortest wie automatisch: „Joa, und bei dir?“, denn du weißt es selbst nicht mehr.</p>
<p><strong>(2)</strong></p>
<p>Zielstrebig, aber träge arbeitet die Säge an dem Wirtschafts-Ast, auf dem du dich gesetzt hast, mit dem Rücken zur Bürowand, das Smartphone in der Hand. Jede Woche dasselbe. Unsichtbare Erschöpfung. Unentschieden mit dir selbst; du bist nie so recht glücklich und eigentlich unzufrieden mit dem Alltag. Doch „es wird ja so von dir erwartet.“ – ein ewiger Kreislauf. Stetige Erwartung deiner Familie, dieselbige zu ernähren.</p>
<p>Ein Hamsterrad. Tödliches Kettenkarussell, denn deine Zeit verrinnt viel zu schnell. Woche für Woche, Jahr für Jahr. 50 Jahre sind 2.600 Wochen. Hast bislang deine Lebensmasterplanentscheidung nie getroffen. Einfach im Alltag verpasst. Die Arbeit sagt, es ist viel wichtiger, dass du stets weiter- und weiter- und weitermachst – mal 7. Darum arbeitest du in Frieden, kommst irgendwie so gerade eben über die Runden und natürlich hörst du niemals: „Danke für die ganzen unbezahlten Überstunden!“</p>
<p>Denn es geht schon weiter; von vorne, von vorne, von vorne, …</p>
<p>7 Tage sind 1 Woche.<br />
1 Woche mal 2.600.</p>
<p>Toll – 2.600 Wochen dasselbe!</p>
<p>Und dann wirst du verwundert ins Gras beißen, nur um zu begreifen, dass du im ganzen Kapitalismus völlig vergessen hast, das grüne Gras mal zu mähen. Mal das Schöne zu sehen. Mal das Leben zu leben.</p>
<p>Doch noch ist es nicht zu spät. Noch ist es nicht zu spät, etwas zu ändern!</p>
<p>Frag dich mal: 5-Tage-Woche – muss das sein? Arbeit geht von sich aus keine Kompromisse ein. Nein, die Arbeit macht freiwillig keine 4-Tage-Woche oder weniger. Darum ist es echt wichtig, dass du allein (du allein!) das Muster durchbrichst. Überlegst, wie du zufrieden und fair bezahlt lebst. Dass du dich nicht vergleichst.</p>
<p>Keine vorgefertigte Geschlechterrolle aus der Vergangenheit wird dich erfüllen! Sondern bitte fang an, auf dich und deine Intuition zu hören: Was sind deine Bedürfnisse? Was sind deine Ziele? Und wenn du das wieder weißt, dann leb dich aus.</p>
<p>Brich aus diesem unterbezahlten Alltag aus! Er ist ein verdammter Dämon. Er ernährt sich von deiner Routination, lange, lange Zeit schon. Daher wird es sich lohnen, die Routine zu durchbrechen – das kann ich dir versprechen. „Danke für die ganzen unbezahlten Überstunden!“, wird nämlich nicht auf deinem Grabstein stehen, nein.</p>
<p>Es ist an der Zeit, das Leben wieder in vollen Zügen zu schmecken, mit allen Sinnen. Mal wieder aufstehen ohne Wecker, Frühstück wirklich lecker. Um dann draußen, ohne Klamotten, wohlgesonnen und ungestylt, aber mit Sonnenlicht auf deinem Gesicht, fröhlich und nackt das grüne Gras zu mähen. Mal wieder das Schöne ganz bewusst zu sehen.</p>
<p>Alles wahrnehmen: Wärme, Freude, Leichtigkeit. Hoffnung, Zufriedenheit, Liebe und vor allem Selbstliebe. Mal wieder dein Leben selbstbestimmt und kreativ, und nicht nur im Konjunktiv, zu leben.</p>
<p>Darauf kommt es doch an.<br />
Oder nicht?</p>
<p><strong>(3)</strong></p>
<p>Von vorne.<br />
Von vorne, von vorne, von vorne, von vorne.</p>
<p>Nicht unendlich. Nicht unbesiegbar. Unbezahlbar.<br />
Du bist unbezahlbar! Vergiss das nicht.</p>
<p>Von vorne.<br />
Von vorne.</p>
<p>Zu Ende.<br />
Zu… frieden.</p>
<p>Bitte lebe in Frieden,</p>
<p>denn wir haben nur dieses eine Leben,<br />
und Geld ist nicht das Ziel.<br />
Auch der Weg zur Arbeit ist nicht das Ziel,<br />
sondern das Ziel ist selbstbestimmte Zufriedenheit.<br />
Immer.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ist Leistung gleich Wert?</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/04/ist-leistung-gleich-wert/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kreaty]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Apr 2026 09:00:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Leistungsdruck]]></category>
		<category><![CDATA[Wert]]></category>
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					<description><![CDATA[Leistung soll sich lohnen – aber für wen eigentlich?Zwischen Selbstständigkeit, Dauerstress und unsichtbarer Care-Arbeit stellt Kathy eine unbequeme Frage: Warum zählt nur, was Geld bringt? Und wer zahlt den Preis, wenn Fürsorge unsichtbar bleibt?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong>Leistung soll sich lohnen – aber für wen eigentlich?</strong><br data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="hardBreak" data-prosemirror-node-inline="true" /><strong>Zwischen Selbstständigkeit, Dauerstress und unsichtbarer Care-Arbeit stellt Kathy eine unbequeme Frage: Warum zählt nur, was Geld bringt? Und wer zahlt den Preis, wenn Fürsorge unsichtbar bleibt?</strong></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>die krankenkasse hat gesprochen // ich träume von care</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/04/die-krankenkasse-hat-gesprochen-ich-traeume-von-care/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Isaak]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Apr 2026 14:42:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[trans*]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.meintestgelaende.de/?p=17430</guid>

					<description><![CDATA[Zwei Texte, ein Gefühl: erst Wut, dann Utopie.Zwischen „Antrag abgelehnt“ und der Vorstellung, wie Care für alle aussehen könnte stellt Isaak die Frage, wer heute einfach durchs Raster fällt. I aber davor kannte ich leute, denen die krankenkasse die gesundheitsversorgung gestrichen hat – antrag auf kostenübernahme: abgelehnt und die dann gestorben sind an der erkrankung]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong>Zwei Texte, ein Gefühl: erst Wut, dann Utopie.</strong><br data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="hardBreak" data-prosemirror-node-inline="true" /><strong>Zwischen „Antrag abgelehnt“ und der Vorstellung, wie Care für alle aussehen könnte stellt Isaak die Frage, wer heute einfach durchs Raster fällt.</strong><span id="more-17430"></span></p>
<h3>I</h3>
<p>aber davor kannte ich leute,<br />
denen die krankenkasse die gesundheitsversorgung<br />
gestrichen hat –<br />
antrag auf kostenübernahme: abgelehnt<br />
und die dann gestorben sind<br />
an der erkrankung selbst, an folgeerkrankungen, an su—<br />
wie demokratisch puritanisch-christlich preußisch vorbildlich fortgeschritten &amp; modern!<br />
du bist arm?</p>
<p>Sehr geehrte Frau ____<br />
Wir haben Ihren Antrag sorgfältig geprüft und müssen Ihnen leider Folgendes mitteilen:<br />
JUCKT.<br />
Bei Fragen rufen Sie uns gerne an, wir sind immer für Sie da.<br />
Mit freundlichen Grüßen,<br />
Ihre TK.</p>
<p>du kannst dir die 12.000 € für die notwendige behandlung nicht leisten?<br />
(juckt)<br />
our lord and saviour der medizinische dienst hat aber gesagt, dass du diese behandlung nicht brauchst<br />
(juckt)<br />
mythos der nation, des immerzu gesunden volkskörpers, unaufhaltsam, ewig<br />
(wessen leben ist wert genug? wer ist deutsch genug?)<br />
regress regress beschwerde kostenerstattungsverfahren beihilfe für gerichtliche kosten anwältin staatsanwaltschaft ich eröffne hiermit das verfahren: nichtbinäre person gegen techniker krankenkasse im obersten landesgericht kassel. sie dürfen sich setzen<br />
(die nichtbinäre person hat übrigens verloren; das gericht hat entschieden, dass they–)<br />
schlag ins gesicht<br />
nase gebrochen<br />
zukunft gebrochen<br />
fürs erste<br />
(juckt)</p>
<p>aber they wird nicht verschwinden<br />
nicht gestern, nicht heute, morgen auch nicht<br />
they wird schreiben, sprechen, mails schicken, steine schmeißen, träumen</p>
<h3>II</h3>
<p>ich träume in einer welt von care<br />
ich träume von einer welt, in der es genug care für alle gibt<br />
wirklich alle<br />
care arbeit fair bezahlt, fair umverteilt<br />
hello love: 0 femizide im jahr<br />
niemand wartet mehr auf den teller<br />
und<br />
zum Beispiel<br />
jede wohnungslose person krankenversichert ist und mit dem porsche ins bankenviertel fährt, um dort bitcoin bros und startup-„komm in die gruppe!!“-macker anzupöbeln<br />
und jede trans* person so früh, so spät, so oft transitionieren kann, wie, wo, wann sie möchte, und schwimmen gehen kann ohne angst<br />
wo kein einziger mensch die 9000 € mastek selber zahlen muss<br />
ich träume von einer welt<br />
wo jede bahn barrierefrei ist und alle rollstuhlfahrer*innen einen platz in der sneak finden<br />
und sonnenuntergänge die vielen leitsysteme &amp; menschen in gold, orange, pink tauchen<br />
wo z. B. niemand mehr zwischen klassenfahrt und mittagessen wählen muss<br />
ich träume davon, meinen freund*innen schreiben zu können, dass ich 17 verschiedene empathische, fortgebildete therapeut*innen in ihrer nähe gefunden habe, welche noch einen freien platz haben<br />
inklusive kassensitz obvs zum beispiel</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Lukas über gleichberechtige Elternschaft und seine Vaterrolle</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/04/lukas-ueber-gleichberechtige-elternschaft-und-seine-vaterrolle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Online-Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Apr 2026 11:39:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Elternschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Vaterschaft]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.meintestgelaende.de/?p=17422</guid>

					<description><![CDATA[Für eine neue Folge Durch die Blume hat Moritz sich mit Lukas in Hamburg getroffen. Lukas ist als @vollblutvater auf Instagram zu finden und spricht mit Moritz über seine Rolle als Vater, wie er und seine Partnerin es schaffen Elternschaft gleichberechtigt zu leben und wieso er als Vaterinfluencer doch noch mehr Frauen als Männer erreicht.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Für eine neue Folge Durch die Blume hat Moritz sich mit Lukas in Hamburg getroffen. Lukas ist als @vollblutvater auf Instagram zu finden und spricht mit Moritz über seine Rolle als Vater, wie er und seine Partnerin es schaffen Elternschaft gleichberechtigt zu leben und wieso er als Vaterinfluencer doch noch mehr Frauen als Männer erreicht.</strong></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>„Frau Schmidt bitte!“ – Der Gender-Health-Gap im Alltag</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/04/frau-schmidt-bitte-der-gender-health-gap-im-alltag/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Sophie]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Apr 2026 09:38:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Gender Health Gap]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheit]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.meintestgelaende.de/?p=17416</guid>

					<description><![CDATA[Zwischen „Ist bestimmt nur Stress“ und echten Diagnosen liegt oft mehr als Zufall: Sophia schreibt darüber, warum medizinische Ungleichbehandlung kein Einzelfall, sondern strukturelles Problem ist. Wenn ich an einen Besuch beim Arzt denke, fallen mir allerlei Assoziationen ein: klinisch saubere Flure und ein leichter Geruch von Desinfektionsmittel, alles ist in Weiß oder Grün gehalten, an]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zwischen „Ist bestimmt nur Stress“ und echten Diagnosen liegt oft mehr als Zufall: Sophia schreibt darüber, warum medizinische Ungleichbehandlung kein Einzelfall, sondern strukturelles Problem ist.</strong><span id="more-17416"></span></p>
<p>Wenn ich an einen Besuch beim Arzt denke, fallen mir allerlei Assoziationen ein: klinisch saubere Flure und ein leichter Geruch von Desinfektionsmittel, alles ist in Weiß oder Grün gehalten, an den Wänden abstrakte Kunst oder anatomische Lehrposter, kluge Menschen sagen schlaue Dinge. Im besten Fall helfen sie mir auch.</p>
<p>Ich sage bewusst im besten Fall, denn leider ist es so, dass die Realität anders aussieht. „Dann geh doch einfach in deine Hausarztpraxis, da wird dir sicher geholfen“, sage ich zu einem Freund, dem es seit ein paar Tagen nicht gut geht. Er kommt zurück mit Medikamenten, zwei Überweisungen und einem Check-up-Termin. Der Arzt wollte nicht nur die Symptome behandeln, sondern auch sichergehen, dass er der Ursache wirklich auf den Grund geht.</p>
<p>Ein paar Wochen später sitze ich in einer Sprechstunde und werde mit einem Rezept für Schmerztabletten weggeschickt, weil meine starken und anhaltenden Kopfschmerzen angeblich von zu geringer Flüssigkeitsaufnahme am Tag stammen, was ich zwar bestritten habe, aber das hat keinen Unterschied gemacht. „Schonen Sie Ihre Seele auch im Alltag“, wurde mir noch gutmütig mitgegeben. Eine Freundin erzählt mir, ihr wurde unterstellt, dass sie sich ihre Schmerzen nur einbilde. Als sie dann mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht wurde, weil sie vor Schmerzen ohnmächtig geworden war, nahm man sie plötzlich ernst. Die Frage „Warum haben Sie sich nicht schon früher gekümmert?“, kam aber trotzdem.</p>
<p>Beide Situationen sind nur zwei Beispiele von Erfahrungen, in denen Personen mit weiblich zugewiesenem Geschlecht bei der Geburt darunter leiden, dass sie in der Medizin nicht ernst genommen werden. Der Gender-Health-Gap beschreibt diese Ungleichheiten in der Behandlung zwischen Cis-Männern und allen, die eben keine sind.</p>
<p>Das liegt an unterschiedlichen Faktoren. Ein Punkt ist die Forschung, denn medizinische Studien wurden vor allem an Männern durchgeführt. Das bedeutet, dass Datengrundlagen, was beispielsweise Wirkstoffmengen von Medikamenten angeht, auf männlichen Körpern basieren. Beobachtete Symptome sind ein weiteres Problem, denn so passiert es, dass beispielsweise Herzinfarkte bei Frauen weniger schnell erkannt werden können, einfach weil die Symptomatik eine andere ist. Auch werden weibliche Schmerzen oft als „psychisch“ eingeordnet und Teil der hormonellen Einflüsse abgestempelt, welche den Schmerz trotzdem nicht weniger machen.</p>
<p>Wenn das Zusammenspiel solcher Ursachen das Leben der Hälfte aller Menschen aktiv beeinflusst, wenn jeder Arztbesuch zu einem „hoffentlich werde ich ernst genommen“ wird, ist das nicht nur ein Problem, sondern eine Struktur.</p>
<p>Patriarchat zeigt sich durch ungleiche Berufschancen oder Doppelmoral im Alltag. Patriarchat ist, wenn Männer als schuldunfähig gelten, da sie zu betrunken waren, aber betrunkene Frauen Schuld tragen an dem, was ihnen passiert ist. Patriarchat bedeutet auch, dass ein Vater ein toller Papa ist, weil er seinen Sohn von der Kita abholt und am Wochenende für die Familie kocht, aber die Mutter keine gute Mama ist, da sie wieder Vollzeit arbeiten geht.</p>
<p>Und Patriarchat bedeutet eben auch, zum Arzt zu gehen und keine angemessene Behandlung zu erhalten, weil man mir nicht zutraut, auf meinen Körper zu hören und meine Symptome adäquat zu beschreiben oder weil die Forschung nicht die richtigen Informationen für die Behandlung eines nicht-männlichen Körpers hergibt.</p>
<p>Kaum ein Gut ist so grundlegend wie die menschliche Gesundheit – sie ist eines der wichtigsten Dinge, die ein Mensch hat, und sollte nicht ungleich behandelt werden. Medizinische Neutralität darf nicht nur auf dem Papier neutral sein, sondern muss es auch im realen Leben.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Gleichberechtigung beginnt im Geldbeutel</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/04/gleichberechtigung-beginnt-im-geldbeutel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Luisa Galli]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2026 14:38:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Geld]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.meintestgelaende.de/?p=17411</guid>

					<description><![CDATA[Luisa zeigt, warum finanzielle Unabhängigkeit für Frauen mehr ist als nur Einkommen: Sie ist Freiheit, Schutz und die Möglichkeit, das eigene Leben selbst zu bestimmen. Wer über Geld verfügt und entscheidet selbstbestimmt. Und genau hier beginnt echte Gleichberechtigung. Seit ich vierzehn bin, arbeite ich. Zunächst waren es kleine Honorare für Moderationen, später Schichten als Kellnerin,]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Luisa zeigt, warum finanzielle Unabhängigkeit für Frauen mehr ist als nur Einkommen: Sie ist Freiheit, Schutz und die Möglichkeit, das eigene Leben selbst zu bestimmen. Wer über Geld verfügt und entscheidet selbstbestimmt. Und genau hier beginnt echte Gleichberechtigung.</strong><span id="more-17411"></span></p>
<p data-ccp-border-bottom="0px none #000000" data-ccp-padding-bottom="0px" data-ccp-border-between="0px none #000000" data-ccp-padding-between="0px"><span data-contrast="none">Seit ich vierzehn bin, arbeite ich. Zunächst waren es kleine Honorare für Moderationen, später Schichten als Kellnerin, parallel zum Abitur und zur freien Arbeit in der politischen Bildung. Heute kann ich mich auf diesen Bereich konzentrieren. Was erst als pragmatische Notwendigkeit begann, wurde zu einer Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Denn Arbeit war für mich nie nur Einkommensquelle, sondern ein Instrument der Freiheit.</span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;134245418&quot;:false,&quot;134245529&quot;:false,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335557856&quot;:4278190080,&quot;335559685&quot;:0,&quot;335559731&quot;:0,&quot;335559737&quot;:0,&quot;335559738&quot;:0,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:240}"> </span></p>
<p data-ccp-border-bottom="0px none #000000" data-ccp-padding-bottom="0px" data-ccp-border-between="0px none #000000" data-ccp-padding-between="0px"><span data-contrast="none">Für Frauen ist dieses Instrument historisch betrachtet jung. Bis 1977 durften verheiratete Frauen in Deutschland nur mit Zustimmung ihres Ehemannes erwerbstätig sein. Die Verfügung über ihre Arbeitskraft stand unter Vorbehalt, ein Zustand, der heute kaum vorstellbar ist. Die wirtschaftliche Eigenständigkeit von Frauen war zu der Zeit keineswegs eine Selbstverständlichkeit, sondern eine juristisch regulierte Ausnahme. Denn wer über das Einkommen entscheidet, entscheidet über Lebenswege. Schon Louise Otto-Peters, eine zentrale Figur der ersten Frauenbewegung in Deutschland, betonte, dass Frauen nur dann wirklich frei sein können, wenn sie finanziell auf eigenen Füßen stehen.</span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;134245418&quot;:false,&quot;134245529&quot;:false,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335557856&quot;:4278190080,&quot;335559685&quot;:0,&quot;335559731&quot;:0,&quot;335559737&quot;:0,&quot;335559738&quot;:0,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:240}"> </span></p>
<p data-ccp-border-bottom="0px none #000000" data-ccp-padding-bottom="0px" data-ccp-border-between="0px none #000000" data-ccp-padding-between="0px"><span data-contrast="none">Diese historische Perspektive verändert den Blick auf die Gegenwart. Wenn heute über Gleichberechtigung gesprochen wird, geschieht das häufig in kulturellen Kategorien wie Sichtbarkeit oder Sprache. Doch die materielle Dimension bleibt dabei oft außen vor, obwohl sie so zentral ist. Denn ohne ökonomische Eigenständigkeit bleibt Freiheit prekär. Diese historische Schieflage wirkt nach, auch wenn sich die Gesetzeslage verändert hat. Wer eigenes Einkommen hat, kann Beziehungen freier gestalten. Eine Frau kann bleiben, weil sie will, nicht weil sie muss. Diese Differenz ist existenziell.</span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;134245418&quot;:false,&quot;134245529&quot;:false,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335557856&quot;:4278190080,&quot;335559685&quot;:0,&quot;335559731&quot;:0,&quot;335559737&quot;:0,&quot;335559738&quot;:0,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:240}"> </span></p>
<p data-ccp-border-bottom="0px none #000000" data-ccp-padding-bottom="0px" data-ccp-border-between="0px none #000000" data-ccp-padding-between="0px"><span data-contrast="none">Natürlich ist nicht jede Erwerbsarbeit automatisch emanzipatorisch. Arbeitsverhältnisse können auch in Deutschland erschöpfen. Auch ich kenne Tage, an denen ich kaum geschlafen habe, weil ich bis in die Nacht gearbeitet habe und am nächsten Morgen wieder im Unterricht saß. Doch selbst in der Anstrengung lag eine existenzielle Erfahrung, da ich für mich selbst verantwortlich war. Ich finanzierte mein Leben durch Arbeit und diese Verantwortung veränderte wiederum mein Selbstbild. Es ist also kein Zufall, dass frühe Feministinnen der ersten Welle die wirtschaftliche Unabhängigkeit ins Zentrum stellten. Sie wussten, dass weibliche Freiheit ohne materielle Basis reine Symbolik war.</span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;134245418&quot;:false,&quot;134245529&quot;:false,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335557856&quot;:4278190080,&quot;335559685&quot;:0,&quot;335559731&quot;:0,&quot;335559737&quot;:0,&quot;335559738&quot;:0,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:240}"> </span></p>
<p data-ccp-border-bottom="0px none #000000" data-ccp-padding-bottom="0px" data-ccp-border-between="0px none #000000" data-ccp-padding-between="0px"><span data-contrast="none">Wenn wir also in diesen Tagen die Frage nach der Gleichberechtigung ins Zentrum stellen, sollten wir uns an alle Kämpferinnen mit ihren Botschaften vor uns erinnern. Daran, dass mögliche Abhängigkeiten, die aus Machtgefügen entstehen, selten romantisch sind. Wir sollten uns auch daran erinnern, dass in einer kapitalistischen Ordnung Geld ein Machtmedium ist. Das muss man nicht feiern, um es anzuerkennen. Solange jedoch wirtschaftliche Ressourcen über Handlungsspielräume entscheiden, bleibt die Frage nach finanzieller Unabhängigkeit zentral. Für Frauen bedeutet eigenes Einkommen nicht nur Konsumfähigkeit. Es bedeutet eben auch Schutz, Entscheidungsfreiheit und Würde.</span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;134245418&quot;:false,&quot;134245529&quot;:false,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335557856&quot;:4278190080,&quot;335559685&quot;:0,&quot;335559731&quot;:0,&quot;335559737&quot;:0,&quot;335559738&quot;:0,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:240}"> </span></p>
<p data-ccp-border-between="0px none #000000" data-ccp-padding-between="0px"><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;134245418&quot;:false,&quot;134245529&quot;:false,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335557856&quot;:4278190080,&quot;335559685&quot;:0,&quot;335559731&quot;:0,&quot;335559737&quot;:0,&quot;335559738&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:240}"> </span></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Hast du schon gegessen</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/04/hast-du-schon-gegessen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Phuong]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Apr 2026 15:03:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Cash&Care]]></category>
		<category><![CDATA[Familie]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
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					<description><![CDATA[„Hast du schon gegessen?“ bedeute für Phuong mehr als nur die Frage nach Hunger. Es geht um Fürsorge und das Gefühl, dass sich jemand kümmert. Auch wenn Sorgen groß und Zeit knapp sind. „Hast du schon gegessen?“, fragt mich meine Mama. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass das in meiner Familie die]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong data-renderer-mark="true">„Hast du schon gegessen?“ bedeute für Phuong mehr als nur die Frage nach Hunger. Es geht um Fürsorge und das Gefühl, dass sich jemand kümmert. Auch wenn Sorgen groß und Zeit knapp sind.</strong><span id="more-17406"></span></p>
<p>„Hast du schon gegessen?“, fragt mich meine Mama.</p>
<p>Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass das in meiner Familie die Art und Weise ist, Fürsorge und Liebe auszudrücken. In diesem Zusammenhang habe ich später auch begriffen, dass meine Familie anders ist als die der meisten in meinem Umfeld. Meine Eltern haben nicht die finanzielle Freiheit und sozialen Privilegien vieler deutscher Normalbürger*innen. Sie waren oft von morgens bis abends unterwegs, um Geld zu verdienen. Um zu überleben. Um ihre Kinder zu versorgen. Diese chronische Abwesenheit führte dazu, dass meine große Schwester für viele Jahre meine Care-Person war, obwohl sie selber noch viel zu jung war, um diese Verantwortung zu tragen.</p>
<p>Die Armut, in der ich aufgewachsen bin, war für mich mit viel Scham, Neid und Frustration verbunden. Ich habe oft gelogen, wenn es um den Beruf meiner Eltern ging. Wenn ich das einzige Kind war, das ein Formular vom Jobcenter für die anstehende Klassenfahrt ausfüllen lassen musste, wollte ich mich oft vor den anderen Kindern verstecken. Meine Mama arbeitet als Reinigungskraft, deren Schicht täglich von fünf bis sieben Uhr morgens ist. Mein Papa ist Lieferant für ein vietnamesisches Restaurant und deshalb meist den ganzen Tag unterwegs.</p>
<p>Diese Formen von Prekarität haben meine Biografie beeinflusst und wie ich mich zu finanzieller Sicherheit, sozialer Klasse und Wohlstand beziehe. Während ich selten neue Kleidung und tolle Geschenke bekam und nie Urlaub in den Ferien gemacht habe, erinnere ich mich gleichzeitig daran, egal wie hart die Zeiten waren und sind, dass ich nie Hunger hatte. Es gab zwar nie die fancy Frühstücksbox, aber im Gegensatz zu meinen Eltern habe ich mir nie Gedanken um Essen machen müssen. Manchmal gab es Pizza, Chicken Nuggets, Döner. Meine Highlights waren die Sonntage, an denen wir zu McDonald’s gelaufen sind.</p>
<p>Meine Mama trägt einen Körper, der alt, krank, zerbrechlich, müde und erschöpft ist. Es ist ein Körper, der trotz Bandscheibenvorfall, chronischen Rücken- und Handgelenkschmerzen täglich ein Autohaus putzen muss, weil sonst Sanktionen vom Jobcenter drohen. Trotz allem kocht sie für die Familie, bedingungslos.</p>
<p>Es ist mein Vater, dessen Körper trotz starkem Schneesturm hart arbeiten muss, um Menschen, die sich an solchen Tagen zu Hause einkuscheln, das Essen zu liefern. Gebratene Nudeln und Frühlingsrollen. Das ist kein vietnamesisches Essen, das es bei uns zu Hause gibt, aber wer weiß das schon. Wenn er dann spät abends nach Hause kommt, schläft meine Mama längst schon. Sein Abendessen liegt für ihn jeden Tag auf dem Küchentisch bereit.</p>
<p>Meine Eltern sind einer von vielen Migrant*innen in Deutschland, die unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen arbeiten müssen. Viele, die in der Pflege unter hoher Arbeitsbelastung arbeiten; diejenigen, die beim Schneesturm nachts den Schnee von den Zuggleisen wegräumen; die, die Amazon-Pakete verpacken und ausliefern.</p>
<p>Für die Mehrheitsgesellschaft ist ihre Arbeit so unsichtbar, weil sie als selbstverständlich genommen wird. Wir sprechen oft von Care-Arbeit in familiären und häuslichen Verhältnissen, von Emanzipation und Feminismus. Jedoch sprechen wir viel zu selten über Körper wie diese, deren Arbeit das Land am Laufen hält. Dennoch werden sie gesellschaftlich nicht wertgeschätzt und behandelt, als wären sie austauschbar. Stattdessen bestimmen rassistische Vorwürfe den Diskurs um Arbeit und Migrationspolitik, wie Faulheit oder sie würden „den Deutschen die Arbeit wegnehmen“.</p>
<p>Ich glaube, dass wir im Kapitalismus verlernen, miteinander zu leben und füreinander zu sorgen. Wenn für einige die Basic Needs als selbstverständlich gelten, während andere hart arbeiten müssen, um diese zu erfüllen, läuft etwas ganz falsch im System. Ich denke, dass wir, wenn wir finanzielle Freiheit haben, den Luxus und die Rahmenbedingungen haben, uns um uns selbst kümmern zu können, uns zu verwirklichen und unsere Liebe einander stets aufmerksam zu zeigen. Nicht in ständiger Existenzangst zu leben, nicht genug Geld auf dem Konto zu haben.</p>
<p>Dies ist deshalb keine Geschichte einer patriarchalischen, rückständigen oder konservativen migrantischen Familie. Sondern die einer, wie unzählige andere, die unter dem Kapitalismus und sozialen Ausschlüssen auf diese Art und Weise überleben muss.</p>
<p>Und weil ich verstehe, dass meine Geschichte kein persönliches, sondern ein systematisches Versagen ist, weiß ich um die Bedeutung von „Hast du schon gegessen?“ und bin stets dankbar, eine Mama zu haben, die für mich bedingungslos kocht.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Und sie nennen es GLEICHBERECHTIGUNG</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/03/und-sie-nennen-es-gleichberechtigung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nathan]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Mar 2026 12:27:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
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					<description><![CDATA[Gleichberechtigung? Klingt gut.  Sieht aber oft anders aus. In seinem neuen Text schreibt Nathan über doppelte Standards, unsichtbare Hürden und die Frage, warum „gleich“ noch lange nicht gerecht ist. Auf dem Arbeitsmarkt ist ER gern gesehen, SIE jedoch nur gegen den ein oder anderen Ausschnitt. ER darf gerne bei den „wichtigen Leuten“ sitzen, SIE, da]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong data-renderer-mark="true">Gleichberechtigung? Klingt gut.  Sieht aber oft anders aus. </strong><strong data-renderer-mark="true">In seinem neuen Text schreibt Nathan über doppelte Standards, unsichtbare Hürden und die Frage, warum „gleich“ noch lange nicht gerecht ist.</strong><span id="more-17402"></span></p>
<p>Auf dem Arbeitsmarkt ist ER gern gesehen, SIE jedoch nur gegen den ein oder anderen Ausschnitt.</p>
<p>ER darf gerne bei den „wichtigen Leuten“ sitzen,<br />
SIE, da hinten in der Ecke ist noch eine Stelle frei.</p>
<p>ER ist fleißig, das sieht man doch,<br />
SIE soll sich mal mehr anstrengen.</p>
<p>ER macht alles richtig,<br />
nimm dir ein Beispiel an IHM.</p>
<p>Und SIE?</p>
<p>Nein, SIE ist kein Vorbild,<br />
bloß ein Lückenfüller für die schweren Tage.</p>
<p>ER hat viele Chancen auf dem Arbeitsmarkt,</p>
<p>SIE jedoch muss immer etwas besser sein als er.<br />
SIE muss immer ein Stück stärker sein,<br />
SIE muss immer für alles bereit sein.</p>
<p>ER muss das nicht,<br />
IHM steht die Welt offen,<br />
ER hat es immer ein Stück leichter.<br />
ER wird immer etwas besser bezahlt.</p>
<p>Wo ist da die Gerechtigkeit?</p>
<p>Heißt es nicht GLEICHBERECHTIGUNG?</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sorgearbeit in der Coronakrise</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/03/sorgearbeit-in-der-coronakrise/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Carlotta]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 Mar 2026 10:11:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Sorgearbeit]]></category>
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					<description><![CDATA[Alle zu Hause, aber wer macht eigentlich die Arbeit? Carlotta wirft einen Blick auf Homeoffice, Corona und warum Care-Arbeit selbst in „progressiven“ Familien plötzlich wieder Frauensache wird. Seit der Corona-Pandemie ist das Home-Office-Modell beliebter geworden und immer mehr Menschen arbeiten heutzutage vielleicht 1 oder 2 Tage die Woche von daheim. Man spart sich lange Wege]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong>Alle zu Hause, aber wer macht eigentlich die Arbeit? </strong><strong>Carlotta wirft einen Blick auf Homeoffice, Corona und warum Care-Arbeit selbst in „progressiven“ Familien plötzlich wieder Frauensache wird.</strong><span id="more-17394"></span></p>
<p>Seit der Corona-Pandemie ist das Home-Office-Modell beliebter geworden und immer mehr Menschen arbeiten heutzutage vielleicht 1 oder 2 Tage die Woche von daheim. Man spart sich lange Wege zur Arbeit, langsamen Verkehr oder den Tratsch der nervigen Kolleg*innen. Außerdem kann es Vorteile bieten, den Arbeitsalltag besser mit anderen Aufgaben wie Kinderbetreuung oder Hausarbeit zu vereinbaren. Ob dies nun auch zu mehr Geschlechtergerechtigkeit bei der Arbeitsteilung von Care-Aufgaben führt, ist jedoch fraglich. Obwohl alle zu Hause waren, wurde der größere Teil der Sorgearbeit während der Pandemie von Frauen übernommen (<a href="https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-frauen-in-der-coronakrise-starker-belastet-29949.htm">Frauen in der Coronakrise stärker belastet &#8211; Hans-Böckler-Stiftung</a>). Und auch nach der Pandemie-Zeit hängt die gerechte Arbeitsteilung stark von den Rollenbildern innerhalb einer Familie ab (<a href="https://www.mdr.de/wissen/psychologie-sozialwissenschaften/gleichberechtigung-im-homeoffice-100.html">Home-Office kann dazu führen, dass Frauen noch mehr Hausarbeit übernehmen | MDR.DE</a>). Diese ungleiche Verteilung hat sich auch sehr deutlich in meiner eigenen Familie gezeigt.</p>
<p>Zu der Zeit des Corona-Lockdowns 2020 war ich 18 Jahre alt und besuchte die 12. und ab Sommer die 13. Klasse eines Gymnasiums, stand also ein Jahr vor meinem Abitur. Ich habe mit meinem jüngeren Bruder (17 Jahre zu der Zeit) bei unserer Mutter gelebt, die glücklicherweise jeden Tag arbeiten gehen konnte. An meiner Schule gab es nach dem ersten strengeren Lockdown von 5 Wochen eine Sonderregelung für die zukünftigen Abiturient*innen. So durfte nur die 12. (zukünftig 13.) Klasse für mehrere Monate alleine die Schule besuchen. Es ermöglichte den knapp 100 Schüler*innen meines Jahrgangs, bei strengen Hygieneregeln einen normalen Schulalltag zu führen. Währenddessen musste mein Bruder, der damals die 10. Klasse besuchte, sich mit vermehrten Hausaufgaben und Online-Schule herumschlagen.</p>
<p>Meine Mutter und ich waren somit häufig den ganzen Tag außer Haus, während mein Bruder jeden Tag überwiegend in seinem Zimmer verbrachte. Häufig bekamen wir von unserer Mutter damals Haushaltsaufgaben, die zu erledigen waren, bevor sie wieder zu Hause war. Da meine Mutter Vollzeit arbeitete, war ich häufig vor ihr zu Hause und meistens waren die aufgetragenen Aufgaben von meinem Bruder nicht erledigt worden. So kam es dazu, dass ich viele Haushaltsaufgaben für Monate übernahm – während ich noch zur Schule ging und regelmäßig Nachhilfe gab. Ich kümmerte mich häufig um das Mittagessen für uns beide, ging einkaufen, machte die Wäsche und putzte manchmal die Wohnung. Obwohl es meiner Mutter klar war, dass ich überwiegend die Aufgaben übernahm, wurde das einfach so hingenommen. Es nervte uns beide natürlich, dass mein Bruder häufig nicht mithalf, aber so richtig dazu zwingen konnte man ihn auch nicht.</p>
<p>Während meine Mutter mich auch nie dazu gezwungen hat, diese Aufgaben zu übernehmen, war es für mich eine Selbstverständlichkeit, sie zu unterstützen, da ich ja selber mehr Zeit hatte als sie. Ich denke, dass dies mit unserem Bild von Geschlechterrollen zusammenhängt. Auch wenn ich unsere Familie immer als progressiv wahrgenommen habe, die keinen Wert auf traditionelle Rollenbilder legt, existieren diese doch irgendwie in unseren Köpfen. Auch heute noch wird uns vorgelebt, wie die Haushaltsaufgaben „Frauensache“ sind, wie es in unserer Natur läge oder weil die Männer ja den ganzen Tag arbeiten müssten, hätten sie keine Kapazitäten mehr für Haus- und Sorgearbeit. Dass Frauen auch arbeiten, vielleicht in Teilzeit, weil Männer ja mehr verdienen, oder dass Care-Arbeit auch Arbeit ist, wird nicht anerkannt. Als Mann darf man es sich leisten, diese Aufgaben auszulagern, als Frau wäre man dann eine schlechte Mutter oder Partnerin. Und so war es irgendwie dann die Aufgabe von meiner Mutter und mir, die Haushaltsaufgaben und damit auch die Verantwortung für ein angenehmes gemeinschaftliches Leben zu übernehmen, während mein Bruder davon profitierte. Ich finde, ich es spannend, wie diese Rollenverhältnisse durch die Krise so stark hervorgebracht wurden, während ich dies vorher in unserer Familiendynamik nie so stark wahrgenommen habe.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Täterschutz im Freundeskreis: Wie private Loyalität Gewalt unsichtbar macht</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/03/taeterschutz-im-freundeskreis-wie-private-loyalitaet-gewalt-unsichtbar-macht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lea-Michelle]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Mar 2026 10:37:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Sexuelle Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Täterschutz]]></category>
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					<description><![CDATA[„So kenne ich ihn nicht.“ Das hören wir auch gerade wieder ziemlich oft, wenn es um aktuelle Vorwürfe sexueller Gewalt geht. Täterschutz beginnt oft im Freundeskreis und bevor Betroffenen gegalubt wird, berufen sich verstörend viele Männer immer wieder auf die Unschuldsvermutung. Wenn Vorwürfe von Gewalt öffentlich werden, richtet sich der Blick meist auf Institutionen: Vereine,]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong data-renderer-mark="true">„So kenne ich ihn nicht.“ Das hören wir auch gerade wieder ziemlich oft, wenn es um aktuelle Vorwürfe sexueller Gewalt geht. Täterschutz beginnt oft im Freundeskreis und bevor Betroffenen gegalubt wird, berufen sich verstörend viele Männer immer wieder auf die Unschuldsvermutung.</strong><span id="more-17386"></span></p>
<p>Wenn Vorwürfe von Gewalt öffentlich werden, richtet sich der Blick meist auf Institutionen: Vereine, Unternehmen, Kirchen, Parteien. Strukturen lassen sich benennen, Verantwortliche identifizieren, Versäumnisse dokumentieren. Weniger beachtet wird ein anderer Ort, an dem über Glaubwürdigkeit, Loyalität und Konsequenzen entschieden wird: der private Freundeskreis.</p>
<p>Dort gibt es keine Pressekonferenz, kein Compliance-Verfahren, kein Protokoll. Nur Gespräche in Wohnzimmern, Nachrichten in Gruppenchats, Blicke, die ausweichen. Und doch entfaltet Täterschutz hier eine besondere Wirkung. Weil er nah ist. Weil er persönlich ist. Weil er nicht wie Schutz aussieht.</p>
<p>„Täterschutz“ meint nicht nur das bewusste Vertuschen von Gewalthandlungen. Er beginnt früher. Im Relativieren. Im Verschieben. Im Formulieren von Sätzen wie: „So kenne ich ihn nicht.“ Oder: „Da gehören immer zwei dazu.“ Oder: „Man sollte vorsichtig sein mit solchen Anschuldigungen.“</p>
<p>Häufig geschieht das nicht aus Kalkül, sondern aus einem Bedürfnis nach Stabilität. Freundeskreise sind fragile Ordnungen. Sie beruhen auf gemeinsam erlebter Zeit, geteilten Erinnerungen, gegenseitiger Bestätigung. Ein Gewaltvorwurf stört diese Ordnung. Er zwingt zur Positionierung. Und Positionierung birgt Verlust.</p>
<p><strong>Wenn das bekannte Gesicht nicht zum Vorwurf passt</strong></p>
<p>Psychologisch lässt sich dieses Abwehren mit kognitiver Dissonanz erklären: Das Bild vom vertrauten Menschen kollidiert mit dem Vorwurf, er habe Gewalt ausgeübt. Diese Spannung verlangt nach Auflösung.</p>
<p>Selten wird das eigene Bild korrigiert. Häufiger wird der Vorwurf angepasst. Er wird abgeschwächt, kontextualisiert, als Missverständnis eingeordnet. Die Frage verschiebt sich unmerklich: nicht mehr „Was ist geschehen?“, sondern „Kann ich mir das vorstellen?“</p>
<p>Gewalt erscheint in vielen Vorstellungen als etwas Radikales, Fremdes, als Ereignis am Rand der Gesellschaft. Taucht sie im eigenen Umfeld auf, bedroht sie das Selbstverständnis der Gruppe. Sie zwingt dazu, Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, die unbequem sind: dass man Warnsignale übersehen hat. Dass man schweigend danebenstand. Dass Nähe nicht vor Verantwortung schützt.</p>
<p>So entstehen Sätze, die moderat klingen, aber folgenreich sind: Man wolle „beide Seiten hören“. Man dürfe „nicht vorschnell urteilen“. Man kenne „nicht alle Details“.</p>
<p>Was wie Ausgewogenheit erscheint, verlagert die Beweislast oft auf die betroffene Person. Sie soll konsistent erzählen, ruhig bleiben, widerspruchsfrei erinnern. Jede Emotion wird bewertet, jede Lücke hinterfragt. Ihr Schmerz wird zum Gegenstand einer Prüfung.</p>
<p><strong>Gruppenloyalität vor Verantwortung</strong></p>
<p>Freundeskreise funktionieren über Loyalität. Sie erzeugen ein Gefühl von Zugehörigkeit. Wer sich klar gegen ein Mitglied positioniert, riskiert dieses Gefühl. Konflikte können Gruppen spalten, Freundschaften beenden, soziale Netzwerke destabilisieren.</p>
<p>Die einfachere Lösung besteht darin, den Konflikt zu individualisieren. Gewalt wird zur „toxischen Beziehung“, zur „schwierigen Dynamik“, zur Eskalation zweier Personen. Die strukturelle Dimension – Macht, Einschüchterung, Wiederholung – tritt in den Hintergrund.</p>
<p>Damit verschiebt sich auch die Wahrnehmung der Störung. Nicht das Gewalthandeln erscheint als Problem, sondern die Thematisierung. Die Person, die spricht, wird zurjenigen, die „alles kompliziert macht“.</p>
<p>Für Betroffene bedeutet das einen doppelten Verlust. Sie verlieren nicht nur die Person, die Gewalt ausgeübt hat, sondern häufig auch das soziale Umfeld, das ihnen vertraut war.</p>
<p>Einladungen werden seltener, Gespräche verstummen, der eigene Name fällt vorsichtiger. Manchmal geschieht es leise. Manchmal abrupt. In jedem Fall sendet es eine Botschaft: Deine Erfahrung gefährdet unsere Ordnung.</p>
<p><strong>Die Folgen: Isolation und Selbstzweifel</strong></p>
<p>Wie ein Umfeld auf Gewalt reagiert, beeinflusst maßgeblich ihre Verarbeitung. Soziale Unterstützung gilt als zentraler Schutzfaktor. Ernst genommen zu werden, Glauben zu finden, klare Grenzen gesetzt zu sehen – all das kann stabilisieren und Handlungsmacht zurückgeben.</p>
<p>Bleibt diese Unterstützung aus, entsteht oft das Gegenteil. Zweifel von außen werden zu Zweifeln im Inneren. War es wirklich Gewalt? Übertreibe ich? Habe ich etwas falsch verstanden?</p>
<p>Diese Selbstbefragung kann zermürbend sein. Sie verlängert das erlebte Machtgefälle. Fachlich wird in solchen Konstellationen von sekundärer Viktimisierung gesprochen: einer erneuten Verletzung durch das soziale Umfeld.</p>
<p>Besonders schmerzhaft ist dabei nicht nur der Inhalt, sondern die Quelle. Wenn Fremde zweifeln, ist das verletzend. Wenn Freundinnen und Freunde zögern, klar Stellung zu beziehen, erschüttert das das Grundvertrauen.</p>
<p><strong>Progressive Milieus und die Illusion der Immunität</strong></p>
<p>In Gruppen, die sich als politisch reflektiert verstehen, wird Gewalt im eigenen Umfeld häufig als Widerspruch zur eigenen Identität erlebt. Man ist sensibel, informiert, solidarisch – so das Selbstbild.</p>
<p>Vorwürfe stören diese Erzählung. Sie legen nahe, dass auch in aufgeklärten Räumen Machtmissbrauch möglich ist. Nicht selten wird daher stärker auf juristische Aspekte verwiesen: Es gebe kein Urteil, keine Anzeige, keine Beweise.</p>
<p>Doch soziale Verantwortung endet nicht an der Schwelle eines Gerichtssaals.</p>
<p><strong>Loyalität ist nicht neutral</strong></p>
<p>Loyalität gilt als Tugend. Sie signalisiert Verlässlichkeit. Doch sie ist nicht wertfrei. Sie kann Schutz bieten – oder Schaden verstärken.</p>
<p>Wenn Loyalität bedeutet, Vorwürfe systematisch zu relativieren oder Betroffene aus dem sozialen Raum zu drängen, wird sie zur stabilisierenden Kraft bestehender Machtverhältnisse.</p>
<p>Täterschutz geschieht selten laut. Er zeigt sich in verschobenen Prioritäten, in abwartenden Haltungen, im ausbleibenden Widerspruch.</p>
<p>Private Räume sind keine unpolitischen Räume. Sie sind die Orte, an denen sich entscheidet, welche Erfahrungen Sichtbarkeit erhalten – und welche verstummen.</p>
<p><strong>Ein anderer Blick auf Verantwortung</strong></p>
<p>Wer Vorwürfe von Gewalt im eigenen Freundeskreis relativiert, schützt nicht die Wahrheit. Er schützt eine Person. Und damit eine bestehende Ordnung.</p>
<p>Freundeskreise sind keine Gerichte. Aber sie sind Machtgefüge. Sie entscheiden, wer weiterhin selbstverständlich dazugehört, wer eingeladen wird und wessen Anwesenheit als unproblematisch gilt.</p>
<p>Wer sagt, er wolle „neutral bleiben“, verkennt, dass Neutralität in asymmetrischen Situationen selten neutral ist. Sie stabilisiert das Bestehende – und begünstigt denjenigen, der bereits über mehr sozialen Rückhalt verfügt.</p>
<p>Täterschutz beginnt nicht mit einem offenen Bekenntnis zur Gewalt. Er beginnt mit dem Impuls, sie kleiner zu machen, als sie ist.</p>
<p><strong>Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob eine Freundschaft unangetastet bleiben kann. Sondern: Was wiegt schwerer – der Erhalt eines vertrauten Gefüges oder die klare Absage an Gewalt?</strong></p>
<p>Wer diese Entscheidung vermeidet, hat sie bereits getroffen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Bericht aus der Arbeitslosigkeit</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/03/bericht-aus-der-arbeitslosigkeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Beau]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Mar 2026 09:00:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Was bedeutet Arbeit in einem System, das manche sichtbarer macht als andere?Beau – trans*maskulin, nicht-binär und irgendwo zwischen Kunst, Studium und Prekarität – nimmt uns mit in die „shadowlands“ des Kapitalismus. Ein persönlicher Einblick in unsichtbare Arbeit, fehlende Gleichberechtigung und die Frage, wer überhaupt Platz bekommt. Vor kurzem habe ich zum ersten Mal in meinen]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Was bedeutet Arbeit in einem System, das manche sichtbarer macht als andere?</strong><br data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="hardBreak" data-prosemirror-node-inline="true" /><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Beau – trans*maskulin, nicht-binär und irgendwo zwischen Kunst, Studium und Prekarität – nimmt uns mit in die „shadowlands“ des Kapitalismus. Ein persönlicher Einblick in unsichtbare Arbeit, fehlende Gleichberechtigung und die Frage, wer überhaupt Platz bekommt.</strong><span id="more-17372"></span></p>
<p><span data-contrast="auto">Vor kurzem habe ich zum ersten Mal in meinen Leben die </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> betreten.  </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Die </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> bilden ein Konzept der kanadischen Autorin und Journalistin Naomi Klein, die darüber in ihrem Beststeller </span><i><span data-contrast="auto">Doppelgänger</span></i><span data-contrast="auto"> berichtet; es handelt sich um die dunklen Flächen am Rand des Kapitalismus, in die ungeliebte Arbeit „verschwindet“. Arbeit, die wir selbst nicht machen wollen, schieben wir auf die </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> ab. Dazu gehört eine breite Spanne von Tätigkeiten – die Herstellung von Textilien, Haushaltsgegenständen und Essen beispielsweise, aber auch logistische Herausforderungen wie der Gang zu einem Geschäft lässt sich problemlos auf die </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> verlagern. Klein arbeitet heraus, dass die Arbeit sich natürlich nicht in Luft auslöst, oder irgendwo hinter verschlossenen Türen von reibungslos funktionierenden, anspruchslosen Maschinen verrichtet wird. Die </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> sind genau wie alle anderen Arbeitsplätze von Menschen bevölkert. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Zehn bis fünfzehn Stunden meiner Woche bringe ich nun in den </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> zu, um meine staatliche Unterstützung aufzustocken und der Behörde meinen Arbeitswillen zu demonstrieren. Eine kleine Summe an Zeit im Vergleich mit meinen in Vollzeit arbeitenden Kolleg*innen, und die Umstände in meinem privaten </span><i><span data-contrast="auto">shadowland</span></i><span data-contrast="auto"> – das Fulfillment-Center eines mittelgroßen Lieferdienstes – sind weitaus menschlicher als beim </span><i><span data-contrast="auto">shadowland</span></i><span data-contrast="auto">-Fürsten</span><span data-contrast="auto"> Amazon. Noch dazu könnte ich den Job vermutlich kündigen, wenn ich ihn wirklich nicht mehr machen wollte; könnte die dadurch entstehenden Sanktionen beim Jobcenter schon irgendwie bewältigen; und der Papierkram und die Gänge zum Amt fallen mir als </span><i><span data-contrast="auto">weiße</span></i><span data-contrast="auto">, muttersprachliche Person leichter als anderen. All das gesagt, um auszumalen, dass meine Erfahrung im </span><i><span data-contrast="auto">shadowland </span></i><span data-contrast="auto">nicht exemplarisch ist. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Ich trage einen Scanner und ein digitales Pad an Handschuhen; das Pad zeigt mir an, was ich scannen und verladen muss und dirigiert mich so durch das Lager. Während ich die Kisten auf dem Kommissionier-Wagen stapele, denke ich an die Videos von menschen-ähnlichen Robotern, welche rennen und springen, aber anscheinend nicht schwer heben können. Ich mache den Job einer Maschine, weil ich ein wenig koordinierter und vermutlich auch billiger bin, während eine Maschine, eine A. I., irgendwo meinen Job macht – Gedichte schreibt, Social-Media-Postings erstellt, Filmmaterial generiert, halbgare Informationen zusammenträgt. Die Künstler*innen, auf deren gestohlener Arbeit das A. I.-Material beruht, werden nicht entlohnt; stattdessen schießen die Preise für Grafik-Karten und RAM in die Höhe, und die Orte, die neugebaute Data-Centers ertragen müssen, büßen ihr Grundwasser ein. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Meine Arbeit im Lager umfängt eine Reihe von Tätigkeiten, die passieren müssen, bevor die Produkte in die Fahrzeuge der Lieferant*innen geladen werden. Die Arbeit des Auslieferns verrichten zum Großteil migranitisierte Menschen unter prekären Bedingungen, wie eine Recherche der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausarbeitet</span><span data-contrast="auto">1</span><span data-contrast="auto">. Die körperlich harte Arbeit wird dabei schlecht entlohnt und die Löhne steigen nur langsam</span><span data-contrast="auto">2</span><span data-contrast="auto">, Überausbeutung ist alltäglich</span><span data-contrast="auto">3</span><span data-contrast="auto">, beispielsweise durch das regelmäßige Überschreiten der Höchstarbeitszeit von zehn Stunden</span><span data-contrast="auto">4</span><span data-contrast="auto">. Arbeitgeber im Logistik- und Lieferbereich gehen auch gerne gegen die Gründung von Betriebsräten vor und agieren häufig nur mit befristeten Arbeitsverträgen. Doch die Branche boomt, und schreit nach immer mehr Körpern, die es auszubeuten gilt. Und die schlechten Arbeitsbedingungen sind bei Weitem nichts besonders, </span><b><span data-contrast="auto">es ist beinahe so, als würde jeder belanglose ausgewählte Aspekt meines alltäglichen Lebens in Deutschland irgendwie auf Ausbeutung beruhen</span></b><span data-contrast="auto">, nicht nur das Bestellen von Paketen, sondern auch das Kaufen von Kleidung, der Gang in die Notaufnahme, der kurze Aufenthalt bei McDonald’s, das Benutzen der Straßenbahn&#8230;überall werden Arbeitskämpfe geführt, und überall hat die Leistung von Arbeiter*innen in der Vergangenheit erst zu den Bedingungen geführt, unter denen wir jetzt arbeiten. Der 8h-Tag, der Verbot von Kinderarbeit sind die Leistungen früher sozialer Bewegungen. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Nach einer Schicht tausche ich Textnachrichten mit meinen Kommiliton*innen aus; erst im September 2025 beendete ich meinen Master, bin aber bereits seit Juli auf Arbeitssuche, an die fünfzig Ablehnungen habe ich bisher angehäuft. Wir waren zu sechst in unserem Studiengang; drei Personen sind jetzt prekär in der Service-Industrie angestellt, in der sie auch schon vor dem Master gearbeitet haben, eine Person ist zu ihrem alten Beruf als Lehrerin zurückgekehrt, und die letzten zwei sind arbeitslos. Ich sehe, wie meine Kommilitonin C. Instagram-Reels mit den wunderschönen Notizbüchern grafischer Künstlerinnen einen Like gibt, und erinnere mich an unsere Arbeit in der Dunkelkammer. Beide sind wir jetzt hochspezialisiert ausgebildet und träumen nachts von den experimentellen Dokumentarfilmen, die wir gerne machen würden, wenn Kulturförderung nicht massiv zusammengestrichen werden würde, und wir nicht in unseren prekären Jobs oder Arbeitslosigkeit feststeckten. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Sicher fragen sich Menschen, warum ich nicht etwas „Sinnvolles“ studiert habe und meine Kunst als Hobby vollziehe; die Antwort ist, dass im derzeitigen Arbeitsmarkt eigentlich niemand mehr sicher ist (wir haben den höchsten Stand an Arbeitslosigkeit seit 2015</span><span data-contrast="auto">5</span><span data-contrast="auto">). Und warum sollte ich mich nicht in dem Bereich bilden, in dem ich am besten bin, den ich am liebsten mache, und in dem ich den größten Beitrag zur Gesellschaft leisten und am produktivsten für meine Mitmenschen da sein kann? </span> <span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Es ist später Abend, und sitze ich musik-hörend in der Bahn und scrolle durch die Nachrichten. Anscheinend ist Friedrich M. wiedereinmal aus einem Pool giftigen Schlammes aufgetaucht und hat es für gut befunden, sich in den öffentlichen Diskurs einzubringen. Die Deutschen würden ja viel zu wenig arbeiten, besonders vom 8h-Tag ist er kein Fan. Kurz stelle ich mir vor, wie M. zehn Stunden lang schwere Pakete die Treppe hoch- und runterträgt, bedroht von aggressiven Hunden und erschöpft von der pausenlosen Zeit am Steuer. Die kindliche Fantasie verschafft nur kurz Erleichterung, und ich kehre dazu zurück, zu recherchieren, welcher Gewerkschaft ich beitreten könnte. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ich bin so müde</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/03/ich-bin-so-muede/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michelle]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Mar 2026 09:00:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Me Myself & I]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit]]></category>
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					<description><![CDATA[Warum wird Erschöpfung oft nur anerkannt, wenn sie aus Lohnarbeit resultiert? Michelle beschreibt, wie sie zwischen Arbeit, Haushalt, Ehrenamt und dem Versuch, sich selbst nicht zu verlieren, merkt, wie der Druck wächst, allem gerecht zu werden. Ich bin so müde. Aber warum? Eigentlich mache ich doch gar nicht so viel. Ich arbeite nur Halbzeit, da]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong>Warum wird Erschöpfung oft nur anerkannt, wenn sie aus Lohnarbeit resultiert? Michelle beschreibt, wie sie zwischen Arbeit, Haushalt, Ehrenamt und dem Versuch, sich selbst nicht zu verlieren, merkt, wie der Druck wächst, allem gerecht zu werden.</strong><span id="more-17367"></span></p>
<p>Ich bin so müde. Aber warum? Eigentlich mache ich doch gar nicht so viel. Ich arbeite nur Halbzeit, da brauche ich mich auch nicht wundern, wenn ich am Ende des Monats kein Geld mehr habe. Ich leite einen ehrenamtlichen Verein, aber das ist ja nur Freizeit. Ich mache den Haushalt, aber das gehört sich ja auch so. Und wenn ich dann noch Zeit aufbringe, um Hobbys nachzugehen, die mir guttun, die ich brauche, um mal ein bisschen runterzukommen, heißt es: „Ich habe es ja gut, dass ich für sowas Zeit habe“.</p>
<p>Ich „habe“ nicht einfach Zeit. Ich nehme sie mir. Ich treffe immer wieder die Entscheidung, wofür ich meine Zeit nutze. Aber diese Entscheidungen scheinen immer falsch zu sein. Ich arbeite zu wenig, mache zu viel in meiner Freizeit, könnte den Abwasch und die Wäsche auch mal regelmäßiger machen und, wenn ich schon dabei bin, auch gleich noch das Bad putzen, die Böden wischen, meine Familie besuchen, mich um meine Freundschaften kümmern … das sind ja alles nur Kleinigkeiten.</p>
<p>Und wenn ich diese Kleinigkeiten nicht alle unter einen Hut bekomme, dann bin ich faul, bin egoistisch, dann bin ich keine gute Tochter, Schwester, Freundin, dann bin ich nicht gut genug … dann mache ich zu wenig.</p>
<p>Wenn ich so wenig mache, warum bin ich dann so müde?</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sie nennen es Liebe, wir nennen es unbezahlte Arbeit</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/03/sie-nennen-es-liebe-wir-nennen-es-unbezahlte-arbeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Romy]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Mar 2026 10:14:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Lohn]]></category>
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					<description><![CDATA[Pflegen, erziehen, kümmern – unverzichtbare Arbeit, aber schlecht bezahlt oder gar unsichtbar. Warum Care-Arbeit nicht nur ein Thema für Familien ist, sondern ein strukturelles Problem von Arbeitsmarkt, Geschlechterrollen und ökonomischer Abwertung beschriebt Romy in ihrem neuen Text. Erziehung, Haushalt, Kinderbetreuung – viele haben haushaltszentrierte Tätigkeiten im Kopf, wenn es um das Thema „Care-Arbeit“ geht. Wie]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Pflegen, erziehen, kümmern – unverzichtbare Arbeit, aber schlecht bezahlt oder gar unsichtbar.</strong><br />
<strong>Warum Care-Arbeit nicht nur ein Thema für Familien ist, sondern ein strukturelles Problem von Arbeitsmarkt, Geschlechterrollen und ökonomischer Abwertung beschriebt Romy in ihrem neuen Text.</strong><span id="more-17360"></span></p>
<p><span data-contrast="auto">Erziehung, Haushalt, Kinderbetreuung – viele haben haushaltszentrierte Tätigkeiten im Kopf, wenn es um das Thema „Care-Arbeit“ geht. Wie der Begriff schon vermuten lässt, geht es in der Care-Arbeit zentral um das Sich-Kümmern und die Fürsorge um andere Menschen. Diese Leistungsanforderungen gehen aber weit über die Arbeit in Haus und Familie hinaus – um das gesamte Spektrum der Care-Arbeit erfassen zu können, muss der Blick auch auf die Ebene der Erwerbsarbeit, also der bezahlten Lohnarbeit, geworfen werden. Eine Ebene, die in dieser Thematik oft ignoriert wird.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Ich werde in diesem Text keinen persönlichen oder privaten Blick auf die Aspekte rund um die Care-Arbeit richten. Vielmehr geht es um die soziologische Perspektive – und darum, inwiefern Care-Arbeit weit über die eigenen vier Wände hinausgeht.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p aria-level="3"><strong>Geschlechterrollen auf dem Arbeitsmarkt </strong></p>
<p><span data-contrast="auto">Geschlechterstereotypen ziehen sich durch jede gesellschaftliche Schicht und Struktur. Auch in der Erwerbstätigkeit sieht man: Es gibt eine Einteilung in „Männer- bzw. Frauenberufe“. In der Geschlechtersoziologie wird für diese Unterscheidung gerne der Begriff der „horizontalen Segregation“ verwendet. Als „Männerberufe“ zählen unter anderem Tätigkeiten im technischen und handwerklichen Bereich, während sich „Frauenberufe“ tendenziell rund um das Thema Pflege, Erziehung und Sorge drehen – Bereiche, die man so bereits aus der Care-Arbeit im Haushalt kennt.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Noch alarmierender als diese geschlechtsspezifische Aufteilung ist aber, dass sich diese Berufsspaten nicht auf Augenhöhe befinden. Sowohl aus finanzieller als auch aus prestigezentrierter Sicht wird deutlich: „Frauenberufe“ liegen weit hinten. </span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Die Aufstiegschancen sind geringer, die Löhne niedriger, das Ansehen gering. Sogar innerhalb von frauendominierten Berufsfeldern sind gravierende Unterschiede vorzufinden. Obwohl Frauen häufiger in diesen Berufen tätig sind, sind es meist Männer, die eine höhere Stellung genießen und sich in Führungspositionen befinden (in der Soziologie als „vertikale Segregation“ bezeichnet). </span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p aria-level="3"><strong>Die ökonomische Abwertung von Care-Arbeit  </strong></p>
<p><span data-contrast="auto">Um erklären zu können, weshalb „Frauenberufe“ deutlich schlechter entlohnt werden als ihr Pendant, lohnt sich nun ein Blick auf die Care-Arbeit im eigenen Haushalt, für die in der Soziologie häufig der Begriff „Reproduktionssphäre“ verwendet wird.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Die Care-Arbeit der Erwerbsphäre und der Reproduktionssphäre sind nicht voneinander getrennt, sie beeinflussen sich gegenseitig und stehen in Wechselwirkung zueinander – die Abwertung unbezahlter Care-Arbeit setzt sich in der schlechten Bezahlung und Anerkennung von Care-Berufen fort, obwohl sie unter anderem dafür sorgt, dass Menschen überhaupt erwerbsfähig sind. Zu der sichtbar geringeren Bezahlung solcher Berufe gibt es verschiedene Erklärungsansätze.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Aus neoklassistischer Sicht der Volkswirtschaftslehre basiert diese Differenz auf der persönlichen Produktivität: Frauen übernehmen im privaten Bereich prinzipiell eher die Care-Arbeit, gehen in den Mutterschaftsurlaub und sind somit weniger erwerbstätig. Weniger Erwerbstätigkeit hat eine geringere Entlohnung zur Folge.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Allerdings sollte hier ein wichtiger Aspekt ergänzt werden: Weshalb übernehmen Frauen die Care-Arbeit? Warum leisten Frauen in Deutschland mehr als doppelt so viel Sorgearbeit wie Männer? Diese Frage lässt sich mithilfe der soziologischen Sicht auf die Gender-Pay-Gap ein Stück weiter beantworten. Hier wird davon ausgegangen, dass verschiedene Entlohnung nicht schlicht ein Ausdruck von ungleicher Produktivität sei, sondern von Diskriminierung: Frauenberufe sind gesellschaftlich deutlich weniger anerkannt, oft werden sie entwertet – eben, weil sie von Frauen ausgerichtet werden. Doch warum ist das so?</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p aria-level="3"><strong>Die „Natur“ der Frau – wie Care-Arbeit naturalisiert wird </strong></p>
<p><span data-contrast="auto">„Sie machen es aus Liebe“ – dieses Argument ist gerne eine Rechtfertigung für unbezahlte Care-Arbeit in der Reproduktionssphäre. Es läge in der „Natur der Frau“ sich um Kinder und Haushalt zu kümmern. Frauen seien dazu gemacht, Kümmerinnen und Fürsorgerinnen ihrer Familie zu sein. Ignoriert wird dabei, dass es biologisch gesehen kaum „typisch männlich“ oder „typisch weiblichen“ Eigenschaften gibt. Vielmehr sind weiblich- und männlich konnotierte Persönlichkeitsmerkmale das Ergebnis von Sozialisation, in dessen Prozess Frauen diese Fürsorge, Zärtlichkeit und der Fokus auf dem Kümmern um das Wohlbefinden anderer anerzogen wird. </span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Die Übernahme von Care-Arbeit ist also kaum natürlich, es ist das Produkt einer Gesellschaft mit patriarchalen Strukturen. </span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Das Ideal der „aus Liebe handelnden Frau und Mutter“ hört allerdings nicht an der Türschwelle auf. Vielmehr zieht sie sich bis in die Erwerbssphäre und könnte somit einen Einfluss auf die prinzipiell schlechtere Bezahlung von frauendominierten Berufen nehmen.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p aria-level="3"><strong>Liebe ist keine Lohnform </strong></p>
<p><span data-contrast="auto">Schon seit Jahrzehnten Kämpfen Frauen für eine faire Bezahlung der Care-Arbeit, die sie leisten müssen – sowohl im Haus als auch im Beruf. Und dennoch: Care-Arbeit wird gesamtgesellschaftlich immer noch häufig als eine reine Selbstverständlichkeit angesehen. Etwas, dass sich „für Frauen so gehört“. </span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Es ist ein Kampf, der vermutlich noch lange andauern wird. So lange, bis Care-Arbeit keine „Frauensache“ mehr ist. Denn hier geht es um etwas anderes als „natürliche Gegebenheiten“. „Sie nennen es Liebe. Wir nennen es unbezahlte Arbeit“ (Silvia Federici im Manifest „Wages Against Housework“, 1975).</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-ccp-props="{&quot;335559739&quot;:0}"> </span></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das A in Alleinerziehende steht für Arbeit ohne Anerkennung</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/03/das-a-in-alleinerziehende-steht-fuer-arbeit-ohne-anerkennung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Laura]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Mar 2026 12:48:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Alleinerziehend]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
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					<description><![CDATA[Anlässlich des 8. März wirft Laura einen ehrlichen Blick auf die Herausforderungen alleinerziehender Mütter. Sie erzählt von ihrer eigenen Geschichte und ihrer Mutter, die trotz finanzieller und emotionaler Belastung stets für ihre Kinder da war. Teilzeit, Vollzeit, alleinerziehend – die unsichtbare Arbeit alleinerziehender Mütter. Vor knapp einer Woche ist Parshad Esmaeilis Buch „Papa weg, Mama]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Anlässlich des 8. März wirft Laura einen ehrlichen Blick auf die Herausforderungen alleinerziehender Mütter. Sie erzählt von ihrer eigenen Geschichte und ihrer Mutter, die trotz finanzieller und emotionaler Belastung stets für ihre Kinder da war. </strong><span id="more-17343"></span></p>
<p><strong>Teilzeit, Vollzeit, alleinerziehend – die unsichtbare Arbeit alleinerziehender Mütter.</strong></p>
<p>Vor knapp einer Woche ist <a href="https://www.droemer-knaur.de/buch/parshad-esmaeili-papa-weg-mama-muede-ich-laut-9783426569177?srsltid=AfmBOorPbkDK5WGTy_okFKIVB2oExjO48Z8jGeM7pWRVsR1iyXLz3G3P">Parshad Esmaeilis Buch „Papa weg, Mama müde, ich laut – Monolog einer Alleinerzogenen“</a> im Knaur Verlag erschienen und ich habe mich lang nicht mehr von einem Untertitel so gesehen gefühlt.<sup><a class="sdfootnoteanc" href="#sdfootnote1sym" name="sdfootnote1anc">1</a></sup></p>
<p>Meine Mama ist eine von 2,8 Millionen Alleinerziehenden in Deutschland. 2,3 Millionen von ihnen sind Frauen <a href="https://de.statista.com/themen/5182/alleinerziehende-in-deutschland/#topicOverview.">(Statista 2025).</a> Sie hat zwei Mädchen allein erzogen, während die zwei Erzeuger jeder auf seine Art mit Abwesenheit glänzten. Wenn sie doch da waren, hätte ich mir gewünscht, dass allein in Alleinerziehende nicht lähmende Einsamkeit und doppelter Work Load für Mama bedeutet, sondern: Ruhe von Streiten um Unterhalt, Hämmern an Türen und Telefonterror.</p>
<p>Als Kind habe ich &#8222;Die Wilden Hühner&#8220; und als Teenie &#8222;LOL&#8220; geliebt. Es war heilend, neben den typischen heteronormativen Mama-Papa-Kind(er)-Konstellationen geballte „Frauenpower“ zu sehen. Reclaiming the Power, sozusagen. In meinem Leben gibt es Mama, das Powerhouse, die arbeitet, tröstet, sich kümmert und macht, während die Väter stammeln, kritisieren und zusätzlich belasten.</p>
<p>Dabei ist das Leben nicht so glamourös wie Demi Moore und Miley Cyrus es in &#8222;LOL&#8220; haben: Statt Kaschmirpullis und Apple-Laptops sind die meisten alleinerziehenden Mütter mehrfach marginalisiert. Fast die Hälfte von ihnen hat finanzielle Probleme, ein Drittel lebt in Sozialwohnungen. Laut dem RKI wirken sich die finanzielle Benachteiligung und die psychische Belastung des Alleinerziehens negativ auf ihre Gesundheit aus: So sind alleinerziehende Mütter öfter chronisch krank, nehmen aber seltener Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch. Das potenziert sich bei migrantisierten Alleinerziehenden. Zudem sind sie in ihrer Erwerbstätigkeit eher altersarmutsgefährdet.</p>
<p>Dazu stemmen sie den Vollzeitjob der Alleinerziehenden neben mindestens einer Teilzeitstelle. Und dann ist da noch die Sache mit dem Unterhalt. Nur etwa die Hälfte der alleinerziehenden Mütter erhalten regelmäßig Unterhalt, und meist liegt dieser unter dem Mindestwert der Düsseldorfer Tabelle.</p>
<p>Die Autorin und Anwältin für Familienrecht Asha Hedayati schreibt in „Die stille Gewalt“: „Rechtsanwält*innen in Deutschland ist es erlaubt, Tipps und Tricks zu vermitteln, mit deren Hilfe man weniger oder gar keinen Kindesunterhalt zahlen muss, gleichzeitig werden Gynäkolog*innen kriminalisiert, wenn sie öffentlich über Schwangerschaftsabbrüche informieren“ (2023: 154).</p>
<p>Wenn unsere patriarchale Gesellschaft so unbedingt will, dass Frauen ungewollt schwanger bleiben, wie wär’s dann mal damit, die Leben der Kinder und Mütter zu schützen, die es schon gibt, statt sie weiter zu diskriminieren? Zudem framen sogenannte Väterrechtler (explizit nicht gegendert lol) den Unterhalt als gnädige Bonuszahlung der Väter an die Mütter.</p>
<p>Als würden sie sich davon Wellness gönnen (was auch mal absolut fair wäre, by the way), statt basale Grundbedürfnisse wie Miete, Kleidung, Essen und Medikamente für die Kinder im Alleingang abzudecken. Viele Mütter müssen die Zahlungsverweigerung dieses literally gesetzlich verbindlichen Bare Minimus hinnehmen. Geldgeile Schlampe hallt es von den Wänden der Gerichtssäle. Und: du wirst schon noch sehen.</p>
<p>Oft bedeuten Konfrontationen mit gewalttätigen Ex-Partnern, die keinen Unterhalt zahlen wollen, ein hohes Sicherheitsrisiko für Mütter und ihre Kinder. Oder Gerichtsverhandlungen von angeblich objektiven Richtern gefährden Existenzen.</p>
<p>Wie solche, in denen die Väter, die sich ansonsten nicht um ihr Kind kümmern, die Frauen betrügen und bedrohen, ein „So jetzt machen wir es endlich mal anders rum!“ als Richterspruch durch Krokodilstränen erzielen. Und dann einen Teil der Rentenanwartschaften bekommen. Dabei geht es nie um das Kindeswohl, sondern ums Gewinnen gegen die Frau, die in diesem System sowieso nur verliert.</p>
<p>Unsere beiden Erzeuger haben mittlerweile Eigenheime gebaut, während Mama in einer Mietwohnung sitzt, deren Miete alle drei Jahre erhöht wird. Und das ist kein Einzelfall, sondern hat System.</p>
<p>Neben dieser prekären Lage von Alleinerziehenden folgt dazu noch das public shaming. Die Beleidigung Rabenmutter fällt statistisch häufiger als Rabenvater. Die Kinder kriegen abgepackte Schokobrötchen von Aldi mit in die Schule? Rabenmutter. Die beiden waren noch nie beim Zahnarzt? Rabenmutter. Du warst nicht beim Elternabend, weil der immer schon um 18 Uhr anfängt und du nicht früher Feierabend hast? Rabenmutter.</p>
<p>Aber: Er hat dich noch nie in den Arm genommen und gesagt, dass er stolz ist? Väter halt, denen muss man auch mal ihren Freiraum gönnen. Ich kann mich kaum daran erinnern, wie meine Mama sich mal etwas gönnt, etwas feiert – während unsere Geburtstagstische mit selbstgebackenem Kuchen und sorgfältig verpackten Geschenken geschmückt sind.</p>
<p>Auch das ist unsichtbare Arbeit, Spätschicht und Frühschicht, während die Erzeuger anrufen, etwas schicken oder in so vielen anderen Konstellationen solche Momente nutzen, um zu manipulieren, wie Parshad in ihrem Buch schmerzlich berichtet.</p>
<p>Und ähnlich wie sie, erinnere ich meine Mama vor allem arbeitend: Mamas Hände kochen, waschen Wäsche, spülen Geschirr, kleben Pflaster, schrubben, wischen, saugen, putzen, tragen, legen zusammen, zählen Geld, sparen, haben immer etwas zwischen Ballen und Finger, liegen selten lang ausgestreckt.</p>
<p>Mamas Hände sind weich trotz all der Härte, sind weich an meiner Wange, in meiner Handinnenfläche: beim Impfen, wenn sie mir die salzigen Tränen wegwischt. Mamas Hände sind weich, wenn sie mir den Hörer aus der Hand nehmen und sich um mich legen, wenn mein Erzeuger am Telefon Dinge sagt, die kleine Mädchenherzen auf immer zerbrechen.</p>
<p>Und trotzdem steht unterm Strich: Arbeit auf Teilzeit. Als würde Mama nicht 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche für uns da sein. Dabei sind Mamas Hände auch so viel weg. Wenn wir krank waren, war es nur selten ihre weiche Hand, die unseren glühenden Stirnen Abkühlung verschaffen konnte.</p>
<p>Viel eher ließ sie uns schweren Herzens und mit Sorge in den Augen auf dem blauen Sofa meiner Oma &amp; Opa zurück, die uns Zwieback und Salzstangen brachten. Meine Großeltern waren es auch, die in der ersten Reihe saßen, als ich mein Abiturzeugnis überreicht bekam – mit Auszeichnung.</p>
<p>Anders als ich hat meine Mama kein Abitur, konnte nicht studieren. Sie musste schnell arbeiten gehen, Geld verdienen. Dass ich dieses Papier nun in der Hand halte, ist bittersüß. Denn statt gemeinsam mit mir feiern zu können, ist Mama weit weg, ihr Chef hat ihr nicht freigegeben.</p>
<p>Dabei verdanke ich ihr all das. In einem Gedicht schrieb ich mal:</p>
<blockquote><p><strong>Dank dir muss ich nicht dieselben Gewichte heben, Dank dir muss ich nicht dieselbe Geschichte erleben.</strong></p></blockquote>
<p>Diese Chancen, die ich mit diesem Stück Papier in der Hand halte, habe ich nur, weil meine Mama die schweren Türen mit aller Kraft aufgeschoben hat, Stück für Stück, während sie ihr noch verschlossen blieben.</p>
<p>Nie musste ich neben der Schule arbeiten; ich hatte offiziell die wunderschönste, vollste Kindheit, die man sich nur vorstellen kann. Dank Mama und wie sie jedes Kapitel dieser Kindheit mit Liebe gestaltet hat.</p>
<p>Als Parshad in ihrem Buch beschreibt, wie oft ihre Mutter ihr Dankbarkeit predigt, da nicke ich heftig. So oft flüstert Mama uns ins Ohr: „Ihr seid mein größtes Glück“. So oft hat sie uns gesagt, wie dankbar wir sein können: für unsere Wohnung, unsere Gesundheit, für uns.</p>
<p>Es ist bezeichnend, dass wir gesamtgesellschaftlich Home Office so schnell als Arbeit anerkennen und belohnen, während häusliche, physische und emotionale Care-Arbeit, die meist von Mütterhänden übernommen wird, unsichtbar ist.</p>
<p>Unsichtbar gemacht wird. Als würden Mütter nichts aufgeben, wenn sie alles von sich geben. Ihr Mutterleben lang gibt meine Mama alles für uns (auf): einen Platz für sich allein, als sie auf der Matratze im Wohnzimmer schläft, damit wir Kinderzimmer haben.</p>
<p>Selbstfürsorge, wenn sie innerhalb weniger Sekunden duscht, um ein Säugling und eine Dreijährige nicht lange allein zu lassen. In weniger als einem Jahrzehnt werde ich so alt sein, wie Mama als sie alleinerziehend mit zwei Töchtern unterschiedlicher Männer war, die beide auf ihre Art Steine im Weg, statt Felsen in der Brandung waren.</p>
<p>Je mehr ich Frau werde, desto mehr sehe ich die Frau in meiner Mutter. Ich denke an Momente auf dunklen Parkplätzen, wie meine Schwester und ich herumalbern und Mama uns hetzt, an den Händen nimmt, schnellen Schrittes mit klackernden Absätzen.</p>
<p>Wie ich Ärger bekomme, weil ich die Tür nicht richtig abgeschlossen habe, während Mama unten im Keller Wäsche aufhängt. Was für ein Kraftakt es gewesen sein muss, uns diese Geborgenheit zu vermitteln, diese Sicherheit, wenn man sich selbst nicht in Sicherheit wähnt.</p>
<p>Eine Frau, die die Telefonnummer der lokalen Polizei in den Flur hängt, obwohl sie wusste, dass auch da den Männern nicht zu trauen ist. Aber immerhin besser als nichts, sieben Mal vier Zentimeter eine Illusion von Sicherheit aus Pappe.</p>
<p>Was ein mamagemachtes Privileg, dass ich damals noch an das Pixibuch-Narrativ von „Ich habe eine Freundin, die ist Polizistin“ glauben durfte und in der Polizei den Freund und Helfer sah.</p>
<p>Heute kann meine Mama Dinge tun, die für andere selbstverständlich sind: mal alleine in den Urlaub fahren, sich ein ganzes Wochenende lang entspannen oder ein neues Hobby beginnen. Und das, weil sie in Teilzeit arbeitet.</p>
<p>Eine Mutter, die mehr als zwei Jahrzehnte lang rund um die Uhr rotiert hat, weil patriarchale Machtverhältnisse sie in eine Doppelrolle gezwungen haben. Während Väter immer noch einmal Eis an der Ostsee essen gehen, „ohne Mütze, weil ist nicht so kalt“ und damit den Dad of the Year Award gewinnen.</p>
<p>Während Mama sich zwei Wochen lang um die Mittelohrentzündung danach kümmert. Eine Frau, die seit sie 18 ist, arbeitet und arbeitet, Steuern zahlt, Geld verdient und sich abackert für einen Staat, der ihre Arbeit immer noch unsichtbar macht.</p>
<p>Und dabei ist es so wichtig, dieses Narrativ der sich selbst aufopfernden Mutter endlich zu durchbrechen: Alleinerziehende Mütter sind nicht nur so bewundernswert, unter der Bedingung, dass sie all das leisten.</p>
<p>Sondern ihnen sollte, wie es für Männer oft so selbstverständlich ist, ihr Menschsein zugestanden werden. Als der Wirtschaftsflügel der CDU im Januar 2026 dafür plädiert, Rechte auf Teilzeitarbeit einzuschränken, ist alles, was ich denken kann: What the actual fuck.</p>
<p>Während Merz 12.000 Euro Steuergelder in den ersten drei Monaten Amtszeit für seine „Frisur“ ausgibt, haben Dreiviertel aller alleinerziehenden Mütter im Schnitt weniger als 2.000 Euro netto im Monat zur Verfügung.</p>
<p>Und obwohl Pflege von Kindern oder Angehörigen wohl weiter (mal schauen, wie lange noch) für die CDU das Recht auf Teilhabe sichern, wünsche ich Merz ein alternatives Leben als alleinerziehende Mutter. Damit er das mal spürt, das mal trägt, diese Last und nicht anfängt, Elterngeld immer weiter zu konditionieren.</p>
<p>I mean: Wenn alle Alleinerziehenden von heute auf morgen ihre Arbeiten (Plural!) niederlegen würden, will ich mal sehen, wie dieses Land weiter funktionieren soll.</p>
<p>Statt also weiter auf Müttern herumzutreten, die mit ihrer Erwerbs- und Sorgearbeit das Fundament unserer Gesellschaft sind, wie wäre es, ihre Sorgearbeit endlich mal als Arbeit anzuerkennen? Wir brauchen armutsfeste Kindergrundsicherung, keinen begrenzten staatlichen Unterhaltsvorschuss und verlässliche Infrastrukturen, die Alleinerziehende entlasten, sowie mehr Anlaufstellen, um sich gegen die Einsamkeit zu vernetzen.</p>
<p>Und vor allem: Anerkennung. Daher möchte ich diesen Text schließen mit Worten aus einem Poetry Slam vor ein paar Jahren:</p>
<blockquote><p>Ich hab’s nicht ganz gerafft, als ich klein war und ich sag’s auch seit ich größer bin, viel zu selten: aber an alle Alleinerziehenden da draußen und vor allem an Mama: ihr seid wahre Heldinnen.</p></blockquote>
<p><a class="sdfootnotesym" href="#sdfootnote1anc" name="sdfootnote1sym">1</a> Dabei ist mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass wir in vieler Hinsicht als Alleinerziehende und Alleinerzogene auch privilegiert waren: cis, weiß und abled mit deutscher Staatsbürgerschaft und Familie im selben Land.</p>
<blockquote>
<blockquote>
<div>
<h3>Alleinerziehende unterstützen und dich weiterbilden:</h3>
</div>
<div>
<ul>
<li><a href="https://www.instagram.com/food8family/">@food8family</a></li>
<li><a href="https://www.instagram.com/frau_waibel/">@frau_waibel</a></li>
</ul>
</div>
<div>
<h3>Alleinerzogene unterstützen:</h3>
</div>
<div>
<ul>
<li><a href="https://www.instagram.com/parshad/">@parshad</a></li>
</ul>
</div>
</blockquote>
</blockquote>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wenn Nähe zu Arbeit wird</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/03/wenn-naehe-zu-arbeit-wird/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[sabylonica]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 05 Mar 2026 09:00:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Liebe_n]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
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					<description><![CDATA[In seinem*ihrem neuen Text reflektiert sabylonica über die Herausforderungen und Ungleichheiten in zwischenmenschlichen Beziehungen, besonders in Bezug auf Männer und FLINTA*-Freund*innen. Eröffnet wird ein Raum, in dem emotionale Arbeit, Verletzlichkeit und das Bedürfnis nach gegenseitigem Zuhören thematisiert werden. Ein Aufruf, die Dynamik des Gebens und Nehmens neu zu denken und emotionale Verantwortung zu teilen. Ich]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In seinem*ihrem neuen Text reflektiert sabylonica über die Herausforderungen und Ungleichheiten in zwischenmenschlichen Beziehungen, besonders in Bezug auf Männer und FLINTA*-Freund*innen. Eröffnet wird ein Raum, in dem emotionale Arbeit, Verletzlichkeit und das Bedürfnis nach gegenseitigem Zuhören thematisiert werden. Ein Aufruf, die Dynamik des Gebens und Nehmens neu zu denken und emotionale Verantwortung zu teilen.</strong><span id="more-17344"></span></p>
<p>Ich habe das Gefühl, ich bin für viele Menschen weniger eine Person als ein Raum. Ein Raum, in dem Dinge gesagt werden dürfen, die sonst keinen Platz finden. Ein Raum, in dem Tränen kommen, Geständnisse, Selbstzweifel und Lebenskrisen Platz finden. Besonders oft bin ich dieser Raum für Männer. Für cis*-hetero Männer, die gelernt haben, dass sie stark sein müssen, funktional und kontrolliert. Und dann plötzlich bei mir sitzen und erzählen, dass sie seit Jahren nicht mehr geweint haben. Dass sie sich noch nie jemandem so geöffnet haben. Dass sie sich durch unsere Gespräche „selbst besser verstehen“. Und ich sitze da und denke mir, okay krass, ich bin gerade dein emotionaler Durchbruch.</p>
<p>Ich höre zu, ich halte aus, ich frage nach und ich bin präsent. Ich versuche, nicht zu werten, nicht zu überfordern, nicht zu unterfordern. Ich mache genau das, was man von einer guten Therapeut*in erwarten würde, nur ohne Ausbildung, ohne Bezahlung, ohne Rahmen und ohne Wahl. Und vor allem, ohne dass ich je gefragt werde, ob ich das gerade leisten kann oder will. Diese Gespräche passieren einfach. Sie nehmen sich Raum. Sie nehmen sich Zeit. Sie nehmen sich meine Aufmerksamkeit, meine Empathie und meine Energie. Und oft merke ich danach erst, wie leer ich eigentlich bin. Wie viel ich gegeben habe, ohne es selbst so zu benennen. Weil Care-Arbeit sich selten wie „Arbeit“ anfühlt, während man sie tut. Sie fühlt sich an wie Beziehung, wie Nähe, Vertrauen, aber sie ist trotzdem Arbeit. Emotionale Arbeit, die unsichtbar ist.</p>
<p>Was mich besonders trifft sind die Ungleichheiten. Dass ich für viele Männer der Raum bin, in dem sie zum ersten Mal verletzlich sein dürfen, aber ich selbst diesen Raum bei ihnen nicht habe. Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich versucht habe über meine eigenen Probleme zu sprechen. Über meine Überforderung, meine inneren Konflikte, über das Gefühl, zu viel und gleichzeitig zu wenig zu sein. Und die einzige Antwort, die ich bekommen habe, war: „Wird schon“. Zwei Worte. Kein Nachfragen. Keine Neugier. Und kein Raum. Da ist mir schlagartig klar geworden, wie ungleich diese Beziehungen oft sind. Wie selbstverständlich erwartet wird, dass ich zuhöre, aber wie ungewohnt es ist, wenn ich selbst gehört werden will. Als wäre meine Rolle klar. Die verständnisvolle, reflektierte und emotionale Person. Aber nicht die, die selbst Unterstützung brauchen könnte.</p>
<p>Unter FLINTA*-Freund*innen erlebe ich etwas komplett anderes. Da ist so viel Bewusstsein dafür, Raum zu teilen. So viel vorsichtiges Nachfragen, wie „Ist es okay, wenn ich das gerade erzähle?“, „Gib Bescheid, wenn es dir zu viel wird.“ oder „Ich will nicht alles auf dich abladen.“. Wir sind ständig am Achten, Regulieren, Reflektieren und Spiegeln. Fast schon übertrieben. Und gleichzeitig zeigt genau das, wie selten wir echte Aufmerksamkeit gewohnt sind. Wie ungewöhnlich es für uns ist, einfach reden zu dürfen, ohne sofort wieder in die Rolle der Zuhörenden zu rutschen. Manchmal sitzen wir zusammen und lachen darüber, wie wir uns gegenseitig immer wieder entschuldigen, obwohl niemand etwas falsch gemacht hat. Aber eigentlich ist das traurig, weil es zeigt, wie tief diese Strukturen sitzen, bloß nicht zu viel Raum einzunehmen, bloß nicht egoistisch wirken und bloß nicht zur Last fallen. Während andere sich diesen Raum einfach nehmen, ohne jegliches schlechte Gewissen, ohne Reflexion oder Rücksicht.</p>
<p>Ich glaube viele Männer merken gar nicht, was sie da tun. Für sie fühlt es sich an wie ein ehrliches Gespräch, wie Nähe und wie persönliches Wachstum. Für mich fühlt es sich oft an wie Arbeit, wie eine Dienstleistung, die ich erbringe. Ohne Vertrag, ohne Grenzen und ohne Schutz. Zwar mach ich das gerne, vor allem für meine Engsten, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass es strukturell ist. Das ist kein individuelles Problem, sondern ein erlerntes Muster. Männer lernen ihre Emotionen zu verdrängen und suchen sich dann einzelne Personen, meistens FLINTA*, um all das nachzuholen. Nicht in professionellen Räumen, nicht untereinander, sondern bei denen, die sowieso schon emotional verfügbar sind. Die gelernt haben, sich zu kümmern, zuzuhören und Verantwortung für Stimmungen zu übernehmen.</p>
<p>Und wir tragen das. Wir tragen ihre Geschichten, ihre Tränen und ihre Durchbrüche. Aber niemand fragt, wer unsere Geschichten trägt. Wer unsere Tränen hält. Wer unsere Durchbrüche begleitet. Care-Arbeit ist hier nicht klassisch Pflege, Haushalt oder Organisation, sondern emotionale Struktur. Ich bin die Brücke zu sich selbst. Der sichere Raum. Der Spiegel. Und das ist etwas unglaublich Intimes, etwas Wertvolles, aber auch etwas Erschöpfendes. Vor allem dann, wenn es einseitig bleibt.</p>
<p>Ich will nicht aufhören empathisch zu sein. Auch will ich nicht aufhören zuzuhören. Aber ich will, dass diese Arbeit sichtbarer wird. Dass sie benannt wird. Dass sie nicht mehr als selbstverständlich gilt. Dass Menschen lernen nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben. Nicht nur zu reden, sondern auch zu fragen. Und nicht nur sich zu öffnen, sondern auch da zu sein. Vielleicht geht es am Ende darum, emotionale Verantwortung nicht zu externalisieren, nicht einzelne Personen zu Therapieräumen zu machen, sondern Beziehungen so zu gestalten, dass Care-Arbeit gerecht und gleich ist. Dass sie nicht auf bestimmten Körpern, Geschlechtern und Identitäten lastet, sondern geteilt wird.</p>
<p>Denn Zuhören ist keine natürliche Ressource. Empathie ist keine endlose Quelle. Und niemand sollte zur emotionalen Tankstelle für andere werden, nur weil sie gelernt haben, sich selbst zurückzunehmen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Mein Kinderstaubsauger und ich &#8211; Über Care-Arbeit und hartnäckige Rollenverteilung</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/02/mein-kinderstaubsauger-und-ich-ueber-care-arbeit-und-hartnaeckige-rollenverteilung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anjuli]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Feb 2026 09:00:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Anjuli hatte einen pinken Kinderstaubsauger, heute fragt sie sich, was daran wirklich Spiel war. Ein persönlicher Text über Care-Arbeit, Corona und die unbequeme Erkenntnis, dass selbst reflektierte Haushalte alte Rollenbilder weitertragen. Für mein Studium habe ich vor kurzem einen Text über Care-Arbeit während der Corona-Krise gelesen und wie sich diese auf die Arbeitsteilung in Haushalten]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Anjuli hatte einen pinken Kinderstaubsauger, heute fragt sie sich, was daran wirklich Spiel war. Ein persönlicher Text über Care-Arbeit, Corona und die unbequeme Erkenntnis, dass selbst reflektierte Haushalte alte Rollenbilder weitertragen.</strong><br />
<strong><span id="more-17337"></span></strong></p>
<p>Für mein Studium habe ich vor kurzem einen Text über Care-Arbeit während der Corona-Krise gelesen und wie sich diese auf die Arbeitsteilung in Haushalten ausgewirkt hat. Inspiriert davon habe ich über mein Elternhaus nachgedacht – und darüber, ob sich damals bei uns etwas verändert hat.</p>
<p>Ich habe den Großteil meines Bachelors während Corona absolviert. In einem Online-Seminar mit dem Titel „Who cares“ begann ich intensiver über Arbeitsteilung zuhause nachzudenken. Seit ich mich erinnern kann, war meine Mutter diejenige, die den Haushalt geschmissen hat. Als Teenager hing ich eine Postkarte an die Tür des Wäschekellers: „Wäsche von Mutti machen lassen, 1€.“ Ich fand das lustig. Gleichzeitig war ich überzeugt, dass mein Vater vermutlich nicht einmal wusste, wie man eine Waschmaschine bedient.</p>
<p><strong>Care-Arbeit im Ausnahmezustand</strong></p>
<p>Während der Pandemie schien vieles im Ausnahmezustand zu verschwimmen. Meine Mutter war in den Wochen, in denen mein pendelnder Vater nicht zuhause war, faktisch alleinerziehend – und gleichzeitig berufstätig. Rückblickend wurde mir erst spät bewusst, wie viel Care-Arbeit sie tatsächlich getragen hat.</p>
<p>Auf meine Nachfrage sagte sie, während Corona habe sich nicht viel verändert. Sie habe vielleicht mehr renoviert, aber nicht mehr Hausarbeit übernommen – weil sie ohnehin schon immer den größeren Anteil getragen habe. Damit bestätigte sie ungewollt, was ich aus meinem Uni-Text kannte: Krisen verändern Rollenbilder nicht zwangsläufig, sie machen bestehende Ungleichheiten sichtbarer.</p>
<p><strong>Latente Rollenbilder</strong></p>
<p>Obwohl ich meine Eltern nie als konservativ wahrgenommen habe, leben sie klassische Rollenbilder: Meine Mutter kocht und trägt den Mental Load. Mein Vater kümmert sich um Finanzen und handwerkliche Aufgaben. Es ist kein offener Machtkampf – sondern ein eingespieltes Muster.</p>
<p><strong>Und ich?</strong></p>
<p>Am irritierendsten ist für mich, dass sich ähnliche Dynamiken in meinem eigenen Haushalt wiedergefunden haben. Trotz Bachelorabschluss in Gender Studies war ich plötzlich diejenige, die organisiert, plant, Verantwortung übernimmt. Keine Kinder, kein Zwang – und trotzdem reproduzierte ich Muster, die ich kritisiere.</p>
<p>Haushaltsaufgaben zu boykottieren funktioniert nur bedingt. Reflexion anzustoßen bleibt oft an mir hängen. Vielleicht, weil diese Muster so tief eingeschrieben sind, dass Wissen allein sie nicht auflöst.</p>
<p><strong>Der Kinderstaubsauger</strong></p>
<p>Ich hoffe, dass es irgendwann normal ist, allen Kindern Spielküchen und Puppen zu schenken – nicht nur Mädchen pinke Staubsauger. So dass Care von klein auf als gemeinschaftliche Aufgabe erlebt wird.</p>
<p>Denn gerade weil sich diese Muster trotz feministischer Diskurse so hartnäckig halten, zeigt sich, wie tief Re-Traditionalisierung in Alltagspraktiken verankert ist. Care-Arbeit muss immer wieder neu verhandelt werden.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Hör auf zu jammern &#8211; Warum Leistungsideologie feministisch bekämpft werden muss</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/02/hoer-auf-zu-jammern-warum-leistungsideologie-feministisch-bekaempft-werden-muss/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lina]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 25 Feb 2026 09:58:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.meintestgelaende.de/?p=17329</guid>

					<description><![CDATA[Leistungsideologie verkauft strukturelle Ungleichheit als persönliches Versagen und trifft Frauen*, Care-Arbeitende und prekär Beschäftigte besonders hart. Während Politik von „zu wenig Arbeit“ redet, bleiben oft emotionale Arbeit und Mindestlohnrealität unsichtbar. „Hör auf zu jammern“ ist einer dieser Sätze, die so harmlos klingen, bis man merkt, dass sie ein ganzes System absichern. Ich höre diesen Satz]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Leistungsideologie verkauft strukturelle Ungleichheit als persönliches Versagen und trifft Frauen*, Care-Arbeitende und prekär Beschäftigte besonders hart. Während Politik von „zu wenig Arbeit“ redet, bleiben oft emotionale Arbeit und Mindestlohnrealität unsichtbar.</strong><br />
<span id="more-17329"></span></p>
<p>„Hör auf zu jammern“ ist einer dieser Sätze, die so harmlos klingen, bis man merkt, dass sie ein ganzes System absichern. Ich höre diesen Satz von meinen Großeltern, in Kommentarspalten und auch aus der Politik. Meine Generation und „die Jugend“ (wer soll das sein?), meckert zu viel und ist zu faul. Früher haben das doch auch alle geschafft und da konnte man sich nicht leisten, so erschöpft zu sein. Denn wer erschöpft ist, hat sich nicht genug angestrengt.</p>
<p>Dieses Leistungsnarrativ ist tief verankert – und es trifft nicht alle gleich.</p>
<p><strong>Die Rückkehr des Leistungsmythos</strong></p>
<p>Aktuell wird diese Logik wieder laut reproduziert. Friedrich Merz spricht von zu hohen Krankenständen, stellt das Recht auf Teilzeitarbeit infrage und inszeniert Arbeitsunfähigkeit als individuelles Problem mangelnder Disziplin. Die Botschaft ist klar: Deutschland arbeitet zu wenig, ist zu bequem geworden.</p>
<p>Strukturelle Faktoren fehlen im Diskurs. Dass Frauen, Teilzeitkräfte und Care-Arbeit in Statistiken anders auftauchen als klassische Vollzeitarbeit, wird in vereinfachten Leistungsnarrativen ausgeblendet. Mehr Stunden bedeuten nicht automatisch mehr Wohlstand oder mehr Gerechtigkeit – und vor allem nicht mehr Produktivität. Deutschland schafft mit vergleichsweise wenigen Stunden im internationalen Vergleich eine hohe Wertschöpfung. Gleichzeitig ist die Lohn-, Wachstums- und Wohlstandsentwicklung in Relation zur Inflation eher schwach.</p>
<p>Dieses Spannungsfeld zwischen Arbeitszeit, Produktivität und Lebensrealität wird im simplen Satz „Wir arbeiten zu wenig“ systematisch ausgeblendet. Was dabei konsequent ignoriert wird, ist auch die Frage, wer krank ist – und warum.</p>
<p><strong>Der männliche Maßstab</strong></p>
<p>Unser Gesundheitssystem ist historisch auf den männlichen Körper ausgelegt. Symptome, Krankheitsverläufe, Medikamente, Belastungsgrenzen – vieles basiert auf einem Körper, der keine Menstruation kennt, keine hormonellen Zyklen durchläuft, nicht schwanger wird. Selbst die Zahnpasta ist auf den pH-Wert des männlichen Mundes eingestellt.</p>
<p>Frauen* haben im Durchschnitt rund 13 Wochen im Jahr ihre Periode. Das ist keine Krankheit, aber es ist auch kein neutraler Zustand. Schmerzen, Erschöpfung, Migräne, Endometriose – all das taucht in Arbeitszeitmodellen, Produktivitätskennzahlen und politischen Debatten kaum auf. Demgegenüber stehen statistisch etwa drei Wochen Krankheit pro Jahr. Trotzdem wird so getan, als sei jede Form von Erschöpfung persönliches Versagen.</p>
<p><strong>Neoliberaler Feminismus und Selbstoptimierung</strong></p>
<p>Gleichzeitig wird Leistung längst nicht mehr nur im klassischen Sinne gemessen. Wir definieren uns über Produktivität, über Sichtbarkeit, über Output. Selbst im Feminismus sind wir nicht frei von dieser Logik. Neoliberaler Self-Branding-Feminismus verkauft Gleichberechtigung als Lifestyle-Entscheidung: ein Instagram-Post, eine Brand Identity, ein „Empowerment“-Mantra.</p>
<p>Feministisch sein wird etwas, das man machen kann – oder eben nicht. Strukturelle Kritik wird ersetzt durch individuelle Selbstoptimierung. Wer scheitert, hat sich offenbar nicht gut genug vermarktet oder es nicht verstanden.</p>
<p><strong>Unsichtbare Arbeit</strong></p>
<p>Was dabei unter den Tisch fällt, ist Arbeit, die sich nicht zählen lässt. Care-Arbeit im klassischen Sinne – Haushalt, Kinder, Pflege – ja. Aber auch emotionale Arbeit: zuhören, erklären, aushalten, übersetzen. Immer wieder männlichen* Lebensrealitäten erklären, warum Sexismus kein Missverständnis ist, warum bestimmte Witze verletzen, auch wenn man sie nicht „böse meint“.</p>
<p>Diese Bildungsarbeit ist kostenlos, unsichtbar und emotional teuer. Und sie bringt uns in ein permanentes Dilemma: Ich will diese Arbeit nicht leisten müssen – aber ich will auch verstanden werden. Und irgendwo sitzt immer dieser Gedanke: Wenn ich es ihm* nicht erkläre, woher soll er* es dann wissen?</p>
<p><strong>Mindestlohn und Realität</strong></p>
<p>Der Arbeitsmarkt tut sein Übriges. Ich arbeite aktuell im Buchhandel zum Mindestlohn. Ich bin erschöpft. Meine Chefin sagt, ich müsse mehr geben – dann könne man vielleicht über mehr Stunden reden. Sie ist selbst Chefin und verdient ebenfalls nur Mindestlohn. In der gleichen Buchhandlung arbeiten ausgebildete Buchhändlerinnen* für 20 Stunden, ebenfalls zum Mindestlohn. Gleichzeitig wundert man sich, warum sich niemand bewirbt. Als wäre das ein Rätsel und kein strukturelles Problem.</p>
<p><strong>Wir wollen leben, nicht nur funktionieren</strong></p>
<p>Das Leistungsversprechen, mit dem viele von uns aufgewachsen sind – streng dich an, beschwer dich nicht, dann wirst du belohnt – funktioniert nicht mehr. Oder vielleicht hat es das nie getan, aber jetzt wird es sichtbar. Viele von uns sind desillusioniert. Wir wollen leben, nicht nur funktionieren. Zeit haben, Freude, ein Leben neben der Arbeit.</p>
<p>Selbst wenn das weniger Geld bedeutet – wobei „weniger“ oft ohnehin kaum genug ist. Für mich und viele andere ist ein Leben mehr wert als die ganze Zeit nur arbeiten, vor allem wenn sich diese nicht lohnt. Diese Haltung wird belächelt, als mangelnder Ehrgeiz abgetan. Selten wird verstanden, dass Produktivität heute allgegenwärtig und unumgänglich ist.</p>
<p><strong>Dauererreichbarkeit</strong></p>
<p>Unsere Smartphones sind dafür das beste Beispiel. Sie versprechen Freiheit, Vernetzung, Selbstbestimmung – und sind gleichzeitig ständige Arbeitsgeräte. Erreichbarkeit wird vorausgesetzt, Grenzen verschwimmen, Abschalten wird zur persönlichen Verantwortung. Wer nicht antwortet, gilt als unprofessionell. Wer müde ist, als unmotiviert.</p>
<p><strong>Nach oben treten</strong></p>
<p>Leistungsideologie ist kein neutrales Konzept. Sie ist geschlechtlich, klassistisch und zutiefst kapitalistisch. Feminismus, der sich ernst nimmt, muss sie angreifen. Nicht, indem wir noch produktiver werden, noch resilienter, noch besser organisiert. Sondern indem wir fragen:</p>
<ul>
<li>Wer kann sich Leistung leisten?</li>
<li>Wessen Arbeit wird gesehen – und wessen Erschöpfung wird ignoriert?</li>
<li>Warum gilt Jammern als Problem, wenn es oft nur ein Hinweis darauf ist, dass etwas grundlegend schiefläuft?</li>
</ul>
<p>Es war noch nie unten gegen unten.<br />
Es war immer unten gegen oben.<br />
Vielleicht sollten wir endlich wieder anfangen, nach oben zu treten.</p>
<hr />
<p><strong>Literatur:</strong><br />
Evteeva, Maria, und Lucrecia Burges. <em>Internalized Misogyny: The Patriarchy Inside Our Heads.</em> Bd. 14, 2024.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ziad &#038; Nico &#8211; Körper in der Literatur</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/02/ziad-nico-koerper-in-der-literatur/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CarMiA]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Feb 2026 11:35:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Videos]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Körper]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Wir freuen uns über ein neues Video von Ziad und Nico. In ihrer gewohnten Art analysieren sie literarische Texte und nehmen dabei Bezug auf die Bedeutung von Körpern.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wir freuen uns über ein neues Video von Ziad und Nico. In ihrer gewohnten Art analysieren sie literarische Texte und nehmen dabei Bezug auf die Bedeutung von Körpern.</strong><span id="more-17322"></span></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Bis unter die Haut &#8211; Körper, Identität und der Sound von “2F4C3”</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/02/bis-unter-die-haut-koerper-identitaet-und-der-sound-von-2f4c3/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[David Novell]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Feb 2026 09:00:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Körper]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
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					<description><![CDATA[2F4C3 entstand vor über zwei Jahren. Der Song war fertig &#8211; David war es noch nicht. Im aktuellen Beitrag auf Mein Testgelände schreibt David über Körper, Sichtbarkeit und das Gefühl, nie ganz „fertig“ zu sein. Ich bin David Novell aus Leipzig und arbeite in meiner Musik mit Einflüssen aus Hip Hop, experimentellem Pop und Medienkunst.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>2F4C3 entstand vor über zwei Jahren. Der Song war fertig &#8211; David war es noch nicht.</strong><br />
<strong>Im aktuellen Beitrag auf Mein Testgelände schreibt David über Körper, Sichtbarkeit und das Gefühl, nie ganz „fertig“ zu sein.</strong><span id="more-17317"></span></p>
<p>Ich bin David Novell aus Leipzig und arbeite in meiner Musik mit Einflüssen aus Hip Hop, experimentellem Pop und Medienkunst. Mein Song “2F4C3” bewegt sich zwischen Rap und New Wave und dreht sich um Fragen, die mir wortwörtlich unter die Haut gehen: Warum wollen wir eine Welt akzeptieren, in der es nicht allen gut geht? Warum tragen wir Masken, unter denen wir uns selbst nicht mehr erkennen? Und wie viele Gesichter darf ein Körper haben?</p>
<p>Körper sind nicht einfach privat. Sie sind zwar per Definition persönlicher Raum, aber eben auch Projektionsfläche und politisches Territorium. Körper sind für mich kein neutraler Ort: sie sind Ausdruck und Grenze, Bühne und Zielscheibe zugleich. In “2F4C3” frage ich, wie sich Schmerz, Ohnmacht und gesellschaftlicher Druck in meinem Körper ablagern. Im Pre-Chorus wiederhole ich:<br />
<i>„Es geht bis unter meine Haut / Wohin mit all dem Pain / Es ist so vertraut und trotzdem kann ich’s nicht versteh’n“</i></p>
<p>Dieser Widerspruch &#8211; zu spüren, zu durchschauen, aber nicht wirklich zu begreifen &#8211; beschreibt ziemlich genau, wie sich mein Körper im gesellschaftlichen Kontext anfühlt: die Spannung zwischen meinem eigenen Empfinden und der Sicht von außen. Als nicht-binäre Person merke ich, wie daraus oft etwas anderes wird &#8211; eine Zuschreibung, eine Kategorie, ein Kampf um Lesbarkeit.</p>
<p>„2F4C3“ ist schon länger fertig, aber ich arbeite oft ohne feste Strukturen oder Budgets, die einem Song automatisch Sichtbarkeit verschaffen. Gleichzeitig entsteht meine Musik nie im luftleeren Raum: der Track wurde gemeinsam mit dem Produzenten Akela1 entwickelt, der meine Arbeit seit Jahren unterstützt. Mit Menschen, die künstlerische Verwirklichung priorisieren, suche ich immer wieder nach Wegen, Dinge möglich zu machen. Manchmal entstehen daraus neue Ideen, manchmal auch nur Erschöpfung. Diese körperliche Grenze &#8211; das Gefühl, nicht hinterherzukommen, sich zu verausgaben &#8211; gehört für mich genauso zu Kunst wie der Moment, in dem etwas gelingt.</p>
<p>Ich habe bereits Ideen für Visuals, Release-Reels oder vielleicht auch ein Musikvideo, aber gerade sortiere ich mich künstlerisch neu und überlege, wie ich meine Musik in Zukunft veröffentlichen möchte. Oft geht es dabei nicht nur um äußere Strukturen, sondern auch um meinen eigenen Anspruch. Perfektion ist etwas, das mich in meiner künstlerischen Arbeit bis heute begleitet. Ich überdenke, verändere, verwerfe &#8211; zum Einen aus künstlerischem Spieltrieb, aber auch aus Angst, dass etwas noch nicht gut genug ist. Dieses Gefühl schreibt sich direkt in den Körper ein: in Anspannung, Haltung, Stimme. Und manchmal frage ich mich, “für wen” ich eigentlich all das perfektioniere, wenn das Ergebnis am Ende vielleicht nur als Zahl in einer Playlist landet. Zwischen dem künstlerischen Erforschen, dem Anspruch, alles richtig zu machen und der Realität, auf Gelegenheiten hinzuarbeiten, die vielleicht nie kommen, entsteht manchmal ein seltsamer Stillstand. Ich möchte noch mehr lernen, das Unfertige nicht als Makel, sondern als Teil meiner Arbeit zu sehen.</p>
<p>Dieser Gedanke hält auch den Song in Bewegung bzw. anschlussfähig für neue Formen, Begegnungen und Menschen, die meine Musik visuell weiterdenken wollen. “2F4C3” ist für mich ein offenes Experiment, eine erste Maske, die ich abnehme, um zu sehen, was darunter weiterarbeitet.</p>
<p>Dabei war “2F4C3” nie wirklich „unveröffentlicht“. Der Song war schon Teil mehrerer Live-Shows und einer Ausstellung an der Abendakademie der HGB Leipzig, bei der ich eine Skulptur und ein Videoobjekt dazu gezeigt habe. Für mich war das auch eine Form der Veröffentlichung: Menschen sind dem Song begegnet, nur eben nicht über einen Stream, sondern im physischen Raum. Musik darf und sollte meiner Meinung nach auch wieder stärker außerhalb digitaler Plattformen existieren. Deshalb teile ich hier zunächst nur einen Ausschnitt &#8211; ein kleiner Einblick in einen Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist.</p>
<p>Vielleicht ist aber auch das Teil des Themas: dass sich Identität, Körper und Ausdruck nie ganz „fertig“ anfühlen.</p>
<p>Meine eigene Gender-Identität ist für mich nicht nur dann gültig, wenn ich perfekt gestylt, geschminkt oder „queer-couture-ready“ auf der Straße erscheine. Ich bin auch dann non-binär, wenn ich mit Dreitagebart in einem ausgewaschenen Pullover auf meiner Couch sitze. Trotzdem spüre ich, wie viel Erwartung von außen in meinen Körper geschrieben wird &#8211; sei es durch Medienbilder, gesellschaftliche Normen oder auch durch queere Szenen selbst, die oft unbewusst neue Schönheitsmaßstäbe oder selektive Lesbarkeiten setzen. Im Spannungsverhältnis treibt mich selbst immer wieder die Frage um: Wie viel habe ich von meiner Gender-Identität überhaupt „explored“ &#8211; und wie viel davon ist sichtbar?</p>
<p>Mit meinem Körper verhandle ich Lust, Scham, Ausdruck, aber auch Grenzen. Ich bewege mich in einem Geflecht aus Blicken und Erwartungen, das viele Körper betrifft &#8211; besonders jene, die nicht “der Norm” entsprechen. Der Begriff “Norm” ist für mich persönlich besonders aufgeladen, da äußere Zuschreibungen mir oft eine Norm andichten, durch die ich zum Einen profitiere, aber unter welcher ich zum anderen auch leide. Solidarität bedeutet für mich auch, diese Verbindungen sichtbar zu machen und sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten für Körper einzusetzen, die nicht “der Norm” entsprechen. Körper sind nie neutral. Sie werden ständig kontrolliert, bewertet, reguliert &#8211; durch Politik, durch Sprache, durch Kultur. Und genau deswegen will ich meine Musik nutzen, um Räume für andere Körperbilder und Selbstwahrnehmungen zu öffnen.</p>
<p>“2F4C3” ist ein Song über den Schmerz, aber auch über den Wunsch nach einer anderen Art, miteinander zu leben &#8211; mit Körpern, die nicht genormt sind, sondern vielfältig und widersprüchlich, trotzdem oder gerade deswegen solidarisch.<br />
In seiner Energie bleibt der Song zugleich eine Warnung: eine Erinnerung daran, dass Fortschritt oft mit denselben Gesichtern spricht, die Wunden hinterlassen haben. Ich weiß, dass ich selbst Teil dieser Strukturen bin &#8211; privilegiert, verstrickt, nicht frei von dem System, das ich kritisiere. Aber genau deshalb will der Song nicht versöhnen, sondern an die Verantwortung erinnern, die in unseren Körpern mitschwingt, wenn wir von Gerechtigkeit sprechen.</p>
<p>Der komplette Song ist Teil einer fortlaufenden Erzählung, welche laufend aktualisiert wird &#8211; vielleicht mit einer Fortsetzung dieses Textes, die noch körperlicher und näher an dem sein wird, was unter der Maske liegt.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
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		<title>Kaufen wir die Liebe?</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/02/kaufen-wir-die-liebe/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lilith]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 14 Feb 2026 09:00:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Liebe_n]]></category>
		<category><![CDATA[Cash&Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Valentinstag]]></category>
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					<description><![CDATA[Jedes Jahr dasselbe Spiel: Liebe wird in Geschenkpapier gewickelt und an der Kasse gescannt. Aber seit wann beweist sich Zuneigung durch Kaufkraft? Und warum fühlt es sich manchmal so an, als müsste man konsumieren, um zu lieben? Lilith spricht über Kapitalismus in Herzform.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Jedes Jahr dasselbe Spiel: Liebe wird in Geschenkpapier gewickelt und an der Kasse gescannt. Aber seit wann beweist sich Zuneigung durch Kaufkraft? Und warum fühlt es sich manchmal so an, als müsste man konsumieren, um zu lieben? Lilith spricht über Kapitalismus in Herzform.</strong></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
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