Blau/Rot/Grün

2017_03_10
(c) Priscila Tonon Ramos:  Love.  (CC BY-NC 2.0)

Eine wunderbare Liebesgeschichte, die nicht lange dauert: Auf einem Konzert begegnen sich die beiden Jungen, ein kurzer Moment der Liebe entsteht und vergeht so schnell wie er kam. Trotzdem hat er tiefen Eindruck hinterlassen bei Flo von den Sunrise Writers: auch eine kurze Liebe kann eine tiefe Liebe sein, und Flo hat sie motiviert, sich endlich bei seiner Mutter outen.

Since I’ve come on home, while my body’s been a mess and I’ve missed your ginger hair and the way you like to dress…Izz Izz Izz

Wir hatten früher schon geschrieben und ich merkte, dass du jemand besonderes warst. Ich ging durch Zufall auf dieses Festival und wie durch Zufall warst du auch noch da. Wir haben uns gut verstanden.
Wir hatten beide keine Ahnung von Liebe – also zumindest ich nicht.
Wir hatten beide keine Ahnung von Alkohol – also zumindest ich nicht.

Wir beide haben wirklich keine Ahnung gehabt., wie schnell man sich doch gefallen kann – also zumindest ich.
Als ich dich auf dem Festival kennengelernt hatte, in deiner Stadt, mit deinen Freunden, mit deiner Musik, glühten meine Wangen rot, wenn ich dich nur ansah. Heiß und rötlich, fast wie dein Haar.
Als ich damals kennengelernt hatte, dachte ich, ich wüsste, was – oder vor allem wer mir fehlen würde.

Nach ein paar Drinks warst du mutig genug, mit mir auf die Tanzfläche zu gehen. Herzen schlugen härter als so mancher Sound. Hände waren schwitziger als jeder Raver auf der Tanzfläche. Wir tanzten. Eng zusammen und eng umschlungen. Wir tauschen Schweiß und später noch Speichel aus und aus Adrenalin wurde Endorphin. Aus Angst und Scheue wurde Geborgenheit und ein Wohlgefühl. Meine Hand an dein markantes Gesicht und sie streiften über deine ausgeprägten Wangenknochen.

Deine Hand an meiner Hüfte, so dass du mir Sicherheit gabst, falls ich falle. Mein Blick landete in deinen grünen Augen. Ein Blick in eine andere Welt. Deine Augen waren immer noch auf meine Lippen gerichtet. Du hast gelächelt. Die Lichter der Open-Air-Bühne blitzten immer im selben Rhythmus – blau, rot und grün – während die Scheinwerfer immer wieder hin und herschwankten. Mein Herz pochte zu dem schlechten Beat und mein Herz zitterte wie Wackelpudding auf einem Lautsprecher. Ich nahm die Menschenmasse gar nicht war. In diesem Moment drehte sich alles um dich.
Blau. Eine royale Farbe, steht für Entschlossenheit, Freiheit und meinen Willen zur Liebe.
Grün. Farbe der Hoffnung, des Glückes, der Vollkommenheit und deine unglaubliche Hingabe und Fürsorge.
Und Rot. Eine ausdrucksstarke Farbe, die für starke Emotionen steht, wie dieses krasse Gefühl, das ich in diesem Moment spürte.

Wie die Scheinwerfer schwankten meine Gedanken hin und her. Von Sympathie und dem Gefühl auf einer Wellenlänge zu sein bis hin zu…Skepsis.
Was wäre, wenn wir nichts getrunken hätten?
Was wäre, wenn du nur mit mir spielst?
Was wäre, wenn du eigentlich wen anders hast?
Was wäre wenn? Was wäre wenn? Was wäre wenn?
Ich machte mir keine weiteren Gedanken. Ich genoss den Moment der Zweisamkeit und legte meinen Kopf auf deine Brust.
Das Gefühl der Geborgenheit trat ein. In verstärkter Form. Ich hörte dein Herz schlagen und es beruhigte mich. Wie eine Mutter, die ihr Kind an die Brust legt, damit es besser einschlafen kann und sich dann mit der Zeit an dessen Rhythmus gewöhnt.
Oh scheiße! Wie sollte ich das nur meiner Mutter erklären? Ihr Sohn mit einem anderen Jungen! Ob sie, wenn ich ihr davon erzähle, sich schon gedanklich von ihren Enkelkindern verabschiedet, die sie immer wollte? Wird sie gelassen? Traurig? Wütend? Oder einfach nur enttäuscht?
Ich lenkte mich lieber ab und dachte an deine Eltern und wie verdammt cool sie waren, dich in diesem Alter auf ein Festival zu lassen. Außerdem wollte ich ihnen einen Preis geben für das attraktivste Kind der Welt.
Du tratst auf meinen Fuß und der Abdruck blieb. Normalerweise mag ich sowas gar nicht, aber bei dir machte es mir nichts aus.
Das Lied wechselte und ich hatte schon 16 verpasste Anrufe von meiner Mutter, also brachtest du mich zum Bahnhof. Hand in Hand, durch die Innenstadt. Dumme Sprüche und Blicke war ich schon immer gewöhnt und in meinem Zustand fiel es mir nicht mal auf.
Blau, rot und grün. Meine blauen Augen, deine grünen Augen und die stärkste Emotion, die Menschen verbindet: rot.
Aber du hast dich nicht mehr blicken lassen. Nie mehr. Als wäre das alles nie gewesen. Eine Liebesgeschichte sollte es nicht werden, aber genau wie der Fußabdruck auf meinem Schuh hast du einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Es ist mittlerweile lange her, aber ich habe dazugelernt. Ich habe gelernt, dass die kleinen Momente im Leben gar nicht klein sind. Sie prägen sich ein und eine Person reift in solchen Momenten. Jeder Moment im Leben trägt eine Geschichte. Ich hätte nur gehofft, dass du ein Teil meiner Geschichte geworden wärst.
Nicht jeder kann haben, was er will, sei es Reichtum, Macht, Ruhm oder eben die große Liebe auf der Tanzfläche bei einem Technofestival. Es ist auch nicht schlimm, solche Erfahrungen zu machen.
Wenn man gewinnt, gewinnt man und wenn man nicht gewinnt, lernt man.

And I’ve missed your ginger hair and the way you like to dress…

Aber traurig muss man um sowas nicht sein, auch wenn jeder Tanz einmal zu Ende geht.
Und ein gutes Ende gibt es trotzdem – ich habe mich wegen dir endlich bei meiner Mutter geoutet. Sie war weder traurig, noch wütend oder enttäuscht. Stattdessen hat sie mich getröstet, als ich wegen dir traurig war.

Nutzt also jede Gelegenheit, es schadet nicht!
Carpe Diem!
Mehr dazu: 

  • Das Leben ist zu kurz für Vorurteile: In diesem Interview plaudert Conrad von der Redaktion Jeco mit dem Journalisten Jan Feddersen.
  • Und in diesem Video zeigt queerblick, wie Heteros reagieren, wenn man ungefragt ihre Sexualität hinterfragt.

Hey ho! Wir sind Jugendliche aus dem queeren Jugendzentrum „ Sunrise “ in Dortmund. Queer bedeutet schwul, lesbisch, bi, trans* und alle andere Sexualit äten und Geschlechteridentitäten, die unsere Gesellschaft gerne mal als „ nicht normal “ darstellt, obwohl wir finden, dass es das doch eigentlich ist. Einmal die Woche treffen wir uns, schreiben Texte zu al len möglichen Themen und haben zusammen Spaß. Jeder von uns hat eigene Gründe, warum sie* oder er* schreibt und die eigenen Texte mit anderen Leuten teilt.

Hinterlasse eine Nachricht

Deine Emailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *