Netzheldin – Dinge mit denen jede Frau im Internet konfrontiert wird

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(c) James Cridland:  Internet  (CC BY 2.0)

Sich in einen enge Bikini quetschen und sich sexy in Pose bringen, um möglichst viele Likes auf Facebook zu bekommen? Ganz schlechte Idee, findet Josefine von LizzyNet. Was der Schönheitswahn und der Sexismus in Josefines Kopf auslösen, erzählt sie uns in ihrem Text aus dem #netzheldin-Schreibwettbewerb.

Ich öffne den Browser und klicke mich durchs Netz. Obama, Flüchtlinge, Merkel. Langweilig. Ich beginne mich in Facebook einzuloggen. Genervt scrolle ich durch meine Neuigkeiten. „Lukas gefällt dein Bild“. Ich schaue mir mein Profilbild an. 11 Likes. Ich, wie ich in die Kamera lache. Mama hat das Bild gemacht. Ich lächele als ich an den Urlaub denke, in dem das Bild entstanden ist. Mir fällt ein, dass meine beste Freundin auch im Urlaub war. Ich tippe ihren Namen ein und schaue ihre Bilder an. Partys, Partys, Strandbilder und noch mehr Partys. Ihr bestes Bild: 368 Likes. Wow! Ich überlege kurz, ob ich mich auch mal in viel zu engem Bikini auf Facebook präsentieren soll. Nein danke, lieber doch nicht. Bei den Bildkommentaren verdrehe ich die Augen. Mister X Nummer 1. schreibt: „du hast zu viel an Schnecke“, gefolgt von Mister X Nummer 2., welcher den freundlichen Text „Lass uns doch mal privat treffen mein Mäuschen. Du siehst echt heiß aus. Dein Boddy ist toll!“ hinterließ. Oh der klingt ja wirklich sympathisch und überhaupt nicht objektiv. Nun ja, wenn man drauf steht zumindest. Ich schüttele den Kopf.

Traurig, dass sich so junge Mädchen offen im Netz zur Show stellen. Jetzt wird mir auch klar, wieso man kaum noch positive Bemerkungen bekommt, wenn man nicht seinen „heißen Boddy“ zeigt. Mein Kommentar „Hay, ist ein Bild, wo man nett lacht, nicht viel schöner? Man kann doch auch toll sein, ohne einen perfekten Körper zu haben. 🙂 “ erntet die Antwort: „Sagt die, die keine Titten hat!“. Traurig, wie sehr Frauen heutzutage auf ihren Körper reduziert werden. Man muss „dicke Möpse“ und einen „Geilen Arsch“ besitzen, um gut anzukommen. Ich blicke an mir hinab. 90,60,90 Maße habe ich wirklich nicht, aber ich fühle mich wohl, so wie ich bin. Dennoch könnte man das wirklich netter ausdrücken. Danke für deinen indirekten Tipp Mister X Nummer 2. Ich werde mir sobald ich 18 bin die Brüste operieren lassen, nur weil die männliche Bevölkerung das gerne sieht. Die blonde super dünne Frau mit strahlend weißen Zähnen und ordentlichem Vorbau von der Werbung einer Kleidermarke lacht mir auf dem Monitor entgegen. Ja, ich habe definitiv recht gehabt mit meiner Vermutung. Traurig, traurig. Ich klicke mich weiter durch meine Freundesliste. „Tim, 13 Jahre alt, gefällt „Sex ist der geilste Sport der Welt“. Nun ja. Ich versuche meine Gedanken nicht auf die Tatsache zu konzentrieren, dass ein 13 jähriger junge Sex hat und mir auf seinem Titelbild eine halbnackte Frau einen Kussmund entgegenwirft. „Ich denke, das war genug Schock für heute“ sage ich mir leise. Ich logge mich schnell aus.

Ablenkung muss her. Das Beste ist glaube ich ein Film. Ja, gute Idee. Die richtige Adresse ist schnell eingetippt und ich warte während mein PR die Seite lädt. Und dann wird mir wieder bewusst, wieso ich mir einen Add-Blocker anlegen sollte. „Ich bin ganz deine für eine Nacht“, „Treu sein ist nichts für richtige Männer“, „Wieso deine Frau wenn du mich nehmen kannst?“ leuchtet mir in bunten Farben entgegen. Danke Internet, dass ich jetzt so viel weiser und informierter bin. Heureka! Eigentlich will ich die nackten Frauen nicht sehen, die sich vor mir virtuell präsentieren, jedoch weckt der Satz „Willst du dass ich dir ein blasen tue?“ mein Interesse. Ich schlage mir vor die Stirn. Nicht einmal deutsch reden können die. Also als Mann wüsste ich nicht, was die Dame von mir will. Immerhin als Mann, der meint, dass jede Frau total sexy sein muss. Ich lache bei dem Gedanken auf. Meine Finger trippeln genervt auf der Tischplatte herum. 99%… 100% . Danke! Endlich kann ich meinen Film beginnen. Nunja, ich muss noch etliche aufreizende Angebote wegklicken aber dann geht der Film wirklich los. Die Titelmusik wird gespielt. Ich summe mit, das Lied kenne ich aus dem Radio. Mit einem Mal überlege ich was eigentlich der Text bedeutet. Google wird mir helfen, Google weiß alles! „Can you blow my whistle baby“…
Ich bekomme die Übersetzung angezeigt: „Willst du meine Pfeife blasen Baby“. Nein danke, kein Interesse. Die Lust auf den Film ist mir vergangen. Ich überlege ernsthaft, wie man auf die Idee kommen kann, ein Lied zu komponieren, welches mehr als eindeutige sexuelle Anspielungen beinhaltet. Und dies auf dem niedrigsten Niveau überhaupt. Dafür müsste ein Preis vergeben werden. Aber eigentlich kann mich heute mal wieder nichts schocken. Immerhin tragen die unbekleideten Frauen, welche vorhin meinen Desktop zierten, zu solchen Liedern bei. Unbegreiflich, wie billig Frauen behandelt werden und sich deshalb auch so benehmen. Ich fasse den Entschluss, dass ich heute genug „Bildung“ erhalten habe. Es ist wesentlich produktiver sich mit einer Tasse Tee und einem guten Buch ins Bett zu legen.Während mein PC herunterfährt, denke ich noch einmal darüber nach, was ich heute gelernt habe.

  1. Nackte Frauen kommen bei Männern besser an.
  2. Es ist anscheinend nicht billig, sich so zu präsentieren, da es heutzutage viele machen.
  3. Es ist vollkommen normal, als 13 Jähriger frühreif zu sein und sich damit zu brüsten „schon etliche Girls geknallt“ zu haben.
  4. Ich sollte keine englischen Lieder mehr mitsingen, ohne dass ich den Text kenne.

Ich bin der Meinung, jetzt wirklich wesentlich schlauer zu sein. Ich danke dir dafür lieber Computer. Danke Internet! Danke du verkorkste Welt.

Weiterführende Links:

„Wir sind die LizzyNet-Redaktionsgruppe aus Köln und arbeiten mit bei meinTestgelände, weil wir hier ausgewählte Beiträge von LizzyNet-Wettbewerben vorstellen möchten, die sich mit aktuellen Themen rund um Jugendliche und Gender beschäftigen.

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