Trans* in Brasilien: Beten, dass es besser wird

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(c) Luci Correia:  .  (CC BY 2.0)

Die Lage von Trans*Frauen in Brasilien ist zum Verzweifeln: Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, bleibt 90 Prozent von ihnen nur die Prostitution. Hoffnung gibt es trotzdem, fand Mare auf ihrer Reise heraus.

35 Grad. Der Schweiß läuft aus allen Poren. Die Luft steht, genau wie der Bus, denn vor uns ist mal wieder ein Unfall passiert. Langsam beginne ich sehr gut nachvollziehen zu können, warum eine Erhöhung der Buspreise 2013 hier in Brasilien der Auslöser für eine Protestwelle war. Wenn der Bus endlich fährt, wird man dank der Haufen Schlaglöcher und Bremsschwellen unliebevoll durch die Gegend geschleudert – gesetzt dem Fall, dass es nicht so voll ist, dass man sich keinen Zentimeter mehr bewegen kann. Man kann es vielleicht mit einer S-Bahn zur Rush Hour vergleichen, aber gerade bin ich tatsächlich selbst für die beim Pendeln schon so oft verfluchte Deutsche Bahn zu Hause in Deutschland dankbar.

Ich nutze die zusätzliche Zeit, um noch einmal alle Fakten und Fragen im Kopf durchzugehen. Ich fahre in die Innenstadt, um für eine Reportage mit Rafaelly zu sprechen. Sie ist Präsidentin einer Trans*organisation und ehemalige Sexarbeiterin. Die Reportage soll um die Situation von queeren Menschen in Brasilien gehen, und eine Zahl, die mir immer wieder in Gesprächen und Artikeln über den Weg lief, hat mein besonderes Interesse an der Situation von Trans*-Menschen geweckt. 90 Prozent. 90 Prozent aller Trans*Frauen in Brasilien prostituieren sich. 9 von 10. Noch ganz kann ich diese Zahl immer noch nicht glauben. Sie wirkt surreal hoch und einfach nur erschreckend. Umso mehr bin ich aber auf das Gespräch mit Rafaelly gespannt.

Cut.
Ich sitze im Auto meines Cousins. Wir fahren zu meinem Onkel. An einer Autobahnausfahrt fällt mir ein großes Schild auf. „Zum Internationalen Frauentag wünschen wir unseren Frauen alles Gute!“, steht da in rosa Schrift auf dem pinken Plakat. Meine Auge bluten bei dem hässlichen Farbkontrast. „Frauen in Aktion sind das Stärkste überhaupt“ ist der Untertitel, umgeben von Bildern von Frauen, die Hausarbeiten erledigen. Meine Augen bluten noch ein bisschen mehr. „Ich glaube, du hast nur den Eindruck, dass die Geschlechterrollen hier so starr sind, weil du hier vor allem Zeit mit unserer Familie verbringst. An der Universität ist das Klima zum Beispiel ganz anders“, rechtfertigt sich mein Cousin, nachdem ich ihn von dem Plakat erzählt habe, weil er zu sehr auf das Autofahren konzentriert war, um es zu bemerken. „Aber dieses Plakat klingt echt hässlich.“

Cut.
Ich stehe im Empfangsraum der Trans*-Organisation. Das erste, was mir auffällt ist ein großer Banner über der Rezeption. Foto. Name. Alter. Studiengang. Unterschiedliche Trans*-Menschen werden dort vorgestellt. Ich wundere mich kurz, aber dann erinnere ich mich wage daran, auf Wikipedia gelesen zu haben, dass es gar nicht so lange her ist, dass es die erste Trans*-Frau an eine Universität geschafft hat. Das Banner scheint also dazu da sein, Hoffnung zu geben. „Guckt mal, es ist doch nicht unmöglich! ihr könnt Trans* sein und es trotzdem an eine Universität schaffen!“

Cut.
Ich sitze mal wieder im Auto meines Cousins und mal wieder fahren wir zu meinem Onkel „Guck mal, da neben dir ist eine Schule“. Ich gucke. Und ich wundere mich. „Wofür ist denn die Mauer und das Wachpersonal?“, frage ich etwas naiv. „Sowas haben wir an meiner Schule auch“, erklärt er, „Wir wollen verhindern, dass Drogendealer in die Schule reingehen. Trotz der Mauer müssen wir Lehrer aber trotzdem aufpassen, weil die manchmal einfach drüberklettern.“ –  „Welche Drogen verkaufen die denn?“ Manchmal fühle ich mich hier wie ein kleines Kind mit meinen ganzen W-Fragen. Aber die Sesamstraße hat mir damals beigebracht, dass ich sonst dumm bleibe. Und Recht hat sie, weil eigentlich glaube ich fast immer die Antwort schon zu kennen. Tue ich aber nicht. Ich denke an die Leute in meiner Stufe die Gras auf dem Schulhof vertickt haben, nur um sich davon mehr Gras zu kaufen. Innerlich lache ich bei der Vorstellung, wie sie bekifft versuchen, über Mauern zu klettern „Och, weißt du, das Übliche. Crack. Kokain.“

Cut.
Nach anderthalb Stunden Gespräch komme ich aus Rafaellys Büro. Diese 90 Prozent erscheinen für mich inzwischen greifbarer, ergeben mehr Sinn. Ich habe im Gespräch auch neue Zahlen kennengelernt, die mir noch mehr Angst machen. 320. 320 Morde an Homosexuellen und Transsexuellen Menschen in Brasilien innerhalb von 365 Tage. Ich verstehe die Mechanismen. Ich verstehe, wie viele Faktoren diese Gruppen zu einem leichten Ziel machen. Diskriminierung von Eltern. Diskriminierung von Lehrern. Arbeitslosigkeit. Obdachlosigkeit. Drogensucht. Prostitution. Ich verstehe trotzdem nichts, und gerade hilft mir auch keine W-Frage.

Cut.

Ich sitze in der Küche meines Cousins. Für meine Reportage hat mir seine Frau eigentlich ein Gespräch mit einer Drag Queen organisiert. Er? Sie? Ich-kenne-das-präferierte-Pronomen-noch-nicht, wollte eigentlich um 3 Uhr da sein. Die Zeit vergeht. Es ist 3. Es ist 10 nach 3. Es ist 20 nach 3. Langsam wird es Ich-glaube-das-wird-heute-nichts-mehr nach 3. In der Zwischenzeit erzähle ich der Frau meines Cousins von meiner Recherche. „Wir haben hier im Ort auch so eine Ecke, wo die stehen“, erzählt sie mir. „Die“, damit meint sie Trans*Frauen, die als Sexarbeiterinnen arbeiten. „Ich habe ja kein Problem damit, aber ich verstehe nicht, warum viele von denen so viel Haut zeigen müssen“, wundert sie sich. Ich wundere mich, dass sie sich wundert. Sie zeigt mir ein Youtube-Video, dass mit einer wackligen Handy-Kamera an eben jener Ecke gedreht wurde. Zu sehen sind zwei Sexarbeiterinnen die sich wegen irgendetwas streiten. Person A schlägt Person B mit ihrer Handtasche. Person B zieht Person A an den Haaren. Beide gehen wie Furien aufeinander los, rollen schon ziemlich bald aufeinander auf dem Boden. Die Frau meines Cousins lacht. Ich sage nichts.

Cut.

Es liegen Süßigkeiten auf dem Boden verstreut herum. Der Innenhof war bis vor ein paar Minuten noch mit Lachen erfüllt, als die Kinder nach der Geburtstags-Piñata schlugen. Jetzt ist alles still. Die Köpfe sind andächtig gesenkt. Auf vielen Gesichtern liegt eine Ernsthaftigkeit, die Religion hier so oft den Menschen entlockt. Ein Priester ist zu Besuch gekommen und betet für die Gesundheit und das Wohlergehen des einjährigen Geburtstagskindes. Es ist faszinierend zu sehen, wie viel Gefühl und wie viel Aufrichtigkeit beim stillen Gebet in den Gesichtern der Menschen zu lesen ist. Die Mutter scheint jede Segnung für ihr kleines Mädchen mit ihrem ganzen Herzen zu fühlen. Ich wundere mich für einen kurzen Moment, ob sie auch so aufrichtig mitfühlen würde, würde ihr kleines Mädchen einmal merken, dass es eigentlich als Junge geboren wurde.

Cut.

Ich sitze in der Küche meines Cousins, aber diesmal sind meine Interviewpartner erschienen. Zwei verheiratete lesbische Frauen. Ihr gemeinsames Glück gibt mir Hoffnung. Wie meine anderen homosexuellen Interviewpartner glauben sie, dass alles in Zukunft besser wird. Ihr Grund? „Es hat sich schon vieles zum Guten verändert und es wird sich auch weiter verbessern, weil ich und viele andere Menschen jeden Abend dafür beten.“ Wieder ist da diese Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit in ihren Gesichtern. Ich wundere mich ein bisschen darüber. Mir kommt der Gedanke, dass manchmal Dinge einfach anders sind. Nicht besser, nicht schlechter. Einfach nur anders.

Cut.

Ich will meinen Koffer beim Check-In abgeben.Wie nach jedem Besuch in Brasilien habe nicht nur ich Übergewicht vom Essen meiner Oma, sondern mein Koffer auch. Getrocknete Schwarze Bohnen. Guaven-Marmelade. Speisen, für die es nicht einmal deutsche Übersetzungen gibt. Und zwei kleine Tüten ganz normale Erdnüsse. Mein Koffer quillt über mit Essen, von dem meine Verwandten denken, dass ich es in Deutschland vermissen werde und mit dem sie mich in den letzten Tagen reichlich beschenkt haben. Im Gegensatz zu den neuen brasilianischen Kilos auf meinen Hüften, können mich die neuen brasilianischen Kilos meines Koffers allerdings viel Geld kosten. Ich versuche meine Nervosität zu unterdrücken, während sich der Mann hinter dem Schalter meinen Pass anguckt. Plötzlich schleicht sich ein breites Lächeln auf sein Gesicht. „Dortmund!“, ruft er aufgeregt. „Borussia!“ Er scheint vor Freude quasi zu strahlen. Wir führen ein kurzes Gespräch über Fußball, bei dem ich meine fehlende Begeisterung für das Thema versuche zu vertuschen. Anscheinend bin ich erfolgreich, denn auf das Übergewicht meines Koffers beim Wiegen reagiert er nur mit einem Zwinkern und schickt dann den Koffer kommentarlos weiter.

Hinter dem Sicherheitscheck betrachte ich nachdenklich meine beiden Pässe, den deutschen in der einen, den brasilianischen in der anderen Hand, und ich denke an Rafaelly und wie sie alles dafür tut, um nach ihrem Abschluss nach Nordamerika gehen zu können, weil sie keine Zukunft für sich in diesem Land sieht. Ich wiege beide Pässe in meiner Hand gegeneinander auf und denke an den Glauben, der mir so oft und begegnet ist, dass es in Zukunft besser wird, und wie Rafaelly einfach nicht mehr glauben kann. Ich wiege beide Pässe in meiner Hand gegeneinander auf und denke an den BVB-Check-In-Mann und daran, wie ich eigentlich immer bei Passkontrollen einfach durchgewunken werde. Und ich denke an Sätze wie „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ und es hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

Mehr dazu:

  • Diskriminierung gibt es auch in Deutschland. In Verschweigen der Vielfalt erklärt Nev, warum Trans*identität kein Tabu sein darf.
  • Wie fühlt es sich an, wegen seiner Sexualität diskriminiert zu werden? Im Kurzfilm Different bekommt ihr einen Eindruck.

Ich bin hier, um mir Frust von der Seele zu schreiben und etwas Liebe zu verbreiten.

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