AI-Beziehungen zwischen Einsamkeit, Kontrolle und Misogynie

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Cash Macanaya  

KI-Beziehungen versprechen Nähe, Aufmerksamkeit und ein*e Partner*in, die*der sich den eigenen Wünschen anpasst. Doch was passiert, wenn künstliche Intimität auf Einsamkeit, traditionelle Geschlechterbilder und frauenfeindliche Ideologien trifft? Phuong schreibt über AI-Beziehungen, Kontrolle und die Frage, wie sie unsere Vorstellungen von Liebe und Partnerschaft beeinflussen.

Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (KI) ist AI zu einem festen Bestandteil unseres Alltags geworden – mit all ihren Chancen und Gefahren. So wie ein Leben ohne Social Media und YouTube kaum vorstellbar ist, ist auch ein Leben ohne Large Language Models (LLM) wie ChatGPT, Claude oder Perplexity kaum vorstellbar.

Die Entwicklung dieser Technologien schreitet rasant voran. AI-Bots formulieren längst nicht mehr nur E-Mails, unterstützen bei der Recherche, erstellen Trainingspläne oder helfen bei Entscheidungen. Sie haben inzwischen auch eine emotionale Dimension in unserem Leben erreicht: Menschen verlieben sich in sie und führen sogenannte AI-Beziehungen. Was zunächst ein Meme war oder wie eine dystopische Zukunftsversion erschien, wie sie etwa im Film „Her“ und in der Serie „Black Mirror“ dargestellt wird, ist mittlerweile Teil unserer gesellschaftlichen Realität.

Dabei passen sich nicht nur die Chatbots an die Bedürfnisse der Nutzer*innen an. Wir Menschen tragen maßgeblich dazu bei, indem wir ihnen unsere intimsten Gedanken und emotionalen Erwartungen anvertrauen und sie mit unseren Daten trainieren. Wir schreiben diesen Systemen menschliche Eigenschaften zu und beziehen sie zunehmend in unsere emotionale Welt ein.

AI-Beziehungen werden immer sichtbarer und gesellschaftlich zunehmend normalisiert. Die Nachfrage ist groß, und der Markt bietet zahlreiche Anwendungen, mit denen sich AI girlfriends und AI boyfriends nach den eigenen Vorstellungen gestalten lassen. Nutzer*innen können virtuelle Beziehungspersonen erschaffen, die von Celebrity Crushes und Pornostars über Anime-Figuren bis hin zu Menschen aus dem eigenen Umfeld reichen. Die Grenzen dessen, was sich digital nachbilden und simulieren lässt, verschieben sich damit zunehmend.

Doch was passiert, wenn AI auf traditionelle Geschlechternormen trifft und AI-Beziehungen sexistische und misogyne Vorstellungen nicht nur widerspiegeln, sondern möglicherweise fördern?

Ich fühle mich einsam (epidemic loneliness)

Einsamkeit ist längst nicht mehr nur ein individuelles Problem, sondern wird zunehmend als kollektive Erfahrung diskutiert. Studien belegen, dass Menschen soziale Isolation erleben, Schwierigkeiten haben, Beziehungen aufzubauen und langfristig aufrechtzuerhalten, oder durch neue Jobs, Umzüge, veränderte Lebensumstände und Digitalisierung den Anschluss an ihr soziales Umfeld verlieren. Besonders die Einsamkeit von Männern rückt dabei in den Fokus. Wenn emotionale Bedürfnisse unausgesprochen bleiben, toxische Vorstellungen von Männlichkeit sich manifestieren und es an sozialen Beziehungen oder Möglichkeiten zum offenen Austausch fehlt, können sich manche (junge) Männer in Online-Communities zurückziehen, in denen Frustration und Einsamkeit in frauenfeindliche Ideologien umschlagen. In bestimmten Teilen der sogenannten Incel-Community und der Manosphere werden persönliche Zurückweisung und gesellschaftliche Unsicherheit auf Frauen projiziert und zur Rechtfertigung misogynen Denkens und sogar von Femiziden genutzt.

Vor diesem Hintergrund werden AI-Beziehungen zunehmend als mögliche Antwort auf Einsamkeit vermarktet. Statt lediglich als technologische Experimente zu gelten, die ausloten, wie weit sich menschliche Interaktionen simulieren lassen, werden AI-Companions als jederzeit verfügbare Begleitung und potenzielle Lösung für unerfüllte emotionale Bedürfnisse und das Bedürfnis nach Kontrolle präsentiert. Die Nachfrage ist groß, und der Markt wächst mit einer Vielzahl von Apps und individualisierten virtuellen Beziehungspersonen.

AI-Beziehungen machen dabei nicht nur unerfüllte emotionale Bedürfnisse und Vulnerabilität zu einem Geschäftsmodell, sondern werfen auch Fragen nach dem Schutz persönlicher Daten auf. Die Sehnsucht nach Nähe, Anerkennung und Liebe wird zunehmend kommerzialisiert: Unternehmen profitieren davon, wenn Nutzer*innen emotionale Bindungen zu ihren virtuellen Beziehungspersonen aufbauen und von ihnen abhängig werden.

Liebe mich, so wie ich es möchte

Das Bedürfnis und Verlangen nach Liebe, Zugehörigkeit und Anerkennung ist zutiefst menschlich. Wir alle möchten gesehen, begehrt, verstanden, geliebt und gehalten werden. AI-Beziehungen knüpfen an diese Bedürfnisse an und versprechen eine Form von Nähe, die jederzeit verfügbar und kontrollierbar ist und sich den eigenen Vorstellungen anpassen lässt.

AI-Companions sind rund um die Uhr erreichbar, verfügbar, vorhersehbar und reagieren auf Abruf. Im Gegensatz zu menschlichen Beziehungen sind sie frei von sozialen Erwartungen und Normen, zwischenmenschlichen Konflikten, potenzieller Ablehnung sowie sozialer Ausgrenzung. AI ermöglicht es, eine eigene Realität zu erschaffen, in der Bedürfnisse und Fantasien ohne die sozialen Konsequenzen erkundet werden können – innerhalb der jeweiligen technischen und inhaltlichen Richtlinien der Plattform. Dabei geht es nicht allein um Einsamkeit, sondern vor allem um Kontrolle. Nutzer*innen können Aussehen, Alter, Geschlecht, Herkunft, Sexualität, Persönlichkeit, Charakter und Bindungstypen ihrer virtuellen Beziehungsperson festlegen. Sie bestimmen, wie diese mit ihnen spricht, wie häufig sie sich meldet und welche Reaktionen sie zeigt.

Die perfekte AI-Freundin

Wir haben alle eine Vorstellung davon, wie unsere Beziehungsperson sein sollte. Doch was passiert, wenn sich diese Wunschvorstellung im echten Leben nicht verwirklichen lässt und Technologie es ermöglicht, eine virtuelle Partnerin immer genauer an die eigenen Erwartungen oder darüber hinaus anzupassen?

AI-Technologien bieten allen, aber insbesondere jungen heterosexuellen Männern, die Möglichkeit, personalisierte AI-Freundinnen zu gestalten, die ihren individuellen Vorlieben und Überzeugungen entsprechen. AI girlfriends sind bedingungslos da, streiten nicht, widersprechen nicht und verhalten sich allein nach den Wünschen ihrer männlichen Nutzer. Was zunächst noch eine idealisierte emotionale Bindung zu AI war, nutzen Nutzer*innen inzwischen, um mit generativer AI pornografische Inhalte zu generieren.

Betroffene können unter anderem weibliche Prominente, aber auch Privatpersonen sein. Während nicht einvernehmliche Bilder bereits vor dem Aufkommen generativer KI ein Problem waren, kursieren seit dem Aufkommen von AI im Internet noch viel mehr Nacktbilder von Frauen. AI erleichtert die Erstellung und Verbreitung und vergrößert damit das Ausmaß des Missbrauchs.

Besonders besorgniserregend ist, dass solche Technologien auch in Online-Communities eingesetzt werden können, in denen Frauenfeindlichkeit, geschlechterbasierte Gewalt und sexuelle Demütigung bereits verbreitet sind.

Gefahren von AI girlfriends

Die Gestaltung und Vermarktung von AI girlfriends ist zunehmend hypersexualisiert. Plattformen wie SecretsAI, CivitAI und 4chan sind nur einige Beispiele für Plattformen, auf denen sich sexualisierte AI-Inhalte mit misogynen Überzeugungen und antifeministischen Narrativen überschneiden.

Die Plattform Grok von Elon Musk hat beispielsweise die Altersgrenze für Nutzer*innen auf 13 Jahre gesetzt. Das führt dazu, dass vor allem Jugendliche und sehr junge Menschen Zugang zu AI-Companions haben. Besonders problematisch ist der Umgang mit Altersgrenzen, sexuellen Inhalten und der Darstellung sexualisierter Gewalt. Wenn virtuelle Figuren ohne ausreichende Schutzmechanismen sexualisierte Szenarien mit Minderjährigen darstellen, wirft dies schwerwiegende Fragen des Kinder- und Jugendschutzes auf. In diesem Zusammenhang können auch Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder entstehen, die als Child Sexual Abuse Material (CSAM) bezeichnet werden.

Ein konkreter Prüfpunkt ist die AI-Freundin „Ani“ auf Grok, dem KI-Angebot des Unternehmens xAI. Im Zusammenhang mit der Figur wurden Bedenken hinsichtlich sexualisierter Interaktionen und des Jugendschutzes geäußert. Expert*innen haben durch das Testen von „Ani“ festgestellt, dass „Ani“ in sexuellen Rollenspielen interagiert, in denen sie sich als Kind beschreibt und sich sexuell erregt fühlt, wenn sie gewürgt wird – und das in dem Wissen, dass die Nutzer*in 13 Jahre alt ist.

Digitale Gewalt gegen Frauen existierte bereits vor AI und in vielfältigen Formen, darunter sexualisierte Belästigung, Vergewaltigungs- und Morddrohungen sowie die Verbreitung von Nacktbildern. Generative AI ermöglicht solche Formen von Gewalt und trägt dazu bei, dass sexuelle Gewalt in der virtuellen Welt normalisiert wird.

Besonders erschreckend ist die hohe Zahl an Jugendlichen, die AI girlfriends haben. Wenn sie in digitalen Räumen auf frauenfeindliche Ideologien treffen und zugleich lernen, virtuelle Partnerinnen als vollständig kontrollierbare Beziehungspersonen zu betrachten, besteht die Gefahr, dass sich problematische Vorstellungen von Frauen und Partnerschaft verfestigen und ins reale Leben übertragen.

Fazit

Künstliche Liebe und Intimität können menschliche Intimität simulieren, sind aber nicht mit einer wechselseitigen, komplexen menschlichen Beziehung gleichzusetzen. Vielmehr verzerren sie die Realitätswahrnehmung menschlicher Beziehungen. Sie schaffen eine Illusion von Reziprozität, indem Ton, Gefühle und Reaktionen individuell an die Bedürfnisse des Nutzers angepasst werden, sodass das Gefühl entsteht, eine echte, authentische Beziehung zu führen.

AI-Beziehungen sind eine personalisierte Echokammer, die darauf ausgelegt ist, das Interesse daran und die Interaktion damit aufrechtzuerhalten. Sie bestätigen Erwartungen und passen sich individuellen Vorlieben an, ohne jene Form von Eigenständigkeit und Gegenseitigkeit, Respekt, Erwartungen und Beziehungsarbeit vorauszusetzen, wie sie ein menschliches Gegenüber mit sich bringt. Daraus können unrealistische Erwartungen an reale Partnerschaften und Frauen entstehen, insbesondere wenn Widerspruch, Grenzen und die Autonomie der Frau zunehmend als störend empfunden werden.

Es wird deutlich, dass sich die Technologie schneller entwickelt, als gesellschaftliche Regeln, Schutzmechanismen und Regulierungsansätze vielerorts angepasst werden können.

Literatur und Nachweise

Phương (alle Pronomen) findet im Schreiben den Weg aus der Selbstsabotage hin zur Begegnungin zärtlicher Selbstfürsorge. Geboren im Jahr der Katze, unter der Sonne im Skorpion und im Element Wasser übt Phương sich im bedingungslosen Lieben und im Glauben. Künstlerischer Ausdruck unterstütztdie Komplexität, die Phương verkörpert, welche sich durch die multidimensionale Biografiein der (vietnamesischen) Diaspora und einem queeren trans Körper nährt.Schreiben ist eineForm des Loslassen, Zulassen, Verbinden und Atmen für Phương.