Von gegenderter Sprache und ihren Folg_Innen

2015-09-30

„Ich gender dich tot, bitch.“ Aber so ein schönes Wort ist Studentenwohnheim dann auch wieder nicht!

Sprache ist nice.

Darüber sind wir uns in der Welt doch ziemlich einig. Ist ja auch kein Wunder, unsere Welt wird zum Großteil von Sprache bestimmt. Die ganzen großartigen Ereignisse unseres Lebens haben und hatten was damit zu tun: Liebeserklärungen werden meistens sprachlich rübergebracht, wichtige Klausuren haben wir geschrieben statt gemalt, die Beförderung wurde uns vermutlich auch eher schriftlich mitgeteilt als vorgetanzt, aufmunternde Worte sind genauso wichtig wie Umarmungen, wir haben unsere Lieblingsbücher und unsere Lieblingsgedichte, die Leute, mit denen wir uns gut unterhalten können, mögen wir auch gern, unser Lieblingslied mit den deepen lyrics hat unser Leben verändert und wir werden nie vergessen, was der beste Freund damals in der Grundschule als erstes zu uns gesagt hat.

„Ein Ponyhof“ ist zwar Sprache, aber Sprache ist natürlich kein Ponyhof. Man kann mit ihr ja auch Beleidigungen formulieren, Missverständnisse erschaffen, Hassparolen von sich geben und diskriminieren. Und genau darum geht es.

Ich denke, im Prinzip haben wir alle die Macht der Sprache verstanden. Wir wissen, dass es für Kinder wichtig ist, Lesen und Schreiben zu lernen, weil das der Zugang zur Bildung und einem besseren Leben ist. Wir wissen, dass man Formulierungen wie „Untermensch“ aus seinem Sprachgebrauch streichen sollte, weil die Nazis durch solche Zuschreibungen ihre menschenverachtende Ideologie mitgestützt haben. Mittlerweile haben wir vielleicht sogar größtenteils kapiert, dass „schwul“ eine sexuelle Orientierung ist und sich daher eher weniger als Schimpfwort eignet. Klar, manchmal muss man auf den Schulhöfen noch erklären, warum die Virgina-Clarise keine „blöde Schwuchtel“ ist, wenn sie dich nicht abschreiben lässt, und auch (schon allein von der Logik her) keine „dumme Schlampe“, wenn sie dich beim Flaschendrehen nicht küssen will, und den Eltern von der Virginia-Clarise muss man vielleicht auch erklären, dass die Idee, ihre Tochter Virginia-Clarise zu nennen, keine von den ganz herausragenden war. Aber so im Prinzip habe ich das Gefühl, dass wir das langsam verstanden haben: Sprache ist mächtig und deshalb wichtig.

Trotzdem gibt es in meiner Moderatorinnentätigkeit bei Poetry Slams einen Witz, auf den ich immer zählen kann: Wenn mein Co-Moderator sagt „Es treten heute zehn Poeten auf“, muss ich einwerfen: „Und Poetinnen!“ Zack, die Leute werden lachen.

Das ist die einfachste Sache der Welt und das Traurige: Es funktioniert immer. Zehnmal am selben Abend, wenn es länger dauert, auch zwanzigmal. Ich gendere und die Leute lachen. Und ein bisschen kann ich auch verstehen, warum.

Ich verstehe, warum die Rolle der etwas verbissenen Feministin, die nach jedem Satz „und -Innen!“ ruft, etwas Komisches hat. Ich kann sogar nachvollziehen, dass Menschen mittlerweile so genervt sind von der Überkorrektheit der Sprache, dass sie diese Ironie brauchen. Bei einem Poetry Slam zum Thema Gender kam wohl einmal ein Teilnehmer auf die Bühne und wiederholte den Satz „Ich gender dich tot, bitch“ solange, bis das Zeitlimit ausgelaufen war. Manchmal fühlt sich das im echten Leben bestimmt auch so an, das kann ich verstehen.

Aber wenn die simple Tatsache, dass ich in meiner Moderation 50 Prozent der Weltbevölkerung mitberücksichtige, auch beim zehnten Mal noch unfassbar komisch ist, dann frage ich mich doch, ob da nicht vielleicht noch mehr dahinter steckt als bloß ein bisschen Ironie oder Genervtheit.

Ich betreue die Webpräsenz unserer Fachschaftsarbeit und habe vor einiger Zeit online eine kurze Meldung über ein „Studierendenwohnheim“ geschrieben, das noch Leute sucht. Danach kam eine eigentlich sehr ruhige und liebe Kommilitonin relativ aufgebracht auf mich zu, wollte mich -so sagte sie jedenfalls- „erwürgen“ und regte sich darüber auf, dass ich das Wort gegendert hätte. „Es heißt eben einfach nicht Studierendenwohnheim! Das klingt kacke!“, sagte sie, bevor sie den Raum verließ.

Das ist die andere Reaktion, die ich oft miterlebe: Aggression. Unverhältnismäßige Wut auf die Menschen, die ihre Überzeugungen unbedingt in die Sprache tragen müssen. „Als würde das etwas bringen!“

Auch, dass man eine Liebe zur Ästhetik entwickelt, kann ich nachvollziehen. Ich studiere u.a. Germanistik, ich bin Poetin und Autorin: Ich liebe Sprache, ehrlich! Aber eine gerechtere Welt ist mir wichtiger als mein Ästhetikempfinden. Und erwürgen will ich deshalb niemanden.

Bei beiden Reaktionen liegt es doch nahe zu fragen, ob es hier nicht doch um mehr geht. Warum ist es so verdammt witzig, die Realität sprachlich abzubilden? Warum ist es so unglaublich nervig, ein Ideal sprachlich zu vermitteln? Geht es hier nicht vielleicht um unterdrückende Strukturen, an die wir uns recht gut gewöhnt haben? Oder um einen Diskurs, in dem es eigentlich um Gleichwertigkeit statt um Sprache geht?

In einer Studie von Dries Vervecken und Bettina Hannover diesen Jahres wurden Kindern Berufe vorgestellt – bei einer Gruppe in der „normalen“ Version (denn „normal sein“ heißt männlich sein – oder Kindergärtnerin ) und bei einer anderen Gruppe mit den weiblichen (bzw. männlichen) Endungen, also: Ärzte und Ärztinnen, Maurer und Maurerinnen, aber auch Nageldesignerin und Nageldesigner. Danach wurden die Kinder gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, diesen Beruf später mal zu ergreifen. Und siehe da: Aus der Gruppe, in der beide Geschlechter in der Sprache berücksichtigt wurden, konnten Mädchen sich um einiges eher vorstellen, typisch männliche Berufe zu ergreifen und Jungen hatten kein Problem damit, einen weiblich konnotierten Beruf auszuüben, während die Ergebnisse in der „normalen“ Gruppe erschreckend waren. Das ist bei weitem nicht die einzige Studie, im englischsprachigen Raum gibt es massig Studien, die genau das belegen: dass Sprache von uns als Wahrheit anerkannt wird, aber auch neue Wahrheit schaffen kann. Und das, wo die englische Sprache ohnehin schon viel weniger diskriminiert als die deutsche! Es wäre also gar nicht mal so schlecht vorstellbar, dass dieser Effekt im Deutschen noch größer ist.

Und werfen wir doch kurz mal einen Blick in die Realität: Wir haben etwa ziemlich genau zur Hälfte männliche und weibliche Menschen auf der Welt. Die wirklich anerkannten Berufe allerdings, also z.B. Arzt, Architekt, Professor, Firmenchef oder Regisseur werden so richtig erfolgreich irgendwie fast nur von Männern ausgeübt. Eben von Ärzten und Firmenchefs, nicht von Ärztinnen und Chefinnen. Seltsam, oder?

Fast so seltsam wie die Tatsache, dass auch Putzfrauen meistens Frauen sind, Kindergärtner hart damit zu kämpfen haben, wenn sie männlich sind und die Krankenschwester eben auch nicht als Bruder gerufen wird. Aber vielleicht sind Frauen eben einfach prinzipiell dümmer, schwächer und weniger ehrgeizig?

Das mit der Sprache und dem Weltbild, das hat doch schon öfter geklappt. Wäre das nicht einen Versuch wert? Einfach mal ein bisschen -Innen anhängen oder zu -nden umformen und hoffen, dass sich das auf unser Bewusstsein auswirkt? Dass Frauen sich dann plötzlich immer und alle mitgemeint fühlen? Weil, dass mir manche superselbstbewusste Damen erzählen, sie würden sich schon mitgemeint fühlen und SIE hätten kein Problem, find ich ehrlich ganz toll. Zwar ist von denen auch niemand da gelandet, wo man sonst eher als Mann hinkommt, aber, wenn sie kein Problem damit haben, ist das doch prima. (Klar benutzen gerade diese Frauen weibliche Zuordnungen dann oft abwertend, aber hey!)

Ich denke nur einfach, dass es in unserer Gesellschaft darum gehen sollte, sich um genau die zu kümmern, die ein Problem haben, für die eben noch nicht alles stimmt, die sich ungleich behandelt fühlen. Und wenn es sich dabei nicht um eine Randgruppe handelt, sondern um annähernd 50 Prozent von allen, dann wird das gleich noch etwas drängender. Einen eigenen Artikel wären dann natürlich noch all jene wert, die eben weder Mann, noch Frau, sondern dazwischen sind. Aber wisst ihr was? Dafür gibt es auch eine schöne Lösung: Den Unterstrich! Student_innen und alle sind dabei. Nice, oder?

Und ja, manchmal hört sich das Gegender einfach kacke an! Klar, das liegt eben auch daran, dass wir etwas anderes gewöhnt sind. In ein paar Jahren tut´s nicht mehr so weh; Versprochen! Außerdem wäre das Ziel ja gar nicht unbedingt, dass alles immer gegendert wird, sondern dass wir irgendwann dahin kommen, wo ich Bauarbeiterin sagen kann und sich auch alle Bauarbeiter mitgemeint fühlen. Ist im Moment aber nicht so. Wenn irgendwann die Verhältnisse in der Realität wirklich gleich sind und Männer kein Problem mehr damit haben oder sich gar beleidigt fühlen, wenn man sie in der weiblichen Form anspricht, Frauen dafür so zahlreich und mit so vielen „weiblichen“ Verhaltensweisen wie sie wollen in den hohen Positionen sitzen, dass es sie nicht stört, als Manager angesprochen zu werden, dann können wir das von mir aus gern wieder lassen. Bis dahin tut uns allen den Gefallen und denkt mal drüber nach, was daran so schlimm oder witzig ist, die Gleichberechtigung ein bisschen vorwärts zu bringen und eben von Poeten und Poetinnen zu sprechen, wenn Poeten und Poetinnen anwesend sind.

So viele Menschen werden unglücklich, weil sie nicht dem entsprechen, was wir ihren Geschlechtern vorschreiben wollen und in jedem Satz durch ungegenderte Sprache werden sie und wir wieder daran erinnert, dass da jemand nicht den Konventionen entspricht. Mir persönlich ist es das wert, Menschen glücklicher zu machen (ja, das hab ich geschrieben: so richtig mit Einhorn und Glitzer und Kitsch) und dafür ein Auge bei der Sprachästhetik zuzukneifen. Beim Genitiv oder den immer falsch verwendeten Imperativen stört euch das doch auch nicht so! Also, lasst uns das doch versuchen, das könnte sich echt lohnen.

Und ganz ehrlich: So ein schönes Wort ist „Studentenwohnheim“ dann auch wieder nicht!

Ich bin Fee aus München und Poetry Slammerin. Bei meinTestgelände schreibe ich mit, weil ich mich unter anderem für genderspezifische, feministische Themen interessiere und dazu eine Meinung habe, mit der und über die ich gerne diskutiere.

Kommentare

  1. Du kleine_r Rebell_in ;o)

  2. In der heutigen Welt wird echt alles, was minimal voneinander abweicht angeglichen. In 100 Jahren sind dann wirklich alle gleich.
    Warum ist Unterschied so schlecht? Ich find auf einem Ball auch eine Frau im Abendkleid schöner als eine im Anzug. In n paar Jahren tragen Männer dann Kleider, weil es diskriminierend ist, dass das typisch Frau ist?!

    • Moin Sebastian. Um ganz ehrlich zu sein, kommt es nicht darauf an, was Du schöner findest sondern was die einzelne Person für sich selbst am schönsten/passendsten empfindet.
      Das Ziel ist auch meiner Meinung nicht, dass wir alle 'gleich' sind, sondern das die Grenzen, die durch Geschlechterrollen abgebaut werden und so jeder sich seinem Individuum nach frei entfalten kann und wenn dann ein Mann sich für ein rosa Kleid entscheidet ist das schön und wenn er es nicht tut ist das genauso schön.

  3. Danke für diesen Artikel. Spricht mir aus der Seele. Was mir immer wieder den letzten Nerv raubt: die Ignoranz, die mir entgegenschlägt, wenn ich um gendersensible Sprache bitte. Egal, wie viele Studien es schon gibt, die die Hauptargumente widerlegen, trotzdem höre ich sie täglich wieder: Frauen seien doch "mitgemeint" beim generischen Maskulinum und der Fluss beim Lesen/Sprechen wird doch ach so gestört von diesen ewigen Unterstrichen und -innen.

    Die Aggression macht mich auch fassungslos. Was glauben diese Menschen eigentlich zu verlieren, dass sie es so heftig verteidigen müssen?
    Noch ein schöner Artikel dazu: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.gleichberechtigung-in-der-sprache-nur-wer-von-frauen-spricht-meint-sie-auch.39a3ca8e-d760-4eac-a9ad-c50ca1e64966.html

  4. Eine weitere Sozialromanze wie sie wohl auch schon von anderen wohlbehüteten und zudem zart besaiteten Geisteswissenschaftlern mit zu viel Zeit für sich selbst erdacht wurde und wahrhaftig aus einer Welt mit Einhörnern zu stammen scheint. Die Sprache ist mächtig, keine Frage, aber dem Ideal der Gleichberechtigung hinterher zu haschen, indem bei jedem zu bildenden Satz die Überlegung angestellt werden muss, wie er gleichzeitig potentielle (!) Probleme in der Gesellschaft ausmerzt, ist 1. utopisch, 2. wenig zweckmäßig für die eigentlich kommunizierten Inhalte und 3., wie schon eingeräumt, tatsächlich eine entwicklungshemmende Fußfessel für Dynamik und Ästhetik. Sprache büßt an dieser Stelle nicht nur an Macht, sondern auch an Diversität, Polarität und der Fähigkeit ein, abzugrenzen. Abgrenzung ist dabei ein notwendiges, deterministisches Merkmal der Sprache und wohnt als Selbstzweck jedem Menschen, der Sprache gebraucht unweigerlich inne.
    Die Ausführungen zum Bauarbeiter von morgen, der sich im Zeichen der Gleichgerechtigkeit Bauarbeiterin nennen lässt, scheint mir demnach lediglich ein Indiz dafür zu sein, dass die Ursache für das aufkommende Gefühl einer ungleichen Behandlung durch nicht gegenderte Sprache irgendwo zwischen verletztem Stolz, interpretativer Auslegung von Rollenbildern und der Verwechslung von Abgrenzung und Abwertung liegt.

  5. Stören tut mich das Gendern nicht, möchte es aber selbst nicht verwenden, da ich an Sinn und Zweck des ganzen zweifle. Vor allem die neutrale Form (“Studierende“ zb) ist eher albern, da sie teilweise den Sinn ganzer Sätze verfremdet oder schon mal mit “Studierenden“ einen trinken gegangen? Wie gesagt, mich stört es nicht, wenn so geschrieben wird. Vielleicht hilft's ja! Ich meine aber, dass wir lieber unsere innere Einstellung ändern sollten, dann sind wir auf einem guten Weg. Ich gehe davon aus, dass Frauen so oder so in einigen Jahren einen besseren Stand in der Gesellschaft haben werden. Gibt ja genügend Belege dafür, dass Frauen besser in der Schule sind, häufiger studieren, etc... Geduld, Geduld. Sprache lebt ja auch einfach mehr vom wie als vom was.

    Und auch wenn ich niemandem böse Absichten unterstellen will, bekomme ich, wenn ich über solche Sprachänderungen nachdenke, George Orwell nicht aus meinem Kopf.

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