Mein eigenes Vorbild

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tabeajaichhalt  girl-670606_1280  Pixabay Lizenz

sabylonica ist „eine Person of Color, männlich gelesen, nicht binär und queer.“ In ihrem*seinem neuen Text erzählt er*sie, wie schwer es war, als heranwachsender Mensch passende Vorbilder zu finden und warum es SpongeBob wurde.

Ich gehöre zu der Generation, in der das Sitzen vor dem Fernseher dazugehörte. Wo nach der Schule klassische Cartoons angeschaltet und angeschaut wurden. Diese Generation war weder Generation Y noch Generation Z. Eher war sie eine Übergangsgeneration und selbst heute ist es schwierig, welcher Generation ich mich zugehörig fühle. Allenfalls gab es zu dieser Zeit eine Bandbreite an Zeichentrickserien und -filmen. Zu meiner Lieblingsfigur gehörte SpongeBob. Ich habe in SpongeBob eine Realität gesucht und glaubte, er existiere wirklich.

Ich meine, wen sollte ich sonst als Lieblingsfigur haben? Ich bin eine Person of Color, männlich gelesen, nicht binär und queer. Wer also hätte meine Lieblingsfigur sein können? Aladin? Pleakley? Tatsächlich fallen mir nicht mehr Figuren ein, die meiner ähnlich kommen. Dabei kommen nicht einmal diese zwei mir ähnlich. Mehr als diese zwei gab es aber dennoch nicht für mich.

Nahezu alle Figuren sind weiß, nahezu alle Figuren sind hetero und nahezu alle sind cis. Nur keiner kommt meiner Person nahe. Vielleicht genau aus diesem Grund habe ich eine Lieblingsfigur, die mir in keinerlei Hinsicht nahekommt, aber ebenso sonst niemandem. Für mich war es einfacher zu sagen, ich identifiziere mich am ehesten mit SpongeBob, als mit einer sonstigen Figur. Zugegeben, eine Ähnlichkeit zwischen SpongeBob und mir gab es tatsächlich. SpongeBob als Figur und mit der Unterwasserumgebung zeigte eine irreale Welt, wo beispielsweise ein Feuer unter Wasser entfacht werden konnte. So irreal SpongeBob und seine Welt war, so surreal habe ich mich auch gefühlt.

Ich verstand meine Lebensrealitäten nicht als normentsprechend und somit auch nicht real. Vor allem, weil mir Medien nicht zeigen konnten, dass es meine Lebensrealitäten auch gibt. Ich habe keine Möglichkeit bekommen mich mit einer mir ähnlichen Figur identifizieren können und hatte kein Vorbild, dem ich nachahmen konnte. Ich habe mich nicht abgeholt, nicht verstanden und nicht real gefühlt. Ich musste dies früh begreifen und mich damit abfinden. Ich musste lernen mein eigenes Vorbild zu kreieren oder mein eigenes Vorbild zu sein.

Ob nun Zeichentrickserien oder -filme, Musik, Bücher oder sonstige Medien, keiner der Medien hatte Repräsentationsangebote für Minderheiten. In frei erschaffenen Welten waren Minderheiten weiterhin die Minderheit.

Auch grundsätzlich stellen Normvorstellungen, was das Aussehen angeht, einen großen Druck für viele dar, auch so aussehen zu wollen und viele tauchen dadurch in ein verzerrtes Bild ein und übersehen die eigene Realität und das eigene Aussehen. Dabei sind alle so individuell und ansehnlich auf ihre Art und Weise, wo Repräsentationen in Medien uns das Wasser nicht reichen können. Nur haben viele, mich eingeschlossen, den Druck, sich anpassen zu müssen, um leichter und besser verstanden werden zu können. Dies gilt es die Stirn zu bieten und den eigenen Mehrwert zu erkennen.

Auch wenn es heutzutage deutlich mehr Repräsentationen existieren und es keineswegs abwegig ist, sich noch heute als junge erwachsene Person ein Vorbild zu suchen oder auch in sozialen Medien fündig zu werden, aber es braucht die Zeit zu lernen, dass wir mit unseren eigenen Lebensrealitäten und eigene Person das eigene Vorbild sein können und dürfen.

Statt mich auf die ermüdende Reise zu begehen ein Vorbild zu suchen, mache ich es mir einfach und sehe in mir das Vorbild, welches mir lange unbekannt blieb. Und ja, mein Charakter ist nicht perfekt, ich mache unzählige Fehler und habe genug Tiefs, aber all das gehört zu mir und macht auch mich zu der Person, die ich bin und der ich mich am besten zuordnen kann. Denn das schöne an mir ist, ich kann mich ändern und ich kann reflektieren.

Ich bin lediglich auf der Suche nach meinem reinen Sein und möchte den öffentlichen Raum als Plattform für die Tiefen meiner unentdeckten (Sehn-)Süchte nutzen und sie mit euch teilen.