Du bist du

2016-10-19
(c) Dávid Kótai:  Mirror  (CC BY-SA 2.0)

Ich bin kein Mädchen”: Diese Worte kommen nur schwer über die Lippen. Doch einmal ausgesprochen, ebnen sie den Weg in eine selbstbestimmte Zukunft…

Dir geht es okay, sagst du. Ich schau dir in die Augen. Dir geht es okay, wiederholst du. Ich schau dir tiefer in die Augen. Dir geht es nicht okay. Nicht mal naja. Gut erst recht nicht. Eigentlich geht es dir auch nicht schlecht. Dir geht es nämlich scheiße. Ziemlich beschissen trifft es. Deine Augen sind leer. Und hinter dieser Leere sehe ich deinen Schmerz.

Dein Leben läuft gut, sagst du. Doch ich glaube dir nicht. Du rennst vor dir selbst fort.

Dein Name ist dein Fluch. Jede neue Bekanntschaft schneidet tiefere Wunden in dein Fleisch. Jeder an dich adressierte Brief lässt den Schmerz näher hinter deine Augen treten. Du bist ein Bündel voll überstrapazierter Nerven. Du bist beliebt im Freundeskreis. Aber unverstanden. Du bist angesehen im Freundeskreis aber niemand sieht dich. Alle schauen dir ins Gesicht, aber niemand in die Augen. Alle sehen deinen Körper, deinen Schein – aber niemand dein Wesen, dein eigentliches Sein. Alle sehen, was sie sehen wollen. Sie sehen nicht dich. Denn du bist viel mehr als das, was du vorgibst zu sein. Dein Charakter ist aus Gold. Du bist die Person, die für jeden da ist. Du bist die Person, die Hunde liebt, Tiere im Allgemeinen. Aber kaum jemand findet so schnell einen Bezug zu Hunden wie du. Diese Wesen sind dein Leben. Und dein Hund ist der einzige, der dir ein echtes Lächeln entlocken kann.

Dein Leben läuft gut, dir geht es okay, sagst du. Doch ich glaube dir nicht. Deine Augen füllen sich mit jeder Anrede, mit jedem neuen Kleiderkauf mehr und mehr mit Schmerz. Du hast Angst. Angst davor, nicht verstanden zu werden. Du verstehst es ja selber nicht. Du willst es dir nicht eingestehen. Dir geht es okay, sagst du dir jeden Tag aufs Neue. Dein Spiegelbild zeigt dein perfektes Ich. Es bildet die Person ab, die du sein sollst. Es zeigt aber nicht DICH! Du blickst in ein fremdes Gesicht. Deine weiche glatte Haut soll so nicht sein. Du verstehst nicht wer du bist.

Mit jedem Blick in den Spiegel füllt sich immer mehr Schmerz, Leid, Qual und Schuld in deinen Augen.

Wir sehen uns später wieder. Dein Körper sieht aus, wie ich ihn kannte, aber deine Augen sind scheinbar tot. Der letzte positive Wille ist aus deinem Blick gewichen. Ich schau dir in die Augen. Dir geht es NICHT okay sag ich dir – und du weinst. All die Wut über dich und dein Leben, all die Angst vor Unverständnis, all die Angst, die Worte auszusprechen. 4 Worte, mit denen du zu dir selber stehst. 4 Worte, mit denen du Schwäche und Stärke zugleich zeigen würdest. Das erste Mal in deinem Leben würdest du dich angreifbar machen. Aber ich seh dir in die Augen. Zeige dir, dass du vor mir schwach sein darfst. 4 Worte, die ich als erstes Wesen aus deinem Mund hören würde. 4 Worte, um du selbst zu sein. Du schaust mir in die Augen. Du sagst „Ich bin kein Mädchen.“

Spinnenmädchen

Mehr dazu:

  • Im Poetry Slam: Fallen. Aufstehen.  schildert Mare den Kampf eines Menschen, der über seine sexuelle Identität in Verzweiflung gerät.
  • Im falschen Körper geboren zu sein, damit muss sich keine*r abfinden. In Zwei Jahre Testosteron liest du, wie sich Nevs Erscheinungsbild durch die Hormontherapie verändert hat.

Hey ho! Wir sind Jugendliche aus dem queeren Jugendzentrum „ Sunrise “ in Dortmund. Queer bedeutet schwul, lesbisch, bi, trans* und alle andere Sexualit äten und Geschlechteridentitäten, die unsere Gesellschaft gerne mal als „ nicht normal “ darstellt, obwohl wir finden, dass es das doch eigentlich ist. Einmal die Woche treffen wir uns, schreiben Texte zu al len möglichen Themen und haben zusammen Spaß. Jeder von uns hat eigene Gründe, warum sie* oder er* schreibt und die eigenen Texte mit anderen Leuten teilt.

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