Die Geschichte meiner Flucht

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(c) abejorro34:  Straße  (CC BY-NC 2.0)

Wir freuen uns, euch eine neue Redaktionsgruppe zu präsentieren. Hamburg – was geht?! ist ein Blog, der jungen Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung eine Plattform bietet, um ihre Geschichte zu erzählen. Auf meinTestgelände veröffentlichen wir heute die Geschichte von Futsum.

Ich bin Futsum Gebrehiwet. Ich komme aus Eritrea. Ich möchte hier die Geschichte meiner Flucht erzählen.

2014 bin ich mit 15 Jahren nach Äthiopien geflohen. Wir waren fünf Freunde, die zusammen weg aus Eritrea gelaufen sind. Ich bin ein Jahr in Äthiopien in einem schlimmen Flüchtlingscamp geblieben. Und danach bin ich in den Sudan weitergezogen. Dort bin ich krank geworden und musste elf Tage im Bett liegen. Erst durch eine teure Spritze wurde ich gesund.
Im Sudan habe ich einen Freund kennengelernt, mit dem ich zusammen weitergeflüchtet bin. Auf der Fahrt durch die Sahara mussten wir auf verschiedenen Lastwagen fahren. Als die Kolonne nachts Pause machte, war mein Freund sehr krank.

Auf seinem Lastwagen hatten sie zu wenig Wasser. Ich half ihm, massierte ihn, gab ihm vorsichtig Wasser und es ging ihm wieder besser. Am nächsten Tag ist er gestorben. Auf der Flucht durch die Sahara sind jeden Tag viele Menschen gestorben.

Nach einem Monat in der Sahara sind wir in einer kleinen Stadt in Libyen angekommen. Dort war ein Mann, der mit einem Schlagstock fast alle verprügelt hat. Ich war sehr sauer, aber ich konnte nichts machen. Dann sind wir mit dem Auto in eine andere Stadt gefahren. Dort waren wir ungefähr 500 Geflüchtete. Wir waren in einem Haus. Nach und nach mussten wir einzeln rausgehen, wo uns ein Mann mit dem Schlagstock verprügelt hat. Ich war der jüngste von allen. Nach einiger Zeit wurde der Mann müde. Dann bestimmte er einen von uns, einen Mann aus Eritrea, zum Weiterschlagen. Als dieser Mann „Nein“ gesagt hat, hat der Libyer gesagt, dass ein bestimmter Eritreer sich auf den Boden legen muss. Dieser Mann hatte eine Verletzung am Po. Auf die hat der Mann mit dem Schlagstock so lange darauf geschlagen, bis alles voller Blut war. Dann hat er den anderen Geflüchteten gedroht, sie mit einer Waffe umzubringen, wenn sie nicht auf die anderen einschlagen. Mich hat er auch geschlagen.

Danach mussten wir alle in einem Raum ganz leise sein. Am Abend haben sie uns Essen gegeben: nur Nudeln mit abgelaufenem Datum. Nach ungefähr einer Woche sind wir zu dreißig Personen in einem kleinen Auto nach Tripolis gefahren, der Hauptstadt Libyens am Mittelmeer. Dort sind wir in ein großes Haus gekommen, insgesamt waren dort ca. 1000 Menschen aus Eritrea und Äthiopien. Dort waren wir eine Woche in einem Raum. Ich und ein Junge, den ich da kennengelernt habe, haben jede Nacht in einer anderen Ecke geschlafen. Als der Aufpasser das gemerkt hat, hat er mich so doll mit einem langen Schlagstock geschlagen, dass ich eine Zeit lang nicht atmen konnte. Ich hatte Verletzungen am ganzen Bauch, der Brust und an der Schulter.
Von hier konnte man nur weiterreisen, wenn man zweitausend Dollar bezahlte. Manche Leute, die kein Geld hatten, mussten in einer Woche das Geld aufbringen. Wenn nicht, wurden sie umgebracht. Dann sind wir in einem Auto, in dem wir keine Luft bekamen und fast erstickt wären, zum Meer gefahren. Da mussten wir zu ungefähr 400 Personen in ein kleines Boot steigen. Es hatte zwei Stockwerke. Alle hatten Angst im unteren Teil des Boots zu sitzen. Der Libyer auf dem Schiff konnte Tigrinya, er hat uns verstanden. Er hat uns nach unten in den unteren Teil des Schiffs geschmissen. Ein Junge aus Eritrea hat ihn beleidigt, daraufhin hat er ihn fast vom Boot ins Meer geworfen. Nach einem Tag auf dem kleinen Boot hat uns ein großes Schiff aus Italien gerettet. Auf dem großen Schiff konnte ich mich frei bewegen. Wir waren über 1000 Menschen auf dem Schiff. Nach zwei Tagen sind wir auf der Insel Sizilien angekommen, in der Stadt Messina.
Auf dem Schiff habe ich einen sehr guten Freund von mir getroffen, mit dem ich zusammen in Eritrea aufgewachsen bin. In Messina haben wir eine Woche in einem Lager gewohnt. Da haben mein Freund und ich einen Mann aus Nigeria kennengelernt. Er war selbst Flüchtling, aber schon lange dort. Er war sehr nett und hat uns ein Radio, Seife und Schlafklamotten gegeben. Nach einer Woche bin ich mit dem Bus nach Rom gefahren, mein Freund kam mit. Dort habe ich im Lager viele Leute, die ich aus Eritrea kenne, getroffen, z.B. meinen Cousin. In Rom habe ich ein Ticket gekauft und bin nach Österreich gefahren. Am Grenzbahnhof zwischen Österreich und Deutschland habe ich meinen Freund leider aus den Augen verloren. Später erfuhr ich, dass er es nach Dänemark geschafft hat. Ich bin einfach weiter im Zug nach München gefahren. Im Zug wurden ich und andere Geflüchtete von der Polizei festgenommen. Wir wurden aus dem Zug in einen Polizeitransporter gebracht und mussten eine Nacht in einem Polizeigebäude bleiben. Sie fotografierten uns, machten Fingerabdrücke, und sogar Fußabdrücke. Morgens fuhren uns Polizisten zur nächsten U-Bahn. Wir mussten uns in einem Camp in München melden. Dort wurde ich untersucht. Als der Arzt meine Verletzungen aus Libyen sah, schickte er mich sofort ins Krankenhaus. Die Wunden wurden eingeschmiert und verbunden. Nach drei Tagen sahen sie viel besser aus, und ich wurde entlassen.

Ich blieb ein paar Tage im Camp. Dann habe ich mir abends ein Busticket nach Hamburg gekauft. Ich musste die ganze Nacht draußen schlafen, weil der Bus erst am nächsten Morgen um 9:00 Uhr gefahren ist. Leider bin ich am nächsten Morgen in den falschen Bus gestiegen. Der Fahrer hat mir gesagt, ich soll wieder aussteigen. Mein Bus nach Hamburg war dann schon weg. Ich habe da einen Mann aus Äthiopien kennengelernt. Er hat mir geholfen. Aber es war schon zu spät für die Fahrt nach Hamburg. Ich musste zwei Tage draußen auf Straße schlafen, weil ich nur noch Geld für ein Ticket hatte. Als ich nachts Polizisten sah, hatte ich Angst und ich bin weggelaufen. Ich wusste nicht, wohin ich gerannt war. Und ich für wusste nicht mehr, wo der Bahnhof war. Dann habe ich drei deutsche Frauen getroffen. Ich habe sie auf Englisch gefragt, wie ich zum Hauptbahnhof kommen kann. Sie haben mich mitgenommen, sie haben mir drei Brötchen gekauft. Dann haben sie mir eine Bekannte vorgestellt, die auch nach Hamburg fahren musste. Sie musste um 8:00 Uhr fahren. Ich musste um 9 Uhr fahren. Sie hat mit mir gewartet und mir sehr geholfen. Sie hat mir fünf Euro gegeben. Sie hat viel gesprochen, aber ich konnte sie nicht so gut verstehen und dann ist sie weggefahren. Später in Hamburg dachte ich oft: Schade, dass ich keine Telefonnummern von diesen guten Menschen genommen habe.

Ich bin dann nach Hamburg gefahren. Mein Freund Michail hat mich am Bahnhof abgeholt und ich habe eine Nacht bei ihm geschlafen. Michail kenne ich aus Eritrea, er ist ein bisschen verwandt mit mir. Am nächsten Tag bin ich zu der Flüchtlingsunterkunft Sengelmannstraße gegangen. Das war Ende 2015.
Dann hatte ich das große Glück, dass ziemlich schnell Martin und Nine meine Vormundschaft übernommen haben. Sie haben mich gefunden, als sie in der Unterkunft ihr Mündel Teklu besucht haben und ich wohnte auch dort. Schnell habe ich die ganze Familie kennengelernt. Zusammen mit Martin und Teklu sind wir nach Berlin gefahren. Da waren wir bei den Geburtstagen von Tilla und Jimjuma, Martins Enkel. Ich war auch beim Geburtstag von Nines Tochter. Nach dem ersten Besuch in Berlin bin ich öfters hingefahren. Erst mit Martin oder Nine, dann auch allein. Es ist so, als hätte ich eine Familie gefunden. Martin macht sehr viele Sachen mit mir, z.B. Ausflüge, vor kurzem waren wir auf dem Dom. Jetzt freue ich mich auf die gemeinsame Zeit an Weihnachten.

Zum Schluss: Ich habe hier nicht über die schlimmsten Sachen geschrieben. Im Sudan habe ich schlimme Sachen erlebt. Libyen war eine Hölle. Ich habe nach zwei Jahren in Deutschland noch nicht genügend Wörter, um über das ganz Schlimme zu schreiben.

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"Hamburg - was geht?!" ist ein Blog von uns Jugendlichen, die fast alle noch ziemlich neu in Hamburg sind, für alle, die auch neu hier sind. Aber nicht nur für die. Die meisten aus unserer Projektgruppe sind als Flüchtlinge gekommen, aus Afghanistan, Eritrea, Syrien, dem Irak, Somalia oder Serbien, manche sind allein gekommen, manche mit der Familie. Und einige sind mit ihren Eltern hier, die als Arbeitsmigrant*innen nach Hamburg kamen. Wir schreiben in diesem Blog, was wir sehen, erleben, fühlen – was uns bewegt, wundert, irritiert und welche Fragen uns beschäftigen.

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