Der Fall Gisèle Pelicot hat weltweit sichtbar gemacht, wie systematisch sexualisierte Gewalt sein kann. Ihr Ehemann betäubte und vergewaltigte sie über Jahre und überließ sie dazu auch anderen Männern. Urteile aus Müchen und Berlin zu vergleichbaren Fällen in diesem Jahr zeigen, wie tief sexualisierte Gewalt in patriarchalen Strukturen verankert ist und wie Täter sich gegenseitig bestärken, während Betroffene um Anerkennung und Gerechtigkeit kämpfen müssen.
Sexualisierte Gewalt ist kein Einzelfall
Ein zentrales Problem der gegenwärtigen patriarchalen Gesellschaft ist, dass Frauen* sexualisierte Gewalt oft alltäglich erfahren müssen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit etwa jede dritte Frau* in ihrem Leben bereits physische und/oder sexualisierte Gewalt durch (Ex-)Partner*innen oder andere Personen erlebt hat.
Der Fall Gisèle Pelicot: Ein jahrelanger Missbrauch
Ein aktuelles Beispiel für das Ausmaß, welches diese sexualisierte Gewalt annehmen kann, ist der Fall von Gisèle Pelicot. Sie wurde fast ein Jahrzehnt lang von ihrem Ehemann Dominique Pelicot betäubt und von ihm und vermutlich rund 80 weiteren Männern vergewaltigt. Sie selbst blieb aufgrund der Betäubung unwissend über diesen Missbrauch. Der Prozess im Fall Pelicot fand zwischen dem 2. September und dem 19. Dezember 2024 statt. Als Hauptangeklagter galt Gisèle Pelicots Ehemann, der als Initiator und Organisator der Taten verantwortlich gemacht wurde. Lediglich 51 der Mittäter konnten identifiziert und mitangeklagt werden. Dominique Pelicot wurde nach einem Geständnis zu 20 Jahren Haft verurteilt, während die anderen Mitangeklagten Haftstrafen von drei bis 15 Jahren erhielten. Viele leugneten ihre Taten oder suggerierten, Gisèle Pelicot habe der sexuellen Handlung zugestimmt, weshalb es sich nicht um Vergewaltigungen handeln würde.
Dominique Pelicot wurde bereits 2010 und erneut 2020 dabei ertappt, wie er in einem Supermarkt Frauen heimlich unter die Röcke fotografierte, sogenanntes „Upskirting“. Da es sich um einen Wiederholungsfall handelte, wurde ein psychiatrisches Gutachten angeordnet, in dessen Folge die Strafverfolgungsbehörden seine Wohnung durchsuchten. Auf seinem Computer fanden sie Tausende Bilder und Videos, die sexuelle Übergriffe, Vergewaltigungen sowie das Betäuben seiner damaligen Frau dokumentierten. Auf dieser Grundlage nahmen die Ermittlungsbehörden weitere Untersuchungen auf und konfrontierten Gisèle Pelicot mit dem Material, von dessen Existenz sie bis dahin nichts gewusst hatte.
Obwohl keiner der Angeklagten bestreiten konnte, dass Gisèle Pelicot bewusstlos war, als sie vergewaltigt wurde, gaben nur wenige die Tat zu. Einige traten im Gerichtssaal provokant auf, machten obszöne Gesten oder wiesen die Vorwürfe zurück. Aussagen wie „Ich war das nicht, sie hat mich provoziert, ich bin nicht gewalttätig, ich greife keine Frauen an“ oder „Ich wusste von nichts, ihr Ehemann hat alles organisiert, ich habe nicht gemerkt, dass sie bewusstlos war“ dienten als wiederkehrende Entschuldigungen.
Am 19. Dezember 2024 wurden alle Angeklagten schuldig gesprochen. Trotz umfangreicher Beweislast fielen die Strafen geringer aus, als die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Das Gericht unterschied im Strafmaß zwischen der Häufigkeit, mit der die Männer an der Tat teilnahmen. Die niedrigste Strafe betrug drei Jahre Haft wegen sexueller Übergriffe, die höchste 15 Jahre Haft wegen wiederholter Vergewaltigung von Gisèle Pelicot. Sechs der Verurteilten sind bereits wieder auf freiem Fuß, und 17 haben Rechtsmittel gegen das Urteil eingelegt. Dominique Pelicot wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt, unter anderem wegen Verabreichens von Drogen, der eigenen Vergewaltigung und des „Vergewaltigenlassens“ seiner Ex-Frau sowie des Filmens dieser Taten und der heimlichen Anfertigung und des Besitzes von Aufnahmen seiner Tochter und Stieftöchter.
Sexualisierte Gewalt ist strukturell
Was Gisèle Pelicot widerfahren ist, wirkt erschreckend, grausam und abstoßend. Wie Manon Garcia in ihrer Auseinandersetzung mit dem Fall mit dem Titel „Mit Männern leben“ schreibt, handelt es sich jedoch keineswegs um einzigartige Vorfälle, sondern ist Teil gängiger Methoden chemischer Unterwerfung von Frauen*. Jede Frau* weiß, dass sie ihr Getränk im Club niemals unbeaufsichtigt lassen sollte, man könnte ihr ja etwas reinmischen. Männer machen häufig keinen Halt davor, wenn eine Frau* nicht mit ihnen nach Hause gehen möchte. Sie nutzen chemische Mittel wie Drogen, um Frauen* gefügig zu machen, um sich von ihnen zu nehmen, was sie sonst vielleicht so freiwillig nicht hergeben würden: ihren Körper. Im Fall Pelicot passierte dies nur nicht im Club durch einen fremden Mann, sondern durch den eigenen Ehemann, in den eigenen vier Wänden.
Leider werden Täter bis heute von Institutionen geschützt. Selbst verurteilte Sexualstraftäter können, wie im Fall des US-Präsidenten, hohe Ämter bekleiden. Die Epstein-Akten zeigen, wie systematisch Täter*innen oft straffrei davonkommen.6 Immer noch wird Frauen*, wenn sie Opfer von sexueller Gewalt werden, vorgeworfen: „Sie war zu aufreizend gekleidet“, „Sie ist freiwillig mit ihm nach Hause gefahren“ oder „Sie hat es provoziert“. All dies sind gängige Narrative der Täter-Opfer-Umkehr und verdeutlichen die Normalisierung sexueller Gewalt, gestützt durch ein patriarchales Rechtssystem.
Die Scham muss die Seite wechseln
Gisèle Pelicot versucht, durch die öffentliche Aufmerksamkeit, die ihr Prozess erhalten hat, gegen dieses Narrativ anzukämpfen. Um es mit ihren Worten zu sagen: Die Scham muss endlich die Seite wechseln! Sexuelle Gewalt ist längst nicht mehr nur in körperlichen Übergriffen präsent, sondern äußert sich strukturell in alltäglichen Beziehungen, Institutionen und kulturellen Darstellungen.
International wurde der Prozess als exemplarisches Beispiel für anhaltende Rape Culture post-#MeToo interpretiert, mit Forderungen nach einer einheitlichen, Consent-basierten Vergewaltigungsdefinition, die leider bis heute in vielen Rechtssystemen fehlt. Ohne eine grundlegende Justizreform sind weitere Fälle wie der Pelicot-Fall kaum zu verhindern, wenn die Strafen auf Nachahmungstäter wenig abschreckend wirken.




