Aus Angst wächst Mut

2017_03_24
(c) Anthony Starks:  Follow your dreams  (CC BY-NC 2.0)

Gar nicht so einfach, ein jugendliches Mädchen zu sein und nicht zu den ‚Coolen‘ oder den ‚Schönen‘ zu gehören. Auch nicht einfach, aus der Menge herauszutreten ins Rampenlicht, wenn mensch sich eher wie ein grauer Schatten fühlt. Joy schafft diesen Schritt trotzdem und überwindet ihre Angst, um das zu machen, was sie am liebsten tut: schauspielern.

Aus Angst wächst Mut von

Marieclaire von Louisenthal (Was geht Almanya)

War es richtig, was sie jetzt tat? Joy wusste es nicht, wirklich nicht. Alle gingen noch einmal durch, was sie sagen sollten und strichen ihre Kleidung glatt. Die Aufregung war deutlich zu spüren. Zum gefühlt hundertsten Mal begutachtete sich das Mädchen im Spiegel. Die Schminke war ganz in Ordnung, hätte aber noch besser gemacht werden können. Zumindest war das ihre Meinung.

Die Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzten Flamenco. Still stehen konnte Joy nicht, dazu war sie viel zu aufgeregt. Sie erinnerte sich nicht daran, jemals in ihrem Leben so nervös gewesen zu sein. Dabei war sie noch eine Schülerin und sehr oft aufgeregt, meist vor Arbeiten oder Referaten.

Doch dieser Abend war anders. Schlimmer als jede Englischarbeit und Joy hasste Englisch mehr als alles in der Welt. Mehr als die nervigen Tussis oder die auch so coolen Jungs aus ihrer Klasse.

Nervös ging die Schülerin zu dem Tisch mit den Getränken. Ihre Kehle fühlte sich an wie die Sahara in der Trockenzeit, trocken und ausgedörrt. Ihre Hände zitterten wie Espenlaub. Mit einem Mal traute sich Joy nicht, sich etwas einzuschenken. Sie hatte Angst, das Glas würde ihr aus der Hand rutschen. Vorsichtshalber ließ sie es.

Nun lief sie durch den recht großen Raum. Einige Stühle und Tische wurden aufgestellt und von draußen drangen Stimmen zu ihr. Nun wurde Joy noch nervöser. Ihr Magen verkrampfte sich, schnell rannte sie zur Toilette. Mit einem Mal hatte sie das Gefühl, als würde ihr Mittagessen noch einmal Hallo sagen wollen. Doch nach einiger Zeit gab ihr Magen Entwarnung. Zum Glück musste Joy nicht brechen. Vorsichtig schüttelte die Schülerin ihren Kopf und ging zurück in den Raum.

Wie war sie eigentlich auf diese bescheuerte Idee gekommen? Joy erinnerte sich, ihre beste Freundin hatte sie gezwungen. Innerlich verfluchte sie sich und ihre beste Freundin dafür. Was für eine blöde Idee, vor allem da sich Maja abgesetzt hatte. Und sie? Wieso sollte sie nicht auch einfach gehen? Warum? Darum! Das war die tolle Antwort ihrer Lehrerin gewesen. Innerlich starb die Schülerin gerade tausend Tode. Natürlich bekam es niemand mit. Alle versuchten, nicht in Panik zu geraten.

Wie viele Menschen wohl da waren? Joy wollte es lieber nicht wissen. Allein der Gedanke war furchterregend, vor so vielen Menschen zu stehen. Mit ziemlicher Sicherheit würde sie alles vergessen, wirklich alles. Dann würde sie da stehen wie ein Esel. Alle würden sie auslachen. Alle, sogar ihre eigenen Eltern. Warum dachte sie gerade nur so viel nach? Das machte es nur noch schlimmer. Gerade malte sich Joy aus, wie sie am besten verschwinden konnte. Einfach weg. Verstecken. Oder in einen Bus einsteigen. In diesen Klamotten bestimmt nicht. Da würde sie nur angestarrt werden. Aber irgendwas musste sie doch machen. Nur was? Joy hatte keine Idee, in ihrem Kopf drehte sich alles. Sich jetzt einen Fluchtplan zu überlegen war undenkbar. Leise seufzte das junge Mädchen.

Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet ihr, wie wenig Zeit sie noch hatte. Fünf Minuten, maximal 10, wenn die Technik streikte. Konnte nicht einfach jemand ein Feuer legen? Oder ein Meteor auf die Schule stürzen? An was sie schon wieder dachte! Konnte sie nicht einfach krank sein, im Bett liegen und schlafen? Nun hörte sie die Anderen tuscheln, sie redeten über sie. Joy versuchte es zu ignorieren. Sollen die Anderen doch denken, was sie wollen. Die Schülerin schloss ihre Augen. Mit gesenktem Kopf ging sie zu dem Tisch mit den Getränken. Zwar zitterten ihre Hände noch sehr stark, doch sie schüttete sich etwas von dem Wasser in einen sauberen Becher.

War sie bereit dazu? War sie bereit, zu hoffen, dass sich die Meinung der Anderen über sie änderte? Joy war lediglich eine kleine graue Maus. In der Schule war sie auch nur eine Durchschnittsschülerin, mehr nicht. Doch nach diesem Abend würde man sie wohl mit anderen Augen sehen. Wieder kam Angst in ihr hoch. Angst vor den vielen Menschen, Angst vor ihren Reaktionen. Doch warum hatte sie solche Angst? Es war doch nicht das erste Mal, was sie an diesem Abend tat. Zwar war es das erste Mal in der Schule, aber so anders war das doch auch nicht.

Joy musste sich zusammenreißen. Einfach Augen zu und durch. „Ich kann das doch“, impfte sie sich ein. Sie hatte so viel gelernt, sie würde es schaffen. Wenn sie jetzt nur der Nervosität nicht nachgab. Kopf hoch, Schultern zurück und Brust raus. Selbst wenn sie den Text vergessen sollte, sie war doch nicht allein. Jeder konnte den Text der Anderen auswendig. Sie würden sich einfach gegenseitig helfen, schließlich wollten alle, dass es ein voller Erfolg werden sollte. Außerdem war es doch ihre große Leidenschaft. Den Spaß konnte ihr niemand nehmen. Es war doch ihr Ding, ihr Talent, ihr Weg. Maja hatte sie zwar gezwungen, doch machte Joy es nicht auch für sich selbst? Wollte sie nicht allen zeigen, was in ihr steckte? Wer sie war? Ja, das wollte Joy. Und das wollte sie sich nicht nehmen lassen.

Das Mädchen erinnerte sich noch gut an die Gesichter der Anderen, bei den Proben. Wie blöd sie ausgesehen hatten, mit ihren offenen Mündern und handtellergroßen Augen. Die Schülerin lächelte. Nein, es gab keinen Grund, Angst zu haben. Joy wollte nie mehr als sie selbst sein und nun war sie es. Weiter versteckten wollte sie sich nicht. Schnell trank sie aus und blickte auf die Uhr. Nun war es soweit. Ihre Lehrerin kam und scheuchte alle auf ihre Plätze. Der Vorhang öffnete sich und Joy sah in viele neugierige Augenpaare. Dann tat sie das, was sie am besten konnte. Sie schauspielerte.

 

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