Du bist schön.

2017_02_07
(c) Katherine Davis:  Love Letters  (CC BY-NC-SA 2.0)

Wenn wir eines wirklich brauchen in dieser Welt, dann definitiv mehr Liebesbriefe. Hier ein ganz besonderer von Mare, die immer wieder versuchen will, sich selbst zu lieben – nicht obwohl, sondern weil sie so ist, wie sie ist. Ganz egal, wie viele Rückschläge es auch geben mag und wie viele Normierungen es beinah unmöglich machen, sich selbst zu akzeptieren. Start a revolution! 

Liebesbriefe gibt es viele. Liebesgedichte auch. Ich möchte dich lieben, und es dir auch zeigen, aber es wäre zu leicht, Seiten über deine Schönheit zu schreiben, oder deinen wunderbaren Charakter, denn ich möchte mit dir alt werden und auch in deinen dunklen Stunden meine Zeit mit dir teilen. In den Momenten, in denen es schwerfällt, dich zu lieben. In denen du zeigst, dass auch ein Mensch, der perfekt wirken möchte, manchmal einfach nicht perfekt sein kann. Und ich möchte dich nackt sehen können, ohne dass du dich für dich schämen musst. Deshalb möchte ich dir sagen, wofür du wirklich schön bist.

Du bist so schön für deine Narben, denn sie erzählen Geschichten.
Sie erzählen die Geschichte von dem kleinen Mädchen, das über jede Wiese rannte und auf jeden Baum kletterte und den Preis dafür mit so manchen blutigen Knien und aufgescheuerten Handflächen zahlen musste, aber immer war da die besorgte Mutter, die dem kleinen Mädchen aufhalf und auf die Wunde pustete, und dem Mädchen so beibrachte, immer wieder aufzustehen.

Sie erzählen die Geschichte von all den Malen, an denen sich dein Körper gegen dich wandte. Von all den roten Flecken auf deinem Körper, die dich nicht schlafen ließen. Von all Schmerzen und all den Ärzten, die dir Angst machten, aber halfen, dass die Schmerzen weggingen. Aber am Ende konntest du wieder aufstehen und das ist schön.

Du bist so schön für jedes Gramm Fett, das um Oberschenkel und Bauch schwabbelt und wabbelt. Rettungsringe, die, dich in stürmischen Zeiten über Wasser halten, denn sie erinnern dich an die Pizzen, die du mit Freunden in gemütlichen Runden oder vor dem Fernseher gegessen hast. Jeder Streifen steht für eine Mahlzeit. Vielleicht ein oder zwei Mahlzeiten zu viel, aber es waren Mahlzeiten, die du zu dir genommen hast. Jeder Streifen steht für einen Sieg. Jeder Zentimeter für eine Erinnerung. Und das ist schön.
Du bist so schön für all die Stunden und Tage, die du in deinem Bett verbracht hast. Unfähig, dich zu bewegen. Unfähig aufzustehen. In einer stummen Umgebung mit lauten Gedanken, die dich anschreien und dich an all deine Fehler erinnern und dir sagen, wie wertlos du doch bist. Du bist nicht wegen all dieser Stunden und Tage schön (vielleicht waren es auch Wochen, für dich waren es jedenfalls Jahre). Du bist schön, weil du am Ende doch immer aufgestanden bist. Du bist aufgestanden und irgendwann wurden dadurch die Farben um dich herum wieder intensiver und du konntest wieder den Wind auf deiner Haut spüren und den Geruch von frischer Luft genießen. Du bist immer wieder aufgestanden und deshalb kannst du jetzt heute hier sein und das ist schön.

Du bist so schön für all die Male, an denen du ein schlechterer Mensch bist, als du es eigentlich gerne wärst und als die Leute, die du liebst, verdient hätten. All die Male, an denen du eifersüchtig bist, neidisch oder wütend und vielleicht auch Dinge sagst oder tust, die du nicht so meinst, denn dann fragst du dich, warum du das tust, warum du nicht ein besserer Mensch sein kannst und Dinge heil lassen kannst. In den Moment verstehst du dann, dass sich hinter all den lauten Emotionen ein verängstigtes Kind versteckt, dass doch nur Liebe und Sicherheit möchte, in einer Welt, die viel zu oft Angst macht. Dann reichst du dir die Hand und versuchst dir das alles zu geben und vielleicht machen wir es dann das nächste Mal besser. Und das ist schön.
Sage ich mir, während ich vor dem Spiegel stehe.
Revolutionen fangen bei uns selber an.

 

Mehr dazu: 

  • Sexismus, Schönheitszwang und Co.: LizzyNet über Dinge, mit denen Frauen* im Internet konfrontiert werden.
  • Ein Statement gegen den Stress mit der Körpernormierung, yay! Danke, Hollies. 

Ich bin hier, um mir Frust von der Seele zu schreiben und etwas Liebe zu verbreiten.

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