Frauenbild im Rap oder: Pazifisten, die auf Leinwände starren

2017_01_25
(c) Antonio Rull  Rap  https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Halt stopp! Bevor Du dieses Stück Meinung zu lesen beginnst, möchte ich noch kurz etwas dazu sagen.

Ich beziehe mich mit allen im Text geäußerten Aussagen auf die Art von Rap, die derzeit in Deutschland nachweislich die populärste ist und überwiegend von weißen Männern mit großen Muskeln sowie — wenn man den Herrschaften Glauben schenken darf — anderen übergroßen Körperteilen produziert wird.

Natürlich gibt es auch andere Künstler und Künstlerinnen, die einen wesentlich differenzierteren Zugang zur Kunstform und den darin vermittelten Geschlechtsbildern haben, was man auch auf MeinTestgelände eindrucksvoll sehen kann.

Hier nur ein paar Links, die man sich ansehen sollte:

Jedoch bin ich eben der festen Überzeugung, dass es keinem hilft, nichts ändert und niemanden zu neuen Einsichten bringt, wenn man sich nicht aus dem eigenen Echoraum, der eigenen Komfortzone, seiner Filterblase begibt. Man stellt sich entgegen eventueller Intuitionen nicht in den Verdienst eines gesellschaftlichen Wandels, wenn man sich gemeinsam mit den wenigen selbst bespiegelt, die die Notwendigkeit des Wandels bereits verstanden haben. Man muss die taube Masse adressieren, diese ansprechen und zu einem Umdenken, zu Handlungen bringen.

Natürlich kann man sagen, dass es doch Frauen im Rap gibt, die feministische Texte performen. Natürlich kann man auch sagen, dass nicht alles schlecht ist. Natürlich kann man das machen, aber dann denkt und redet man eben an der tatsächlichen Öffentlichkeit vorbei, die eine grundlegend andere Realität hat.

Man nehme nur den Kanal JuliensBlogBattle, auf dem auch dieses Jahr wieder das gleichnamige Battlerap-Tournier stattfindet und in dem in diesem Jahr schon mehrere Male von einem „Tittenbonus“ [mein Computer wollte „Tintenbonus“ aus diesem Wort machen, was für ihn spricht] für die einzige weibliche Teilnehmerin die Rede war. Und auch wenn es traurig ist, aber Juliens Videos haben horrende Aufrufzahlen. Das ist die Wirklichkeit, in der viele Jugendliche musikalisch sozialisiert werden. Wenn man also nach der Lektüre des unterstehenden Artikels das Gefühl hat, dass ich die Realität der Beiträge auf MeinTestgelände nicht abbilden würde, so liegt man damit ganz richtige, weil das nicht mein Anliegen ist. Ich möchte nämlich gerade die Realität abbilden, mit der man sich als Rapmusik-Fan konfrontiert sieht und mit der man unter umständen in einer Art und Weise nicht einverstanden ist.

Wir sollten die positiven Beispiele nicht außer Acht lassen, aber auch nicht meinen, dass man die Mehrheit nicht mehr thematisieren darf, weil es jetzt eine kleine Anzahl an erfreulichen Gegenläuferinnen und Gegenläufern gibt.

Dieser Vorspann ist jetzt schon viel zu lang und dennoch muss ich noch eines sagen, was auch im Artikel selbst nochmal thematisiert wird: Es ist eine gute Sache, wenn man mit einer Agenda selbst in den Rap geht und andere Texte macht, als sie derzeit in die Ohrmuscheln der meisten gespült werden, aber lest selbst, oder, wenn euch das schon gereicht hat, hört euch „Pro Homo“ von Sookee und Tapete an. Mehr braucht ihr auch eigentlich nicht. 

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Ich habe Gesprächsstoff dabei und möchte direkt mit der Türe in den Flur stolpern:

Ich glaube nämlich, dass Rap nicht der richtige Ort ist, um das gesellschaftliche Frauenbild zu ändern. Ja, ich glaube sogar, dass Rap der gänzlich schlechteste Ort ist, um von außen eine feministische Agenda anzubringen, eine gender-sensitive Botschaft oder ein gutmenschliches Anliegen zu vermitteln.

Folgendes ist Grund dieser Überzeugung: Eines der Grundpfeiler des Rap ist die Selbstdarstellung. Die Künstler prahlen mit Schmuck, ihren Skills oder damit, wie krass sie die Gegner gleich mit ihren Lines zerlegen werden. Das Battle lebt von überzogenen Sprüchen und herben Beleidigungen. Der Gegensatz von “Ich bin die absolut großartigste Person im Raum und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch die übermächtigste Existenz des Kosmos!”, und “Ihr alle seid dort drüben und nicht beachtenswert”, ist dem Rap so tief einbeschrieben, dass er ihm beinahe äquivalent ist.

Aus dieser Grundstruktur der Kunstform folgt, dass die Beleidigung und die Diffamierung anderer ebenso zu ihr gehört wie der Beat und das Mikrofon. Ob da Frauen als “Hoes”, oder Männer als “Lappen” beschimpft werden, ist zweitrangig und auch keiner wirklichen Kritik würdig, da es sich — und das ist der Punkt — bei jedem Rapper und jeder Rapperin um eine Kunstfigur handelt.

Gegen das im Rap transportierte Frauenbild zu sein, ist demnach so, als würde man sich als Pazifist vor ein Kino stellen und gegen den Mord demonstrieren, der auf der Leinwand stattfindet.

Natürlich könnte man einwenden, dass jede Kunst wiederum Einfluss auf die Gesellschaft nimmt, dann jedoch, macht man ein wesentlich größeres Fass auf. Denn was ist dann mit all den schwachen Frauenrollen in Filmen, einer Kunstform also, die wesentlich mehr Menschen erreicht und subversiv wirkt, weil sie die Darstellung nicht so offensichtlich überzieht? Wenn jemand in einem Raptrack sagt, dass meine Mutter so dumm sei, dass sie denke, dass USB das Nachbarland der USA wäre, dann ist das so weit weg von allem, dass es lustig wird und weder meine Mutter, noch mich wirklich beleidigt. Was ist aber, wenn in Filmen zum fünfzigstenmal gezeigt wird, dass Mädchen gefälligst todtraurig zu sein haben, wenn “er” (oh man “Eeeheeer!!!” [heult] ) nicht schreibt. Natürlich schafft das ein Abhängigkeitsdenken. Ein Bild des unterwürfigen und alleine beinahe nicht lebensfähigen Mädchens.

Anstatt also normative Setzungen gegen die Raptexte bestimmter Künstler machen zu wollen, sollte man sich überlegen, warum die Anzahl der Frauen nicht nur im Rap weit unter der Anzahl der Männer liegt, denn fehlende Frauen sind ein Problem des gesamten Kulturbetriebes.

Versucht doch nur mal drei berühmte Maler aufzuzählen. Kein Problem, oder?

Picasso, Dix, Monet. Boom!

Und drei bekannte Malerinnen?

…….…Frida Carlo…? Nun…

Das Spiel nimmt im Bezug auf Philosophinnen und Wissenschaftlerinnen übrigens ein ganz ähnlich bedrückendes Ende.

Wenn man das Frauenbild gesellschaftlich verändern möchte, hat man also meiner Meinung nach 99 Möglichkeiten, von denen ich gerne zwei nennen möchte und Rap ist keine davon:

1. Du bist selbst eine Frau und beginnst in der besten Dir möglichen Weise auf die Gesellschaft einzuwirken. Egal was! Du bist es, du kannst es! Do it!

2. Du bist ein Mann und versuchst Dein Umfeld so zu gestalten, dass Frauen es weniger schwer haben, mit Männern umzugehen, die es noch nicht verstanden haben.

Ich glaube, dass wir uns mehr sorgen um Politiker machen sollten, die sich durch Beleidigungen und Halbwahrheiten langsam aber sicher die Methoden des Rap für ihren Wahlkampf aneignen als um Rapper und Rapperinnen, die das tun, was ihre Artform von ihnen verlangt.

Rap ist wie Theater und jede andere Äußerung von Kunst auch: ein zeitlich und räumlich beschränktes Spiel. Wenn Kollegah die Bühne verlässt, ist er wieder Felix Blume. Wenn Cro die Maske absetzt, ist er wieder Carlo.

Veränderung in der Welt gibt es nur durch Veränderung in der Welt.

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Sorry, ich bin es doch nochmal kurz. Hier wird ohnehin zu wenig diskutiert. Was seht ihr anders? Liege ich grundlegend falsch? Warum?

Wir müssen reden, Schatz? Na dann aber los!

Ich glaube, dass das Hineindenken in die Standpunkte anderer eine der wichtigsten Fähigkeiten ist, die wir heutzutage haben können. Warum ich also hier bin? Um mein Weltbild nicht auf Halbwissen und Vorurteilen, sondern Meinungen und verschiedenen Perspektiven zu gründen.

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