Sollte es "fotzigen" Feminismus geben?

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Provokant, vulgär, feministisch? Ikkimel nennt ihr Album FOTZE und reclaimt Begriffe, die lange gegen Frauen verwendet wurden. Während sexistische Lines von Männern normalisiert sind, wird weibliche Provokation schnell zum Skandal. Ist das zu viel – oder genau die Form von Empowerment, die Rap braucht?

„Ich rede über Fotzen und ich bring sie in die Charts“

IDGAF, Ikkimel

Die Berliner Rapperin Ikkimel provoziert gerne mit ihren Texten, verwendet vulgäre Sprache und haut umstrittene Zeilen raus – alles im Namen des Feminismus und der Wiederaneignung so mancher beleidigender Begriffe. Vor allem das Wort „Fotze“ spielt dabei eine ganz zentrale Rolle. Ihr erstes Album trägt diesen Titel in Großbuchstaben. FOTZE erregt Aufmerksamkeit, ist plakativ und provokant. Aber kann man solche Provokationen als Feminismus betiteln oder ist die Künstlerin da doch einen drüber?

„Sie würden gern ’ne kleine Fotze sein, aber ich bin’s“

Mami, Ikkimel und The Cratez

Die kurze Antwort ist: Ja, ihre Musik ist durchaus feministisch. Und sie ist dabei auch nicht alleine. Immer mehr deutsche Musiker*innen und Rapper*innen verwenden provozierende Sprache und eignen sich Schimpfwörter, die vor allem abwertend für Frauen gelten, wieder an. Sie benutzen eigentlich genau das Vokabular, womit Rapper jahrelang ihr Geld verdient haben: „Schlampe“, „Hure“, „Nutte“, „Fotze“, „Bitch“ und viele mehr. Sobald es aber von Frauen kommt, wird es natürlich direkt kritisiert, verhöhnt und von den Medien ausgeschlachtet. Während sich Rapper jahrzehntelang mit Frauen geschmückt haben, die halbnackt in ihren Videos tanzen, werden Künstlerinnen wie Ikkimel dafür verurteilt, wenn sie genau das machen – nur ohne Mann anwesend und nicht für den Male Gaze. Genauso ist es mit der weiblichen Sexualität, die nicht wie die männliche Sexualität gefeiert und gepriesen wird, sondern eben als falsch oder problematisch angesehen wird.

„Jetzt sind die Fotzen wieder da“

Die Fotzen sind wieder da, SXTN

Was das Rap-Duo SXTN sich schon vor 10 Jahren getraut hat, findet jetzt durch die steigende Popularität von Künstler*innen wie Ikkimel immer mehr Anklang in der deutschen FLINTA*-Rap-Szene. Je größer der Trend wird, solche Texte zu schreiben, desto mehr werden die einst abwertenden Wörter wiederholt und verlieren schließlich an Macht, sodass die Bedeutung der Wörter neu besetzt werden kann. Und wie schön wäre es, wenn die schlimmsten Schimpfwörter nicht immer weiblich konnotiert wären oder das Weiblich-Sein selbst als Beleidigung gelte.

„Ab in’n Zwinger, noch ’ne Runde
Weil du warst ein böser Junge“

BÖSER JUNGE, Ikkimel

Und was ist jetzt mit den Männern? Die kommen in den Texten dieser Künstler*innen nämlich auch nicht so gut weg. Im klassischen Rap hat es natürlich niemanden interessiert, wenn Frauen in den Texten schlechter dargestellt wurden, ihnen schlechte Eigenschaften zugeschrieben wurden oder sie verachtet wurden. Weiblichen Künstler*innen wird aber, wenn sie genau das tun, Männerhass oder glatt Hetze vorgeworfen. Gesellschaftlich wird es mal wieder nur als problematisch gesehen, wenn die Machtposition der Männer angegriffen wird.

„Von der größten Fotze meiner Stadt, zur größten in Europa“

WHO’S THAT, Ikkimel

Was ich aus Ikkimels Musik mitnehme, ist in erster Linie eine ganze Menge Empowerment. Es ist schön, Musik zu hören, in der sich eine Frau selbstbewusst zeigt, wenn man als Frau ein Leben lang lernt, an sich zu zweifeln und sich klein zu machen. Ikkimel nimmt Raum ein und das finde ich inspirierend. Ich finde es auch gut, dass Männer in ihren Texten auch mal nicht die höchste Machtposition einnehmen – das tun sie ja immerhin schon im echten Leben. Dass Ikkimels Musikstil nicht allen gefällt, ist natürlich normal, jede*r hat nun mal einen eigenen Geschmack. Ihr Vorwürfe zu machen wegen ihrer Texte finde ich allerdings zu viel. Musik ist eine Kunst, alle dürfen sie ausleben, wie sie wollen. Man sollte sich eher die Frage stellen, ob ihre Texte wirklich so provokant sind oder nur so gesehen werden, weil sie von einer Frau kommen.

Ich bin Carlotta (Sie/Ihr) und studiere Gender, Kultur und Sozialer Wandel im Master an der Uni Innsbruck. Doch mein Interesse an Fragen der Geschlechtergerechtigkeit geht weit über mein Studium hinaus. In meinen Texten setze ich mich gerne mit Themen rund um Identität auseinander – und damit, wie junge Menschen ihren Platz im Gefüge unserer heutigen Gesellschaft suchen und gestalten.