Genuss

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(c) JocelynLehman:  Home Row.  (CC BY-ND 2.0)

Schön sein. Anerkennung bekommen. Geliebt werden. Was im echten Leben fehlt, kann man im Internet inszenieren. Wie es ist, online jemand anderes zu sein, darüber hat Sarah (15) geschrieben. Ein Beitrag aus dem #netzheldin-Wettbewerb von LizzyNet.

Langsam scrolle ich nach unten zu den Kommentaren. Es werden viele Komplimente dabei sein, denke ich. Mach dir keinen Kopf. Tatsächlich lese ich erst positive Beiträge. Über mein neues Kleid. Aber dann auch die, die ich am liebsten ignorieren will. Die mir egal sein sollten, es aber nicht sind, weil es genau die Stimmen sind, die mich an mir zweifeln lassen. Verdammt, iss mehr, du siehst unnormal aus, herrje deine Beine, du bestehst ja nur aus Knochen, schreiben sie. Ich lese mir jedes Wort genau durch, auch mehrmals. In der Hoffnung, die Buchstaben würden herumwirbeln und sich in einer anderen Ordnung wieder beruhigen. Ja, weiter so, bleib dran, du bist so schön, wünsche ich mir.

Manchmal passiert mir aus Frust ein Missgeschick. Ich geh dann an die Schublade und öffne sie, nehme mir schnell etwas Schokolade und setze mich wieder in mein Bett. Die Verpackung funkelt im Licht, sie glitzert fast und ich möchte diese Magie, diese Jungfräulichkeit nicht zerstören, doch dann beginne ich, sie zu öffnen.
Vorsichtig, damit sie nicht reißt. Dann nehme ich mir die Süßigkeit und bevor ich es mir anders überlege, lege ich sie in meinen Mund. Dort schmilzt sie. Sie schmilzt und ich schmecke sie, auf meiner Zunge, an meinem Gaumen, überall ist dieser Geschmack und ich will mehr davon, mehr, doch dann erschrecke ich. Es ist weg. Ich habe geschluckt und nun füllt sich mein Magen. Das klaffende, riesige Loch in meinem Bauch wird angegriffen und mir wird heiß und kalt zugleich. Die Kalorien. Ich spüre wie ich mich aufblähe, wie ich zunehme, kann das Fett fühlen, wie es sich ansetzt.

Lenk dich ab, denke ich. Schreib etwas in deinen Blog. Lass die Fotos heute aus. Also schreibe ich, über die Mode, die ich hübsch finde, über gesunde Ernährung, über meine Freunde und erdenke mir eine Welt, in der man glücklich sein kann. Sie schreiben es in die Kommentare. Dass sie neidisch sind und wünschen mir und meinem Freund viel Glück. Ich mag die Anerkennung, die ich dort erhalte. Es stört mich nicht, dass ich in Wirklichkeit keine Beziehung habe. Es ist auch nicht erlogen, nein, das ist es nicht. Ich bin all das, in meinen Gedanken. Ich besitze alles, was ich will, ich kann mir schließlich alles aussuchen. Im Internet darf ich das.

Mehr dazu:

  • Anders sein als man ist? Für Matilda ist das nichts. Warum, das erklärt die story-tellerin in ihrem Text Passend gemacht.
  • Lieber IQ statt GQ, findet Poetry-Slammer Dominik. Im Video Schönheit – eine Zugabe erklärt er, warum er vor keinem Ideal niederkniet.

 

„Wir sind die LizzyNet-Redaktionsgruppe aus Köln und arbeiten mit bei meinTestgelände, weil wir hier ausgewählte Beiträge von LizzyNet-Wettbewerben vorstellen möchten, die sich mit aktuellen Themen rund um Jugendliche und Gender beschäftigen.

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