Poetry-Slam-Text: Heidenröslein

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(c) Chase Carter:  March Against Rape Culture and Gender Inequality - 2  (CC BY-ND 2.0)

Nein heißt Nein: Dieser feministische Grundsatz wurde im deutschen Recht lange Zeit ignoriert. Erst dieses Jahr wird sexuelle Belästigung unter Strafe gestellt. Fees Poetry-Slam-Text zum Slutwalk 2016 in München befasst sich mit den deutschen Verhältnissen und einer Realität, die von Gleichberechtigung noch weit entfernt ist.

Knabe sprach: Ich breche dich, Röslein auf der Heiden!

Röslein sprach: Ich steche dich, dass du ewig denkst an mich!

Und ich will´s nicht leiden!

 Und der wilde Knabe brach´s Röslein auf der Heiden!

Röslein wehrte sich und stach. Half ihm doch kein Weh und Ach!

Musst es eben leiden!

Röslein, Röslein, Röslein rot.

Röslein auf der Heiden!

 

Dies ist die Realität.

Willkommen in 2016!

Dies ist die Realität.

Zeigt euch, Schutz und Gesetze!

Dies ist die Realität.

Röslein, Röslein, Röslein rot.

Mädchen, selbst verschuldet in Not.

Here we are: Slutwalks im Jahre 2016 in einer deutschen Großstadt.

Dies ist die Realität.

Angesichts dieser Realität

fallen Worte schwer.

Angesichts dessen, was noch immer besteht,

weiß ich keine Reden mehr.

 

Und so singen wir ein fröhliches Lied vom Heidenröslein!

Röslein, Röslein, Röslein rot!

 

Und uns wird kein Staat und kein Facebook-Kommentator bös sein,

denn wir sprechen ja nicht von rape culture und Grabschverbot.

Nur vom Röslein auf der Heiden!

 

Dies ist die Realität,

dass noch immer DU für mich sprechen willst.

Dies ist die Realität,

dass du mich ganz unverbindlich treffen willst.

Und schon meine Zusage dir alles erlaubt,

meine Schönheit, auf die du ein Recht zu haben glaubst,

lädt dich ein.

Meine Kleidung, von der du annimmst, ich trag sie für dich,

Mein Körper, von dem du annimmst, ich hab ihn für dich,

all das lädt dich ein.

Und ich Schuld auf mich.

Dies ist die Realität.

 

Du sagst:

Das Röslein, das steht auf der Heiden

und provoziert morgenschön des Knaben Kuss.

Und ich merk nur, dass von uns beiden

nicht du es bist, der sich rechtfertigen muss.

Denn wenn das Röslein nicht sticht,

wenn ein Knabe auch die Dornen abbricht,

wenn schon eines anderen Fingers Blut an ihnen haftet,

werden Rosen von dir doch als Schlampen betrachtet.

Röslein, Röslein, Röslein rot

Mädchen und Frau´n, selbst verschuldet in Not.

 

Ist das Röslein gebrochen, sagst du,

müssen es Tiger gewesen sein.

Exotische Raubtiere aus anderen Ländern,

die kennen kein Halten, kennen kein Nein.

Oh kleiner, deutscher Prinz, wie schnell kannst du deine Meinung doch ändern.

Und ich möchte gerne erfahren:

gehör auch ich zu „euren“ Frauen?

Wollt ihr auch mich vor den Fremden bewahren?

Darf ich schon nächstes Sylvester auf eine Bürgerwehr bauen?

Und heißt das, ich war sicher, bevor Geflüchtete kamen?

Das hättet ihr aber mal sagen können! Sowohl den Herren, als auch den Damen!

Oder ist ein Trauma besser, wenn es ausgelöst wird von einem Deutschen?

Ist dies die Realität? Du nickst und ich muss mich wohl täuschen!

In meiner Realität gab es Sexismus schon vor letztem Jahr.

In meiner Realität schützt jemand, der bis Sylvester blind dafür war,

dass wir ein Problem im Umgang mit Belästigung haben,

all die rosenbrechenden, blondblauäugigen Knaben.

In meiner Realität sind es nicht „unsere Werte“, die mich schützen“

und in meiner Realität sollten wir die Chance zum Aufklären über Vorurteile nützen.

Aber du fragst nicht nach meiner Realität.

 

Mir hat jemand ungefragt an die Brüste gelangt.

Und gestern war das noch legal!

Ich bin zur Polizei gerannt und hab ausgesagt.

Und gestern war das noch egal!

 

Ersetz Gestern durch Vor zehn Tagen

und frag mich, ob ich das metaphorisch meine.

Denn auch ich hab dazu noch so meine Fragen,“

aber ich fürchte, es sind nicht ganz deine.

Du willst wissen, warum denn das Röslein so rot,

warum denn der Mund so bemalt und das Höslein so kurz?

Du willst wissen, wo denn die Grenze sei,

ob das jetzt schon Nein sei, mein Schweigen, mein Schrei,

meine Tränen, meine Starre, meine Angst oder mein Stich,

ich sag: Wo die Grenzen liegen, das bestimm ich.

Und du hälst es mit von Storch und fürchtest,

ein überhörtes Nein könnte dich zum Vergewaltiger machen,

wär´s nicht so traurig, Knabe, dann könnte ich lachen.

Denn was schätzt du bist du, wenn du mein Nein überhörst?

Wenn mein „Hör auf!“ nicht dazu führt, dass du aufhörst?

Dies ist die Realität:

Dass das Schlafzimmer schon immer ein gefährlicher Ort war.

Aber nicht für dich.

Dass man mir unterstellt, ich denke mir aus, was geschah,

während ich dort war.

Und das stimmt dann nicht.

 

Und wenn ich getrunken hatte,

und wenn mein Ausschnitt dich anzog,

dann sollte es mir leidtun.

Und stand ich schon einmal auf deiner Matte,

und gab es je eine Situation, in der ich log,

dann hab ich kein Recht mehr auf Freispruch.

Und trug ich gar einen Rock und lächelte ich noch,

dann sagst du wohl zurecht: Mein Kind, wunder dich doch

nicht!

Dies ist die Realität.

 

Angesichts dieser Realität“

hättest du jetzt jedes Recht.

Angesichts dieser Art zu denken,

wäre mein Outfit jetzt stilecht,

um alle Schuld für deine Tat auf mich zu lenken.

Angesichts dieser Art, Recht von Rech zu trennen,

dürftest du mich Schlampe nennen

und das darfst du alles nicht.

 

Wir singen ein fröhliches Lied vom Heidenröslein!

Das klingt zwar nicht ganz einvernehmlich, was da geschieht,

doch so muss es ja nicht sein.

Das Röslein sagt im Lied doch nicht nein.

Doch es sagt auch nicht JA.

Und das sollte dir reichen.

Dies nämlich ist die Realität!

 

Sah ein Knab ein Röslein steh´n, Röslein auf der Heiden!

War so jung und morgenschön! Lief er schnell, es nah zu sehen.

Sah´s mit vielen Freuden.

 

Eines bleibt unangefochten:

Und wär das Röslein nicht so morgenschön gewesen,

hätt´ es dem Knaben nicht all diese Freuden gegeben,

hätt´ er´s dennoch gebrochen.

 

Die Schuld für ein Verbrechen, dessen Opfer wir sind,

liegt nicht bei uns.

Und Gesetze müssen im Kopf ankommen.

Und weder geflüchtete Menschen, noch der Islam

sind an rape culture Schuld.

Seit ich 12 bin, wird mir fast täglich mein Recht genommen,

unbelästigt durch´s Leben zu gehen.

Und du willst erst jetzt einen Zusammenhang sehen.

 

Knabe: Dies ist die Realität.

Dies ist wirklich die Realität.

 

Röslein, Röslein, Röslein rot!

Niemals selbst schuld an der eigenen Not!

Und endlich verankert in Gesetzen.

Dies ist die Realität.

Willkommen in 2016!

Röslein, Röslein, Röslein rot!

Röslein auf der Heiden!

 

Mehr dazu:

Ich bin Fee aus München und Poetry Slammerin. Bei meinTestgelände schreibe ich mit, weil ich mich unter anderem für genderspezifische, feministische Themen interessiere und dazu eine Meinung habe, mit der und über die ich gerne diskutiere.

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