In seinem*ihren neuen Text spricht sabylonica’s jetziges Ich zu seinem*ihrem jüngeren Selbst und bietet Trost in Zeiten der Unsicherheit und eine Erinnerung daran, dass er*sie genau so richtig ist, wie er*sie ist.
Ich weiß, du sitzt gerade irgendwo zwischen Fragen, auf die du keine Antworten bekommst, und Problemen, die du keiner Person erzählen kannst. Du schaust in dein Spiegelbild und versuchst selbst Antworten zu finden, die dir aber mehr Fragen zuwerfen. Dabei suchst du nach einer Antwort, die dir sagt, du bist richtig, wie du bist. Und ich wünschte, du hättest die Antwort selbst geben können. Ich wünschte, ich könnte dir jetzt die Antwort geben. Denn du bist es. Du bist richtig! Auch wenn du das nicht so siehst.
Ich weiß genau, wie du dich selbst betrachtest. Auf jede Linie deiner Haut, jedes einzelne Härchen, das da wächst, wo es angeblich nicht wachsen soll. Auf all das, was dir beigebracht und vorgelebt wurde, zu verstecken, zu glätten, zu korrigieren. Du denkst, Schönheit müsstest du dir verdienen, dass sie von außen kommt. Aber irgendwann, das verspreche ich dir, wirst du verstehen, dass dein Körper nie das Problem war. Kein einziges Haar ist zu viel. Und kein anderer Teil von dir ist falsch. Du wirst lernen, ihn nicht nur zu akzeptieren, sondern ihn zu sehen als etwas Eigenes, etwas Lebendiges, etwas, das zu dir gehört.
Aber es wird nicht plötzlich passieren. Es wird leise kommen und anfangen. In Momenten, in denen du dich nicht mehr vergleichst. In denen du aufhörst, dich kleiner zu machen, nur damit sich andere wohler fühlen. Und eines Tages wirst du merken, dass du dich nicht mehr versteckst. Dass du einfach da bist.
Und ich weiß auch, wie schwer es sich gerade mit deiner Familie anfühlt. Wie widersprüchlich es ist. Wie du gleichzeitig dazugehören willst und dich doch fremd fühlst. Du denkst vielleicht, dass mit dir etwas nicht stimmt, weil es nicht einfach ist. Aber du musst wissen: Liebe hat viele Formen und nicht alle davon sind die, mit denen wir aufgewachsen sind.
Du wirst ausziehen, allein wohnen, neue Menschen treffen. Nicht sofort, nicht alle auf einmal, aber nach und nach. Menschen, die dich sehen, ohne dass du dich erklären musst. Die dich nicht lesen, sondern verstehen. Mit ihnen wirst du lachen, so frei, dass es dich selbst überrascht. Mit ihnen wirst du still sein können, ohne dass es sich leer anfühlt. Das ist deine gewählte Familie. Deine Chosen Family. Und sie wird dir zeigen, dass Zugehörigkeit nicht bedeutet, sich anzupassen, sondern anzukommen.
Du wirst auch lernen, dich selbst zu wählen. Und ich weiß, wie ungewohnt sich das anfühlen wird. Wie egoistisch es dir vorkommt, Grenzen zu setzen, Nein zu sagen, dich an erste Stelle zu stellen. Aber es ist kein Egoismus. Es ist Fürsorge. Es ist Liebe. Und zwar eine, die du dir lange nicht erlaubt hast.
Deine Identität wird sich nicht wie ein klares Ziel anfühlen. Eher wie ein Weg, der sich ständig ändert und verschiebt. Manchmal wirst du dich sicher fühlen, manchmal komplett verloren. Und ja, es wird kompliziert, weil die Welt dich weiterhin in Kategorien stecken will, die nicht passen. Weil Sprache, Körper, Herkunft und Erwartungen sich überlagern und du oft das Gefühl hast, zwischen allem und nichts zu stehen. Aber genau darin liegt auch etwas Kraftvolles. Du bist nicht trotz dieser Widersprüche, sondern durch sie die Person, die du bist. Sie machen dich nicht weniger, sondern mehr. Du wirst lernen, dass du dich nicht aufteilen musst, um verstanden zu werden.
Du wirst viel sehen. Schöne Dinge, die dich staunen lassen. Orte, die sich wie Atem anfühlen. Menschen, die Spuren hinterlassen. Und ja, auch Dinge, die weh tun. Momente, in denen du zweifelst, fällst, dich verlierst. Aber du wirst auch merken, dass du immer wieder zurückfinden wirst. Ob allein oder mit deiner Chosen Family. Aber eben nicht an Erwartungen geknüpft.
Vielleicht ist das das Erwachsenwerden, von dem alle sprechen. Nicht anzukommen, sondern sich selbst immer wieder neu zu begegnen und dabei sanfter zu werden. Ich weiß, du hättest gern Gewissheit. Einen Punkt, an dem alles Sinn ergibt. Den gibt es aber nicht. Aber es gibt dich. Und das reicht weiter, als du jetzt glauben kannst.
Ich warte hier nicht auf eine bessere Version von dir. Ich bin nur du, nur eben ein Stück weiter. Und du wirst es bis hierher schaffen. Auf deine Weise. Immer. Deshalb sei nicht so streng zu dir, wie es andere mit dir sind.
Du bist richtig, wie du bist.
In Liebe,
Dein jetziges Ich




