Wenn ich an meinen Opa denke

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(c) Franz Jachim:  forest  (CC BY-NC-ND 2.0)

Für meinen besten Freund

Als ich ein Kind war, war er mein großes Vorbild, eine enge Bezugsperson, zu der ich regelmäßig Kontakt hatte. Wenn ich an ihn denke, fallen mir zuerst seine großen, warmen Hände ein. Als ich im Kindergarten war, wollte ich oft auch im Winter keine Handschuhe tragen. Manchmal krempelte ich mir sogar die Ärmel vom Schneeanzug hoch, um den Schnee richtig formen, um mit den Schneebällen richtig zielen zu können. Wenn ich dann abends von der Schneeballschlacht nach Hause kam, waren meine Finger feuerrot und eiskalt. Richtig weh taten sie und bewegen konnte ich sie kaum noch.

Er saß auf dem Sofa im Wohnzimmer, gegenüber von der Tür. Meist trug er ein kariertes Hemd, eine braune Hose und schwarze Hausschuhe. Er nahm mich hoch und zog mich auf seinen Schoß. Ich kuschelte mich an ihn. Dann nahm er meine kleinen, kalten Hände zwischen seine riesengroßen Pranken und fing an, so lange warme Luft hinein zu pusten, bis meine Hände wieder warm waren. Meist roch er nach Bier.

Früher, bevor ich geboren wurde und nachdem er von der Front zurückgekehrt war, war er Gärtner gewesen und das bekam auch ich zu spüren. Im Frühjahr, wenn die ersten Sonnenstrahlen begannen, die Erde zu wärmen und die Bäume und Blumen sprießen ließen, wurde er aktiv. Er kaufte Samen und Erde und begann eifrig, den Balkon zu bepflanzen. Ich durfte aussuchen, ob ich lieber Stiefmütterchen anschauen oder später dann Tomaten ernten wollte. Er erklärte mir, was die einzelnen Pflanzen brauchten, um gut wachsen zu können. Er zeigte mir die Formen und Farben der unterschiedlichen Blätter, die die Bäume tragen. Wir sammelten sie und pressten sie in Büchern, bis sie trocken waren, um sie dann später aufzukleben.

Auch Insekten mochte er sehr. Zum Geburtstag schenkte er mir einmal ein kleines Glas mit einem roten Deckel, zu dem eine grüne Lupe gehörte. Gemeinsam zogen wir los, in die Natur. Wir sammelten Marienkäfer, Kellerasseln und Grashüpfer und schauten sie uns unter der Lupe an. Mir gefielen besonders Schnecken. Einmal sammelten wir zusammen über 50 Schnecken in einem großen Schuhkarton. Wir ließen sie Wettrennen machen und fütterten sie mit Salat und Blättern. Abends nahm ich den Karton mit nach Hause und stellte ihn auf den Balkon. Als ich am Morgen nach den Tieren sehen wollte, kam der Schock: Die Schnecken waren natürlich nicht in dem Schuhkarton geblieben, sondern hatten sich über den ganzen Balkon verteilt und sich in der Nacht über die Pflanzen hergemacht. Die Blätter der Stiefmütterchen zierten deutliche Bissspuren, und vor allem die Tomatenpflanzen hatten sehr gelitten. Ich hatte große Angst. Was würde mein Freund sagen? Schließlich hatte er sich mit dem Gärtnern so viel Mühe gegeben. Als er dann kam, war er zum Glück nicht wütend. Er half mir, die Schnecken einzusammeln und wir setzten sie gemeinsam vor dem Haus aus. Dann kümmerten wir uns um die Balkonpflanzen. Er lachte und erzählte an diesem Tag erstaunlich viel.

Ansonsten redete er nicht viel. Und er bewegte sich auch nicht viel. Meist saß er einfach still da, las oder schaute fern. Einmal, viel später, als ich schon kurz vor dem Abitur stand und mir gerade überlegte, welche Leistungskurse ich wählen wollte, saßen wir beim Essen. Es gab Hühnersuppe. Es war still. Plötzlich platze es aus ihm heraus: „Ich habe neun Menschen erschossen!“, sagte er. Ich brauchte etwas, um zu verstehen, dass er von seinen Einsätzen im zweiten Weltkrieg redete. Damals traute ich mich nicht, ihn weiter danach zu fragen. Wer waren diese Menschen? Und wie kam es dazu? Je älter mein er wurde, umso trauriger und stiller wurde er. Er weinte viel und ging immer weniger nach draußen in die Natur. Ich habe ihn nie danach gefragt, was da auf einmal mit ihm passiert war. Warum er so traurig war.

Damals, im Krieg, als auch meine Eltern noch nicht geboren waren, hatte die Frau, die er später heiratete, ein anderes Leben als er. So wie alle Frauen. Von ihr werde ich Sätze wie „Ich habe neun Menschen erschossen“, niemals hören. Sie musste nicht kämpfen. Es gehörte einfach nicht zu ihren Aufgaben. Sie musste kochen, putzen und sich um ihre sieben Geschwister kümmern. Die Schule schloss sie nicht ab. Er auch nicht. Ich frage mich, ob Er gern ein Mann war, in dieser Zeit des Krieges. Oder ob er vielleicht lieber die Socken der Geschwister gestopft, für alle gekocht und mit den kleinen Kindern gebastelt hätte. Ich weiß, dass er das gern mochte, aber die Wahl hatte er nicht. Oder ob das überhaupt eine Rolle gespielt hat.

Inzwischen ist mein Freund gestorben. Ich hätte ihn noch so viel Fragen, noch so viel mit ihm besprechen wollen. Doch dazu ist es nun zu spät. Was bleibt, ist die Erinnerung an seine warmen Hände, für mich Symbol von Schutz und Geborgenheit.

Ich bin Sarah, 1991 geboren, Bloggerin und Journalistin. Bei meinTestgelände schreibe ich für mehr Gerechtigkeit und Respekt und um mich auszutauschen.

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