Die vierte Stunde

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(c) Grant Stancliff:  IMG_0239  (CC BY 2.0)

Wie schnell aus Cybermobbing Übergriffigkeiten und verbale Attacken in der Schule werden können, zeigt Anna bei #netzheldin mit dieser guten Story.

Veronicas Lippen waren ganz besonders glänzend und erst die Farbe. Wo hatte sie nur diesen Lipgloss her. Ich versuchte mich wieder auf den ausgeklügelten Mist, der aus diesem perfekt gestylten Lippen tropfte, zu konzentrieren. Wen hatte diese Terrorschlampe nun für ihren feigen Machenschaften auserkoren?
„Ich wüsste zu gern wer diese supergirl43 ist? Ich würde ihr zu gern den Hals umdrehen. Sie hat den letzten Shitstorm auf die Streber-Lisa total ruiniert. Betti wir hätten dich echt gebraucht.“, sagte sie, als ob sie über Germanys Next Topmodel reden würde.
Ich verzog mein Gesicht zu einer bedauernden Maske und erwiderte: „Ja, ich hätte dich so gerne unterstützt, aber meine nervige Mutter erlaubt mir nicht ohne Aufsicht im Netz zu surfen. Sie ist ja so eine paranoide Kuh.“
Meine Mutter ist eigentlich ganz in Ordnung. Sie hat mir erst einen neuen Rechner besorgt. Ich liebte dieses Stück, aber ich war zu feige um Veronica ins Gesicht zu sagen, dass ich bei ihrem Cybermobbing nicht mitmachen werde.
„Egal“, setzte Veronica fort. Mein Einwurf hatte sie nicht interessiert. Sie wusste nun, dass ich ihr noch zuhörte. Das reichte.
„Lisa hat einen neuen grottenhässlichen Pullover. Wir sollten ihr heute Abend wirklich die Hölle heiß machen. Habt ihr gesehen wie sie sich bei Herrn Schubert eingeschleimt hat? Diese dreiste Streberin hat es so verdient.“
Jenny und Daniela pflichteten ihr bei. Ich nickte, zu ängstlich meine echte Meinung zu sagen.
Veronica, du bist eine Schlange, eine schlechte Freundin und mit dem Rock siehst du aus wie eine Nutte.
Ein Glück konnte ich mich während des Unterrichts abkapseln. Ich wusste, was Veronica vorhatte. Mehr wollte ich eigentlich nicht von ihr.
Mit Karikaturen meines Lehrers Herr Nase konnte ich mich vom gehässigen Getuschel hinter Lisas Rücken drücken. Jenny, neben mir, kicherte über die übertrieben groß gezeichneten Nasenhaare. Auch wenn mir die Galle hochstand, hatte ich zu viel Angst vor ihrem Zorn in der Schule.
Ich freute mich schon auf das letzte Läuten, nach dem ich mich in mein Netz zuhause verziehen konnte.

Ich schleuderte meinen Rucksack in eine Ecke und fuhr meinen Schatz hoch. Das Summen der Lüftung beruhigte mich und ich konnte schnell das Gefühl bevorstehender Rache genießen. Bald schon lag ich in sämtlichen sozialen Netzwerken auf der Lauer wie eine Spinne und wartete bis die Gruppe Wespen, die ich meine Freunde nannte, auf die Jagd gingen.
Nun war ich supergirl43, eine Verteidigerin der Schwachen im Netz. Ein spezielles Programm teilte mir immer mit, wenn die Klicke schrieb. Einfache Antworten schrieb die Anwendung für mich. Ich war sehr stolz auf das, was ich programmiert hatte. Im Netz fühlte ich mich stark und mutig. Ich bekämpfte die Tyrannei Veronicas. Ich war eine moderne Heldin.

Am nächsten Tag war Veronica nicht wiederzuerkennen. Ich hatte sie wohl etwas überreizt. Sie tobte so stark, dass es ihr glatt die Sprache verschlug. Ich genoss die Stille und fühlte mich gut. Das Gefühl, sie besiegt zu haben erfüllte mich. Ich dachte, ich hätte sie gebrochen. Veronica lästerte nicht einmal mehr über Lisa oder supergirl43.
Dann kam die vierte Stunde und Herr Nase war spät dran. Veronica kochte über. Sie nahm eine Schere, ging zielstrebig auf Lisa zu und packte ihre Haare. Über das erschrockene und schmerzerfüllte Wimmern Lisas, brüllte Veronica:
„Hier kann dich dein Supergirl nicht beschützen. Soll ich dir nicht eine schöne neue Frisur verpassen? Dann kann dich deine Heldin ja loben und trösten. Ein Zwei-Zentimeter-Schnitt würde dir stehen.“
Eingefroren starrte die ganze Klasse auf die Szene. Bis auf das herzzerreißende Heulen Lisas, war es sehr still geworden. Ich musste etwas dagegen tun. Das erhabene Gefühl war verpufft. Die virtuelle Veronica so zu reizen, dass sie in der Realität noch mehr Schaden anrichtet, war ein großer Fehler gewesen. Übrig blieben nur die Schuld und die Angst. Ich musste endlich etwas sagen, doch meine Stimmbänder waren gelähmt. Das einzige, was ich schaffte, war mich auf meine Beine zu stellen. Mit aller Kraft versuchte ich einen Ton hervorzubringen und schaffte es doch nicht. Stattdessen klingelte mir nur das linke Ohr, als Jenny neben mir brüllte:
„Veronica, es reicht jetzt endgültig. Der Spaß ist jetzt vorbei. Ich habe lang genug mitgemacht. Wenn du das tust, bin ich nicht mehr deine Freundin.“
„Ja, Veronica, du bist in letzter Zeit immer schlimmer geworden. Ich fühle mich schon seit Wochen schlecht, wegen dir. Wenn du nicht sofort loslässt, ist es aus.“, warf auch Daniela Veronica an den Kopf.
Nach einem sehr langen Moment der Stille, in dem Lisa und Veronica die beiden Sprecherinnen aus großen Augen anstarrten, ließ Veronica die Schere fallen und ging zu ihrem Platz.
Herr Nase betrat den Raum und alle setzten sich.
Nicht ich war eine Heldin, sondern Jenny. Ich bin so schlecht wie Veronica gewesen und genauso feige.

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„Wir sind die LizzyNet-Redaktionsgruppe aus Köln und arbeiten mit bei meinTestgelände, weil wir hier ausgewählte Beiträge von LizzyNet-Wettbewerben vorstellen möchten, die sich mit aktuellen Themen rund um Jugendliche und Gender beschäftigen.

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