Während die Politik über ‚Kriegstüchtigkeit‘ philosophiert, kämpft eine Generation gegen Einsamkeit und chronische Machtlosigkeit. Ein Plädoyer gegen die Vorherrschaft der Alten und für ein längst überfälliges Wahlrecht ab 16.
An meinem 16. Geburtstag kotzte ich eine Flasche Pfefferminzlikör einsam aus meinem Kinderzimmer-Fenster. Dank Corona waren meine Freunde nur im Voice-Chat dabei. Für zukünftige Generationen heißt es bald: „Happy Birthday zum 18.! Wie wär’s: Abi-Fahrt an die Ostfront?“
Friedrich Merz will auch nur das Beste für die Zukunft Deutschlands. Demokratische Parteien haben keine Lust auf Krieg und die Corona-Pandemie ist kein Geheimplan der Eliten. Na und? Das macht das Leben für Jugendliche nicht leichter. Es braucht einen Plan.
Doch von vorne: Spätestens seit Corona geht es der Jugend schlecht. Vereinsamt versuchen junge Menschen auf nur selten funktionierenden Schul-Plattformen ihre Hausaufgaben abzugeben. Auf der Suche nach einer Zukunft werden sie in einer zunehmend zertrümmerten Welt aber nicht fündig. In der Shell Jugendstudie gaben ungefähr 70% der jungen Menschen an, Zukunftsängste oder Angst vor Armut zu haben. Mehr als die Hälfte junger Menschen fühlt sich laut Bertelsmann Stiftung gleichzeitig von Einsamkeit betroffen. Bei beiden Zahlen ist die Tendenz steigend.
Und wie steht es um Besserung? Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine geht ins vierte Jahr. Der Nahostkonflikt ist weit entfernt von einer Lösung und jüngst hat sich Donald Trump dazu entschlossen, Soldat*innen aus Deutschland abzuziehen. Und das nur, weil Merz zuvor zaghafte Widerworte erhoben hatte. Wenn die Bundeswehr in den nächsten Jahren von alleine nicht verteidigungsfähig wird, dann droht bald wieder eine konsequente Wehrpflicht ab 18 Jahren.
Nun kann man natürlich auf die da oben schimpfen. Realistisch betrachtet sind die Probleme der Welt allerdings komplexer. Irgendwie muss die drittstärkste Wirtschaftsmacht der Welt auf die um sich greifenden Kriege schließlich reagieren. Ob mit Wehrpflicht oder mit Diplomatie. Egal, wie man es sieht: Über konkrete Lösungen zu diskutieren und Verständnis für alle Seiten aufzubringen, tut am Ende immer gut.
Doch trotz aller Diplomatie, aller Neutralität und aller politischen Mitte kann kein*e Demokrat*in behaupten, es gehe gerecht zu. Denn eine Gruppe wird in Deutschland in jedem Diskurs zum Opfer: Die Jugend. Und die darf nicht mal wählen.
Es ist einfach frustrierend. Immer wieder dürfen Jugendliche die Wahlentscheidung der Alten ausbaden. Kein 14-Jähriger hatte 2020 Mitspracherecht, als die Regierung die Schulen schloss und eine Ausgangssperre verhängte. Kein frisch gebackener 18-Jähriger hatte Mitspracherecht bei der Wehrpflicht. Kein*e Minderjährige*r kann die gleiche Verantwortung für die Gegenwart tragen, wie ein*e Erwachsene*r. Und trotz dieses sowieso schon ungerechten Machtverhältnisses schließt die Verfassung die Jugend vor Wahlen aus. Nicht mal 16-Jährigen gewährt der Staat ein Wahlrecht.
Und wenn ein Friedrich Merz am Anfang dieses Kommentars womöglich aufgeatmet hat, dann zu Unrecht: Kaum eine Partei wehrt sich gegen jugendliche Stimmen so sehr wie die CDU. Vielleicht, weil sie bei 18-24-Jährigen bei der letzten Bundestagswahl nur 13% erntete. SPD und Grüne waren beide schwächer und haben sich in der Vergangenheit vermehrt für eine Altersabsenkung eingesetzt. Im Koalitionsvertrag der CDU und SPD soll das Wahlrecht ab 16 dank der SPD zwar „geprüft werden“, eine Umsetzung ist allerdings nicht in Aussicht.
Dazu gäbe es ja die Möglichkeit, die Jugend auf irgendeine andere Art zu entlasten. Aber nein: Das Deutschlandticket wurde Anfang 2026 teurer, das ach so tolle Sondervermögen für Infrastruktur geht nur zu einem Bruchteil in Bildung und statt über einen Umgang mit sozialen Medien diskutieren alte weiße Männer bei Markus Lanz über ein Social Media Verbot für Minderjährige.
In einem Heute-Show Interview vor sieben Jahren sagte FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann zur Wehrpflicht spaßeshalber: „Also wenn nichts mehr reicht, dann kommen Frauen 60+!“ Auf den ersten Blick lustig. Auf den zweiten Blick offenbart es aber, wie fern es vielen Politiker*innen liegt, die Jugend ernst zu nehmen.
Wer gegen ein Wahlrecht ab 16 aufgrund mangelnder Kompetenzen argumentiert, dürfte noch nie in einem Altersheim gewesen sein. Eine politische Diskussion mit meinen Großeltern reicht mir jedenfalls, um deren Wahlkompetenz einschätzen zu können. Da könnte man auch einen Grundschüler an die Urne schicken.
Dieses Jahr wird meine kleine Schwester 18. Und auch, wenn sie aufgrund absurder Geschlechtskategorien von einer Wehrpflicht nicht betroffen wäre — welche Diskussionen führen wir hier eigentlich? — möchte ich nicht, dass sie einsam eine Flasche Pfefferminzlikör aus dem Fenster kotzt und beim ersten Mal wählen die Entscheidung zwischen Pest oder Cholera hat. Oder noch schlimmer: West- oder Ostfront.




