Der große Schwanz ist Privatsache

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Aitoff

Belästigung von Flinta* Personen im öffentlichen Raum ist keine Privatsache! Ein Text über das Gefühl bedrängt zu werden und über Menschen, die Privat und Öffentlich verwechseln, von Claire.

Ich laufe, ich schaue mich regelmäßig um. Es ist zwar hell, aber die Gegend nicht sicher für FLINTA*-Personen. Es sind kaum Menschen auf dem Weg, der an Zuggleisen entlang führt. Ein Mann kommt mir entgegen. Ich versuche Blickkontakt zu vermeiden, ich will schnell an ihm vorbei. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass er mich anschaut, mir wird schlecht. Er läuft eine Kurve und kommt direkt auf mich zu, ausweichen kann ich nicht mehr. Er lächelt mich an und fragt nach einer Zigarette. Ich möchte nicht unhöflich sein und gebe ihm mein Drehzeug. Er fängt an sich eine zu drehen. Ich fühle mich unwohl. Er ignoriert meine ablehnende Haltung und beginnt ein Gespräch, in dem er mich nach meinem Namen und Alter fragt. Ich fühle mich nicht wohl damit, diese Fragen zu beantworten und lüge. Ich erzähle ihm, ich sei 16 Jahre alt. Das lässt ihn kalt, während mir ganz heiß wird und ich weiß, ich muss schnell hier weg. Er fragt mich, ob Sex mit ihm haben wolle. Dabei ist er so freundlich, dass ich mich nicht traue, ihm klar zu sagen, dass er mich in Ruhe lassen soll. Ich lehne höflich ab und bedeute ihm, dass ich mein Drehzeug gerne wiederhaben möchte, er gibt es mir nicht. Er geht langsam um mich rum, ich will ihn nicht aus den Augen lassen, ich fühle mich eingekesselt. Menschen sitzen auf einer Wiese und beobachten die Situation. Ich wünsche mir so sehr, dass mir jemand hilft, aber ich traue mich nicht zu schreien, ich möchte nicht die Aufmerksamkeit auf mich und die mir unangenehme Situation ziehen. Ich möchte nicht unhöflich sein, ich habe ja kein recht dazu. Er läuft in Richtung Gebüsch und bedeutet mir mitzukommen. Ich sage noch einmal, dass ich nicht mitkommen werde und lege mein ganzes Selbstbewusstsein in diesen Satz. Ich traue mich nicht, laut oder aufbrausend zu werden, er macht mir Angst. Ich kann die Situation nicht einschätzen und suche nach einer Möglichkeit, die Oberhand zu gewinnen und einfach gehen zu können. Ich greife nach meinem Drehzeug, während er mir immer näher kommt und mir sagt, es würde ja auch ganz schnell gehen und er hätte einen sehr großen Schwanz. Ich gehe. Ich will nur noch weg, so weit weg wie möglich von diesem Mann. Er ruft mir noch hinterher, ich aber tu einfach so, als höre ich ihn nicht. Hoffentlich folgt er mir nicht. Ich traue mich nicht, mich umzudrehen, damit er sich nicht aufgefordert dazu fühlt. Ich werde immer schneller und schneller, ich renne. Ich spüre die Tränen in meinen Augen. Mir kommt ein Mann entgegen, ich schrecke zusammen. Ich habe das Gefühl mich schauen alle an, als würden sie mir meine ekelerregende Begegnung ansehen. Ich schäme mich dafür.
Ich will über mein Erlebnis schreiben. Mir ist es wichtig, andere zu warnen und Aufmerksamkeit auf das Thema, sowie die Hilfseinrichtungen zu lenken. Ich erzähle dem Chefredakteur davon, er wirkt betroffen. Ich fühle mich nicht mehr so schrecklich bei dem Gedanken an diese Erfahrung. Er sagt, dass er hoffe, dass es mir gut geht, ich mir aber nochmal überlegen soll, ob ich meine persönliche Erfahrung veröffentlichen möchte, es sei ja schließlich meine Privatsache. Ich kann es nicht glauben – wieso ist das meine Privatsache? Ich habe mir doch nicht ausgesucht, dass mir so etwas passiert? Muss ich mich dafür schämen? Anstatt den Mut zu haben und ihn all das zu fragen, nicke ich nur. Ich habe keinen Artikel dazu geschrieben, ich habe das Thema auch nie wieder angesprochen.

 

Hi, mein Name ist Claire (geb. 2003) und meine Pronomen sind sie/ihr. Mein Ziel ist es, nach meinem Studium als Journalistin zu arbeiten. Ich bin Feministin und Antifaschistin und freue mich daher sehr für meinTestgelaende schreiben zu dürfen. Gleichzeitig diskutiere ich sehr gerne und freue mich auch immer über konstruktive Kommentare zu meinen Texten und trete da sehr gerne in den Diskurs :)