Sexistische Kackscheiße

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„Ich finde das überhaupt nicht gut und werde dir jetzt erklären, warum!“ oder „Sexistische Kackscheiße“

Abends habe ich einen Auftritt in einer anderen Stadt, ich trage ein langes, schwarzes, ausgeschnittenes Kleid und Glitzer auf den Augenlidern. Und ich bin mal wieder zu spät dran. Auf dem Gehweg, über den ich zur U-Bahn hetze, kommen mir zwei junge Männer entgegen, schätzungsweise sind beide älter als ich. Weil ich gern freundlich bin, nicke ich den beiden zu, sie erwidern meinen Gruß mit einem Lächeln. Als ich an beiden vorbeigehe, streift die Hand des einen wie zufällig meine Hüfte. „Heiß!“, raunt er mir zu und geht schnell weiter. Noch bevor ich reagieren kann, ruft der andere: „BH vergessen!“ Dann verschwinden beide hinter der nächsten Ecke.

Und da ist es wieder. Noch während ich zum Zug sprinte – die Angelegenheit hat mich Zeit gekostet und ich will die Veranstalterin nicht warten lassen-, denke ich wütend darüber nach, wie ich gern in aller Kürze reagiert hätte. In meine im Kopf stattfindenden Erklärungen, warum das grenzüberschreitend war, mischt sich immer wieder ein Ausruf: „Sexistische Kackscheiße!“
Als der Ärger einigermaßen verflogen ist, sitze ich schon im Zug und fahre an einer Werbetafel vorbei, auf der für -was?- geworben wird. Irgend ein Mann im Anzug steht zwischen zwei halbnackten Frauen mit den üblichen Werbemaßen, grabscht sie an und wirbt für…Schuhe? Ein Getränk? Ach nee, für Reisen. Wie auch sonst?!
Auf dem nächsten umarmt eine nackte Frau -es könnte eine von den beiden Reise-Ladies sein- einen Astronauten im Raumanzug. Klarer Fall: Das ist Deo-Werbung! Und wieder denke ich: „Was ist denn das bitte für ein sexistischer Kack-Scheiß?“

Warum aber, wenn das der Ausdruck ist, der mir am ehesten für all diese Zumutungen in den Sinn kommt, scheue ich davor zurück ihn in Online-Kommentarspalten zu klatschen? Warum verteile ich keine Aufkleber, die Werbung gut sichtbar für alle als SEXISTISCHE KACKSCHEISSE abstempeln? Wieso fühle ich mich unwohl, wenn der Ausdruck in Diskussionen in meinem Freundeskreis fällt?

Mit der sexistischen Kackscheiße ist es ambivalent.
Also, nicht mit der Sache an sich – die ist immer scheiße, aber doch mit dem Begriff.

Einerseits finde ich es gut, unerwünschtes Verhalten direkt zu benennen, klar zu machen: Das geht gar nicht! Ich mag, dass es keine blumige Sprache ist, nichts, was man(n) von artigen Mädchen erwartet. Ich mag, dass es trotzdem ein vergleichsweise harmloses Kompositum ist. Wir regen uns oft auf, dass sexistische Werbung auf Augenhöhe von Kindern gehängt wird. Immerhin klebt dann nur ein Sticker drüber mit Worten, die seit dem Kindergarten bekannt sind.

Aber genau da setzt auch unter anderem meine Kritik an, am Kindergartenniveau.
Ich werde wütend wegen einer sehr realen Sache, die zu einer Gesellschaft führt, in der sehr reale Gewalt gegen reale Menschen Alltag wird, und alles, was ich aus mir rauspressen kann, um diese reale Wut zu kanalisieren, ist ein kindergartenartiges „Sexistische Kackscheiße!“
Relativiert das nicht meine Wut, macht mich irgendwie niedlich? Tatsächlich kommt mir in diesen Situationen immer das Bild einer supersüßen Sozialpädagogikstudentin, die keine schlimmen Wörter kennt und dann total sauer all das zusammenreimt, was ihr aus Kindergartenzeiten noch in den Sinn kommt.
Das macht die Sache, die so ganz und gar nicht zum Lachen ist, zumindest äußerlich-sprachlich lächerlich. Und die Frau*, aus deren Mund es kommt, wird dazu zu genau dem, was sie nicht mehr nur sein will: Einem süßen Mädchen, das sich auszudrücken weiß, ja, das sich sogar nicht nicht auszudrücken weiß, das sogar niedlich ist, wenn es sauer ist.

Ich wage sogar die These, dass es nicht das selbe ist, wenn ein Mann* „Sexistische Kackscheiße“ schreit. Männern* schreiben wir noch immer die Gewalt zu, auch die Gewalt der Sprache. Wir trauen ihnen zu, dass sie stärkere, härtere Schimpfwörter kennen und verwenden können und sich ganz bewusst entscheiden, hier diesen Ausdruck zu verwenden.
Klar, sie regieren ja auch noch immer in der Rap-Szene, die sich nicht direkt durch ihre Kuschelmetaphern auszeichnet und auch in der Erziehung werden Jungs* nach wie vor eher mit Gewalt jeder Art in Verbindung gebracht.

Noch etwas stört mich aber an dem Begriff feministischer Empörung und zwar das genau Gegenteil dessen, was ich gerade bemängelt habe:
Es ist mir zu gewalttätig.
Das mag jetzt paradox klingen, wo ich mich gerade über die mangelnde Gewaltigkeit ausgelassen habe.
Trotzdem habe ich das Gefühl, dieser großgeschriebene, wütende, brüllende und mit Ausrufezeichen versehene Begriff bringt uns oft nicht weiter. Es ist vielleicht nur Kindergartenniveau, aber es ist gewaltvolle und vor allem hassaufgeladene Sprache.

Als die sogenannten „Pick-Up-Artists“ neulich wieder deutsche Städte mit ihren Vergewaltigungsseminaren fluteten, gab es den Aufruf, ihren momentanen Anführer mit süßen Tierbabyfotos per Email zuzuspammen. Das mochte ich. Abgesehen davon, dass es hier auch darum ging, denunzierte Demonstrant*innen zu schützen, fand ich es eine hervorragende Idee, gegen Menschenverachtung und Hass mit totaler Sweetness vorzugehen.

Mir ist das Steinewerfen suspekt. Autos anzünden mag ich nicht. Ich fühle mich unwohl, wenn auf Demos gebrüllt wird. Und ich glaube auch, dass aus Hass wieder nur Hass und aus Gewalt höchstens Gegengewalt entsteht.
Niemand wurde je überzeugt, weil er als „Scheißnazi“ bezeichnet wurde und niemand hat sich je bekehrt, weil ihm jemand „Sexistische Kackscheiße!“ entgegenschleuderte – das denke ich jedenfalls.
Ich denke auch, dass das okay ist. Dass man manchmal nicht die Kraft haben kann, alles zu erklären, mit Menschen zu diskutieren, die nicht annähernd das selbe Weltbild haben. Ich denke, manchmal muss man einfach seiner Wut Luft machen, um seine Energie dann sinnvoll zu nutzen.
Aber als Gesamtlösung? Da zweifle ich den Ansatz von Stickern mit dem hier besprochenen Ausruf an. Wenn unser Endargument ein niedliches, hasserfülltes „Weil es einfach….weil es halt sexistische Kackscheiße ist!“ bleibt, bezweifle ich, dass es die Auswirkung haben wird, dass Menschen über ihre Vorurteile von militanten, diskutierunfähigen Feminist*innen nachdenken werden.

Ich wünsche mir, dass wir mit Poesie, Umarmungen, Fantasie und rationalen Erklärungen gegen Hass und Gewalt vorgehen.
Ich wünsche mir Aufkleber, auf denen steht: „Ich finde das überhaupt nicht gut und werde dir jetzt erklären, warum das sexistisch ist!“
Ich möchte Sticker, auf denen klar lesbar ist: „Das ist unangemessen und rassistisch.“
Am liebsten mit ein paar Zeilen darunter, auf denen man noch eine Begründung eintragen kann.

Und in Gesprächen wünsche ich mir das auch ein bisschen öfter. Es ist okay, manchmal einfach wütend zu sein und es ist auch okay, das klar zu benennen und wahrscheinlich ist es auch okay, das mit einem gar nicht so wahnsinnig starken Ausdruck zu tun, aber immer öfter sollte man dann auch tief durchatmen und den Leuten erklären, warum uns das so wütend macht, was da schief läuft und „Sexistische Kackscheiße“ darf dann gerne der Anfang der Argumentationskette sein, aber bitte nicht auch immer schon das Ende.

Ich bin Fee aus München und Poetry Slammerin. Bei meinTestgelände schreibe ich mit, weil ich mich unter anderem für genderspezifische, feministische Themen interessiere und dazu eine Meinung habe, mit der und über die ich gerne diskutiere.

One Comment

  1. Liebe Fee,
    leider bin ich erst jetzt auf diesen Artikel gestoßen - und zwar beim Nachbestellen der "sexistische Kackscheiße"-Aufkleber. Lustig, wie das Internet lenkt. Ich danke dir für deine Worte und empfinde jedes als richtig und wichtig. Nicht nur wir Frauen, sondern alle, geschlechterunabhängig, sollten endlich beginnen, den kurzen, harten Impuls der unüberlegten und oft gewaltigen / gewalttätigen Reaktion besser zu kanalisieren und in konstruktive, friedliche Kritik zu drehen. Dennoch möchte ich an einem Punkt widersprechen: Ich verteile diese Aufkleber trotz deines Artikels noch gern, da ich nicht vorwiegend diejenigen ankreiden möchte, die zur Verbreitung sexistischer oder diskriminierender Inhalte beitragen. Vielmehr möchte ich, dass Menschen, die sonst achtlos an Werbung, "heißen" Pfiffen oder sonstigem vorbeigehen, mit diesem kleinen "Tritt in den Arsch" aufmerksam werden. Vielleicht fragt sich nicht gleich jede(r), was da zwei halbnackte Frauen in einer Werbung für sonstwas zu tun haben. Der Aufkleber zieht jedoch hoffentlich ein paar Blicke auf sich und regt dann wiederum hoffentlich einen Teil der Menschen zum Nachdenken an.
    Ich möchte nicht gewalttätig sein, fühle mich ebenso unwohl wie deplatziert, wenn ich Gewaltpotential in der Sprache oder dem Verhalten meiner Mitmenschen, die alle für die gleichen guten Dinge kämpfen, spüre. Dennoch bin ich der Meinung, dass manche Menschen nur "gewaltig", sehr direkt und aufmüpfig angesprochen werden müssen, um wenigstens den Kopf zu heben und die Augen zu öffnen.
    Alles Gute,
    Maike

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