Manchmal habe ich Angst um meinen Sohn

2015-12-10

Manchmal habe ich Angst um meinen Sohn. Wenn ich von Oury Jalloh, den „Döner-Morden“ oder Hakenkreuz-Schmierereien auf dem Auto einer türkischen Familie lese.

Manchmal habe ich Angst um meinen Sohn. Wenn ich Bilder von Demonstrationen sehe, auf denen Menschen, die sich als „besorgt“ bezeichnen „Ausländer raus!“ rufen.

Manchmal habe ich Angst um meinen Sohn. Wenn Freund*innen und Bekannte Sätze mit: „Ich bin ja kein Nazi, aber….“, beginnen.

Manchmal habe ich Angst um meinen Sohn. Wenn Menschen an uns vorbei gehen und ihn anstarren.

Manchmal habe ich Angst um meinen Sohn. Wenn Menschen blitzschnell die Hand ausstrecken und ihm über seine braunen Locken streicheln.

Manchmal habe ich Angst um meinen Sohn. Wenn er mir von seinem Tag im Kindergarten erzählt und Menschen, die uns gegenüber im Vierer in der Bahn sitzen, lächeln und sagen: „Du sprichst aber sehr gut Deutsch!“

Manchmal habe ich Angst um meinen Sohn. Wenn die Menschen, die uns gegenüber im Vierer in der Bahn sitzen und ihn eben noch für sein gutes Deutsch gelobt haben, fragen: „Wo kommst du GENAU her?“ und ihnen die Antwort „Aus Mamas Bauch!“, nicht genug ist.

Manchmal habe ich Angst um meinen Sohn. Wenn ich allein in der Stadt unterwegs bin und feststelle, dass mich niemand anstarrt.

Manchmal habe ich Angst um meinen Sohn. Wenn ich allein zur U-Bahn laufe und feststelle, dass mir niemand durch die Haare fasst.

Manchmal habe ich Angst um meinen Sohn. Wenn für Menschen, die mir, wenn ich allein unterwegs bin, im Vierer in der Bahn gegenüber sitzen, die Antwort auf die Frage: „Wo kommst du her?“, auf der Hand liegt.

Manchmal habe ich Angst um meinen Sohn. Wenn mir Schwarze Freund*innen erzählen, dass das Anfassen, die Fragen und die Blicke die ihnen zugeworfen werden, nicht aufhören. Wenn sie erzählen, dass auch sie manchmal Angst haben.

Manchmal habe ich Angst um meinen Sohn. Und ich möchte davon erzählen, dass Rassismus nicht nur ein Problem der rechten Szene ist. Ich wünsche mir, dass er nicht mehr angefasst und angestarrt wird. Ich wünsche mir, dass „Ich komme aus Mamas Bauch!“ als Antwort auf die Frage: „Wo kommst du genau her?“, ausreichend ist.

Ich wünsche mir, dass ich keine Angst mehr um meinen Sohn haben muss.

Ich bin Sarah, 1991 geboren, Bloggerin und Journalistin. Bei meinTestgelände schreibe ich für mehr Gerechtigkeit und Respekt und um mich auszutauschen.

One Comment

  1. ich habe eher angst darum, dass man seine meinung nicht mehr sagen kann.
    ich habe angst, dass die menschen keine scherze mehr machen.
    ich habe angst, dass die feministen, veganer und sonstige linken terroristen dafür sorgen, dass die menschen nicht mehr differenzieren.
    ich habe angst, dass aus einer aussage "treffen sich zwei blondinen..." das ergebnis verbreitet wird: das ist ein mysoginist.
    ich habe angst, dass aus der aus der aussage "ich fahre bmw/mercedes/audi" wird "das ist ein kapitalist und ausbeuter" (unabhängig vom alter des fahrzeuges und wie sehr dafür gearbeitet wurde)
    ich habe angst, dass sich menschen nicht anpassen wollen und den kategorischen imperativ "das was du niht willst was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu" nicht leben, sondern gewalt dadurch legitimieren, dass sie ja gegen dies oder jenes sind.

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