Was ist Nacktheit - für und in (unserer) Gesellschaft)?

Beitragsfoto nackt Fotografen Danile Anhut und Sascha Lang
Danile Anhut & Sascha Lang

Wir freuen uns über einen neuen Text von Tom! Er macht darin ein ganz schön spannendes Feld auf— nämlich Nacktheit. Was hat es damit auf sich und wie verändern sich Nacktheit sowie die Gefühle und Gedanken dazu mit dem Erwachsen- und Älterwerden? „Wie wir uns anziehen, sagt etwas über uns aus. Auch wie wir uns ausziehen? Wie wir uns (in der Gesellschaft) nackt zeigen?“, sagt Tom. Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen! 

Wie wir uns anziehen, sagt etwas über uns aus. Auch wie wir uns ausziehen? Wie wir uns (in der Gesellschaft) nackt zeigen? – eine Selbstreflexion

Der Umgang mit unserem nackten Körper beschäftigte dieses Jahr nicht nur mich als jungen Mann sondern auch Frank und sein Team von dem FUNK Format „PULS die Frage“. Im Sommer sind sie der Frage: „Wie nackt dürfen wir uns zeigen?“ auf den Grund gegangen und beleuchteten das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln. Für manche Menschen bedeutet Nacktheit Selbsterfahrung, in unserer Gesellschaft steht nackt sein gerne für Freizügigkeit. Doch wirklich nackt können wir uns nur selten zeigen. Ungewollte Sexualisierungen und Missbrauch von Nacktbildern online oder offline können die Konsequenz sein. Auch die ständige Bewertung unseres Körpers und die Idealbilder in der Werbung und bei Instagram hemmen uns.

Hast Du dich schon mal vor dem Spiegel gestellt und dich lange Zeit angesehen? Was fühlst Du persönlich dabei?

Vor ein paar Jahren habe ich zusammen mit einem Team für den Münchner Ausbildungskanal afk.tv ein Experiment gemacht: Rund 20 unterschiedliche Teilnehmer:innen haben wir dafür in das TV Studio eingeladen und ihnen dort die Aufgabe gestellt, sich selbst, wohlgemerkt angezogen, in einem Spiegel zu betrachten. Eine Minute lang. Jede dieser Sekunden war mithilfe einer Countdownuhr oben mittig sichtbar. Der Plan, jede Person von vorne durch den Spiegel in dieser Zeit zu filmen. Wo sehen sie hin? Wie verändern sich ihre Blicke? Wie ihre Mimik? Halten sie es überhaupt aus? Im anschließenden Interview berichtet ein Großteil der Teilnehmer:innen, dass es bedeutend anstrengender war, als anfangs vermutet. Einige erzählen von aufkommenden negativen Gedanken, von Kritik an ihnen und ihrem eigenen Körper. Sitzt alles? Bin ich richtig? Bin ich schön? Gefalle ich mir? – Die meisten von ihnen schauen während der 60 Sekunden oft weg oder kaschieren ihre Unsicherheit mit Grimassen oder Gelächter. Dabei sieht ihnen während der Zeit niemand zu. Lediglich eine Kamera, von der sie erst im anschließenden Interview erfahren haben und dann entscheiden konnten, ob wir als Filmteam die Aufnahmen für unser Projekt verwenden dürfen.

Wenn wir selbst mit von uns ausgewählten Kleidern und Looks nicht lange allein im Spiegel betrachten können, ohne uns zu begutachten, wie ist das dann erst splitterfasernackt und in Gesellschaft? – Mein Erfahrungsbericht zwischen Kind sein und Leben eines jungen Erwachsenen, zwischen Bayern und Mecklenburg-Vorpommern, zwischen, Normalität und Absurdität.

Damals in der Eishockeymannschaft in Bayern duschten wir alle zusammen. Moment. Nicht alle. Die beiden Mädchen in unserem Team sollten zu unserem damaligen Unverständnis mit gerade mal sechs Jahren von uns getrennt duschen. Am Eis und angezogen in voller Montur, sind wir ein Team, nackt sind wir getrennt. Aus gutem Grund? Oder um mögliche unangenehme Fragen von uns an unsere Eltern zu verhindern? Die sind natürlich nicht ausgeblieben. Aber auch innerhalb des Teams haben wir damals angefangen, nackt unsere Körper stärker und zu vergleichen, als angezogen. Spielen auf dem Eis Faktoren wie Kondition, Teamfähigkeit und Schusskraft die Hauptrolle, so sind es beim Duschen Bauchumfang, Brustbehaarung und die Körperstatur. Nicht zu vergessen, Größe, Form, Behaarung, Farbe und Kraft des Penis. 

Im Team sind wir schon früh gewohnt, uns nackt zu zeigen und dem Vergleich unserer geschlechtsspezifischen Merkmale bewusst oder unbewusst ausgesetzt. 

Später beim Baden am See sollen wir uns aber auf keinen Fall nackt zeigen, außer an ausgewiesenen FKK-Badestellen. Und auch das Nacktbaden, war in unseren Kreisen eine ähnliche Mutprobe wie rückwärts vom 10 Meter Turm zu springen. Und wenn dann doch jemand sich im Waldbad nackt zeigte, ist die Person, vor allem Mädchen und Frauen, von allen Seiten beäugt und unter den Jungs lautstark für alle umliegenden Badegäste bewertet worden. Statt bei uns selbst zu sein, haben wir lieber auf andere gesehen.

Für viele meiner Mitschüler:innen ist damals das Zeigen von nackten Körpern in der Öffentlichkeit ein Tabu. Vor allem, wenn man die Person persönlich kennt. Einmal ist das Gerücht an unserer Schule herumgegangen, dass eine Mitschülerin nackt auf einer Pornoseite zu sehen sei. Schlagartig wurde sie zur Zielscheibe für Anfeindungen und Mobbing. Auch Nacktbilder aus gescheiterten Beziehungen wurden zum Druckmittel. Dementsprechend angezogen zeigen wir uns auch innerhalb unseren Cliquen und sind vorsichtig, wem wir uns nackt zeigen. Die ersten Versuche, Sex zu haben, sind natürlich auch unter dem Credo: LICHT AUS. 

Mitte Zwanzig, im Osten Deutschlands, zur wohl nacktesten und ungezügeltesten Zeit des Jahres, passierte mir dann folgendes: Bei einem Festival mit schwimmender Sauna im See bin ich zu meiner Verwunderung auf dem Weg aus dem Wasser in die Sauna von einer Gruppe junger, vermutlich, dem Proseccoglas in ihrer Hand zufolge erkennbar alkoholisierter Frauen, mit dem Schrei „Penis“ und anschließendem Gelächter darauf hingewiesen worden, dass ich höchstwahrscheinlich „dieses Ding da“ sichtbar für alle zwischen meinen Beinen hängen habe. Erkenntnis: Selbst dort, wo vermeintlich bezüglich Nacktheit keine Tabus herrschen, erlebe ich Situationen, wo Nacktsein der Aufhänger zu Belustigung ist. Und das prägt mich. Wann ich mich nackt zeige, entscheide ich nicht nach Gefühl, sondern nach Abwägung der Pros und Cons in der jeweiligen Situation, im jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld.

Wie nackt dürfen wir uns zeigen? Wie frei(zügig) dürfen wir sein?

Dustin, 21, Protagonist vom fünften Teil der Serie von „Die Frage“ meint:

So, wie sich jeder wohlfühlt.“ – Das Gefühl von Nacktheit bedeutet für ihn Freiheit. 

Frei wollte ich mich in diesem Coronasommer, ohne Festivals, aber mit vielen Deadlines, auch spüren. Loslassen von all den Erfahrungen mit Nacktheit in meinem Leben und den Gedanken der Konsequenzen in meinem Kopf. Ich wollte bei mir selbst sein. Ohne Bewertung meines Körpers von mir selbst und der Gesellschaft. Nackt. Frei. Und letztendlich für alle, die diesen Text gelesen haben, sichtbar. Ich pose für mein erstes Nacktshooting. Entstanden sind Momente, die nicht nur meinen Kopf frei von Gedanken über Nacktheit gemacht haben, sondern auch Bilder, die mir sagen: „Du bist jederzeit nackt so schön, wie Du dich in dem Moment (wohl)fühlst.“

Mehr dazu:

Moin! Ich bin Tom. Aufgewachsen auf dem Land in Bayern. Zuhause in Berlin. Neben meiner Arbeit als Journalist für Soziales und Gesellschaft begegnen mir im Alltag und Freundeskreis Themen, wie die Wahrnehmung von Geschlechterrollen, LGBTQ außerhalb Deutschlands und der Zeitgeist der Zukunft. Dabei stelle ich mir selbst und anderen Fragen. Die Antworten dazu oder die Erkenntnis, dass es meist keine eindeutige Lösung gibt blogge ich hier auf meinTestgelände.

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