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	<title>Anton August Dudda &#8211; meinTestgelaende.de</title>
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		<title>Männer und der Autoritarismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anton August Dudda]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Apr 2024 08:21:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Ambivalenz von Autorität und Freiheit für „moderne“ Männer: Wie beeinflussen rechte Ideologien Identität und Verhalten? Erfahre es im Blogbeitrag von Anton. Dem Begriff der Autorität wohnt innerhalb der Diskurse einer liberalen Gesellschaft grundsätzlich etwas Bedrohliches inne. Er ist verknüpft mit dem Verlust von individueller Freiheit, jenem ultimativen gesellschaftlichen Schwammbegriff, dem sich wahrscheinlich jede politische]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Ambivalenz von Autorität und Freiheit für „moderne“ Männer: Wie beeinflussen rechte Ideologien Identität und Verhalten? Erfahre es im Blogbeitrag von Anton.</strong> <span id="more-16001"></span></p>
<p>Dem Begriff der Autorität wohnt innerhalb der Diskurse einer liberalen Gesellschaft grundsätzlich etwas Bedrohliches inne. Er ist verknüpft mit dem Verlust von individueller Freiheit, jenem ultimativen gesellschaftlichen Schwammbegriff, dem sich wahrscheinlich jede politische Bewegung der westlichen Welt verschrieben hat, grade weil sie von lupenrein positiver Konnotation ist. Die Autorität ist das, was der Freiheit entgegensteht, sie einschränkt.</p>
<p>Die Notwendigkeit, als Gesellschaft eine solche Einschränkung der Freiheit vorzunehmen, geht aber ebenso aus absolut jeder politischen Ideologie hervor, nur meist weniger explizit. Zu unpopulär wäre es, die Freiheit, das, was alle gerne in größtmöglicher Ausprägung zugestanden und garantiert haben wollen, von seiner Negativseite her zu betrachten. Doch klar ist, dass ein Begriff nur verstanden werden kann, wenn man ihn in Spannungsverhältnis zu seinem Gegenteil denkt. Setzt man die Freiheit und die Autorität der Einfachheit halber als Widerspruchspaar, ergibt sich eine Art Matrix, innerhalb derer sich das menschliche Subjekt, aber auch eine Kultur, eine<br />
Gesellschaft verorten kann. Abhängig vom Arbeitsverhältnis, politischem System, privater Situation und anderen Faktoren ist ein jeder Mensch in einem gewissen Maße frei und unfrei. Dabei kommt er durch die ökonomische Struktur der ihn umgebenden Gesellschaft zur Befriedigung seiner Bedürfnisse, auch hier mal besser und mal schlechter, aber in einem funktionierenden System immer gut genug, dass er keinen Grund hat, an dem Maß der auf ihn einwirkenden, freiheitslimitierenden Faktoren zu rütteln. Gerät diese Gewissheit aber in Zweifel und bei genügend Menschen, so kann die Legitimität des Systems und seiner Ideologie in die Krise geraten. Ob dies stattfindet aus der Einsicht in die Ungerechtigkeit des Systems gegenüber anderen oder einem bloßen, subjektiven Gefühl der Unzufriedenheit ist dabei erst einmal egal, auch ob dieses subjektive Gefühl einen rationalen Kern hat, oder auf irrationaler Agitation beruht. Vieles, was heute als die „Krise der Männlichkeit“ diskursiviert ist, trägt die Handschrift einer solchen Autoritätskrise. Jüngst erregte eine amerikanische Studie große Aufmerksamkeit, welche<br />
feststellte, dass weltweit unter Menschen zwischen 18 und 29 die Tendenz zu beobachten ist, dass Frauen zunehmend politisch „linker“ und Männer „rechter“ denken würden, wobei man die Bedeutung dieser Begriffe grade in den USA mit ihrem binären Parteiensystem mit Vorsicht genießen muss. Aber auch Phänomene wie die in der Memekultur übernommenen, aus der Manosphere stammenden Kategorien „Alpha“-, „Beta“- oder „Sigma“-Male weisen darauf hin, dass es grade in der Mentalität junger Männer eine Identitätskrise gibt, zu deren Bewältigung die<br />
Auflösung von komplexen sozialen Beziehungen in einer autoritativen Theorie attraktiv erscheint. Dabei scheint dieser Hang zur Autorität widersprüchlich zu sein. Akzeptiert man die Setzung, dass Freiheit und Autorität sich immer als zwei sich bedingende, aber gleichzeitig ausschließende Begriffe gegenüberstehen, dann sollte man meinen, dass der Mensch nicht gleichzeitig nach beiden streben können sollte. Und doch scheint genau dies das Versprechen zu sein, welches rechte und konservative Agitatoren erfolgreich vermitteln. „Echte Männer sind rechts.“, tönt etwa AfD-Spitzenkandidat und Posterboy Maximilian Krah. Soll heißen, die Freiheit findet „der Mann“<br />
dort, wo Autorität herrscht. Dieser Scheinwiderspruch ist durch die mehreren Versprechen zu erklären, die er impliziert.<br />
Erstens, das offensichtlichste. Die durch den rechten Autoritarismus zurückentwickelte Gesellschaftsordnung, würde dem Mann zwar ein Maß an Unterordnung abverlangen, aber gleichzeitig eine Stellung oberhalb der Individuen aller marginalisierten Gruppen in der Öffentlichkeit, sowie einen Herrschaftsanspruch in der nun von ihm repatriarchalisierten Privatsund Intimsphäre garantieren. Es ist das Versprechen an den Mann als Arbeiter.<br />
Zweitens, die innerhalb der autoritären Ordnung herrschende Ideologie erlaubt es ihm daran zu glauben, dass er bei perfekter Adaption der nun vermeintlich klaren Regeln innerhalb des Systems aufsteigen kann. Dies hat, wie auch das erste Versprechen, sadomasochistischen Charakter.<br />
Regeln werden von „oben“ diktiert, vom Individuum befolgt und nach „unten“ weitergegeben. Jede dieser hierarchischen Beziehungen enthält einen gewissen Auslegungsspielraum, welcher sich durch die Rangordnung legitimiert. Der Obere wird immer das Recht besitzen und ausspielen, die Regeln in gewissem Maße willkürlich anzuwenden und dem Unteren dadurch das Richtig und Falsch von dessen Handlungen verschleiern. Der Untere wird lernen, den Oberen zu lesen, ihm zu gefallen, bis er selbst die Regeln gut genug kennt, um sie selbst anzuwenden. Darin liegt eine weitere Freiheit innerhalb Autoritarismus. Es ist das Versprechen an den Mann als<br />
Soldaten.<br />
Das dritte Versprechen schließlich liegt in der Auflösung des Widerspruchs zwischen Autorität und Freiheit an sich im Übergang von Autoritarismus zum Totalitarismus. Der Mensch kann innerhalb der Matrix zwischen Freiheit und Unfreiheit keinen der beiden Pole jemals vollständig erreichen, da ihn zumindest in seinem Inneren immer etwas einschränken und niemand ihn jemals ganz wird beherrschen können. Dort, wo die Widersprüche in einer Gesellschaft, die ja an sich bereits inhärent widersprüchlich ist, so groß werden, dass das Individuum immer radikaler und gleichzeitig irrationaler seine Freiheitsansprüche geltend macht, da greift der Totalitarismus<br />
zu und stellt dem Arbeiter, dem Soldaten, dem Mann die totale Verwirklichung der beiden ersten Versprechen in Aussicht. Die im Industrialismus bereits notwendig vorhandene, zweckorientierte Objektifizierung der Individuen, wird eskaliert bis hin zur vollständigen Rationalisierung und Orchestrierung der Gesellschaft zu einem Gesamtzweck, einem objektiven Ziel, zum Preis der bedingungslosen Unterordnung, unter der Verheißung der Widerspruchsfreiheit. Es ist ein Versprechen der Objektwerdung des Mannes in der politischen und der Frau in der privaten Sphäre, welches in krisenhaften Gesellschaften eine große libidinöse Sogwirkung entfalten kann, aber unmöglich ist. Möglich sind dann nur noch die Zerstörung und Bezwingung des Anderen, dessen, was die Totalität des eigenen, selbstgegebenen Zwecks noch infrage stellen könnte.<br />
Der Mann ist zu nichts davon geboren. Nicht zum Arbeiter, nicht zum Soldaten, nicht zum Objekt eines rationalen Zwecks. Es sind seit Jahrtausenden tradierte Normen, die ihm auferlegen, sich entweder ihnen gemäß zu formen oder aus ihnen auszubrechen. Doch tut er letzteres, hat er vor sich nichts als den Nebel, die verschleierte und undurchdringbare Logik des Systems, der ökonomischen Verhältnisse, deren Ideologie weiß, dass sie ihm nicht als Feind entgegentreten darf, weil sie ohne ihn verloren wäre. Darum reicht sie ihm betrügerisch die Hand und er nimmt sie, denn sonst, so flüstert sie ihm zu, wird er allein sein.</p>
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		<title>BARBIE – Rückzug ins Dreamhouse</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2023/08/barbie-rueckzug-ins-dreamhouse/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anton August Dudda]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Aug 2023 11:03:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Barbie]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Filmkritik]]></category>
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					<description><![CDATA[Anton nimmt in seiner Film-Kritik Barbie auseinander. Der Film „Barbie“ von Regisseurin Greta Gerwig steht derzeit in einem Maße in der Öffentlichkeit, wie man es schon lange von keinem Kinofilm mehr gesehen hat. Die Vorführungen sind regelrechte Happenings, zu denen sich die Zuschauer*innen in passender Ästhetik ausstaffieren und mitunter auch sprechen. Man fühlt sich ein]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Anton nimmt in seiner Film-Kritik Barbie auseinander.</strong><span id="more-15673"></span></p>
<p>Der Film „Barbie“ von Regisseurin Greta Gerwig steht derzeit in einem Maße in der Öffentlichkeit, wie man es schon lange von keinem Kinofilm mehr gesehen hat. Die Vorführungen sind regelrechte Happenings, zu denen sich die Zuschauer*innen in passender Ästhetik ausstaffieren und mitunter auch sprechen. Man fühlt sich ein bisschen wie auf einer Cosplay-Convention, die Menschen verschmelzen mit dem Fandom. Ob sie es ernsthaft, ironisch, meta-ironisch oder sarkastisch tun ist am Ende unerheblich, das Zeichenspiel verdichtet zu einer poppigen Camp-Optik, die stark affirmativ wirkt und ein deutliches Bild erzeugt. Dieser Film ist ein Massenphänomen.<br />
Für Kinofreund*innen scheint diese Bewegung grundsätzlich erstmal erbaulich, zeigt sie doch, dass das zunehmend aus der Zeit gefallen scheinende Leitmedium von einst tatsächlich noch dazu in der Lage ist, Publikum anzulocken, Schauwert zu erzeugen und vor allem, die Lust am gemeinsamen, öffentlichen Erleben von Kunst zu wecken. Die Menschen, vor allem Teile der FLINTA* und queeren Communitys, reagieren lautstark in den Sälen, lachen, jubeln. Man findet sich beinahe in einer utopischen Gegenwelt wieder, in welcher das so oft beschworene, kulturpessimistische Bild des von jeder Öffentlichkeit abgeschnittenen Subjekts, das in seiner Freizeit den Blick auf das Wertvolle vernebelt bekommt vom unendlichen Strom der kurzweiligen Unterhaltung, einem positiven Glauben an den kulturellen Geist des Menschen weicht. Es gibt in unserer Gesellschaft, so freut man sich, noch diesen Platz für die Macht des Films und seine Fähigkeit, in Zwischenräume zu dringen und Widersprüche aufzuzeigen.<br />
Doch leider ist „Barbie“ kein solcher Film. Im Gegenteil ist er genau der Film, der beweist, dass nur, weil Menschen sie nicht an ihrem Smartphone hockend eingeträufelt bekommen, sich die Ideologie der privaten Massenmedien dennoch in alle Bereiche der Kulturindustrie einschreibt, selbst in das so geheiligte Lichtspielhaus. Und man muss festhalten, nur, weil ein Film den Menschen wenigstens „irgendwie“ den Feminismus nahebringt, ist das noch lange kein Grund, ihn nicht scharf in die Kritik zu nehmen.<br />
„Barbie“ ist an Aufklärung, Kritik oder dem Erforschen von Widersprüchen nicht interessiert. Der Film ist sich stattdessen bewusst, dass er seinen Erfolg, das heißt, sein Publikum, nur finden kann, wenn er mit maximaler Polarisierung arbeitet und eine spezifische, identitätspolitisch aufgeladene Dynamik in der öffentlichen Auseinandersetzung erzeugt. Der erwartbare, durch Schlagworte und -bilder im Film provozierte Zorn der wie immer allzu leicht getriggerten Rechten und Konservativen wird gezielt dazu genutzt, den Nicht-Reaktionären ein Bekenntnis zu entlocken. Dieser Film muss gut sein, denn er wird von den richtigen Menschen gehasst. Dazu feuert „Barbie“ aus allen Rohren liberalfeministische Memes, das potenziell subversive, weibliche Subjekt wird durch einen zuwenderischen Gestus ruhig gestellt. Ihr werdet verstanden, ihr werdet gesehen, euer Leben ist manchmal anstrengend, aber hey, auch ihr könnt Präsidentinnen oder Ärztinnen werden. Damit kann sich jeder halbwegs fortschrittlich denkende Mensch zufrieden geben, ohne gleichzeitig das eigene Denken hinterfragen zu müssen oder gar die unangenehmen, ökonomischen Fragen an sich heran zu lassen. Lieber bedient man sich stattdessen am Ende auch noch des unendlich altbackenen Klischees des Mannes, der aus Gefühlen gekränkter Männlichkeit und sexueller Frustration (hier: romantischer Frustration, Sex gibt es in Barbieworld nicht) heraus Krieg gegen andere Männer führt. Nein, die Gründe für Krieg sind hochkomplexe, meist über Jahrhunderte gewachsene ökonomische und territoriale Konflikte, in denen Männer die Interessen von Kapital und Staat austragen müssen, völlig unabhängig von ihrer persönlichen Geschichte. Männer, die sexuell frustriert sind töten sich, wenn sie tatsächlich töten, nicht gegenseitig. Sie töten Frauen.<br />
Doch dies alles und die vielen weiteren Punkte, die an dem Film zu kritisieren sind, prallt ab an seiner meta-ironischen Bildsprache, durch welche man hinter jeder Ecke ein Augenzwinkern vermuten muss. War da grade eins? Ist das Ganze vielleicht doch am Ende als raffinierte Kritik zu verstehen? Sind die Bilder nicht so weit drüber, dass sie sich von alleine als Klischees entlarven?<br />
In meinen Augen sind sie es nicht. Die emotionale Ernsthaftigkeit, die der Film in bester Hollywoodtradition im letzten Akt an den Tag legt, spricht dagegen. Aber ich bin auch ehrlich gesagt müde, die unergründlichen Wege der Ironie abzurennen. Über diese Wege nämlich, lässt sich immer noch ein Hintertürchen, immer noch eine Interpretation finden, in denen sich dann letztlich alle irgendwie wohlfühlen können, außer natürlich jene, die der Film als Diskursantagonisten für sein Marketing auserkoren hat.<br />
Dem Feminismus ist auf diese Weise kaum geholfen. Man muss dem Film im Gegenteil vorwerfen, dass er eben jene materiellen und politischen Tendenzen reproduziert, welche den Feminismus gesamtgesellschaftlich bedrohen. Somit stimmt es zwar, dass er eine kurzfristige Welle der Affirmation innerhalb des liberalen Spektrums zu erzeugen imstande ist und dass nicht jeder Film den Anspruch haben muss, die Weltrevolution auszurufen. Und doch muss es möglich sein, ihn zu kritisieren und auch scharf zu kritisieren, denn nur dann kann er als Kulturgut fruchtbar und im Sinne des Feminismus nützlich gemacht werden. Und nein, das heißt auch nicht, dass man ihn nicht trotzdem mögen und beim Schauen eine gute Zeit gehabt haben kann. Beides ist gleichzeitig möglich und bildet eben eines dieser Widerspruchsverhältnisse, die eigentlich sehr interessant sein können und von denen Hollywood, die sozialen Netzwerke und andere private Medien in der Regel nichts wissen wollen. „Barbie“ nicht bloß abzufeiern, sondern ihn gleichzeitig so hart wie möglich zu kritisieren, muss als der aufrichtige, feministische Akt betrachten werden.</p>
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		<title>Avatar 2 und die dreckige Leinwand</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2023/06/avatar-2-und-die-dreckige-leinwand/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anton August Dudda]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Jun 2023 11:55:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlecht]]></category>
		<category><![CDATA[patriarchat]]></category>
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					<description><![CDATA[Anton analysiert in seinem Kommentar den Sexismus und den Rassismus in dem Film Avatar 2. An „Avatar – The way of water“ gibt es eine Menge zu kritisieren. Drehbuch zum Beispiel. Das fühlt sich an, als hätte jemand zu Marktforschungszwecken ausprobiert, wie viele Klischees man in einen Blockbuster einbauen und trotzdem für einen Oscar als]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Anton analysiert in seinem Kommentar den Sexismus und den Rassismus in dem Film Avatar 2.</strong><span id="more-15619"></span></p>
<p>An „Avatar – The way of water“ gibt es eine Menge zu kritisieren. Drehbuch zum Beispiel. Das fühlt sich an, als hätte jemand zu Marktforschungszwecken ausprobiert, wie viele Klischees man in einen Blockbuster einbauen und trotzdem für einen Oscar als bester Film nominiert werden kann. Hätte ich eine Parodie schreiben wollen, ich hätte fast nichts anders gemacht.<br />
Hier möchte ich allerdings kurz auf einen Aspekt des Films eingehen, den ich als besonders perfide empfinde. Es ist nicht neu, dass Hollywood in Zeiten amerikanischer, wie auch internationaler Aufrüstung die dafür wohlfeile Heroisierung des Soldatentums und Idealisierung des Krieges verbildlicht und festigt. Dem muss man keine finstere Absicht einzelner unterstellen, kulturindustrielle Massenprodukte sind schwankende Rohre im Wind und können sich meist eine allzu offene Opposition nicht leisten, da sie möglichst Weltweit geschaut werden müssen, um ihre exorbitanten Produktionsbudgets wieder einspielen zu können. Dennoch haben viele amerikanische Filme der jüngeren Vergangenheit zumindest oberflächlich gewisse identitätspolitische Zugeständnisse gemacht und – wenn auch zumeist sehr zaghaft – an bestehenden Geschlechter- und Familienbildern gerüttelt oder auf schwarze und indigene Geschichte fokussiert und die Rolle des Rassismus in der „westlichen“ Geschichte in Ansätzen reflektiert.<br />
An den Verantwortlichen für „Avatar – The way of Water“, wobei man James Cameron als Regisseur, Co-Autor und Co-Produzent wohl hervorheben muss, scheinen von diesen Diskursverschiebungen allerdings nichts mitbekommen zu haben oder haben sich bewusst dazu entschlossen, sie zu ignorieren. Die als Opfer menschlicher Kolonisation inszenierten Na’vi sind Aliens. Als solche könnten sie wunderbar als Leinwand für die fantastischsten und fantasievollsten gesellschaftlichen Gegenentwürfe und Utopien herhalten, man könnte sie zeichnen als Wesen ohne Geschlecht, ohne tribalistische Zugehörigkeiten, ohne gewaltvolle Machtstrukturen, doch der Film entscheidet sich in einem fast schon unverschämten Mangel an Originalität für das exakte Gegenteil. Bei den Na’vi gibt es Männer und Frauen. Die gezeigten Stämme sind strikt patriarchal organisiert, die Männer sind Krieger, die Frauen werden als Ernährerinnen mit zum Teil übersinnlicher Verbindung zur Natur dargestellt.</p>
<p>Die Frau als das naturnahe Geschlecht ist ein so unfassbar altes Klischee, dass es sich eigentlich für die Leinwand verbieten sollte, aber wie schon gesagt, diesbezüglich ist sich „Avatar- The way of Water“ für nichts zu schade.<br />
Generell weidet sich der Film an der doch arg von westlicher Esoterik gefärbten Vorstellung der indigenen Völker, für welche die Na’vi ganz offensichtlich stellvertretend sind. Sie sind naturnah, bescheiden und erfüllt von übersinnlicher Weisheit, der Mensch hingegen ist gierig, brutal und übergriffig. Der Konflikt und damit auch die Notwendigkeit des Krieges wird so naturalisiert, für systemische Kritik oder gar Kritik am Kapitalismus interessiert sich der Film nicht.<br />
Das schlimmste ist aber, dass der Film auf eine Art und Weise soldatische und reaktionäre Propaganda betreibt und dies mit einer Rhetorik der indigenen Emanzipation verschleiert. Es ist wohl selbst derzeit dem bürgerlich-liberalen Teil des Publikums kein Film mehr zu verkaufen, in welchem im Stile des amerikanischen Realismus und all seinem gewohnten Pathos, ein patriarchaler Familienvater von der Notwendigkeit spricht, sein Land und seine Familie zu verteidigen und seine Söhne unverhohlen zu Kriegern erzieht. Ein Vertreter „der Menschen“ oder „der Amerikaner“ müsste in irgendeiner Art in dieser Überzeugung gebrochen werden, er müsste lernen, dass diese Ideologie eine schadhafte, eine gewaltvolle, eine tödliche ist (siehe z.B. Oscarkandidat „Im Westen Nichts Neues“). Ansonsten wäre der Film vermutlich in reaktionären und rechten Kreisen erfolgreich, aber nicht mehr in dem Sinne massentauglich wie noch vor 10 oder 20 Jahren. „Avatar – The way of Water“ exemplifiziert diese Familien- und Gesellschaftsideologie aber nun anhand der Figuren, die als emanzipatorische Sympathieträger*innen gezeichnet sind und – man erinnere sich – als Naturvolk. Der Mensch, dessen inhärente Bosheit allzu vulgäre Liberale akzeptiert zu haben scheinen, ist böse auch als Patriarch. Ein indigener Patriarch kann stattdessen als Beispiel dienen, dass das gute und schützenswerte, der Mensch in seiner naturvölkischen Form nämlich, sich automatisch und auf zwanglose Weise patriarchal und soldatisch organisiert.<br />
Die leere Leinwand, von der ich zuvor sprach, welche hier gewoben ist aus den traumatischen und unbeschreiblich gewaltvollen Erfahrungen indigener Völker, wird beschmiert mit den reaktionären Gesellschaftsbildern eines neoliberalen Bürgertums, welches nur allzu bereit scheint, die Errungenschaften der offenen Gesellschaft mitsamt ihren Söhnen jederzeit von Bord zu werfen, wenn der politische Zeitgeist dies vermeintlich erfordert. Dies ist schon deshalb besonders widerlich, weil nicht-patriarchale Formen des Zusammenlebens grade in indigenen Kulturen nicht selten sind, welche durch diesen Film aber bloß ausgenutzt und als Zugpferde vor die Marketingmaschine gespannt werden.<br />
Aber die Landschaftsaufnahmen sind wirklich schön. Man kann sich richtig verlieren.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Fritz Meinecke–ein Take über den Survivalismus</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2022/12/fritz-meinecke-ein-take-ueber-den-survivalismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anton August Dudda]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 08 Dec 2022 12:32:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Männlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Maskulinismus]]></category>
		<category><![CDATA[Survivalismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Reality-Survivalshow „7 versus Wild“ des Outdoor Youtubers Fritz Meinecke erfreut sich auch in der zweiten Staffel wieder großer Beliebtheit. Anton hat den in der Sendung transportierten Lebensstil mal genauer angeschaut und beschreibt, warum und bei welchen Menschen dieser so anschlussfähig ist. Panama – Isla de San Jose, September 2022. Ein Mann mit Schirmmütze, dichtem]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Reality-Survivalshow „7 versus Wild“ des Outdoor Youtubers Fritz Meinecke erfreut sich auch in der zweiten Staffel wieder großer Beliebtheit. Anton hat den in der Sendung transportierten Lebensstil mal genauer angeschaut und beschreibt, warum und bei welchen Menschen dieser so anschlussfähig ist.</strong></p>
<p><span id="more-15193"></span></p>
<p align="justify">Panama – Isla de San Jose, September 2022. Ein Mann mit Schirmmütze, dichtem Vollbart und Machete schlägt sich durch den Küstendschungel, untersucht die Umgebung auf nützliche Gegenstände (heißt: angespülten Plastikmüll), sowie Essens- und Trinkwasserquellen. Dabei referiert er über die vielfältigen Gefahren, die in diesen Gefilden lauern, darunter Schlangen und Krokodile. Wir befinden uns in der 2. Staffel der Reality-Survivalshow „7 versus Wild“ des größten deutschen Outdoor-YouTubers Fritz Meinecke, welcher, wie schon in der ersten Staffel, selbst als Kandidat antritt. Das Prinzip ist einfach. Sieben Teilnehmer*innen werden für sieben Tage in der Wildnis ausgesetzt und müssen dort „überleben“, wobei natürlich für echte Notfälle vorgesorgt ist. Durch das Lösen von Aufgaben können zudem Punkte gesammelt werden. Wer durchhält und am Ende die meisten Punkte hat, gewinnt. Durch das Format hatte sich Meineckes Kanal im Jahr 2021 in völlig neue Sphären der Popularität katapultiert. Zum Zeitpunkt da ich an diesem Text arbeite, haben die ersten drei Folgen der 2. Staffel bereits Klickzahlen von jeweils deutlich über 5 Millionen, es ist davon auszugehen, dass die Videos 10 Millionen und mehr Views erreichen werden. Das Format ist also überragend erfolgreich und zeigt damit, dass der Survivalismus offensichtlich eine Anschlussfähigkeit besitzt an den breiten Mainstream der deutschen Medienkonsument*innen. Gleichzeitig irritierte Meinecke in der Vergangenheit (unter anderem) mit Posts wie: <i>„</i><i>Glaubt mir, ich halte mich so oft extrem zurück, und wenn ich das jedes Mal aussprechen würde, was ich wirklich denke, wär ich vermutlich überall gebannt […] Mir geht diese völlig verweichlichte Gutmenschengesellschaft so auf die Eier, ja nicht anecken, niemandem auf den Schlips treten und für alles rechtfertigen. Triggerwarnungen hier und da. Immer politisch korrekt.“. </i>Ist Meinecke eine Ausnahme und seine Aussage in Bezug auf seine Kanalinhalte insofern „zufällig“? Oder ist der Survivalismus potenzieller Nährboden für rückschrittliche Ideologien?</p>
<p align="justify">Den Begriff des Maskulinismus habe ich bereits zuvor in einem Text hier auf meinTestgelände verwendet und meine damit, grob gesagt, die Gesamtheit der im Geschlechterdiskurs als männlich gelesenen Eigenschaften, Lebensbereiche, Ziele, Ästhetiken und Privilegien in Kombination mit deren Festlegung als erstrebenswert, natürlich, gesund, schlicht „gut“ und damit erhaltungs- und verteidigungswürdig. Viele dieser Attribute leiten sich aus der Tradition des Mannes als Kämpfer, Arbeiter und Jäger ab, weswegen auch heute noch beispielsweise der Tod an der Kriegsfront und damit die Aufgabe des Selbst zur Pflichterfüllung als eine der Vervollständigungsformen von Männlichkeit schlechthin dasteht (man beachte den Diskurs in Deutschen Leitmedien zu ukrainischen und russischen Kriegsdienstverweigerern). Der Begriff, den wir mittlerweile für autoritäres und selbst- oder fremdschädigendes Verhalten aufgrund eines maskulinen Habitus verwenden, ist der der „toxischen Maskulinität“. Fritz Meinecke und die ihn umgebende Bubble aus Survivalisten, die nicht selten einen militärischen Hintergrund haben, scheinen das perfekte Beispiel dafür zu sein. Sie setzen sich ohne Not Situationen aus, welche sie in potenzielle (wenn auch sehr eingehegte) Lebensgefahr bringen. Dies verschafft ihnen die Position, sich von zivilisatorischen Selbstverständlichkeiten loszusagen und etwa Tiere zu jagen, um nicht zu verhungern. Der Survivalismus wirkt wie eine kulturelle Ersatzhandlung zum realen Überlebenskampf. Man bringt sich in den Zweikampf mit dem Tod als Manifestation der äußeren Natur und befriedigt damit gleichzeitig das Bedürfnis danach, jenes zu finden, was man für die eigene, innere Natur hält.</p>
<p align="justify">Ich kenne das auch von mir selbst. Ich habe zwar keine Tendenz mich übermäßig in Lebensgefahr zu bringen, aber wie oft habe ich mich schon auf langen Radtouren gequält und dabei meiner eigentlichen Überzeugung, mindestens auf billiges Fleisch zu verzichten, zuwidergehandelt, weil ich ja „die Energie brauchte“? Oder beim Campingurlaub eine fast masochistische Freude dabei empfunden, in einem Gewittersturm nachts Gräben auszuheben um das Wasser abzuleiten, das von der Düne hinab aufs Zelt zufloss? Und dies ist ja keineswegs ein bloß männliches Phänomen. Diese Freude am Gefühl das entsteht, wenn die Zivilisation auch nur für einen Augenblick ihren schützenden Zugriff lockert, kenne ich von vielen Freund*innen, unabhängig vom Geschlecht und es wäre ungenau, hier von Ausnahmen zu sprechen. Auch in der 2. Staffel von „7 versus Wild“ nehmen zwei Frauen teil. Es scheint sich vielmehr um ein Bedürfnis zu handeln, der Heteronomie unseres (Selbst-)Bewusstseins in der Gesellschaft und der erdrückenden Last der Widersprüchlichkeiten des Kapitalismus zu entfliehen und zumindest für einen begrenzten, abgesicherten Zeitraum mit den unmittelbaren und damit einfachen Notwendigkeiten konfrontiert zu sein.</p>
<p align="justify">Nun geht es mir aber nicht um den spezifischen Lebensstil einzelner, sondern um das Entstehen von Werten und Leitmotiven durch die mediale Reproduktion dieses Lebensstils. Es geht darum, wo aus dem Hobby des „Surviveln“ der Survivalismus wird. Der Survivalismus als Ideologie entsteht genau dort, wo den Zuschauer*innen eine Influencer-Performance als Lebensentwurf vorgelebt wird, der assoziiert ist mit Naturnähe, Spaß und gesunder Herausforderung, was identifiziert wird als Widerspruch zum Leben in der realen Gesellschaft. Dieses ist bekanntlich gekennzeichnet von Entfremdung und dem Gefühl der Wirk- und Machtlosigkeit, verlangt Ambiguitätstoleranz und politische Auseinandersetzung zwischen konträren Positionen und Interessen. Dagegen steht die Grundformel der survivalistischen Simulation: <i>Problem -&gt; Lösung</i>. Wasser suchen, weil ich Durst habe. Essen suchen, weil ich Hunger habe. Ein Bett bauen, damit ich schlafen kann. Ein Dach, damit ich nicht nass werde. Survivalist*innen sprechen von Freiheit, sie meinen die Freiheit vor den Ketten des habituierten Selbst.</p>
<p align="justify">Ist das jetzt schlimm?</p>
<p align="justify">Die meisten Menschen, unabhängig vom Geschlecht, werden Survivalformate wie „7 versus Wild“ wohl einfach als Unterhaltungsspektakel abfeiern und sich vielleicht sogar ganz bewusst an der Survivalfantasie, sowie gleichzeitig an ihrer warmen Couch erfreuen. Aber grade dadurch, wie sich die transportierte Ideologie im aufgewirbelten Zirkusstaub verschleiert, entfaltet sie mehr Wirkung, als man denken könnte. Die Sehnsucht nach Narrativen, welche das Subjekt befreien von dem Druck, sich mit seiner ambivalenten Realität befassen zu müssen, ist groß. Grade weißen Cis-Männern, deren Identitätskonzept schon lange in einer Legitimationskrise steckt, bietet der Survivalismus eine antiintellektualistische Utopie. Dazu passt Meineckes Aussage, die ich eingangs zitierte. Was haben all die postmodernen Theorien, hat all das, was der Fortschritt den Männern an Zugeständnissen und Machtabgaben abverlangt noch zu bedeuten, wenn das wahre Mensch- und damit auch Mannsein doch dort stattfindet, wo es ums Überleben geht? Man sollte nicht aus einem Post auf eine ganze Person und man darf nicht von der Person auf die Gruppe schließen. Aber ich denke gezeigt zu haben, wie sich Meineckes Aussage in die Ideologie des Survivalismus einfügt. Und das sie seinem Erfolg nicht geschadet hat, sollte Beweis sein für ihre Anschlussfähigkeit. Der Survivalismus ist ein eskapistisches Treibhaus, welches das von der Welt überforderte Individuum zu wärmen imstande ist (und das hat es verdient), in welchem aber auch Maskulinismus und antiprogressive Ideologien unterschwellig gedeihen können.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zurück in die Höhle (eine Kurztopographie)</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2022/08/zurueck-in-die-hoehle-eine-kurztopographie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anton August Dudda]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Aug 2022 14:39:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
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		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
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					<description><![CDATA[Denken wir an Hetreo-cis-Beziehungen und daran, wie ein solches Paar seine Wohnung einrichtet, entscheidet stereotyp die Frau über Möbel und Dekoration. Als Reaktion darauf entstand in den letzten Jahren das Konzept der Mancaves, einem Rückzugsraum für Männer, in dem sie über Interior, Nutzung und Zutritt entscheiden. Anton hat sich intensiver mit diesem Phänomen beschäftigt und]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="Body"><strong>Denken wir an Hetreo-cis-Beziehungen und daran, wie ein solches Paar seine Wohnung einrichtet, entscheidet stereotyp die Frau über Möbel und Dekoration. Als Reaktion darauf entstand in den letzten Jahren das Konzept der Mancaves, einem Rückzugsraum für Männer, in dem sie über Interior, Nutzung und Zutritt entscheiden. Anton hat sich intensiver mit diesem Phänomen beschäftigt und beschreibt, was Mancaves mit Macht, Feminismus und Gleichberechtigung zu tun haben.</strong></p>
<p><span id="more-14964"></span></p>
<p>Seit bereits einigen Jahren geistert durch die diskursiven Welten des Internets einschließlich ihrer Wechselwirkungen mit unserer Wahrnehmung der „realen“ Gesellschaft das Konzept der sogenannten Mancaves, welches Räume, zumeist Zimmer einer Wohnung oder eines Hauses beschreibt, deren Aufbau, Ästhetik und Zweckausstattung ganz auf die Bedürfnisse meist heterosexueller Männer ausgerichtet sind. Im Regelfall ist die Mancave zudem zugangsbeschränkt, im heteronormativen Familien- und Partnerschaftsverständnis ihrer Besitzer, dem sie offensichtlich entspringt, bildet sie einen Gegenort zu den Anforderungen an den Mann als Vater und Ehepartner und erlaubt daher keinen oder nur sehr begrenzten Zutritt für Frau und Kind, schließt aber vor allen Dingen und in jedem Fall deren Mitbestimmung über die Raumgestaltung aus. In der Mancave macht der Mann die Regeln. Wo wird was platziert, für welche Aktivitäten wird ausgestattet, was wird gegessen, was getrunken. Dem liegt eine Geste inne, welche eine klare Aussage transportiert. Der „Mann“ als solcher ist in seinem Habitus und in seiner Gestaltungsfreiheit und Deutungshoheit so weit aus der öffentlichen und sogar privaten, familiären Sphäre zurückgedrängt, dass er sich Refugien schaffen muss, die es ihm erlauben, seinen Bedürfnissen nachzugehen und gleichzeitig vor der Intervention, aber auch den wertenden Blicken der nicht-männlichen Bevölkerung geschützt zu sein.</p>
<p>Das Konzept der Mancaves ist in mehrerlei Hinsicht interessant. Zum einen verdeutlicht es die Empfindsamkeit vieler Männer bezüglich ihrer Gefühle von Machtverlust, welche in einem ja tatsächlichen und auch beträchtlichen Weniger an gesellschaftlicher Macht und Autorität wurzeln, aber auch gleichzeitig jene Erfolge der Emanzipation deutlich größer und bedrohlicher erscheinen lassen, als sie es tatsächlich sind. Noch immer bestimmen heterosexuelle und cisgeschlechtliche Männer zu großen Teilen die Diskurse außerhalb der identitätspolitischen Debatten und vor allem konzentriert sich in ihren Händen der wesentliche Teil politischer und wirtschaftlicher Macht. Ad hoc kann man hier ein systemisches Missverständnis unterstellen. Das Gefühl des Verlustes von Selbst-und Mitbestimmung ist als valide anzuerkennen. Es ist nur in Perspektive zu setzen, dass nicht „die Frau“ oder „Die Emanzipation“ die Gestaltungsfreiheit der meisten Männer einschränkt, sondern ein Verlust an gestaltbarer Freizeit, demokratischer Partizipation und wirtschaftlicher Aufstiegschancen, grade in den USA, wo das Konzept der Mancaves (darauf weist ja auch schon der englische Name) in der Form wie unsere Diskurse es übernommen haben, seine Wurzeln hat. Leider werden die gesellschafts- und identitätspolitischen Positionen dort wie auch bei uns von konservativer und reaktionärer Seite mit diesen ökonomischen und politischen Deliberalisierungen assoziiert, was einerseits auf die hetzerische Rhetorik rechter und libertärer Demagogen zurückzuführen ist, welche die Unsicherheiten der Unter- und Mittelschicht als Vehikel für ihre Ideologien (recht erfolgreich) zu instrumentalisieren versuchen, anderseits aber auch im mitunter stark ins neoliberale tendierenden Liberalfeminismus begründet liegt, welcher nicht vielmehr zu leisten imstande ist, als eine ohnehin<br />
bereits privilegierte Klasse (oft weißer) Frauen vor einigen Gefahren zu schützen und ihnen die letzten wirtschaftlichen Ketten zu sprengen, aber für den Rest der Bevölkerung allenfalls das Gefühl der Emanzipation erzeugt, indem es zwar Repräsentation, aber keine Befreiung schafft. Diese scheinbare Verschwörung des Feminismus mit den systemischen Entmündigungstendenzen schafft jene Gefühle der Delegitimation und Machtlosigkeit, welche offenbar stark genug sind, den Mann buchstäblich zurück in die Höhle zu treiben.</p>
<p>Der zweite interessante Aspekt betrifft nun die Ausgestaltung der Mancave, ihre Ornamentik, wenn man so will. Denn so sehr wahrscheinlich die meisten Männer, welche sich eine solche Rückzugshöhle zulegen, damit einhergehend der Überzeugung sein werden, es handele sich um so etwas wie eine natürliche und intuitive Ästhetik innerhalb derer Männer eben so sein können „wie sie sind“, muss man selbstverständlich genauer hinschauen. Zufällig ist nichts daran und kann es auch garnicht sein. Im Gegenteil, die Objekte und Ornamente, die Aktivitäten und Regeln der Mancave sind nach sehr feinen Regeln gegliedert und miteinander ins Verhältnis gesetzt, welche so tief in die Intuition ihrer Gestalter gewandert sind, dass sie das Gefühl bekommen, es läge ihnen in der Natur. Erstens muss festgehalten werden, dass die Mancave, wenn man über sie redet, grade so wie ich, wie ich grade beim Formulieren über sie nachdenke, uns als ein realer Ort vor Augen tritt, ein Zimmer, in das man gehen, sich aufhalten und das man verlassen kann. Doch dies ist schon eine Interpretation des Konzeptes und damit ein spannendes Missverständnis. Denn die Mancave ist zuallererst ein gedachter Raum, man könnte sagen, eine Utopie. In der Fantasievorstellung ordnen sich in der Mancave die Dinge, die Menschen und Tätigkeiten zu einem Orchester wohltemperierter Männlichkeit, wobei die Temperatur beliebig austariert werden kann. Der eine wünscht sich den schlichten, modernen Stil eines Businessapartments, der andere Romantik aus rauen Naturwerkstoffen, ein dritter den hemmungslosen Materialismus, das ästhetische Thema kann sich dabei auf alles fokussieren, was dem Besitzer als potenzieller Hort maskuliner Dominanz ins Bewusstsein kommt und was ihm als durch das Vorrücken vermeintlich femininer Zugriffe bedroht erscheint. Gaming, Sport, Sex, Handwerk sind Beispiele, die einem sofort in den Sinn kommen, aber das Unbehagen des Machtverlustes kann sich auf so ziemlich jedes Hobby, jeden Aspekt des öffentlichen Lebens, jeden körperlichen Genuss beziehen. Dies unterscheidet die Mancave auch von dem für einen Vergleich naheliegenden Konzept des Hobbyraumes, welcher ganz auf eine Aktivität ausgerichtet und in unterschiedlichem Maße für sie optimiert ist. Der Hobbyraum ist ein genuin praktisches Konzept, die Mancave ist hingegen ein sinnliches, welches Gefühle und Assoziationen einhegt und wie ein Zerrspiegel die reale Welt und ihre durch verschiedene Kräfte gewachsenen Verhältnisse zu einem Artefakt derealisiert. Faszinierenderweise, so wird in einem Zeit-Online Artikel von 2020 der Soziologe Tristan Bridges zitiert, scheitert die Mancave nur allzu häufig an ihrer tatsächlichen Entstehung. Oft sind einfach Kellerräume, Garagen oder Kammern als potenzielle Mancave auserkoren, bleiben aber stecken im Stadium der virtuellen Ausgestaltung, realisiert nur durch rudimentäre Andeutungen wie einer Bar aus zwei Kunststoffässern und einem Holzbrett. Tatsächlich realisierte Mancaves, wie man sie in Blogs, Videos oder Männermagazinen bewundern kann, haben dann stets etwas merkwürdig Irreales und nicht-örtliches an sich, sind oft völlig menschenleer, unangenehm aufgeräumt und sauber. Sie vermitteln wie alle Nicht-Orte das Gefühl, ein Schatten der Realität zu sein, ein gestaltetes Objekt, dem der Hauch des Lebens fehlt, wie ein blutleerer Körper oder ein Wald ohne Vogelgesang. Sie entlarven in ihrem Versuch, sie zu rekonstituieren, unfreiwillig die Leere, welche hinter der aufgeblasenen Hülle der Maskulinität klafft und verweisen auf eine der größten unbewussten Triebfedern des modernen Antifeminismus: der existenziellen Angst vor dem Nichts.</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wir Soldaten &#8211; Teil 2</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2022/03/wir-soldaten-teil-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anton August Dudda]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Mar 2022 07:00:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterrollen]]></category>
		<category><![CDATA[Männer]]></category>
		<category><![CDATA[Privilegien]]></category>
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					<description><![CDATA[Im ersten Teil von &#8222;Wir Soldaten&#8220; hat Anton Dudda &#8222;männliche Privilegien&#8220; und das veraltete, gesellschaftliche Rollenverständnis dikutiert. Im zweiten Teil geht es konkret um die männliche Besützerrolle und warum diese von Antifemminist*innen und Männerrechtlern als Argument genutzt wird zu behaupten, &#8222;dass in Wirklichkeit Frauen eine unverhältnismäßige Machtposition innehätten.&#8220; Im heteronormativen Weltbild des Maskulinismus legitimiert sich]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="p1"><strong><span class="s1">Im ersten Teil von &#8222;Wir Soldaten&#8220; hat Anton Dudda &#8222;männliche Privilegien&#8220; und das veraltete, gesellschaftliche Rollenverständnis dikutiert. Im zweiten Teil geht es konkret um die männliche Besützerrolle und warum diese von Antifemminist*innen und Männerrechtlern als Argument genutzt wird zu behaupten, </span><span class="s1">&#8222;</span>dass in Wirklichkeit Frauen eine unverhältnismäßige Machtposition innehätten.&#8220;</strong></p>
<p><span id="more-14654"></span></p>
<p>Im heteronormativen Weltbild des Maskulinismus legitimiert sich diese Hierarchie der Geschlechter durch genau diese tradierte Rollenverteilung, welche auch heute noch sehr strikt eingehalten und reproduziert wird. Zwar ist das Bild des Mannes als alleiniger Ernährer und das der Frau als Hauswirtschaftlerin zunehmend in Auflösung begriffen, spielt aber noch immer eine große Rolle. Besonders äußert sich die Tradition allerdings im substanziellen Ernstfall, wie Jagd oder Kampf. Männliches Leben wird im Zweifel als das von allen entbehrlichste gebrandmarkt, zum Schutz der Familie, der Gruppe oder des Volkes und vor allem deren Reproduktionsfähigkeit, sind Männer weitaus weniger wertvoll, was sich schon in so simplen Formulierungen wie „Beim Anschlag starben 21 Menschen, darunter Frauen und Kinder“ ausdrückt. In modernen Gesellschaften wäre diese Teilung aus diversen Gründen eigentlich überhaupt nicht notwendig (Bei zu einem Beispiel wäre es wohl sinnvoller, wenn man schon einen Unterschied machen wollte, zwischen Zivilist*innen und Soldat*innen zu differenzieren) und doch tritt sie immer wieder zutage, was den meisten antifeministischen „Aktivisten“ und „Männerrechtlern“ ein Grund ist zu behaupten, dass in Wirklichkeit Frauen eine unverhältnismäßige Machtposition innehätten. Diese Ideologien verschleiern dabei, mitunter wissentlich, dass nicht „die Frauen“ die Macht haben, weil sie von den Männern im Zweifel um jeden Preis geschützt werden, sondern jene, welche die Arbeit, die Kriege und Kämpfe beschließen und anordnen, sowie gleichzeitig die Familie als gesellschaftliches Kernkonstrukt und ihre Reproduktionsfähigkeit aufrechterhalten wollen.</p>
<p align="justify">Ich möchte an dieser Stelle ein typisches Beispiel für eine solche Erzählung geben, welche sich in einigen Beispielen der Populärkultur in dieser oder ähnlicher Form finden lässt. Stellt euch eine weiße, heterosexuelle Familie aus der Mittelschicht vor, die am Rand einer größeren Stadt wohnt, gerne auch einer amerikanischen, dieses Bild haben wir mitunter präsenter. Die Familie besteht aus einem Mann und einer Frau, sowie zwei Kindern. Wahrscheinlich auch einem Jungen und einem Mädchen, wenn schon, denn schon.</p>
<p align="justify">Nun wird eines Tages das Haus der Familie überfallen. Dabei kommt Waffengewalt zum Einsatz und es kommt zum Äußersten. Ein Schuss. Auf eines der Kinder wird geschossen. Nun stellt euch vor, die Mutter wirft sich in den Schuss und stirbt. Der Einbrecher flieht. Zurück bleibt der Vater mit beiden Kindern. Dieses Szenario, in welchem die Frau sich schützend vor die Familie stellt ist als heldenhaft erkennbar, hat aber sofort den Makel einer Perversion. Es löst in dem Mann einen Mangel aus, denn er hat seine Schutzfunktion nicht erfüllen können, er ist traumatisiert und schuldig. Die Geschichte verlangt nun von ihm, dass er zur Gegengewalt greift, dass er loszieht, um sich an dem Mörder zu rächen. Dabei darf er sterben, die Tragödie dankt es ihm. Auch denkbar wäre, dass ihn das Trauma schlicht zugrunde richtet. Er kann seiner Rolle als Vater nicht mehr nachkommen, verfällt vielleicht dem Alkohol. Eine Lösung für seinen Mangel könnte sein, dass er die Liebe zu einer neuen Frau lernen muss, zuzulassen.</p>
<p align="justify">Im umgekehrten Fall ist der Tod des Mannes zum Schutze der Familie nicht als traumatisch oder pervers codiert. Die Mutter ist verstört und tieftraurig, ihre Funktion in der Gesellschaft aber nicht erschüttert. Sie kann ihre Liebe und Fürsorge nun den gemeinsamen Kindern widmen, sich das Bild des toten Mannes auf den Kaminsims stellen und als bemitleidetes und respektiertes Mitglied ihrer Gruppe weiterleben. Sie hat zu trauern, möglichst jeden Tag, aber sie hat durch den Tod ihres Mannes, welcher sein Leben vor ihr eigenes stellte, in ihrer Identität keinen Mangel erfahren, sie bleibt eine ganze Frau. Sucht sie sich einen neuen Mann, eine neue Liebe, löst dies im Publikum moralisch ambivalente Gefühle aus, eigentlich hätte ihre Treue über den Tod hinaus zu gelten.</p>
<p align="justify"><a name="_GoBack"></a>Mit diesen Bildern aus Fernsehen und Film operieren Reaktionäre Antifeminist*innen häufig, wenn sie an den „common sense“, also die tatsächliche Alltagserfahrung der Menschen appellieren und diese als widersprüchlich zur feministischen Theorie darstellen wollen. Sie haben mit Sicherheit unrecht damit, dass diese Geschichten die durchschnittliche Wirklichkeit abbilden, aber sie weisen damit, vermutlich unabsichtlich, darauf hin, dass diese Bilder existieren und einen großen Einfluss darauf haben, wie Menschen ihr eigenes Selbstbild und ihre Moralvorstellungen konstruieren. Oder sind diese Bilder schon in der Gesellschaft angelegt und die Kunst macht sie lediglich offenbar? Das ist eine ganz andere Geschichte.</p>
<p align="justify">Für heute soll es erstmal reichen, ich glaube beim nächsten Mal schreibe ich wieder was Ausgedachtes. Bis dahin hoffe ich, dass ihr was anfangen könnt mit diesen Gedanken. Ich freue mich immer sehr, wenn ihr mir schreibt und mir eure Eindrücke mitteilt.</p>
<p align="justify"><a href="https://www.meintestgelaende.de/2022/03/wir-soldaten/">Hier</a> könnt ihr nochmal den ersten Teil von Antons Text lesen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wir Soldaten</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2022/03/wir-soldaten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anton August Dudda]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Mar 2022 07:00:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Stimme]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterrollen]]></category>
		<category><![CDATA[Männer]]></category>
		<category><![CDATA[Privilegien]]></category>
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					<description><![CDATA[In &#8222;Wir Soldaten&#8220; beschreibt Anton Dudda die traditionelle Rolle von Hetero- und Cis-Männern historisch als Soldat, Handwerker oder Jäger und vor allem auch Beschützer der Familie, die Frau ist in dieser Rollenzuweisung für die Reproduktion einer Gruppe zuständig. Im ersten Teil des Textes erklärt Anton &#8222;männliche Privilegien&#8220; und warum diese sich stetig mannifestieren. Hallo. Ich]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="p1"><strong><span class="s1">In &#8222;Wir Soldaten&#8220; beschreibt Anton Dudda die traditionelle Rolle von Hetero- und Cis-Männern historisch als Soldat, Handwerker oder Jäger und vor allem auch Beschützer der Familie, die Frau ist in dieser Rollenzuweisung für die Reproduktion einer Gruppe zuständig. Im ersten Teil des Textes erklärt Anton &#8222;männliche Privilegien&#8220; und warum diese sich stetig mannifestieren.<br />
</span></strong></p>
<p><span id="more-14647"></span></p>
<p align="justify">Hallo. Ich bin ein weißer, heterosexueller und cisgeschlechtlicher Mann. Ich mache an dieser Stelle darauf aufmerksam, weil ich das Privileg habe, dass meine Identität erstens, was diese Zugehörigkeitsattribute anbelangt, mit der Identität übereinstimmt, welche mir die meisten Menschen intuitiv zuschreiben würden, und zweitens, weil diese Identität, trotz ihrer eigentlichen Spezifität, als so etwas wie der Normalfall wahrgenommen wird. Wenn ich mich äußere, dann wird mir gemeinhin nicht unterstellt, aus einer bestimmten Position heraus zu denken und zu sprechen. Eine schwarze Person, eine weiblich gelesene Person oder eine nicht heterosexuelle Person beispielsweise, müssen im Gegensatz zu mir damit rechnen, dass ihre Identität als Ausgangspunkt ihrer Positionen verstanden, aufgenommen und diskutiert wird oder die Wahrnehmung der Rezipient*innen zumindest einer gewissen Färbung unterliegt. Zwar sind progressive Diskurse, welche diese Verzerrung aufzuheben versuchen, in den letzten Jahren zunehmend in die breite Öffentlichkeit gesickert, das Problem besteht aber nach wie vor und zementiert das Vorurteil, Menschen meiner Zugehörigkeit seien zu einer Art überideologischem Universaldenken fähig.</p>
<p align="justify">Nun ist es so, dass ich hier in diesem Magazin nicht nur schreibe, <i>obwohl </i>ich zu jener Gruppe gehöre, welche in unserem ökonomischen und gesellschaftlichen System die größten Privilegien genießt, sondern grade <i>weil </i>zu ihr gehöre. Ich verstehe mich als beauftragt, mit meinem Schreiben der Frage nachzugehen, was genau eigentlich abgeht bei uns <i>average white guys</i><i>™</i><i> </i>und warum es uns als Gruppe scheinbar, trotz unserer Privilegien, so wahnsinnig schlecht zu gehen scheint.</p>
<p align="justify">Und ja, es geht uns ganz offenbar schlecht. Die postmoderne Welt ist beharrlich dabei, am Ast unserer wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Dominanz zu sägen und lässt uns nicht mehr einfach mit allem durchkommen, wie die letzten paar Jahrtausende. Plötzlich wird von uns erwartet, dass wir uns rechtfertigen für unser Verhalten, dass wir über unsere Gefühle sprechen, statt einfach nach ihnen zu handeln mit der fixierten Erwartungshaltung, es würde am Ende schon irgendwie nach unserer Pfeife getanzt. Während der eine, kleinere Teil von uns über jahrelange Arbeit versucht, den verinnerlichten, toxisch-maskulinen Habitus abzulegen, nicht selten mithilfe von Psychotherapie, denn bei Merlins Bart, this Shit goes deep, wählt ein anderer Teil den offensiven Weg und beginnt sein problematisches, selbst- und viel zu oft fremdschädigendes Verhalten, als Manifest einer metaphysischen Urmännlichkeit offen zur Schau zu tragen, rationalisiert die offensichtlichen Widersprüche und massiven Ungerechtigkeiten als so etwas wie eine Naturordnung oder Kulturerrungenschaft, die es zu verteidigen gilt, bis hin zur verbalen und psychischen Gewalt gegenüber jenen, denen sie die Schuld geben an ihrem Autoritätsverlust. Ein dritter und wohl größter Teil, versucht sich schadlos zu halten, benimmt sich, meckert gelegentlich (getriggerterweise) über die viel zu schnell getriggerten Snowflakes und zieht sich zurück in immer engere Kreise, in welchen er das Gefühl hat, noch ungestört zu sein. Der Kneipenabend mit „den Jungs“, der Hobbykeller mit dem Billardtisch und der Plattensammlung, das Fußballstadion.</p>
<p align="justify">Dieses Bild moderner <i>average white guys</i><i>™</i> entbehrt nicht einer gewissen Lächerlichkeit. Und zugegeben, es ist wohl auch ein stückweit lächerlich. Nur wird man nicht umhinkommen, möchte man die Probleme möglichst aller Gruppen zu einer guten und gerechten Lösung führen, auch die verhältnismäßig kleinen Probleme der Privilegiertesten ernst zu nehmen. Denn sonst wachsen auf der einen Seite die Ressentiments und führen mitunter zu noch mehr und noch heftigerer Radikalisierung und steigt auf der anderen Seite die Angst, sich zu den eigenen Gefühlen und Ängsten vor Abwertung und Geringschätzung zu bekennen, selbst wenn emanzipatorische Diskurse verstanden werden und sich mit den betroffenen Gruppen solidarisiert wird.</p>
<p align="justify">Bei der Analyse dieses Problemfeldes muss man sich zunächst bewusst machen, wie unscharf der Begriff „Privileg“ ist, wenn man nicht die durchschnittliche Verteilung von Zugang zu Chancen, Geld, Wohnraum, oder auch schlicht individuelle Freiheit auf gesamtgesellschaftlichem oder sogar globalem Niveau bespricht, sondern auf eine individuelle, mikroökonomische Ebene schaut. Global betrachtet, ist das System so verfasst, dass es weiße, cismännliche Personen in den genannten und weiteren Bereichen massiv bevorzugt, im alltäglichen Leben der Menschen äußert es sich aber als permanenter Brandherd von härtester Konkurrenz zwischen Einzelsubjekten um jene Ressourcen, die durch die Ungleichverteilung in viel zu wenigen Händen liegen und für den Rest grade so viel übriglassen, wie absolut notwendig ist. Auch der hieraus zwangsläufig entstehende Mangel betrifft marginalisierte Gruppen im Durchschnitt deutlich härter als die <i>average white guys</i><i>™, </i>aber dennoch sollte es einen nicht wundern, wenn ein Familienvater mit zwei Jobs, ein entlassener Braunkohlebergbauer oder ein alleinstehender Sozialhilfeempfänger sich nicht mit dem Narrativ des <i>male privilege </i>identifizieren können. In meinen Augen muss eine gute feministische Theorie und Praxis immer berücksichtigen, dass sich Privilegien nicht allein aufgrund von Identitäten ungerecht verteilen, sondern vor allem durch ökonomische Ausbeutungsverhältnisse.</p>
<p align="justify">So weit so grundlegend.</p>
<p align="justify">Nun leben wir allerdings in einer Gesellschaft, die es aus den verschiedensten Gründen nicht schafft, sich nachhaltig von diesen Verhältnissen zu lösen, welche die Privilegien so auffallend ungerecht verteilen. Es muss etwas geben, was unter den <i>average white guys</i><i>™ </i>eine Einheit stiftet, welche stärker ist als der immense Druck der ökonomischen Ungleichheit, etwas, womit sich sowohl die absolut Obersten, als auch die absolut Untersten von ihnen identifizieren und was ihnen ein „Weiter-So“ oder sogar ein Abgleiten in Autoritäre, Rückschrittliche Ideologien attraktiver erscheinen lässt, als eine fundamentale Änderung der Gesellschaft. Der ganz individuelle Vorteil dieser Ideologie, die man Maskulinismus nennen kann, liegt auf der Hand. Auch wenn das Individuum unter unerreichbaren Idealen und ökonomischer Ausbeutung leidet, kann es doch innerhalb seiner Mikrosphäre eine Dominanz für sich beanspruchen. Es hat fast sadomasochistische Züge. Ich weiß, nach „Oben“ muss ich gehorchen und mich unterordnen und bin dadurch legitimiert, nach „Unten“ Gewalt auszuüben, in welcher Form auch immer. Der sehr heteronormative Trope des Familienvaters, der das Geld verdient, in den Krieg zieht oder in anderer Form die Familie nach „Außen“ vertritt, indem er sich in ein hierarchisches System eingliedert um das Überleben und/oder den Lebensstandard zu sichern, der aber dann zuhause seine Entfremdung, Überforderung oder seine Traumata gewaltvoll an seiner Frau oder seinen Kindern auslebt, ist in unseren Kulturprodukten vielfach wiedergegeben und kritisiert, aber auch schon reproduziert und legitimiert worden, falls die moralische Grenze zur physischen Gewalt nicht überschritten wurde.</p>
<p align="justify">Speaking of.</p>
<p align="justify">Fortsetzung folgt.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der Marsch</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2021/12/der-marsch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anton August Dudda]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 16 Dec 2021 07:00:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Jungen]]></category>
		<category><![CDATA[Männer]]></category>
		<category><![CDATA[Männlichkeit]]></category>
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					<description><![CDATA[&#8222;Meine Jungs sind Kiesel im Atlantik. Meine Jungs werden in zwei Millionen Jahren als Sand an die Deiche gespült.&#8220; Wie es dazu kommt? Das lest ihr heute in einem neuen Text unseres Autors Anton August Dudda. Lyrik oder Prosa? Fiktion oder Realität? Gar nicht so leicht herauszufinden. Wer sind &#8222;seine Jungs&#8220;? Wohin führt sie der]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>&#8222;Meine Jungs sind Kiesel im Atlantik. Meine Jungs werden in zwei Millionen Jahren als Sand an die Deiche gespült.&#8220; Wie es dazu kommt? Das lest ihr heute in einem neuen Text unseres Autors Anton August Dudda. Lyrik oder Prosa? Fiktion oder Realität? Gar nicht so leicht herauszufinden. Wer sind &#8222;seine Jungs&#8220;? Wohin führt sie der Marsch? Findet es selbst heraus:</b></p>
<p><span id="more-14362"></span></p>
<p>Eins, zwei, drei, vier.</p>
<p>Meine Jungs marschieren durch die Gassen, gleich im Schritt und schweren Fußes.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Eins, zwei, drei, vier.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Die Leute gucken, doch meine Jungs gucken nicht zurück, meine Jungs gucken sich nur immer gegenseitig ins Gesicht, wenn einer singt, singen die anderen mit, wenn einer lacht, lacht der ganze Trupp. Meinen Jungs gehören all diese Häuser, diese Straßen und die Leute. Eigentlich. Eigentlich gehört uns all das, sagen meine Jungs im Chor.</p>
<p>Eins, zwei.</p>
<p>Meine Jungs sind bei mir.</p>
<p>Drei, vier.</p>
<p>Ich fühle mich frei, hier bei meinen Jungs. Denn solange ich bei meinen Jungs bin, wird mir alles verziehen. Solange meine Jungs bei mir sind, darf ich tun, was ich will. Denn es sind meine Jungs, die bestimmen über richtig und falsch, denn meine Jungs sind die Anarchisten, die Politiker, die Faschisten, die Polizisten, die Manager und Fußballer. Meine Jungs können alles sein, wenn sie es nur wollen, denn meine Jungs können sich nur selbst im Wege stehen.</p>
<p>Eins, zwei, drei, vier.</p>
<p>Kein Mensch traut sich, meine Jungs aufzuhalten. Der Ruf nach Freiheit, den meine Jungs ausstoßen und der sich wie ein Echo von Körper zu Körper wirft, sich tausendfach multipliziert, kann Lawinen auslösen, Berge zum Wanken und Zivilisationen zum Einsturz bringen. Meine Jungs kennen nur das Vorwärts, meine Jungs sind das Blut und das Fleisch, der Kolben und das Motoröl, sie sind eine gewaltige Erfindung von sich selbst, gebaut, um sich zu vereinen, gebaut, um zu erschaffen, gebaut, um zu herrschen, gebaut, um zu zerstören.</p>
<p>Eins, zwei, drei, vier.</p>
<p>Der Takt, zu dem meine Jungs marschieren, ist der Klang ihrer Schuhe auf dem Asphalt. Er kann nicht langsamer werden, er ist wie ein Rausch. Wie Vögel im Schwarm, wechseln meine Jungs sich ab in der ersten Reihe, um den anderen ihren Windschatten zu geben, unter meinen Jungs wird niemand ausgegrenzt. Meine Jungs grenzen mich nicht aus. Wenn meine Jungs die Grenzen der Stadt erreicht haben, dann marschieren sie weiter. Sie reißen Schneisen in die großen Wälder, fressen alles was sie finden können. Hinter meinen Jungs ist verbrannte Erde. Niemand kann meinen Jungs folgen.</p>
<p>Eins, zwei, drei, vier.</p>
<p>Meine Jungs sind so schnell, unter ihren Schritten vibriert das Gestein und bricht entzwei, ein paar meiner Jungs geraten aus dem Gleichgewicht, fallen über das lockere Geröll, schlagen sich die Schädel auf, brechen sich die Beine, doch der Sog zieht sie unerbittlich mit, meine Jungs lassen niemanden zurück, egal wie er auch darum betteln mag.</p>
<p>Eins, zwei, drei, vier.</p>
<p>Ich gehe mit meinen Jungs durch Dick und Dünn. Ihr Blut klebt an meiner Kleidung, mein Blut klebt an ihren Schuhen. Wir alle haben unser Blut auf der Zunge, schmecken uns gegenseitig wie entzündetes Zahnfleisch. Das Blut meiner Jungs schmeckt nach Salz und nach Eisen, das Blut macht meine Jungs so schnell wie nie.</p>
<p>Eins, zwei, drei, vier.</p>
<p>Der Blutrausch meiner Jungs treibt sie an, bis zu den höchsten Bergen, höher noch, der höchste Gipfel ist nicht hoch genug für meine Jungs. Unter meinen Jungs rollen die Steine aufwärts, fließt das Wasser in den Himmel, fällt der Schweiß meiner Jungs als Regen auf sie herunter. Meine Jungs glauben an sich, sie müssen sich nicht beweisen. Meine Jungs sagen, wo es langgeht.</p>
<p>Eins, zwei, drei, vier.</p>
<p>Das Land der Erde hat sich verformt zu einer Himmelsleiter, auf allen sieben Kontinenten marschieren meine Jungs empor, die Welt unter ihnen nichts mehr als ein Ball aus Wasser und über ihnen, Nichts.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Eins, zwei, drei, vier.</p>
<p>Die letzte Stufe ist erreicht und einer nach dem anderen fallen meine Jungs ins Bodenlose. Ihre Marschfüße strampeln hilflos in der Luft. Wie die Käfer nicht gemacht sind, auf dem Rücken zu liegen, so sind meine Jungs nicht dazu gemacht, zu fallen. Meine Jungs lachen. Lachen aus tausenden Kehlen, bis ihre Körper auf dem Salzwasser aufschlagen und in mehr Einzelteile zerspringen, als man zählen könnte.</p>
<p>Eins, zwei, drei, vier.</p>
<p>Meine Jungs sind Kiesel im Atlantik. Meine Jungs werden in zwei Millionen Jahren als Sand an die Deiche gespült.</p>
<p><strong>Mehr dazu:</strong></p>
<ul>
<li>Für den Fall, dass ihr den ersten, großartigen Text von Anton verpasst haben solltet: <a href="https://www.meintestgelaende.de/2021/09/das-kind-aus-einer-anderen-welt-und-sein-erstes-fussballtraining/" target="_blank" rel="noopener"><strong>Hier entlang</strong></a>!</li>
</ul>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das Kind aus einer anderen Welt und sein erstes Fußballtraining</title>
		<link>https://www.meintestgelaende.de/2021/09/das-kind-aus-einer-anderen-welt-und-sein-erstes-fussballtraining/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anton August Dudda]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Sep 2021 07:00:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meine Welten]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Gender]]></category>
		<category><![CDATA[Jungen]]></category>
		<category><![CDATA[Männer]]></category>
		<category><![CDATA[Träume]]></category>
		<category><![CDATA[Vorbilder]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.meintestgelaende.de/?p=13316</guid>

					<description><![CDATA[Wir freuen uns, einen neuen Autoren auf meinTestgelände begrüßen zu dürfen: Anton August Dudda! So stellt er sich selbst vor: &#8222;Ich bin Anton, studiere Szenisches Schreiben an der UdK in Berlin und habe in meinen früheren Twenties einen Bachelor in Philosophie gemacht. Hier versuche ich, über das Teilen von Erfahrungen und spekulatives Erzählen an so]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wir freuen uns, einen neuen Autoren auf meinTestgelände begrüßen zu dürfen: Anton August Dudda! So stellt er sich selbst vor: &#8222;Ich bin Anton, studiere Szenisches Schreiben an der UdK in Berlin und habe in meinen früheren Twenties einen Bachelor in Philosophie gemacht. Hier versuche ich, über das Teilen von Erfahrungen und spekulatives Erzählen an so etwas wie einer positiven Vision von Maskulinität zu forschen.&#8220; Und jetzt wünschen wir euch viel Spaß mit seinem ersten Text:  </strong></p>
<p><span id="more-13316"></span></p>
<p>Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen abgefahren, aber ich glaube ehrlich gesagt, das macht nichts. Jedenfalls ist vor einiger Zeit eine Bankfiliale bei uns in der Stadt abgebrannt. Nicht ganz so bis auf die Grundmauern, aber schon so, dass die Bank dort mit Sack und Pack ausziehen musste und das Gebäude dann leer stand. Ich war damals auf der Suche nach einem Ort für meine Experimente mit Tachyonen-Teilchen und fand es praktisch und auch irgendwie witzig, in einer ehemaligen Bankfiliale an Dimensionslöchern zu forschen, also brachte ich mein Zeug einfach dort hinein und baute mein Labor auf. Lange Rede kurzer Sinn, ich weiß nicht genau wie es passieren konnte, aber jetzt steht ein Kind vor meiner Tür, so ungefähr 12 Jahre alt und fragt mich, ob ich der Typ bin, der das Portal gebaut hat, durch dass es grade in diese Welt gefallen ist. „Das Portal in der Bank meinst du?“ frage ich, „ja, der bin ich“. Vor lauter Erstaunen vergesse ich, begeistert zu sein, dass meine jahrelangen Forschungen offenbar zu einem Ergebnis geführt haben, auch wenn dieses Ergebnis klein, schmächtig und dunkelblond ist, ein rotes Fußballoutfit trägt und ich noch so überhaupt nicht weiß, was ich davon halten soll. „Es ist schön hier, aber ich habe auch ein bisschen Angst“, sagt das Kind. „Wie hast du mich gefunden?“, frage ich, „Das Portal ist doch ganz schön weit weg.“. Das Kind holt eine meiner Visitenkarten aus seiner Trikottasche. „Das hier lag in dem kaputten Gebäude. Ich habe eine Frau gefragt, wie ich zu dieser Adresse komme, dann hat sie mich mit ihrem Auto hierher gefahren.“. Ich nehme dem Kind verwundert die Karte ab und hole meine Schlüssel. „Komm, ich bring dich zurück. Das Portal muss vermutlich nur einige Zeit aufladen, damit man wieder hindurch kann.“. Einige Minuten später sitzen wir in meinem Auto und ich überlege fieberhaft, was ich fragen könnte. Woher kommt es? Aus der Zukunft? Einer anderen Dimension? Es sieht eigentlich ganz gewöhnlich aus. „Ist was?“, fragt es, als es meine Neugierde bemerkt. „Sorry, ich würde nur gerne so viel von dir wissen und ich bin mir nicht sicher, wo ich anfangen soll.“. Das Kind zuckt mit den Schultern. Dann beschließe ich, einfach das erste zu fragen, was mir in den Sinn kommt. „Du spielst Fußball, oder?“, das Kind nickt. „Erzählst du mir, wie es war, als du zum ersten Mal zum Training gegangen bist?“.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Und das hier ist, was das Kind mir erzählte:</p>
<p>Ich habe mit acht angefangen Fußball zu spielen, also in der F-Jugend. Meine Eltern haben lange mit mir zusammen überlegt, welcher Verein für mich gut wäre und wir waren bei einigen Orientierungsveranstaltungen. Ich habe mich dann für den FC Nordstadt entschieden, weil ich den Platz so schön fand. Als ich bei meinem ersten Fußballtraining mit meinen Eltern auf das Vereinsgelände kam, hat uns zuerst das Team begrüßt. Die Trainerin und der Trainer haben sich vorgestellt, danach die Sozialpädagogin und ihr Assistent, dann der Diversitybeauftragte und am Schluss die drei Vertrauensspielerinnen und -spieler aus der D-Jugend. Alle waren sehr nett zu mir und haben mir total spannende Fragen gestellt zu meiner Schule, was ich gerne mache, ob ich schonmal Fußball gespielt habe und so weiter. Die Erwachsenen sind danach kurz mit meiner Mutter ins Vereinsheim gegangen, um alles Wichtige zu besprechen und mein Vater ist mit mir und den dreien aus der D-Jugend zum Platz gegangen, um schonmal ein bisschen zu spielen.</p>
<p>Nach einer halben Stunde fing dann das richtige Training an. Alle anderen Kinder aus der F-Jugend kamen auf das Gelände und haben sich mir und meinen Eltern kurz vorgestellt. Dann kamen die Trainerin und der Trainer mit der Sozialpädagogin aufs Feld und wir haben erstmal alle von unserer letzten Woche erzählt, wie es so in der Schule läuft und sowas. Ein Junge, Rafael hieß er, hat erzählt, dass sein Hamster gestorben ist und musste weinen. Wir anderen haben dann überlegt, was wir tun könnten, um ihn aufzumuntern und haben entschieden, dass er sich nachher im Trainingsspiel aussuchen darf, auf welcher Position er heute spielen möchte. Das hat ihn gefreut und er war schnell wieder auf anderen Gedanken.</p>
<p>Danach sind wir zum Aufwärmen ein paar Runden um den Platz gelaufen. Die Regel war, alle so lange wie sie können und dann noch eine Runde mehr. Ich weiß noch, dass ich als erstes nicht mehr konnte, da kam ein Vertrauensspieler zu mir und ist einfach ein bisschen mit mir mitgelaufen und hat mir was über sein erstes Training erzählt. Das fand ich so spannend, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie ich noch zwei Runden weitergelaufen bin. Nach dem Laufen haben wir uns gedehnt und dann angefangen mit Abschlusstraining. Also die Torhüterin stand im Tor und wir haben nacheinander geschossen, bis wir müde waren. Dann gab es eine kurze Pause, in der wir machen durften, was wir wollen. Ich habe viel mit Nadia geredet, wir haben uns total gut verstanden und am Ende noch Pokémonkarten getauscht. Meine Eltern hatte ich, glaube ich zu dem Zeitpunkt schon fast vergessen.</p>
<p>Nach der Pause haben wir ein richtiges Trainingsspiel gespielt. Allen wurden ihre Positionen zugelost, nur Rafael durfte sich seine Position aussuchen. Er hat Linksaußen gespielt. Das Spiel hat total Spaß gemacht. Ich war in der Innenverteidigung. Immer wenn es ein Foul gab, wurde sich hochgeholfen und entschuldigt, das fand ich toll.</p>
<p>Nach dem Training konnten wir im Vereinshaus duschen und uns umziehen. Der Trainer hat mich gefragt, in welche Umkleidekabine ich möchte. Da bin ich dann zu den Jungs gegangen.</p>
<p>„Wie schön.“, sage ich, als ich den Motor ausmache und mich abschnalle, „darf ich die Geschichte weitererzählen?“. Das Kind schaut mich an. „Warum willst du sie weitererzählen?“, fragt es. „Weißt du, ich habe auch mal Fußball gespielt. Hier, in unserer Welt, in unserem Berlin.“, ich steige aus und öffne seine Tür, „wir sind da, komm.“. Schweigend betreten wir die abgebrannte Bankfiliale. Das Dimensionsportal schwebt noch immer stumm in der hintersten Ecke, dort, wo mal der Kontoauszugdrucker stand. Ich merke, wie ich das noch immer witzig finde. „War dein Fußballverein nicht schön?“, fragt das Kind. „Nein“, sage ich, „Ich war Torwart und immer, wenn wir in einem Spiel ein Tor kassiert haben, hat mein Trainer mich angeschrien. Er ist richtig rot geworden dabei und hat so pulsierende, blaue Adern bekommen, hier am Hals“, ich deute auf meine Halsschlagader. „Das ist ja scheiße.“, sagt das Kind und mir fällt auf, wie recht es damit hat. „Es gab einen Spieler bei uns“, erzähle ich weiter, „von dem wussten wir, dass er zuhause geschlagen wird, wenn wir verlieren.“. Das Kind schweigt. Es scheint plötzlich sehr schnell in seine Welt zurückzuwollen. „Hast du trotzdem immer weitergespielt?“ fragt es schließlich. Ich nicke. „Warum?“ fragt es. „Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich hatte gedacht, es wäre irgendwie richtig so und dass ich mich nur dran gewöhnen müsse. Ich muss einfach besser werden, keine Tore mehr kassieren, dann werde ich nicht mehr angebrüllt und niemand wird geschlagen, weil wir verlieren. Das habe ich gedacht.“. „Aber“, sagt das Kind erstaunt und schaut mich an, „das macht dann doch gar keinen Spaß.“. „Das stimmt.“, sage ich und muss lächeln. „Los, rein mit dir, dann schaffst du es zum Abendessen noch nach Hause.“. Das Kind geht langsam zum Portal. Kurz bevor es hindurch steigt, dreht es sich zu mir um, lächelt kurz und winkt. Ich winke zurück. „Kannst mich ja irgendwann mal besuchen, wenn du magst und mir mehr von deiner Welt erzählen.“, sage ich. Das Kind nickt. Dann macht es einen Schritt und ist verschwunden.</p>
<p><strong>Mehr dazu:</strong></p>
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<li>Einige andere Autor*innen haben sich auch schon mit dem Thema Männlichkeit auseinandergesetzt. <a href="https://www.meintestgelaende.de/?s=Männlichkeit" target="_blank" rel="noopener"><strong>Hier geht es zu ihren Texten</strong></a>.</li>
</ul>
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