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	<title>Kapitalismus &#8211; meinTestgelaende.de</title>
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		<title>Bericht aus der Arbeitslosigkeit</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2026/03/bericht-aus-der-arbeitslosigkeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Beau]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Mar 2026 09:00:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Cash & Care]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Was bedeutet Arbeit in einem System, das manche sichtbarer macht als andere?Beau – trans*maskulin, nicht-binär und irgendwo zwischen Kunst, Studium und Prekarität – nimmt uns mit in die „shadowlands“ des Kapitalismus. Ein persönlicher Einblick in unsichtbare Arbeit, fehlende Gleichberechtigung und die Frage, wer überhaupt Platz bekommt. Vor kurzem habe ich zum ersten Mal in meinen]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Was bedeutet Arbeit in einem System, das manche sichtbarer macht als andere?</strong><br data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="hardBreak" data-prosemirror-node-inline="true" /><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Beau – trans*maskulin, nicht-binär und irgendwo zwischen Kunst, Studium und Prekarität – nimmt uns mit in die „shadowlands“ des Kapitalismus. Ein persönlicher Einblick in unsichtbare Arbeit, fehlende Gleichberechtigung und die Frage, wer überhaupt Platz bekommt.</strong><span id="more-17372"></span></p>
<p><span data-contrast="auto">Vor kurzem habe ich zum ersten Mal in meinen Leben die </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> betreten.  </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Die </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> bilden ein Konzept der kanadischen Autorin und Journalistin Naomi Klein, die darüber in ihrem Beststeller </span><i><span data-contrast="auto">Doppelgänger</span></i><span data-contrast="auto"> berichtet; es handelt sich um die dunklen Flächen am Rand des Kapitalismus, in die ungeliebte Arbeit „verschwindet“. Arbeit, die wir selbst nicht machen wollen, schieben wir auf die </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> ab. Dazu gehört eine breite Spanne von Tätigkeiten – die Herstellung von Textilien, Haushaltsgegenständen und Essen beispielsweise, aber auch logistische Herausforderungen wie der Gang zu einem Geschäft lässt sich problemlos auf die </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> verlagern. Klein arbeitet heraus, dass die Arbeit sich natürlich nicht in Luft auslöst, oder irgendwo hinter verschlossenen Türen von reibungslos funktionierenden, anspruchslosen Maschinen verrichtet wird. Die </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> sind genau wie alle anderen Arbeitsplätze von Menschen bevölkert. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Zehn bis fünfzehn Stunden meiner Woche bringe ich nun in den </span><i><span data-contrast="auto">shadowlands</span></i><span data-contrast="auto"> zu, um meine staatliche Unterstützung aufzustocken und der Behörde meinen Arbeitswillen zu demonstrieren. Eine kleine Summe an Zeit im Vergleich mit meinen in Vollzeit arbeitenden Kolleg*innen, und die Umstände in meinem privaten </span><i><span data-contrast="auto">shadowland</span></i><span data-contrast="auto"> – das Fulfillment-Center eines mittelgroßen Lieferdienstes – sind weitaus menschlicher als beim </span><i><span data-contrast="auto">shadowland</span></i><span data-contrast="auto">-Fürsten</span><span data-contrast="auto"> Amazon. Noch dazu könnte ich den Job vermutlich kündigen, wenn ich ihn wirklich nicht mehr machen wollte; könnte die dadurch entstehenden Sanktionen beim Jobcenter schon irgendwie bewältigen; und der Papierkram und die Gänge zum Amt fallen mir als </span><i><span data-contrast="auto">weiße</span></i><span data-contrast="auto">, muttersprachliche Person leichter als anderen. All das gesagt, um auszumalen, dass meine Erfahrung im </span><i><span data-contrast="auto">shadowland </span></i><span data-contrast="auto">nicht exemplarisch ist. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Ich trage einen Scanner und ein digitales Pad an Handschuhen; das Pad zeigt mir an, was ich scannen und verladen muss und dirigiert mich so durch das Lager. Während ich die Kisten auf dem Kommissionier-Wagen stapele, denke ich an die Videos von menschen-ähnlichen Robotern, welche rennen und springen, aber anscheinend nicht schwer heben können. Ich mache den Job einer Maschine, weil ich ein wenig koordinierter und vermutlich auch billiger bin, während eine Maschine, eine A. I., irgendwo meinen Job macht – Gedichte schreibt, Social-Media-Postings erstellt, Filmmaterial generiert, halbgare Informationen zusammenträgt. Die Künstler*innen, auf deren gestohlener Arbeit das A. I.-Material beruht, werden nicht entlohnt; stattdessen schießen die Preise für Grafik-Karten und RAM in die Höhe, und die Orte, die neugebaute Data-Centers ertragen müssen, büßen ihr Grundwasser ein. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Meine Arbeit im Lager umfängt eine Reihe von Tätigkeiten, die passieren müssen, bevor die Produkte in die Fahrzeuge der Lieferant*innen geladen werden. Die Arbeit des Auslieferns verrichten zum Großteil migranitisierte Menschen unter prekären Bedingungen, wie eine Recherche der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausarbeitet</span><span data-contrast="auto">1</span><span data-contrast="auto">. Die körperlich harte Arbeit wird dabei schlecht entlohnt und die Löhne steigen nur langsam</span><span data-contrast="auto">2</span><span data-contrast="auto">, Überausbeutung ist alltäglich</span><span data-contrast="auto">3</span><span data-contrast="auto">, beispielsweise durch das regelmäßige Überschreiten der Höchstarbeitszeit von zehn Stunden</span><span data-contrast="auto">4</span><span data-contrast="auto">. Arbeitgeber im Logistik- und Lieferbereich gehen auch gerne gegen die Gründung von Betriebsräten vor und agieren häufig nur mit befristeten Arbeitsverträgen. Doch die Branche boomt, und schreit nach immer mehr Körpern, die es auszubeuten gilt. Und die schlechten Arbeitsbedingungen sind bei Weitem nichts besonders, </span><b><span data-contrast="auto">es ist beinahe so, als würde jeder belanglose ausgewählte Aspekt meines alltäglichen Lebens in Deutschland irgendwie auf Ausbeutung beruhen</span></b><span data-contrast="auto">, nicht nur das Bestellen von Paketen, sondern auch das Kaufen von Kleidung, der Gang in die Notaufnahme, der kurze Aufenthalt bei McDonald’s, das Benutzen der Straßenbahn&#8230;überall werden Arbeitskämpfe geführt, und überall hat die Leistung von Arbeiter*innen in der Vergangenheit erst zu den Bedingungen geführt, unter denen wir jetzt arbeiten. Der 8h-Tag, der Verbot von Kinderarbeit sind die Leistungen früher sozialer Bewegungen. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Nach einer Schicht tausche ich Textnachrichten mit meinen Kommiliton*innen aus; erst im September 2025 beendete ich meinen Master, bin aber bereits seit Juli auf Arbeitssuche, an die fünfzig Ablehnungen habe ich bisher angehäuft. Wir waren zu sechst in unserem Studiengang; drei Personen sind jetzt prekär in der Service-Industrie angestellt, in der sie auch schon vor dem Master gearbeitet haben, eine Person ist zu ihrem alten Beruf als Lehrerin zurückgekehrt, und die letzten zwei sind arbeitslos. Ich sehe, wie meine Kommilitonin C. Instagram-Reels mit den wunderschönen Notizbüchern grafischer Künstlerinnen einen Like gibt, und erinnere mich an unsere Arbeit in der Dunkelkammer. Beide sind wir jetzt hochspezialisiert ausgebildet und träumen nachts von den experimentellen Dokumentarfilmen, die wir gerne machen würden, wenn Kulturförderung nicht massiv zusammengestrichen werden würde, und wir nicht in unseren prekären Jobs oder Arbeitslosigkeit feststeckten. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Sicher fragen sich Menschen, warum ich nicht etwas „Sinnvolles“ studiert habe und meine Kunst als Hobby vollziehe; die Antwort ist, dass im derzeitigen Arbeitsmarkt eigentlich niemand mehr sicher ist (wir haben den höchsten Stand an Arbeitslosigkeit seit 2015</span><span data-contrast="auto">5</span><span data-contrast="auto">). Und warum sollte ich mich nicht in dem Bereich bilden, in dem ich am besten bin, den ich am liebsten mache, und in dem ich den größten Beitrag zur Gesellschaft leisten und am produktivsten für meine Mitmenschen da sein kann? </span> <span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-contrast="auto">Es ist später Abend, und sitze ich musik-hörend in der Bahn und scrolle durch die Nachrichten. Anscheinend ist Friedrich M. wiedereinmal aus einem Pool giftigen Schlammes aufgetaucht und hat es für gut befunden, sich in den öffentlichen Diskurs einzubringen. Die Deutschen würden ja viel zu wenig arbeiten, besonders vom 8h-Tag ist er kein Fan. Kurz stelle ich mir vor, wie M. zehn Stunden lang schwere Pakete die Treppe hoch- und runterträgt, bedroht von aggressiven Hunden und erschöpft von der pausenlosen Zeit am Steuer. Die kindliche Fantasie verschafft nur kurz Erleichterung, und ich kehre dazu zurück, zu recherchieren, welcher Gewerkschaft ich beitreten könnte. </span><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p><span data-ccp-props="{&quot;134245417&quot;:true,&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Pumpen gehen &#038; Geld verdienen</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2025/10/pumpen-gehen-geld-verdienen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Malik]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Oct 2025 09:00:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Videos]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Männlichkeit]]></category>
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					<description><![CDATA[Kapitalismus braucht „echte Männer“ – aber Männer brauchen Freiheit. Malik&#8217;s erster Text auf meintestgelände handelt von Druck, Vorbildern und die Chance auf neue Männlichkeiten. Als trans mask Person analysiere ich das Bild von Männlichkeit schon bevor ich von mir selbst überhaupt eingestanden habe, dass ich trans bin. Ich beobachte, imitiere: Wie verhalten sich in unserer]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Kapitalismus braucht „echte Männer“ – aber Männer brauchen Freiheit. Malik&#8217;s erster Text auf meintestgelände handelt von Druck, Vorbildern und die Chance auf neue Männlichkeiten.</strong><span id="more-17130"></span></p>
<p>Als trans mask Person analysiere ich das Bild von Männlichkeit schon bevor ich von<br />
mir selbst überhaupt eingestanden habe, dass ich trans bin. Ich beobachte, imitiere:<br />
Wie verhalten sich in unserer Gesellschaft als männlich angesehene Männer? Wie<br />
und worüber reden sie? Wie gestikulieren und wie laufen sie? Wie verhalten sie sich?<br />
Was kann ich davon nachahmen, um von anderen männlicher wahrgenommen zu<br />
werden?</p>
<p>Auch wenn ich durch meine For-you-Page auf TikTok scrolle, wird mir die<br />
Frage von Männern regelmäßig beantwortet: Geh ins Gym, geh pumpen, zieh durch.<br />
Sei ein echter Mann. Nur dann hast du was zu sagen, wirst ernst genommen, bist<br />
angesehen. Ein echter Mann ist unabhängig, reich, unberührbar. Halt durch sowie<br />
Andrew Tate, Elon Musk, Christian Wolf. Dabei ist Männlichkeit an sich eigentlich gar<br />
nicht das Problem. Nur das, was wir daraus machen.</p>
<p>Je größer die Schere zwischen Arm und Reich ist, desto gefestigter sind auch<br />
Geschlechterrollen. Im kapitalistischen System sind Unabhängigkeit und Reichtum<br />
das höchste Gut. Demgegenüber steht die große Angst vor Armut und Menschen<br />
nach Hilfe fragen müssen. In unserer Gesellschaft wird Unabhängigkeit mit dem<br />
starken Männlichen in Verbindung gesetzt, während Sensibilität und Fürsorge häufig<br />
mit etwas schwachen Femininen verbunden werden. Kapitalismus braucht das<br />
Patriarchat. Kapitalismus braucht Menschen, die immer mehr leisten, in Konkurrenz<br />
miteinander stehen, sich vergleichen. Wer in diesem Spiel nicht mithalten kann,<br />
landet unten in der Hierarchie.</p>
<p>Was fehlt sind mehr männliche Vorbilder. Auf Social Media, aber vor allem endlich<br />
auch offline. Postet nicht nur zu feministischen Themen, sondern sagt euren<br />
Kumpels endlich, dass sie nerven und aus ihrem Mund nur misogynes oder<br />
queerfeindliches Gelaber kommt, weil sie denken, so ihre Männlichkeit stärken zu<br />
können. Männliche Vorbilder und das Ansprechen im persönlichen Umfeld sind<br />
wichtig, doch wir müssen noch weitergehen. Denn solange die Strukturen bleiben,<br />
bleibt auch der Druck ein „echter Mann“ zu sein.</p>
<p>Es braucht politische Veränderungen. Es braucht endlich ein Ende der stetig<br />
auseinandergehenden Schere zwischen Arm und Reich. Mehr Umverteilung, weil<br />
extreme Ungleichheit nicht nur unfair ist, sondern auch das Bild des echten Mannes<br />
verstärkt. Und feministische Politik, die auch Männer von diesen starren<br />
Rollenbildern befreit.</p>
<p>Erst, wenn wir diese Strukturen verändern, können Männer frei von der ständigen<br />
Angst sein, nicht männlich genug zu sein. Vielleicht ist die Frage nicht: Wann ist ein<br />
Mann ein Mann? sondern: Warum lassen wir uns von einem System definieren, das<br />
nur auf Geld und Konkurrenz schaut? Vor allem: Wie lange machen wir das noch?</p>
<p>Wir müssen die kapitalistische Männlichkeit überwinden.<br />
All das hält uns davon ab, unsere Stärke im Kollektiv zu entdecken.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Freundschaft im Kapitalismus</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2024/09/freundschaft-im-kapitalismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Sara]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Sep 2024 09:00:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Freizeit]]></category>
		<category><![CDATA[Freundschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Leben - wie ich will]]></category>
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					<description><![CDATA[Her mit dem schönen Leben, weg mit Kalendern und der 5-Tage Woche fordert Sara. In den 20ern ist alles anders als mit 18 in der Schule. Damals konnte man seine Freund*innen den ganzen Tag sehen und das eigentlich jeden Tag. Es gab fast keine Verpflichtungen, die davon abhielten, sich ständig zu treffen und man konnte]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Her mit dem schönen Leben, weg mit Kalendern und der 5-Tage Woche fordert Sara. </strong><span id="more-16157"></span></p>
<p>In den 20ern ist alles anders als mit 18 in der Schule. Damals konnte man seine Freund*innen den ganzen Tag sehen und das eigentlich jeden Tag. Es gab fast keine Verpflichtungen, die davon abhielten, sich ständig zu treffen und man konnte diese Freund*innenschaften unlimitiert vertiefen und halten. Kein Terminkalender, der jedes Mal gezückt wird, wenn es darum geht Zeit zu verbringen. Zeit, die erst in zwei Wochen genommen werden kann.</p>
<p>Wenn ich heute nach meiner 5-Tage Woche nach Hause komme, bin ich völlig verbraucht. Meine Kräfte reichen gerade so dafür aus, den Haushalt zu machen, ausgewogen zu essen, Zeit mit meinem Partner zu verbringen und regelmäßig zum Sport zu gehen.</p>
<p>Unter der Woche nach meinem Job sich mit jemandem zu treffen erscheint mir fast unmöglich. Dies wird auch noch dadurch erschwert, dass ich in meinem Job bereits den ganzen Tag sozialisiere und keine Minute habe, wo ich nicht über die Bedürfnisse anderer nachdenke.</p>
<p>Wenn ich dann lese, dass die 6-Tage-Woche im Raum steht, damit Deutschland wieder wirtschaftlich aufsteigt, muss ich schlucken.</p>
<p>Der Kapitalismus hat mich bereits so in seinen Fängen, dass ich kaum eine Minute für mich alleine habe, um meine eigenen Gedanken zu hören, wenn ich gleichzeitig andere Menschen treffen möchte.</p>
<p>Je öfter ich höre, dass Arbeit der Lebenssinn sei und man ja nichts mehr zu tun hätte, wenn man nicht oder weniger arbeiten würde, muss ich lachen.</p>
<p>In einer Welt, wo ich keine 5 Tage Woche hätte, wären paradiesische Zustände. Ich wüsste gar nicht wofür ich die Zeit nutzen könnte, weil es so viele unendliche Möglichkeiten gibt. Wahrscheinlich würde ich Gärtnern, Segeln, Wandern, jeden Tag im Café sitzen, endlich Nähen lernen, eine Tour durch Lateinamerika machen, neue Freund*innenschaften schließen und tausend andere Dinge tun, für die ich gerade zu ausgebrannt bin.</p>
<p>&#8222;Her mit dem schönen Leben&#8220; denke ich mir und steige wie jeden Tag um 7 Uhr in die Bahn, um zur Lohnarbeit zu fahren.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Call me Impostor or call it Kapitalismuskritik</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2022/05/call-me-impostor-or-call-it-kapitalismuskritik/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ursula Recih]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 May 2022 09:18:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Carearbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sexismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Mache ich genug? Ist das, was ich mache, unnütz und unwichtig? Bin ich unnütz und unwichtig und könnte ich nicht viel mehr machen? Als Ursula auf Instagram einen Talk über den Einfluss von Sexismus auf die Psyche schaut, stellt sie sich im folgenden Text genau diese Fragen. Ich rufe Instagram auf und swipe durch die]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Mache ich genug? Ist das, was ich mache, unnütz und unwichtig? Bin ich unnütz und unwichtig und könnte ich nicht viel mehr machen? Als Ursula auf Instagram einen Talk über den Einfluss von Sexismus auf die Psyche schaut, stellt sie sich im folgenden Text genau diese Fragen.</strong></p>
<p><span id="more-14800"></span></p>
<p>Ich rufe Instagram auf und swipe durch die Stories. Ich soll mir einen coolen Talk über den Einfluss von Sexismus auf die Psyche angucken. Klingt spannend und ich hatte mir eigentlich auch schon seit Tagen vorgenommen den zu schauen, also klicke ich drauf. Die ersten Minuten stellen sich die beiden sprechenden Personen vor. Vier Minuten, danach schließe ich das Fenster und brauche mindestens zwanzig Minuten und meine Nicht-denken-Serie um wieder klarzukommen. Während ich sie schaue zerbreche ich mir allerdings den Kopf darüber ob es okay ist, dass ich nur studiere und ein bisschen ehrenamtliche Arbeit nebenher leiste. Ich versuche es zu bejahen, mir wie ein Mantra aufzusagen, dass es genügt. Aber so einfach ist dieser Zustand leider nicht aufzulösen. Ich fühle mich schuldig, unnütz, unwichtig, ineffizient. Ich muss heute Abend noch mindestens einen Text darüber schreiben, irgendetwas zu Papier bringen, damit da was steht. Schwarze Buchstaben auf weißem Papier, die beweisen, dass ich etwas leiste, dass ich meine Zeit nicht verplemper.<br />
Eine Freundin sagte letztens zu mir, sie könne sich vorstellen, dass ich eine gute Schriftstellerin wäre. Ich frage mich, ob ich das tatsächlich könnte. Ich meine, ich schreibe schon immer und verdammt gerne &#8211; so kanalisiere ich meine Gefühle. Es hilft mir beim Einordnen und Analysieren. Einmal raus damit, wenn es beinahe schon überschäumt und dann beiseite legen.<br />
Aber es ist eben eher ein Mittel zum Zweck &#8211; manchmal auch Spaß und Leidenschaft, aber auch einfach eine Methode, um nicht durchzudrehen.<br />
Sie meinte, wenn ich es schaffen würde meine Reflexion über mich selbst, meine Gefühle, meine Gedanken, meine Beobachtungen von der Welt, meine Ansichten über gesellschaftspolitische Themen, die Handlungen meiner Freund:innen, ihre Verzweiflung, die ich helfe zu durchdringen und zu überwinden, wenn ich schaffen würde, das zu abstrahieren und auf Figuren zu übertragen, dann könnte ich sicherlich richtig gute Bücher schreiben.<br />
Vielleicht hat sie damit auch recht. Ich habe definitiv die Fähigkeit mich in Gedanken über mich und meine Erfahrungen, meine Wahrnehmung von Menschen zu verlieren, wie sie miteinander kommunizieren und Ideologien verfallen, weil sie sich an irgendetwas klammern müssen. Und egal wie links oder reflektiert sie sein wollen entsprechen sie doch alle den neoliberalen Vorstellungen, passen sich an, hecheln durch das System und verausgaben sich für Anerkennung, Wertschätzung und einen Status. In der Hoffnung, dass das ihre Existenz berechtigt und sie dann besser mit ihren Schuldgefühlen zurecht kommen.<br />
Ich schreibe so als wäre ich anders. Dabei bin ich genauso. Ich bin eine von ihnen. Deswegen weiß ich auch wovon ich schreibe und wie sich das anfühlt.<br />
Ich bin ausgelaugt. Nicht weil ich besonders viel mache, sondern weil ich denke ich bin niemals genug. Und da ist er direkt. Dieser Kalenderspruch, den immer alle auf solche Aussagen erwidern und der schon längst Teil meines Mantra-Repertoires geworden ist: „Don‘t compare yourself to others.“<br />
Das Schlimme ist ja, er stimmt. Diese Vergleiche machen eine:n verrückt und sie bringen nichts. Und vor allem: Ich möchte wirklich nicht so sein wie die anderen, mit denen ich mich da vergleiche! Deren Leben sind mir viel zu stressig.<br />
Klar denke ich, es wäre cool, mehr Energie zu haben und es würde nicht schon mindestens die Hälfte dafür draufgehen, stabil bis fröhlich zu sein, aufzustehen, den Alltag zu bewältigen, mit allem was so anfällt.<br />
Aber was wäre dann? Dann würde ich fünf Projekte neben einem Fulltime-Job machen und wäre ich dann irgendwie glücklicher, erfüllter? I really don‘t know. Weil das Ding ist, es hört ja nie auf. Luft nach oben gibt es immer.<br />
Es nervt mich, dass ich gerade versuche einen guten Text zu schreiben. Meine Gefühle, meine Stimmung darzulegen und schon wieder annehme, dass ich scheitere. Darüber hinaus mache ich das nicht mal einfach nur für mich und mein Wohlbefinden, sondern weil ich dachte, es würde irgendjemandem etwas beweisen, wenn ich ein Textdokument mehr auf meinem Computer habe. Und was mich noch viel mehr nervt, ist diese kontinuierliche Selbstabwertung, diese Überzeugung eine Versagerin zu sein. Ich habe gute Momente zwischendrin, in denen ich mit mir zufrieden bin. In denen ich nicht glaube beweisen zu müssen, dass ich mehr bin, mehr kann. In denen ich mich lässig und intelligent und gesehen fühle.<br />
Auslöser für diese Abwärtsspiralen sind tatsächlich meist die Vergleiche mit anderen. Die funktionieren natürlich immer nur so, dass man sich die Leute raus pickt, die im kapitalistischen Denken mehr „leisten“ als man selbst. Also Dinge machen, die im Kapitalismus wertgeschätzt werden. Zum Beispiel durch Entlohnung oder weil sie einfach gut im Lebenslauf aussehen und dann Nutzen tragen, wenn man sich auf diesen einen Traum-Job bewirbt.<br />
Das führt mich auch zu meinem nächsten Auslöser. Bewerbungen. Den eigenen Lebenslauf nieder schreiben und merken, üff der ist ganz schön dünn.<br />
Die Dinge, die meine Freund:innen, Familie, Bekannte und ich selbst an mir schätzen, sind keine, die ich mir in einen Lebenslauf schreiben kann.<br />
Ich bekomme so oft gesagt, wie selbstreflektiert und klug ich bin. Dass ich mich wirklich intensiv mit meiner Biographie und politischen Diskursen auseinandersetze und dies zusammenbringe, mit Menschen um mich herum, mit ihren Ängsten und ihrem Erleben. Dass ich Erklärungen für Gefühle finde und meinen Friends helfe in ihnen aufzuräumen, ihnen ein wenig Klarheit verschaffe, in ihnen wühle, sie auf Dinge hinweise und zu Prozessen und Erkenntnissen anstoße.<br />
Ich habe die letzten Jahre intensiv an Beziehungen gearbeitet, Traumata aus meiner Kindheit aufgearbeitet und das hauptsächlich ohne therapeutischen Rahmen, sondern mit mir selbst und in Gesprächen mit Freund:innen und Familie. (Das soll nicht bedeuten, dass dieser Weg besonders klug oder erstrebenswert ist. Ich will eigentlich nur den Punkt machen, dass es Arbeit, Zeit und Kraft gekostet hat.) Ich habe mir ein soziales Netzwerk und eine Wahlfamilie aufgebaut. Von dieser lerne und zehre ich nicht nur unheimlich, sondern ich investiere auch viel Energie, leiste Care-Arbeit, bin immer zur Stelle, höre zu und gebe Input.<br />
Und während ich das schreibe, denke ich: „Na ja, aber bei vielen nehme ich auch zu viel Raum ein. Vielleicht empfinden sie das gar nicht so, wie ich das eben formuliert habe.“ Dabei weiß ich das, weil sie es mir ständig sagen, weil ich das eigentlich auch selbst weiß, weil ich es erlebe, Tag für Tag.<br />
Es nervt mich, dass wir uns als links bezeichnen, Kapitalismuskritik üben und gleichzeitig alle aus dem ganzen leisten, leisten, leisten nicht rauskommen und insgeheim auch diejenigen ein bisschen shamen, die nicht so viel und schnell auf die Kette bekommen. Sind wir ehrlich, wir sind froh über die, die weniger schaffen, weil wir uns dann über sie erheben können.<br />
Und das kotzt mich an.<br />
Ich bin so erschöpft, aber nicht, weil ich tatsächlich die ganze Zeit arbeite, sondern weil ich mich immer schlecht fühle, wenn ich nicht arbeite und das widerspricht zutiefst meiner politischen Grundeinstellung. Ich halte Regeneration, Pausen und Selfcare für unfassbar wichtig und ich will für eine Gesellschaft kämpfen, in der alle den gleichen Anspruch und das Recht darauf haben. Eine Gesellschaft, die nicht auf Arbeit ausgerichtet ist, in der nicht der Wert einer Person über ihre Leistung definiert wird. In der alle nur so viel arbeiten müssen, dass sie davon leben können, ohne Mehrwert zu generieren, der abgeschöpft wird. Punkt aus Basta.</p>
<p>Zurück zum Schriftstellerin werden. Ich möchte das, ich möchte schreiben. Über Popkultur und Begehren, meine gesellschaftspolitische Position, über Farben und Gerüche, über warme Erinnerungen und Gesichter, die schöner nicht geformt sein könnten. Ich möchte darüber schreiben, wieso man sich an Orte träumt, wieso man nicht hinfährt. Wieso träumen so viel schöner ist als die Realität. Dass ich das ganz oft mache, wenn ich Fahrrad fahre. Eine halbe Stunde Fahrrad fahren bedeutet eine halbe Stunde zu träumen.<br />
Ich möchte ehrlich sein und meine Kreativität sprudeln lassen. Da ist so viel in mir, so viele Bilder, die es wert wären, sie mit Worten auszumalen, sie in all ihren kräftigen und sanften Farben aufs Papier zu bringen.<br />
Aber ich habe Angst vor dem Schreiben. Ich denke daran, wie andere Menschen ganze Welten mit ihren Worten kreieren und aus einem Wortschatz schöpfen, von dem ich nur träumen kann. Wie sie geschickt Sätze basteln, die Unikate sind, die eine:n weinen lassen, die das Herz zum Krampfen und Hüpfen bringen.</p>
<p>Jaja, der Einfluss von Sexismus auf die Psyche. Wow. Ein super wichtiger kritischer Talk war Auslöser für diesen Gedankenschwall. Und das nur, weil die Personen, die da befähigt sind drüber zu sprechen, in der Vorstellung ihrer Selbst, fünf Minuten abhandeln, was sie alles gleichzeitig so schaffen.<br />
Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, der es so ergeht. Ganz im Gegenteil, so viele Leute um mich herum zweifeln an sich selbst und ihren Fähigkeiten. Und das sind nicht zufälligerweise sehr oft Frauen. Natürlich hören kapitalistische Leistungsanforderungen und neoliberale Selbstoptimierungszwänge auch nicht bei weißen Hetero-Cis-Männern auf. Das ist ja das Gemeine am Kapitalismus, der ist universell und verdammt anpassungsfähig, da ist für jede:n was mit dabei. Die Anforderungen unterscheiden sich also zu Teilen in ihrer Form, aber vor allem, und wer hätte das gedacht, arbeiten Unterdrückungssysteme fröhlich zusammen und bedingen sich gegenseitig. Marginalisierte und von Diskriminierung betroffene Personen müssen sich also immer zehnmal mehr anstrengen, um diesen Anforderungen gerecht zu werden und das ist eine heftige scheiß Belastung für die Psyche. Und dass die viele Care- und Reproduktionsarbeit, die Frauen leisten auch nicht wertgeschätzt wird, unter- oder gar nicht bezahlt ist, wobei sie den ganzen Dreck aufrecht erhält, macht es jetzt auch nicht gerade besser. Nix was im Lebenslauf zählt, kein nennenswerter Skill.<br />
Jetzt ist der Text vier Seiten lang geworden und ich glaube ich habe nichts Neues über mich oder die Welt gelernt und ich habe auch niemandem etwas damit bewiesen und alles ist ein großes Durcheinander. Aber die Wut, der Frust und die Enttäuschung haben mal wieder Raum bekommen. Und manchmal geht es auch einfach nur darum.</p>
<p>(Ich habe den Text geschrieben, als ich noch nicht wusste, dass ich ihn irgendwann veröffentlichen werde und dafür ein Honorar bekomme – you see – alles ist verwertbar. ;))</p>
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		<title>Die Angst vorm Scheitern</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2018/09/die-angst-vorm-scheitern/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Mare]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 28 Sep 2018 07:00:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Me Myself & I]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Mädchen]]></category>
		<category><![CDATA[Träume]]></category>
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					<description><![CDATA[„Prekäre Arbeitsverhältnisse. Zeitverträge. Hungerhonorare. Eine sich ständig verändernde Arbeitswelt. Und dazu Medien, die einem das schöne Leben vorleben, die uns sagen, dass wir es schaffen können und wenn nicht, dann ist das unsere Schuld […].“ Unsere Autorin Mare hat sich in einem sehr persönlichen Text mit ihrer Angst vorm Scheitern auseinandergesetzt und dabei den Nerv]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>„Prekäre Arbeitsverhältnisse. Zeitverträge. Hungerhonorare. Eine sich ständig verändernde Arbeitswelt. Und dazu Medien, die einem das schöne Leben vorleben, die uns sagen, dass wir es schaffen können und wenn nicht, dann ist das unsere Schuld […].“ Unsere Autorin Mare hat sich in einem sehr persönlichen Text mit ihrer Angst vorm Scheitern auseinandergesetzt und dabei den Nerv einer ganzen Generation getroffen. Unbedingt lesen!</strong></p>
<p><span id="more-10933"></span></p>
<p>„Ich glaube“, sagt die ergraute Psychotherapeutin gegenüber von mir bei der ersten Probesitzung, „deine Probleme lassen sich alle auf eine Sache herunterbrechen: Die Angst vor dem Scheitern. Schreib doch dazu mal einen Artikel, das ist so typisch für eure Generation. Ihr habt da alle mit Probleme.“</p>
<p>Schreib doch dazu mal einen Artikel. Zu dieser Diagnose. Noch gibt es sie nicht schwarz auf weiß. Eher schwarz auf dem gelbem Überweisungsschein vom Hausarzt. <em>Anpassungsstörung. </em>Das klingt fremd. <em>Anpassungsstörung. </em>Das klingt nach dem Jungen, der sich früher immer geprügelt hat, nicht stillsitzen konnte und ständig Fünfen nach Hause gebracht hat. Nicht nach dem Lehrerliebling, mit den glatten Einsen. <em>Anpassungsstörung. </em>Aber vielleicht passt es doch. Vielleicht gerade deshalb. Lehrerliebling, glatte Einsen und ein ständiges „Aus dir wird mal was!“ Denn die Frage ist jetzt da. Ich werd‘ mal was. Aber <em>was?</em> Und vor allem <em>wann?</em></p>
<p>„Du machst so viel“, wird mir manchmal gesagt, „Du machst so viel“, mit einem Unterton, den ich kenne, denn es ist gibt immer eine, die ein Auslandssemester, zwei Fremdsprachen und drei unbezahlte Praktika mehr auf dem Lebenslauf hat als man selbst. „Du machst so viel“, und dann kenne ich diesen Unterton auch bei mir. Ist es Neid? Angst?</p>
<p>„Du machst doch so viel“, sagt meine Psychotherapeutin und es klingt ungläubig. „Du machst so viel. Woher die Angst?“. Zwischen uns liegen gut 40 Jahre, aber ich fühle mich wie die, deren Zeit abläuft. Abitur. 18. 19. 20. 21. 22. 22. 22. 22. Schon 22. Das ist fast 25 ist fast 30 ist doch eigentlich der Punkt, wo ich weiß, wo es hingeht, wo ich schon mit beiden Beinen fest im Leben stehe und in die richtige Richtung gehe. Stattdessen fühle ich mich so, als würde ich mich nur im Kreis drehen, genau wie meine Gedanken, die mir immer wieder dasselbe sagen. „Du schaffst das nicht. Das wird doch nichts. Du machst nur Fehler. Du schaffst das nicht“.</p>
<p>Oder vielleicht geht es auch einfach nach unten. Wie in einer Sanduhr. Die Zeit vergeht und es wird enger und enger und immer weniger kommen weiter und werden erfolgreich, und so rieseln wir uns durch das Leben. So fühle ich es zumindest. So fühlen <em>wir </em>uns zumindest, denn ich bin bestimmt nicht die Einzige.</p>
<p>Prekäre Arbeitsverhältnisse. Zeitverträge. Hungerhonorare. Eine sich ständig verändernde Arbeitswelt. Und dazu Medien, die einem das schöne Leben vorleben, die uns sagen, dass wir es schaffen können und wenn nicht, dann ist das unsere Schuld und „WOW! Dieser 16-jährige hat das Rad neu erfunden und verdient jetzt mit seinem Start-Up mehr, als Du in Deinem Leben je besitzen wirst. HAHAHA, DU LOSER! Mehr nach der Werbung, bleiben Sie dran!“.</p>
<p>Und in den Medien sehen wir es ja auch immer wieder, wir sind starke, unabhängige Frauen im 21. Jahrhundert. Immer top gestylt. Immer tough im Job mit bloßen Fäusten das Glasdach zerschlagend, das uns von den Führungspositionen fernhält. Und dazwischen noch Zeit für perfekte Instagram-Fotos aus dem Fitnessstudio mit Rosenkohl-Mango-Quinoa-Shake. Kein Wunder, dass wir alle falsch Erwartungen haben.</p>
<p>Wie es da raus geht? Ich weiß es nicht ganz genau. Ich weiß nur, es ist ein Prozess. Ich lerne langsam, Dinge auf mich zukommen zu lassen, Dinge hinzunehmen, und vor allem zu akzeptieren: Mit 22 kann noch alles passieren. Mit 30 muss ich noch nicht den Job haben, den ich 10 Jahre später noch habe. Man kann nicht immer alles 40 Jahre in die Zukunft planen. Und man kann auch nicht immer perfekt sein.</p>
<p>Ich lerne es aber nicht mit der Psychotherapeutin aus der Probesitzung. „Weißt du, das ist so ein Generationending bei dir. Ich bin da viel zu alt für. Ich versteh das einfach nicht. Immer so viele Ansprüche haben wollen. Such dir lieber mal jemanden, der da näher dran ist. Und schreib vor allem wirklich mal einen Artikel darüber. Es gibt einfach so viele.“</p>
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<p><strong>Mehr dazu:</strong></p>
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<li><span style="font-size: 1.14285rem;">Und hier könnte ihr Mare mit einem <a href="https://www.meintestgelaende.de/2018/07/sterne/" target="_blank" rel="noopener"><strong>Poetry Slam-Text</strong></a> sehen.</span></li>
</ul>
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