Feminismus: Wovon reden wir hier eigentlich?

2016-07-20

Schluss mit den Klischees: Den einen Feminismus gibt es nicht. Was die verschiedenen Strömungen voneinander lernen können und wie sie im Netz zusammenfließen. Ein Text von Svenja Gräfen

In den Medien ist oftmals die Rede von dem Feminismus. Meist gleich auch noch im negativen Sinne: »Der Feminismus schadet sich selbst«, »Der Feminismus hat ein Problem«, »Brauchen wir den Feminismus überhaupt noch?« Der Feminismus wird so zu einer Art Feindbild – einem beinah bedrohlichen -Ismus, den es scheinbar nur in einer einzigen, gesamtgültigen Ausfertigung gibt.

Dabei stimmt das nicht, denn: Den einen, einheitlichen Feminismus gibt es überhaupt gar nicht. Genauso wenig gibt es die »zehn goldenen Regeln des Feminismus« oder gar einen Vertrag, den man unterschreiben muss, bevor man sich Feminist_in nennen darf. Der Grund dafür liegt eigentlich auf der Hand: Es gibt so, so viele verschiedene Frauen, Männer und nichtbinäre [http://de.nichtbinaer.wikia.com/wiki/Liste_Nichtbinärer_Identitäten] Personen, die in völlig unterschiedlichen Lebenssituationen stecken, auf unterschiedliche Art privilegiert sind und/oder diskriminiert [http://www.gleichbehandlungsbuero.de/gbb-grundlagen-unserer-arbeit_a.html] werden und daher allesamt eine ganz eigene, individuelle Perspektive haben. All diesen Personen lässt sich »der Feminismus« nicht wie ein Kostüm überziehen, das ihnen sofort passt.

Verschiedene Menschen – verschiedene Strömungen

Es gibt muslimischen Feminismus, afrodeutschen Feminismus, Queerfeminismus [http://queer-lexikon.net/queer/queer] – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Leider gibt es auch Strömungen, die Personen(gruppen) ausgrenzen – wie zum Beispiel die konservative Position von Alice Schwarzer und ihrer Zeitschrift Emma (die etwa immer wieder kritisiert, dass muslimische Frauen Kopftuch tragen) oder der sogenannte »Elitefeminismus«, der nur überdurchschnittlich verdienenden, gebildeten Frauen weiterhilft, die einen guten und sicheren Arbeitsplatz haben.

Außerdem gibt es den sogenannten intersektionalen Feminismus. Hierbei werden Mehrfachdiskriminierungen berücksichtigt – denn Diskriminierung gibt’s ja nicht ausschließlich aufgrund des Geschlechts (bei der Geburt wird aufgrund äußerer Geschlechtsmerkmale das Geschlecht festgelegt), der Geschlechtsidentität (das bedeutet nicht zwingend, sich mit diesem Geschlecht auch zu identifizieren) oder der sexuellen Orientierung (die beschreibt, zu welchem Geschlecht/welchen Geschlechtern man sich sexuell und/oder romantisch hingezogen fühlt), sondern zudem noch aufgrund einiger weiterer Kategorien: Ethnische Zugehörigkeit, Religion, Gesundheit, Alter, soziale Klasse…

Während eine junge, weiße, heterosexuelle und gebildete Frau also ›bloß‹ aufgrund ihres Geschlechtes diskriminiert wird, so wird ihre lesbische Schwester zusätzlich dazu aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert. Und eine lesbische Schwarze Frau oder WoC (Woman of Color) [http://www.derbraunemob.de/faq/#f055] zusätzlich zu ihrem Geschlecht ebenfalls aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und zusätzlich aufgrund ihres Schwarzseins.

My feminism will be intersectional or it will be bullshit

»Mein Feminismus ist intersektional – oder Bullshit« – denn ja: was bringt der schönste Feminismus, wenn er sich nur für weiße Frauen starkmacht? Nur für Akademikerinnen? Nur für Frauen, die auf Männer stehen? Nur für Cisfrauen [https://femgeeks.de/glossar/#cis]? Nur für Personen ohne Behinderung? So werden doch nur weitere Ausschlüsse geschaffen und Nachteile verfestigt. Wenn wir schon dabei sind, sollten wir uns für alle starkmachen. Das sollte ein erklärtes Ziel des feministischen Aktivismus sein – das Erreichen einer Chancengleichheit für alle Personen. Ausnahmslos alle.

Wichtig ist hierbei vor allen Dingen: Zuhören und voneinander lernen. Wie schon erwähnt macht jede Person ihre ganz eigenen Erfahrungen, ist möglicherweise anderen Personen gegenüber privilegiert und erfährt bestimmte Formen von Diskriminierung nicht. Als weiße Person kannst du beispielsweise nichts zu Erfahrungen mit Rassismus sagen – aber du kannst dir die Perspektive von Rassismus betroffener Menschen anhören und daraus lernen. Als Mann kannst du auch die Perspektive einer Frau nicht nachempfinden – auch hier gilt: Zuhören und lernen. Manchmal ist man eben schlicht nicht der_die Expert_in für ein bestimmtes Thema, das gilt ja auch für andere Lebensbereiche. Ich zum Beispiel würde auch nicht plötzlich anfangen, Vorträge zum Thema Biomathematik zu halten – davon verstehe ich nämlich rein gar nichts.

Das Netz

Ein guter Ort, um sich diese verschiedenen Positionen anzuschauen und sich zu informieren, ist genau hier: im Internet. tumblr, Twitter, WordPress, Blogger, Facebook – überall kannst du Feminist_innen finden, die über ihre Erfahrungen oder ihre aktivistische Arbeit schreiben, die zum Austausch einladen, die sich gegenseitig empowern – also ermächtigen. Schwarze, weiße, muslimische, nichtreligiöse, christliche, jüdische, junge, alte, heterosexuelle, homosexuelle, queere, genderfluide, trans-Personen – nie war es so einfach, Zugang zu so vielen verschiedenen Perspektiven zu finden! Und wenn im Netz über feministische Themen und Aktion geschrieben oder zu einer Demonstration aufgerufen wird, wenn sich in Facebookgruppen Girl Gangs, Bündnisse oder Netzwerke formieren, dann nennt man das Netzfeminismus.

Das ist keine eigene Strömung wie beispielsweise der Queerfeminismus, sondern bedeutet schlicht, dass Feminist_innen das Netz nutzen, um Informationen zu verbreiten, zu beziehen, um zu kommunizieren und sich gegenseitig zu supporten. Das Schöne daran – so drückte es die Aktivistin Kübra Gümüşay [http://ein-fremdwoerterbuch.com] einmal aus: Netzfeminismus ist wie eine große Party, zu der du in Schlabberklamotten gehen und den anderen zuschauen kannst – und niemanden stört es. Das bedeutet, dass du zunächst einmal reinschnuppern, dich in Themen einlesen und zuschauen kannst, wie zum Beispiel bei Twitter miteinander kommuniziert wird. Und dann kannst du dich natürlich auch jederzeit einmischen und die netzfeministische Szene um deine Perspektive bereichern.

Bei einer solch großen Vielfalt kommt es natürlich regelmäßig zu Reibung und Diskussionen. Das kann anstrengend sein, aber auch durchaus positiv: denn nur so können sich die verschiedenen Feminismen weiterentwickeln, nur so entstehen neue Bündnisse, nur so können wir letztlich alle dazulernen. Denn niemand ist allwissend, für alle ist es ein Prozess – und darauf sollte man sich einlassen.

 

Weiterführende Links:

 

Ich bin Svenja, 27, Schriftstellerin und Aktivistin. Nebenher arbeite ich als Social Media-Supporterin für meinTestgelände. Ich habe Kultur- und Medienbildung studiert und im Rahmen meiner Abschlussarbeit zu Netzfeminismus geforscht.

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