Hier schockt nichts mehr

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Leistungsdruck, Geschlechterrollen und die Frage, ob jemand sich traut zu sagen, dass er etwas nicht kann: In einem Workshop erzählt ein Junge von dem Druck, immer abliefern zu müssen. Was das mit PISA-Zahlen, Social Media und echter Beteiligung zu tun hat, zeigt dieser Text.

Ich notiere schneller, als ich nachfrage. Kurz nach neun sitzen ein paar Jugendliche vor mir, die für diesen Vormittag vom Unterricht freigestellt sind. Statt Schulbank gibt es Workshops, und bei meinem geht es um Leistungsdruck in der Schule. Ich schreibe an der Flipchart mit, was sie beschäftigt. Plötzlich hab ich Angst, mit den Nachfragen zu intim zu werden, daher frag ich gar nicht erst groß. Sie erzählen zum Glück von selbst. Die Girls reden über einen Konkurrenzkampf untereinander. Der einzige Junge im Raum sagt leise, er müsse perfekt abliefern, damit seine Schwächen nicht auffallen. Leise, also halte ich es erst für Zurückhaltung. Ein Irrtum, wie sich später herausstellen wird. Dann gehen sie nach und nach raus, nur der Junge bleibt stehen und bedankt sich. Das hier sei ein Safe Space gewesen, sagt er, einmal ohne leisten zu müssen. In der Schule gehe das nicht.

Was PISA misst – und was nicht

Ein paar Tage später kommen die PISA-Ergebnisse. Die Quintessenz ist wie immer, dass alles schrecklich ist, und dann die Frage, welches Geschlecht diesmal schlechter dasteht. Here we go again. Weitergelesen hab ich trotzdem. Die Jungen liegen beim Lesen fünfundzwanzig Punkte hinter den Mädchen. In Mathe liegen sie in derselben Erhebung elf Punkte vorn. Hier also andersherum. Und dann eine Stelle, die mich länger beschäftigt als jede Zahl. Auch wenn PISA hier vor allem Kompetenzen misst, kennen wir aus früheren Analysen das Muster. Mädchen trauen sich in Mathe oft weniger zu, selbst bei ähnlichen Leistungen. Geredet wird darüber trotzdem sofort als Geschlechterfrage. Ich denke an ihn. Was er mir erzählt hat, war nichts über seine schulischen Leistungen. Es ging darum, wie viel Kraft es kostet, nicht zu zeigen, was man nicht kann. Ob das ein Coping-Mechanismus ist, weiß ich nicht, ich bin ja nicht seine Therapeutin. Aber eine Lücke, die keiner kennt, schließt auch keiner. Und was nicht geschlossen wird, fehlt beim nächsten Thema wieder. Was PISA misst, zeigt am Ende nur einen Teil der Ungerechtigkeit.

Warum konnte er es bei mir sagen und in der Schule nicht? Ich halte mich kurz beim Erklärungsversuch. Kaum Freizeit, überfüllte Klassen, hohe Anforderungen und wenig Raum für eigene Entscheidungen. Versucht hat er dort oft was zu ändern, erzählt er mir. Nur ist danach nichts passiert. Was er beschreibt, ist eine Erziehung zur Ohnmacht. Wer oft genug erlebt, dass ihn keiner hört, macht stattdessen das, was er gelernt hat. Er hat gelernt abzuliefern. Die Girls haben gelernt, sich zu vergleichen. Für ihn heißt das bloß keine Schwäche zeigen zu dürfen. Für die Girls heißt das sich nicht überschätzen. Zwei Notlösungen für dasselbe Problem, die beide belasten. Dass irgendwann keiner mehr was sagt, kommt von der Ohnmacht. Welche Form das Schweigen dann annimmt, hat mit Geschlecht zu tun.

Leistungsdruck endet nicht am Schultor

Dass etwas folgenlos bleibt, kenne ich auch von mir. Angefangen hab ich mit politischen Stickern auf Schulklos, bevor ich irgendein Amt hatte, immer zwischen zwei Stunden, wenn mich niemand erwischen konnte. Aufgehört hab ich auch dann nicht, als ich zur Schülersprecherin gewählt war und mir eigentlich jeder Weg offenstand, der dafür vorgesehen ist. Trotz hunderter Stimmen hatte ich es nötig, weiterzukleben. Das sagt wenig über mich und viel über das System. Heute stehe ich vorne, auf der anderen Seite. Mein Workshop ist unbezahlt, und er findet überhaupt nur statt, weil im Stundenplan was fehlt. Für zwei Stunden bin ich das Pflaster in einem beschädigten System.

Bei mir fängt es deshalb nicht mit Zahlen an, sondern mit der Frage, was dich gerade beschäftigt. Dass meine Arbeit oft als etwas Besonderes gilt, liegt daran, dass im Stundenplan kein Platz dafür vorgesehen ist. Messen müsste man Beteiligung deshalb nicht daran, ob sie stattgefunden hat, sondern daran, was aus ihr geworden ist.

Was daraus folgen müsste, kostet vor allem Geld. Trotzdem geht auch im Kleinen was. Der Junge hat in der Schule was gesagt, und danach ist nichts passiert. Bei mir blieb es nicht folgenlos, wir haben damit weitergearbeitet, egal ob es von jemandem kommt, der immer stark wirken muss, oder von jemandem, der sich lieber kleinmacht. Er hat sich dafür bedankt, als er ging, dass er zwei Stunden nichts können musste. Bedanken müsste sich dafür keiner.

 

Wie junge Menschen ihren eigenen Weg finden, beschäftigt Luisa Galli am meisten. Als politische Aktivistin schreibt sie über Selbstbestimmung im Alltag und die Rolle des Individuums in einer sich wandelnden Gesellschaft. Außerdem veröffentlicht sie regelmäßig eine eigene Kolumne im Verein Anna & Hannah. Parallel zu ihrem Abitur studiert sie Philosophie im Juniorstudium und ist in Kiel als Moderatorin und Speakerin aktiv.