Das Kind aus einer anderen Welt und sein erstes Fußballtraining

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Markus Kröger / Unsplash

Wir freuen uns, einen neuen Autoren auf meinTestgelände begrüßen zu dürfen: Anton August Dudda! So stellt er sich selbst vor: „Ich bin Anton, studiere Szenisches Schreiben an der UdK in Berlin und habe in meinen früheren Twenties einen Bachelor in Philosophie gemacht. Hier versuche ich, über das Teilen von Erfahrungen und spekulatives Erzählen an so etwas wie einer positiven Vision von Maskulinität zu forschen.“ Und jetzt wünschen wir euch viel Spaß mit seinem ersten Text:  

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen abgefahren, aber ich glaube ehrlich gesagt, das macht nichts. Jedenfalls ist vor einiger Zeit eine Bankfiliale bei uns in der Stadt abgebrannt. Nicht ganz so bis auf die Grundmauern, aber schon so, dass die Bank dort mit Sack und Pack ausziehen musste und das Gebäude dann leer stand. Ich war damals auf der Suche nach einem Ort für meine Experimente mit Tachyonen-Teilchen und fand es praktisch und auch irgendwie witzig, in einer ehemaligen Bankfiliale an Dimensionslöchern zu forschen, also brachte ich mein Zeug einfach dort hinein und baute mein Labor auf. Lange Rede kurzer Sinn, ich weiß nicht genau wie es passieren konnte, aber jetzt steht ein Kind vor meiner Tür, so ungefähr 12 Jahre alt und fragt mich, ob ich der Typ bin, der das Portal gebaut hat, durch dass es grade in diese Welt gefallen ist. „Das Portal in der Bank meinst du?“ frage ich, „ja, der bin ich“. Vor lauter Erstaunen vergesse ich, begeistert zu sein, dass meine jahrelangen Forschungen offenbar zu einem Ergebnis geführt haben, auch wenn dieses Ergebnis klein, schmächtig und dunkelblond ist, ein rotes Fußballoutfit trägt und ich noch so überhaupt nicht weiß, was ich davon halten soll. „Es ist schön hier, aber ich habe auch ein bisschen Angst“, sagt das Kind. „Wie hast du mich gefunden?“, frage ich, „Das Portal ist doch ganz schön weit weg.“. Das Kind holt eine meiner Visitenkarten aus seiner Trikottasche. „Das hier lag in dem kaputten Gebäude. Ich habe eine Frau gefragt, wie ich zu dieser Adresse komme, dann hat sie mich mit ihrem Auto hierher gefahren.“. Ich nehme dem Kind verwundert die Karte ab und hole meine Schlüssel. „Komm, ich bring dich zurück. Das Portal muss vermutlich nur einige Zeit aufladen, damit man wieder hindurch kann.“. Einige Minuten später sitzen wir in meinem Auto und ich überlege fieberhaft, was ich fragen könnte. Woher kommt es? Aus der Zukunft? Einer anderen Dimension? Es sieht eigentlich ganz gewöhnlich aus. „Ist was?“, fragt es, als es meine Neugierde bemerkt. „Sorry, ich würde nur gerne so viel von dir wissen und ich bin mir nicht sicher, wo ich anfangen soll.“. Das Kind zuckt mit den Schultern. Dann beschließe ich, einfach das erste zu fragen, was mir in den Sinn kommt. „Du spielst Fußball, oder?“, das Kind nickt. „Erzählst du mir, wie es war, als du zum ersten Mal zum Training gegangen bist?“. 

Und das hier ist, was das Kind mir erzählte:

Ich habe mit acht angefangen Fußball zu spielen, also in der F-Jugend. Meine Eltern haben lange mit mir zusammen überlegt, welcher Verein für mich gut wäre und wir waren bei einigen Orientierungsveranstaltungen. Ich habe mich dann für den FC Nordstadt entschieden, weil ich den Platz so schön fand. Als ich bei meinem ersten Fußballtraining mit meinen Eltern auf das Vereinsgelände kam, hat uns zuerst das Team begrüßt. Die Trainerin und der Trainer haben sich vorgestellt, danach die Sozialpädagogin und ihr Assistent, dann der Diversitybeauftragte und am Schluss die drei Vertrauensspielerinnen und -spieler aus der D-Jugend. Alle waren sehr nett zu mir und haben mir total spannende Fragen gestellt zu meiner Schule, was ich gerne mache, ob ich schonmal Fußball gespielt habe und so weiter. Die Erwachsenen sind danach kurz mit meiner Mutter ins Vereinsheim gegangen, um alles Wichtige zu besprechen und mein Vater ist mit mir und den dreien aus der D-Jugend zum Platz gegangen, um schonmal ein bisschen zu spielen.

Nach einer halben Stunde fing dann das richtige Training an. Alle anderen Kinder aus der F-Jugend kamen auf das Gelände und haben sich mir und meinen Eltern kurz vorgestellt. Dann kamen die Trainerin und der Trainer mit der Sozialpädagogin aufs Feld und wir haben erstmal alle von unserer letzten Woche erzählt, wie es so in der Schule läuft und sowas. Ein Junge, Rafael hieß er, hat erzählt, dass sein Hamster gestorben ist und musste weinen. Wir anderen haben dann überlegt, was wir tun könnten, um ihn aufzumuntern und haben entschieden, dass er sich nachher im Trainingsspiel aussuchen darf, auf welcher Position er heute spielen möchte. Das hat ihn gefreut und er war schnell wieder auf anderen Gedanken.

Danach sind wir zum Aufwärmen ein paar Runden um den Platz gelaufen. Die Regel war, alle so lange wie sie können und dann noch eine Runde mehr. Ich weiß noch, dass ich als erstes nicht mehr konnte, da kam ein Vertrauensspieler zu mir und ist einfach ein bisschen mit mir mitgelaufen und hat mir was über sein erstes Training erzählt. Das fand ich so spannend, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie ich noch zwei Runden weitergelaufen bin. Nach dem Laufen haben wir uns gedehnt und dann angefangen mit Abschlusstraining. Also die Torhüterin stand im Tor und wir haben nacheinander geschossen, bis wir müde waren. Dann gab es eine kurze Pause, in der wir machen durften, was wir wollen. Ich habe viel mit Nadia geredet, wir haben uns total gut verstanden und am Ende noch Pokémonkarten getauscht. Meine Eltern hatte ich, glaube ich zu dem Zeitpunkt schon fast vergessen.

Nach der Pause haben wir ein richtiges Trainingsspiel gespielt. Allen wurden ihre Positionen zugelost, nur Rafael durfte sich seine Position aussuchen. Er hat Linksaußen gespielt. Das Spiel hat total Spaß gemacht. Ich war in der Innenverteidigung. Immer wenn es ein Foul gab, wurde sich hochgeholfen und entschuldigt, das fand ich toll.

Nach dem Training konnten wir im Vereinshaus duschen und uns umziehen. Der Trainer hat mich gefragt, in welche Umkleidekabine ich möchte. Da bin ich dann zu den Jungs gegangen.

„Wie schön.“, sage ich, als ich den Motor ausmache und mich abschnalle, „darf ich die Geschichte weitererzählen?“. Das Kind schaut mich an. „Warum willst du sie weitererzählen?“, fragt es. „Weißt du, ich habe auch mal Fußball gespielt. Hier, in unserer Welt, in unserem Berlin.“, ich steige aus und öffne seine Tür, „wir sind da, komm.“. Schweigend betreten wir die abgebrannte Bankfiliale. Das Dimensionsportal schwebt noch immer stumm in der hintersten Ecke, dort, wo mal der Kontoauszugdrucker stand. Ich merke, wie ich das noch immer witzig finde. „War dein Fußballverein nicht schön?“, fragt das Kind. „Nein“, sage ich, „Ich war Torwart und immer, wenn wir in einem Spiel ein Tor kassiert haben, hat mein Trainer mich angeschrien. Er ist richtig rot geworden dabei und hat so pulsierende, blaue Adern bekommen, hier am Hals“, ich deute auf meine Halsschlagader. „Das ist ja scheiße.“, sagt das Kind und mir fällt auf, wie recht es damit hat. „Es gab einen Spieler bei uns“, erzähle ich weiter, „von dem wussten wir, dass er zuhause geschlagen wird, wenn wir verlieren.“. Das Kind schweigt. Es scheint plötzlich sehr schnell in seine Welt zurückzuwollen. „Hast du trotzdem immer weitergespielt?“ fragt es schließlich. Ich nicke. „Warum?“ fragt es. „Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich hatte gedacht, es wäre irgendwie richtig so und dass ich mich nur dran gewöhnen müsse. Ich muss einfach besser werden, keine Tore mehr kassieren, dann werde ich nicht mehr angebrüllt und niemand wird geschlagen, weil wir verlieren. Das habe ich gedacht.“. „Aber“, sagt das Kind erstaunt und schaut mich an, „das macht dann doch gar keinen Spaß.“. „Das stimmt.“, sage ich und muss lächeln. „Los, rein mit dir, dann schaffst du es zum Abendessen noch nach Hause.“. Das Kind geht langsam zum Portal. Kurz bevor es hindurch steigt, dreht es sich zu mir um, lächelt kurz und winkt. Ich winke zurück. „Kannst mich ja irgendwann mal besuchen, wenn du magst und mir mehr von deiner Welt erzählen.“, sage ich. Das Kind nickt. Dann macht es einen Schritt und ist verschwunden.

Mehr dazu:

Ich bin Anton, studiere Szenisches Schreiben an der UdK in Berlin und habe in meinen früheren Twenties einen Bachelor in Philosophie gemacht. Hier versuche ich, über das Teilen von Erfahrungen und spekulatives Erzählen, an so etwas wie einer positiven Vision von Maskulinität zu forschen.

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