Beau nimmt uns mit auf eine Bewusstseinsreise zwischen dem Aufwachsen im Osten und den urbanen Überschneidungspunkten zu Westdeutschland. Der immerwährende Diskurs, ob es Ost/West überhaupt noch gibt, schließt sich in diesem Text an Popkulturelle- und Literaturzitate, die mit einer queeren Biografie verknüpft werden.
Über das Aufwachsen in Ostdeutschland, Musik, Architektur und Ratlosigkeit
Eine Weile hatte ich das Ritual, immer einen bestimmten Song zu hören, wenn ich die Ländergrenze von Niedersachsen nach Thüringen im Regio passierte. Es war Uwe & Heiko des inzwischen aufgelösten Rap-Duos Zugezogen Maskulin mit den Zeilen „Wir marodier’n durch die Ruin’n vom Stasiknast, Thälmann-Statue schaut herab wie König Ozymandias“. Die Kombination dieser beiden Bilder – der Stasiknast, der inzwischen meine Musikschule darstellte, und die Thälmann-Statue, die ich von einer Seitenstraße kannte – erschien mir zuerst wie ein verrückter Zufall, einer dieser schönen Momente, wenn ein Lied zum perfekten Soundtrack meines Pendler-Wegs wird. Später realisierte ich, dass sich die Kombination aus Stasi-Gebäude-Ruinen und Thälmann-Statue wahrscheinlich in jeder Klein- bis Großstadt in Ostdeutschland findet. Jetzt wohne ich wieder im Osten – ich könnte auch schreiben im ehemaligen Osten, aber momentan bin ich noch ein Fan der mehr oder weniger unkritischen Verwendung von Ost und West als Vereinfachung, die keine ist. Ein besonderes Ritual wäre nun eher notwendig, wenn ich wieder in den Westen fahre, aber was hört man da? Vielleicht Bilderbuch (aber die sind ja eine österreichische Band?): „Komm vorbei in meinem Bungalow! By the rivers of cashflow – Wir trinken Soda, trinken Soda – Komm vorbei mit deinem Škoda?“ Zumindest auch ein Song aus meinen Teenie-Jahren, der von einer schillernden Halb-Realität berichtet. Sie scheint sich hinter einem seidenen, paillettenbestickten Vorhang abzuspielen, aber nicht hinter einem eisernen.
Als Kind und Teenager war mir nie sonderlich bewusst, dass es Unterschiede zwischen meinem Aufwachsen und dem einer Person in Westdeutschland geben könnte. Ich fand es sogar eher anstrengend, wenn Menschen die immer noch bestehenden Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschland besprachen, es kam mir wie eine alte Kiste vor, die man nicht mehr hervorkramen muss. Für mich war es normal, dass jede erwachsene Person, mit der ich in Kontakt war, eine DDR-Vergangenheit hatte, dass DDR-Geschichten geteilt wurden und sozialistische Statuen und Mosaike die Straßen zierten. Aber es muss doch etwas bewegt haben, dieses Aufwachsen auf dem Gebiet eines Landes, das es nicht mehr gibt, dessen Geschichte sich jedoch in den Erinnerungen, öffentlichen Architektur, fehlenden Infrastrukturen fortschreibt. Erst, als ich für mein erstes Studium nach Niedersachsen zog, begann sich meine Welt zu öffnen, wobei ich zuallererst ebenjene sozialistische Statuen und Mosaike im neuen Stadtbild vermisste. Mit meinen Freund*innen mache ich manchmal den Witz, dass ostdeutsche Städte genauso hässlich wie westdeutsche sind, aber bei ostdeutschen Städten bedeutet es zumindest was. Vielleicht vernachlässige ich dabei, dass ein Post-Zweiter-Weltkrieg-Betonklotz in einer westdeutschen Stadt natürlich auch einen inhärenten ideologischen Wert besitzt; er strahlt die Macht des Kapitals aus, wohingegen ein ähnlicher Betonklotz in einer ostdeutschen Stadt einst das Gegenteil repräsentieren sollte. Dessen Eingangspforte ziert vielleicht noch ein Relief von muskulösen sowjetischen Arbeiter*innen, die standhaft nach vorne schreiten, bis die Witterung sie eines Tages vollends hinunter geschliffen hat. Ich frage mich schon lange, was es bedeutet, so inmitten der Zeichen einer verlierenden Ideologie aufzuwachsen, die zu viel Schmerz geführt und die Biografien aller umgebenden Erwachsenen zerschnitten hat und gleichzeitig nach wie vor für Menschen, auch für junge Menschen wie mich ein Grund zur Hoffnung ist.
Vielleicht bedeutet es so viel, dass all die Gefühle und Gedanken, die ich mit dem Osten verbinde, in sich implodieren und wieder in Bedeutungslosigkeit versinken. Mit 20 besuchte ich als Teil einer internationalen Jugendgruppe einen Berliner Jugendclub für queere Menschen. Den Moment, als ich die Auslage der Flyer im Eingangsbereich lag, erinnere ich nach wie vor als signifikant, weil ich damals fast geweint hätte bei dem Gedanken, wie viel nur ein einziger dieser Flyer in meiner Schule für mich hätte verändern können, geschweige denn ein ganzes Jugendzentrum. Aber hat das jetzt mit Ost/West-Kram zu tun oder einfach damit, dass ich in den frühen 2010er-Jahren in einer provinziellen Gegend aufgewachsen bin, die bei Shifts in sozialen Paradigmen immer zehn Jahre hinterher hängt? Inzwischen gibt es in meiner Heimatstadt sogar einen CSD, den ich nie geschafft habe zu besuchen, bevor er nun wieder aufgehört zu haben scheint. Call it Scham, call it Feigheit, call it Trotz. Vielleicht will ich dieser Stadt mein queeres Ich einfach nicht geben, nicht sichtbar sein in diesen Straßen, die mich solange gezwungen haben, unsichtbar zu sein. Ich könnte gehen, wenn ich mich darauf verlassen könnte, eine gute, empowernde Zeit zu haben, aber das ist bei Kleinstadt-CSDs im Osten eben nicht garantiert, wie der Nazi-Aufmarsch 2024 in Bautzen zeigt.
Gestern saß ich im Regionalzug von Weimar nach Leipzig, schaute aus dem Fenster auf die AfD-Flaggen über den Schrebergärten, die diese nostalgische Hügellandschaft meiner Jugend überziehen, und dachte, dass es über den Osten eigentlich gar nichts mehr zu sagen gibt. Es ist alles schon irgendwie ausgesprochen und lässt mich insgesamt mit viel Ratlosigkeit zurück. Einer meiner Lieblingsautoren, der in die DDR eingewanderte, viel zu früh verstorbene schwule Aktivist Ronald Schernikau, schrieb als Untertitel einer seiner Bücher „daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können, geschweige mittels ihrer literatur“. Manchmal habe ich das Gefühl, er hat immer noch Recht. Und trotzdem arbeiten die Nachwendegenerationen sich weiter am Osten ab, trotzdem erscheinen immer wieder gute Bücher, die bereits gesagtes erneut gut sagen, trotzdem versuchen junge Menschen, sich mit diesem anderen Land und seinem Erinnerungsgut auseinanderzusetzen. So arbeiten wir alle weiterhin daran, die Thälmann-Statue abzuschleifen oder zu etwas neuem zu machen, komme was wolle und wer weiß, wo es hinführt, es muss trotzdem geschehen.




