Von hier an nackt

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Unsere Autorin Fee ist am ersten Juliwochenende beim “Slutwalk München”, einer Demo gegen sexuelle Gewalt und Verharmlosung von Vergewaltigungen, mitgelaufen und hat dort einen starken neuen Text präsentiert. Diesen findet ihr heute auf meinTestgelände.de zum Nachlesen.

Alles Schlampen. Auch Mutti, du Hurensohn.
oder: Von hier an nackt. Aber das ist dir ja auch wieder nicht recht.

Was wir sind:
Schlampen. Billige Nutten. Huren. Sünderinnen. Eiskalte Verführerinnen.
oder:
Kinder. Prüde Nonnen. Unreife Früchte. Frustrierte Lesben. Hässlich.

Am Anfang war die Nacktheit,
dann hat Eva den verdammten Apfel gegessen.
Selber schuld.
Seitdem teilen wir uns in Huren oder Heilige,
unsere Körper gehören nicht uns.
Wir sind alle zu fett oder ungesund dünn.
Wenn wir uns morgens anziehen,
dann grundsätzlich falsch
und sowieso nicht für uns, sondern für die Gesellschaft.
Wer das ist?
Männer. Weiße, reiche Männer und alle, die so denken
oder nichts dagegen sagen.

Morgens halb zehn in Deutschland.
Ich trage eine enganliegende, hochgeschlossene Bluse und einen knielangen Rock.
Blicke auf meinen Brüsten,
bisher kein Kommentar.
Und das, obwohl ich Brüste habe.
Glück gehabt.

Unsere Röcke sind zu kurz, Ladies.
Wir verdienen es nicht besser.
Unsere Jeans sind zu eng, meine Damen.
Wir wollen es nicht anders.
Unsere Ausschnitte sind zu tief, Mädels.
Wir lassen den Tätern keine Wahl.
Ein Nein zu wenig, ein Schrei zu leise, ein Rock zu kurz,
eine Tür zu viel geschlossen,
einen Schluck zu tief ins Glas geschaut,
eine Nacht zu freiwillig mitgegangen,
keine Kratzspuren.
Du willst es doch auch.

Abends halb zehn in Deutschland.
Mein Kleid ist bodenlang, meine Schuhe haben Absätze.
Hände auf meinem Rücken,
bisher keine Vergewaltigung.
Und das, obwohl ich Ausschnitt trage.
Verdient hätte ich es ja, denkst du.

Was wir sind:
Schuld. Und zwar immer.
Was auch immer ich trage,
es wird kein Outfit geben, das dir ein Recht nimmt, das du gar nicht hast.
Wie auch immer ich rede,
es wird keine Andeutung geben, die du richtig verstehen könntest,
wenn du nicht zuhörst.
Wie auch immer ich mich bewege,
du wirst die Schuld, die ich nicht habe, niemals von mir nehmen.

Solange Täter bestimmen dürfen, wo die Grenzen liegen,
bleiben wir Opfer.

Das elfte Gebot: Du sollst ganz einfach nicht vergewaltigen.
Hat es leider nicht in den Verhaltenskodex geschafft.
Dafür ein Lexikon für Kleidung der Frauen,
denn Kleider machen Dirnen.
Und mit allem, was wir tragen, sagen wir etwas aus.
Genauer: Wir sagen: Du darfst!
Frauen meinen eh nie, was sie sagen,
Kein Grund auf ein Nein zu hören.
Woher sollte er es denn wissen?

Ist dein Rock zu kurz, bist du selber schuld.
Ist dein Rock zu lang, bist du religiöse Fanatistin.
Trägst du keinen Rock, ist es auch wieder nicht richtig.

Mittags, halb zwölf in Deutschland.
Ich bin nur kurz zum Einkaufen raus, ich trage Jogginghose, Pulli und Pickel.
Hände auf meinem Hintern, Körper an meinem Körper, Lippen in meinem Gesicht.
Bisher keine Erfüllung des Tatbestands.
Dabei sollte ich froh sein, so wie ich aussehe.
Nimm es doch als Kompliment.

Trägst du enge Jeans, darfst du dich nicht wundern.
Trägst du weite Jeans, kann man sich nur wundern.
Trägst du gar keine Hose, ist es auch nicht recht.

Eine Frage habe ich noch:
Wenn du heute Abend nicht vergewaltigt werden wolltest, warum hast du dich dann geschminkt?
Warum hast du nicht einfach all die Regeln beachtet, die man beachten muss, um sicher zu sein?
Wenn du nicht willst, dass man dir auf den Hintern fasst,
wieso hast du dann einen Hintern?
Wo soll ein Mann denn sonst hinstarren, wenn nicht auf deine Brüste, so groß wie die sind?
Für wen, mein Mädchen, hast du dich so hübsch gemacht,
doch nicht etwa für dich?
Wundere dich nicht, wenn Gewaltverbrechen geschehen!
Erschrick nicht, wenn dir keiner glaubt!
Tu nicht so unschuldig, wenn dir etwas passiert!

Ist deine Bluse zu hoch geschlossen, leidest du an Prüderie.
Ist deine Bluse zu weit offen, provozierst du Brüderle.
Hast du keine Bluse an, ist das auch nicht gut.

Denn alle Frauen sind Schlampen. Auch Mutti, du Hurensohn.

Irgendwo. Irgendwann in Deutschland.
Du trägst irgendwas oder nichts, das ist egal.
Jemand vergewaltigt dich.
Weil er ein Verbrecher ist.
Nicht, weil du getragen hast, was du getragen hast.
Nicht, weil es nachts war und du allein.
Nicht, weil du betrunken warst.
Nicht, weil du mit ihm geredet hast.
Nicht, weil du geschminkt warst oder Parfum aufgetragen hattest.
Er wird immer einen Grund finden.

Trägst du Kopftuch, signalisierst du: Du willst unterdrückt werden.
Trägst du offene Haare, signalisierst du: Du willst gefickt werden.
Trägst du Glatze, ist das auch wieder falsch.

Was wir sind: Frauen
und Männer, die nicht auf ihre Dominanz beharren.
Unsere Körper gehören uns nicht.
Wenn wir uns morgens anziehen,
dann grundsätzlich falsch.

Adam, warum hast du in den Apfel gebissen?
Weil Eva ihn dir gereicht hat.
Sag mir, Adam, waren es nicht deine Zähne, die ihn zerkauten?
Hat sich nicht dein Mund geöffnet, um ihn zu kosten?
Und war dir nicht das verboten?
Oh Eva, du dummes Flittchen!

Wir fragen nicht nach der Schuld, wir fragen nach der Verantwortung.
Und die tragen nicht die Kriegsopfer.
Wenn im Wald ein Baum umfällt und niemand hört es, habe ich keine Ahnung, ob er ein Geräusch gemacht hat.
Und ob es den Mond gibt, wenn keiner hinschaut, weiß ich nicht.
Aber wenn dir jemand etwas tut, dann ist das real, auch wenn du es nicht beweisen kannst
und auch nach 5 Jahren ist es immer noch passiert.

Was wir sind, wenn wir Opfer sind: Niemals schuld.
„Wenn Frauen sich anziehen wie Schlampen, sollten sie sich nicht wundern, wenn sie vergewaltigt werden.“
Doch, wir sollten uns wundern!
Wir sollten uns sogar wundern, wenn Schlampen vergewaltigt werden.
Es ist an der Zeit, sich zu wundern, was das für eine Welt ist, in der dem Opfer die Schuld zugeschoben wird.
in der wir Verhaltensregeln und Kleiderordnungen für Mädchen aufstellen, statt unseren Kindern beizubringen, dass körperliche Grenzen respektiert werden müssen und dass Vergewaltigungen immer falsch sind. Ich finde, wir sollten uns wundern!
Ich finde, wir sollten nicht unsere Unschuld an Verbrechen beweisen müssen, die an uns begangen werden.

Sich nach deinen Regeln zu kleiden, ist unmöglich.
Von jetzt an keine zu kurzen Röcke mehr!
Von jetzt an keine zu tiefen Ausschnitte mehr!
Von jetzt an keine religiösen Symbole mehr!
Von jetzt an: nackt.
Aber das ist dir ja auch nicht recht.

Was wir sind: Menschen. Mit Rechten.
Lasst uns anfangen, für diese Rechte zu kämpfen!

Ich bin Fee aus München und Poetry Slammerin. Bei meinTestgelände schreibe ich mit, weil ich mich unter anderem für genderspezifische, feministische Themen interessiere und dazu eine Meinung habe, mit der und über die ich gerne diskutiere.

Kommentare

  1. großartig! genauso ist es! du sagst es, wort für wort! und jetzt: muss es nur noch anders werden und geändert werden! danke für den text, der mir aus der nackten seele spricht

  2. Wow, ich bin beeindruckt!
    Herzlichen Dank für diesen guten Text!

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