Wenn Täter sich selbst als Opfer inszenieren: Romy analysiert, wie Worte Schuld relativieren, Mitleid erzeugen und Verantwortung verschieben können.
„Es sind immer zwei Personen. Immer zwei. Und ich war in diesem Moment nicht stark genug, mich wegzudrehen und einfach zu gehen.“
Das sagt Autotuner, Unternehmer und Content-Creator Jean Pierre Kraemer in einem Video. Es ist das zweite von insgesamt drei Stellungnahmen, in denen sich Jean Pierre Kraemer, kurz JP, zu den Vorwürfen der häuslichen Gewalt an seiner Ehefrau Julia Meck äußert. Vorwürfe, die inzwischen durch veröffentlichtes Videomaterial weiter untermauert wurden.
Obwohl in JPs Videos mehr als einmal der Satz „Ich möchte mich entschuldigen“ fällt und er die Taten nicht bestreiten möchte – wie ein tatsächliches Eingeständnis der Schuld oder ein Bewusstsein derselben wirkt keine dieser Stellungnahmen. Vielmehr scheint JP zu versuchen, und sei es nur durch scheinbar irrelevante Nebensätze, sich selbst nicht als Täter der Situation darzustellen – sondern auch als eine Art Opfer. Die Verantwortung für sein Handeln schiebt er von sich weg. Dieses Verhalten könnte sich unter dem Begriff „Victim-Playing“ einordnen lassen.
„Victim-Playing“ – Das Verschieben der Schuld
„Victim-Playing“ beschreibt ein Phänomen, bei dem sich die eigentlichen Täter von ihrer Position zu distanzieren versuchen. Das kann sich unterschiedlich zeigen: Manche Täter streiten ihr Handeln und das, was sie damit verursacht haben, vollständig ab. Sie leugnen das Geschehene, um nicht in die Verantwortung gezogen zu werden. Andere drehen die Rollen um oder verändern sie so, dass die betroffene Person als die eigentlich Schuldige oder aber als Mitschuldige inszeniert wird. Betroffenen wird dabei häufig durch ihr Verhalten eine Teilschuld zugewiesen: Sie seien zum Beispiel durch „provozierendes Verhalten“ oder „anzügliche Kleidung“ Ursache oder Katalysator für die Tat.
Ein Satz, der in diesem Kontext häufig fallen kann, erinnert an das Einstiegszitat: „Es gehören immer zwei dazu.“
Julia, die Presse und JPs Umgang mit der Schuld
In den Videos von JP zeigt sich, dass er auf drei verschiedenen Ebenen zu versuchen scheint, seine eigene Verantwortung und Schuld als Täter von sich wegzuschieben. Er konstruiert unterschiedliche Narrative und schafft es so mehr und mehr, sich aus der Rolle des gewalttätigen Ehemanns herauszuwinden.
Das Narrativ von Julia
„Ich bin ein Mensch, der zehn Euro am Geldautomaten abheben würde. Ich würde auch fünf Euro abheben, wenn das möglich wäre. Julia war … nicht so“, sagt er in seinem ersten Statement im Kontext der Streitigkeiten, die sie bei finanziellen Angelegenheiten gehabt haben sollen. Dabei geht er auch auf eine Halskette ein, die er ihr geschenkt und während der Handgreiflichkeiten vom Hals gerissen haben soll: „Gefühlt war keine Dankbarkeit wirklich da, gefühlt war alles immer selbstverständlich“.
JP kreiert durch diese scheinbar nebensächlich wirkenden Erzählungen ein bestimmtes Narrativ von Julia. Das Narrativ einer Frau, die einerseits auf Geld fokussiert, andererseits „undankbar“ für dieses zu sein scheint. Auch wenn er das Bild nicht weiter malt: Es bleibt eine schemenhafte Skizze liegen, die den Zuschauenden zeigen soll, was für eine Art von Mensch Julia angeblich gewesen sei.
Die Rolle JPs als Täter rückt immer weiter in den Schatten, während das Scheinwerferlicht nun stattdessen Julias Person und ihre Rolle innerhalb der Beziehungsdynamik beleuchtet.
Die Rolle der Presse
Neben der Konstruktion eines bestimmten Narrativs von Julia lässt sich ein weiterer roter Faden erkennen, der sich durch die Statements von JP zieht: die Rolle der Presse, die ihn in diese Lage bringen würde. Dabei äußert er sich unter anderem so: „Viele von euch können sich vorstellen, was diese Pressewelt da draußen macht. Und es gibt Menschen da draußen, die mich hassen.“ Es scheint so, als wolle er mit seiner Stellungnahme der Presse zuvorkommen wollen – etwas, das nicht per se falsch ist. Interessant ist aber, wie er sein Verhältnis zu „der Pressewelt“ in seinen Videos schildert – und welche Wirkung er damit erzielen könnte.
Dabei bezeichnet er die mögliche Berichterstattung über die Gewalttaten als eine „Schlammschlacht“, die auf ihn zukommen würde. Das Veröffentlichen der Statement-Videos sei außerdem unter einem Zwang seitens der Presse entstanden, die damit gedroht haben soll, zu behaupten, was sie wolle.
Es ist zwar richtig und wichtig, sich vor Augen zu führen, dass die Medienwelt einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung hat und somit viel Verantwortung trägt für das, was sie publiziert. Dass man sich vor dieser Macht fürchtet, ist verständlich – und trotzdem macht das JP nicht weniger zum Täter. Es zieht ihn auch nicht aus seiner Verantwortung. Indem JP allerdings ein dermaßen schweres Gewicht auf die Rolle der Medienwelt legt, die ihn zu der Stellungnahme zwingen würde, rückt er erneut als Täter in den Hintergrund – und die Presse als Medium, das ihm schaden könnte, in den Vordergrund.
JPs Umgang mit seiner Schuld
JP gesteht seine Taten ein – etwas anderes ist auch kaum möglich, nachdem Aufnahmen einer Überwachungskamera veröffentlicht wurden, in denen die häusliche Gewalt gegenüber Julia klar ersichtlich ist. Eine Tat einzugestehen bedeutet aber nicht, sich der eigenen Schuld vollständig bewusst sein zu müssen – das zeigt JP in seinen Videos.
Wenn er über die Gewalttaten spricht, verwendet JP häufig das Wort „Kontrolle“:
„Ich bin kein böser Mensch. Ich bin, glaub ich, einfach nicht ganz … in Kontrolle immer. {…} Ich habe mein Bestes versucht.“
„Ich habe mein Bestes gegeben, mich dort unter Kontrolle zu halten, mich dort als erwachsener Mensch zu benehmen. Aber ich habe es in diesen Situationen nicht geschafft. {…} Ich habe es einfach nicht geschafft, und das war scheiße, und fertig.“
JP scheint sich selbst nicht direkt als Täter zu sehen. Er schiebt die Position eines gewalttätigen Ehemanns von sich weg und legt den Fokus stattdessen auf Kontrolle.
Es wirkt so, als sei er sich seiner Verantwortung, diese Gewalt ausgeübt zu haben, gar nicht bewusst – er verlegt die Verantwortlichkeit auf eine Eigenschaft, über die er machtlos sei. Dabei stellt er die Situation so dar, als habe er zwar gegen den Kontrollverlust angekämpft, diesen Kampf aber verloren. Erneut distanziert er sich dadurch von der Position als Täter und inszeniert sich als eine Art Opfer, das den Kampf gegen sich selbst verloren habe.
JP reduziert seine Tat nicht nur auf seinen Kontrollverlust. Mit dem Satz „Ich habe mein Bestes gegeben, mich dort unter Kontrolle zu halten, mich dort als erwachsener Mensch zu benehmen“ bringt er einen weiteren Aspekt ins Spiel, der seine Tat bagatellisieren könnte. Er ordnet sein Verhalten nicht als das eines erwachsenen Menschen ein. Somit reduziert er sein Handeln auf etwas Kindliches und nicht auf das, was es ist: das Handeln eines Täters.
JP hat in seinen Videos bereits ein bestimmtes Narrativ von Julia geschaffen – dasselbe scheint er auch bei sich selbst zu tun. Sein eigenes Narrativ geht allerdings in eine andere Richtung:
„Menschen, die ich wirklich mochte, da habe ich gemerkt, was die über mich denken oder sagen, ist super verletzend. Kann meine Schuld sein, dass ich das einfach nicht gesehen habe.“
„Ich war in diesem Moment nicht stark genug, mich wegzudrehen und einfach zu gehen.“
„Es tut mir leid, ich habe es teilweise einfach nicht besser gewusst.“
„Mein Hoffen und mein Kämpfen {für die Beziehung} war da zu groß.“
Es wirkt so, als wolle JP seine Schuld verschleiern, indem er seine Unschuld hervorhebt: Er sei hintergangen worden, sei nicht stark genug gewesen, unwissend oder habe zu sehr für die Beziehung kämpfen wollen. Er betont seine Verletzlichkeit und seine Naivität und schiebt damit offenbar erneut seine Gewalttaten in den Schatten, indem er Seiten von sich hervorhebt, die nicht mit typischem Täterverhalten assoziiert werden.
Solche Eigenschaften, die er in seinen Videos betont, hebeln aber nicht seine Taten aus. Er kann „naiv“ gewesen sein, er kann „verletzt“ gewesen sein – und trotzdem ist er Täter und hat Gewalt ausgeübt. Auf Zuschauende kann dieses Narrativ, das er von sich selbst schafft, etwas hervorrufen, das das Gewicht seiner Taten leichter machen könnte: Mitleid. Und anhand der Kommentare unter seinem ersten Statement-Video wird ersichtlich, dass das zum Teil auch funktioniert hat:
„Respekt für diese schonungslose Offenheit und den Mut, sich in so einer verletzlichen Phase direkt und ungefiltert an die Community zu wenden“
„Man sieht, dass es dir nahe geht ……. Lass dich nicht unterkriegen. Ich hoffe, es bleibt alles bei dir, was dir gehört. Viel Kraft an dich <3“
Der Rückhalt, den JP zum Teil erfährt, ist leider nicht überraschend. Er zeigt aber, dass die Darstellung von Julia und von sich selbst eine Wirkung zu haben scheint. Einige Personen fühlen mit, beschreiben das Geschehene als „menschlich“. Es wirkt so, als sei JP für viele und vielleicht auch für sich selbst nicht nur Täter, sondern auch eine Art Opfer. Die Verantwortung hat sich verschoben.
Das Private ist politisch
Oft hört man, häusliche Gewalt sei etwas, das man in den eigenen vier Wänden klären müsse. Etwas, das niemanden etwas angehe. Doch das stimmt nicht. Häusliche Gewalt ist kein Problem hinter verschlossenen Türen. Sie zeigt patriarchale Strukturen, die tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Es ist wichtig, häusliche Gewalt nicht als „Privatthema“ zu betrachten. Solange wir das tun, bleibt alles beim Alten. Veränderung beginnt erst, wenn Gewalt aus dem Privaten ans Licht kommt.
Quellen:
JP Performance GmbH, Statement Jean Pierre Kraemer, YouTube & Instagram, abgerufen am 28.08.2026




