Die Online-Sanitäterinnen

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(c) nani c.:  cyber love  (CC BY-NC-ND 2.0)

Immer wieder hat #netzheldin kleeblatt41 Stress durch Mobbingattacken von Mitschüler*innen. Der Griff zu Smartphone ist fast immer mit dem Lesen von Beleidigungen im Gruppenchat verbunden. Doch unverhofft kommen ihr die Online-Sanitäterinnen auf Whatsapp zu Hilfe.

Mein Handy klingelte, immer und immer wieder. Ging das schon wieder mit dem Mobbing los? Aber früher oder später musste es ja so kommen. Zuvor wurde ich wenigstens „nur“ in der Schule als „abgemagerte Bohnenstange“, oder „Hast du nicht Angst, du fließt beim Duschen durch den Abfluss?“ beleidigt. Aber seit die Leute aus der Schule im Internet angefangen hatten, sich über meine Magersucht lustig zu machen, ging der Shitstorm richtig los. Nicht mal in unserer WhatsApp-Klassengruppe schreckten sie davor zurück. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, die Sache zu ignorieren und erst recht nicht die Nachrichten zu lesen, doch ich konnte es nicht ertragen, nicht zu wissen, was die Leute über mich redeten.
Mit zitternden Händen nahm ich also mein Smartphone entgegen und tippte den PIN ein. Ich machte mich schon auf das Schlimmste gefasst, während ich den Klassenchat öffnete. Was war das? Ich überflog einige Beleidigungen, aber erst nach ein paar Kommentaren erkannte ich, dass diese ausnahmsweise nicht mir galten.
„Schämt euch!“
„Ihr seid das Letzte!“
„Es ist schon erbärmlich, Menschen grundlos zu beleidigen, aber was ihr hier online treibt, ist mehr als bodenlos!“

Darunter stand noch:
Ira hat die Gruppe verlassen.
Maya hat die Gruppe verlassen.
Nele hat die Gruppe verlassen.

Da ich so viel Schlimmes in den letzten Monaten erlebt hatte, konnte ich mir nicht sicher sein, ob sich hier tatsächlich jemand auf meine Seite stellte und versuchte mich zu unterstützen. Aber ich wagte es zu hoffen.
Trotzdem reagierte ich zunächst nicht, da ich Angst hatte, es könnte sich um eine Art „Trick“ handeln. Bis jetzt hatte ich Ira, Maya und Nele kaum wahrgenommen. Auch sie hatten mich bisher kaum beachtet, und die fiesen Attacken gegen mich schienen einfach an ihnen vorbeizugehen. Wenigstens hatten sie sich nicht daran beteiligt, was mir Mut machte.

An diesem Tag schien mein Handy nicht mehr still zu liegen. Nachricht um Nachricht folgte, die Gespräche in der Gruppe schienen zu eskalieren. Spannend verfolgte ich alles mit, und spätestens als zum ersten Mal mein Name auftauchte, war ich sicher, dass es hier um mich ging. Als jedoch die Beschimpfungen mir gegenüber wieder überhand gewannen, nahm ich mir vor, mich zunächst einmal nicht mehr mit diesem Thema zu beschäftigen.
Nach dem „Abendessen“, einem Streit mit meiner Mutter und unzähligen Versuchen, endlich mein Deutschreferat zu erledigen, gelang mein Handy mal wieder auf unerklärliche Weise in meine Hände.

Nele hat dich zu einer Gruppe hinzugefügt.
Gespannt ließ ich meine Finger über den Bildschirm gleiten. Und fand mich als Mitglied in einer Gruppe namens „Die Online-Sanitäterinnen“ wieder. Scherz oder Wirklichkeit?
Ohne auch nur den Blick einmal abzuwenden, verfolgte ich den Chatverlauf. Ich war aufgeregt, ungeheuer aufgeregt.

Nele: „Hey Leute, willkommen in der Realität!“
Ira: „Ohne Feigheit und Beschimpfungen!“
Maya: „Ja Mädels, zusammen schaffen wir’s!“

Ich wusste nicht, was sie damit meinten. Außer mir hatte Nele auch ein paar Mädchen aus der Parallelklasse der Gruppe hinzugefügt, die ich ebenfalls nur flüchtig kannte. Nach einigen Minuten folgten endlich Erklärungen.

Ira: „So jetzt schaffe ich hoffentlich Klarheit! Eure verdutzten Gesichter hätte ich gerne gesehen. 🙂 Nele, Maya und ich hatten eine Idee! Da wir alle unter unseren Problemen leiden und manche von euch niemanden haben, mit dem sie diese teilen können, dachten wir uns, wir führen so eine Art „Erste Hilfe-Chat“ ein. Ihr könnt jederzeit Fragen, Anmerkungen und euren Stress mit uns teilen.
Und ich spreche hier im Sinne aller: ALLES WAS WIR HIER BESPRECHEN, BLEIBT AUCH HIER!!!“

Maya: „Genauso ist es, wir haben hier auch nur vertrauenswürdige Personen ausgewählt, also keine Scheu!“

Gerne hätte ich sofort losgelegt, da ich wirklich das Gefühl hatte, dass es endlich jemanden gab, der mir zuhörte und mich ernst nahm. Aber aus Vorsicht wollte ich den Anderen Vortritt gewähren und warten, wer dem Angebot nachkam.

Es dauerte nicht lange, dann schrieb jemand:
Sarah: „Hey Mädels, ich hab ein riesiges Problem, meine Eltern lassen sich scheiden und sind völlig zerstritten. Und jetzt soll ich mich entscheiden, zu wem ich ziehen soll….“
Ira: „Das können sie doch nicht von dir verlangen!“
Sarah: „Scheint leider so :/ “
Lisa: „Mach ihnen klar, dass du dich nicht auf einen von ihnen beschränken willst!“
Ich: „Genau! Für einen von ihnen musst du dich wohl oder übel entscheiden, aber mach ihnen klar, dass dir beide GLEICH WICHTIG sind und du den anderen jederzeit besuchen und sehen möchtest. Gib ihnen auch zu verstehen, wie sehr du unter der Situation leidest und dass du hoffst, sie bemühen sich um ein gutes Verhältnis.“
Sarah: „Wenn das so einfach wäre… Aber ihr habt Recht, ein ruhiges Gespräch ist das Beste. Es wird schwierig…“
Ira: „Kopf hoch, wir stehen dir zur Seite!“
Maya: „Es wird besser!“

Jetzt traute ich mich auch, über meine Situation zu schreiben.

Ich: „Ich hab da, wie ihr sicher wisst, auch ein Problem! Nicht nur, dass ich unter der Essstörung leide, die gemeinen Mobbingattacken machen mir unglaublich zu schaffen!“
Sarah: „Das tut mir leid. Sich immer gegen einen zu stellen, so feige und asozial.“
Nele: „Wir müssen ein Zeichen dagegen setzen! Deshalb sind wir auch aus der Klassengruppe raus! Tut mir leid, dass ich nicht schon eher reagiert habe!“
Ira: „Mir auch..“
Maya: „Morgen rede ich mit ein paar Leuten in der Klasse, damit sie dir auch zur Seite stehen. Wenn wir nur genügend Mitschüler überzeugen, wie erbärmlich die Aktionen sind, sinkt die Unterstützung und Bewunderung für die Mobber automatisch!“
Ich: „Danke, Maya!“
Maya: „Keine Ursache, wir bringen sie dazu, sich klein und nichtig zu fühlen.“
Nele: „Das bekommen wir hin, zusammen!“
Sarah: „Auch wenn ich in einer anderen Klasse bin, ich helfe euch!“
Kati: „Ich auch!“
Lina: „Ich auch!“
….

Nach unzähligen weiteren Nachrichten schlief ich ein und zum ersten Mal seit langer Zeit freute ich mich wieder auf die Schule.

Weiterführende Links:

„Wir sind die LizzyNet-Redaktionsgruppe aus Köln und arbeiten mit bei meinTestgelände, weil wir hier ausgewählte Beiträge von LizzyNet-Wettbewerben vorstellen möchten, die sich mit aktuellen Themen rund um Jugendliche und Gender beschäftigen.

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