Ein komisches Gefühl    

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(c) Frode Bjorshol:  SAM_0079  (CC BY 2.0)

Als Mehdi zum ersten Mal in den Libanon reist, macht er viele neue Erfahrungen. Er trifft fremde Menschen, die seine Familie sind, lernt ein fremdes Land kennen, das seine „angebliche Heimat“ ist und besucht zum ersten Mal das Grab seines Opas. Dort sieht er seinen Vater zum ersten Mal weinen – und bekommt ein komisches Gefühl…

Das war ein komisches Gefühl. Es war das erste Mal, dass ich in den Libanon geflogen bin. Das erste Mal, dass ich Menschen begrüßt habe, die mir eigentlich nicht fremd hätten sein dürfen. Das erste Mal, dass ich am Meer war. Und es war auch das erste Mal, dass ich meine angebliche Heimat gesehen habe. In diesem Sommer habe ich so viele erste Male erlebt wie in keinen anderen Sommer zuvor und auch danach nie wieder. Ich habe neue Menschen kennengelernt, die eigentlich nie neu waren sondern immer irgendwie da waren. Ich kannte sie nur nicht persönlich.

Meine Geschichte führt in das Dorf meines Vaters. Es geschah an einem Freitag. Ich erinnere mich, dass es ein sehr heißer Tag war und die Stimmung unter den Beteiligten sehr bedrückt. Mir kam es fast so vor, als würden wir in einen Krieg ziehen. Mein Vater redete kaum etwas. Nur mein jüngerer Bruder und ich alberten ein wenig rum und tobten ausgelassen. Mein Vater, meine Tante und meine beiden älteren Brüder waren jedoch sehr ernst. Sie hatten ein klares Ziel vor Augen. Ich wusste nicht, wohin wir gehen würden. Als mein Vater mich mit einem ernsten Blick und einer sehr tiefen und bedrückenden Stimme ermahnte, ich solle jetzt ruhig sein, waren wir beide sehr erschrocken. Sofort hörten wir auf, albern und ausgelassen zu sein.

Die Landschaft, durch die wir liefen, war wüstenähnlich und bis auf einige Kakteen waren nur ausgetrocknete Büsche und tote Wiesen zusehen. Da wir zu Fuß unterwegs waren, knallte die Sonne sehr stark auf unseren Kopf und wir waren nicht nur deswegen froh, dass meine Tante einige Flaschen Wasser dabei hatte.

Am Ende der Straße direkt am Straßenrand stand ein quadratisches weißes Schild mit schwarzer Schrift. „Hoffentlich wacht Gott über eure Seelen“, war darauf in arabischer Schrift zu lesen. Ich bekam es mit der Angst zu tun und wusste nicht einmal warum. Keine fünf Minuten später war noch ein Schild zu sehen, auf dem nur das Wort „Friedhof“ stand. Erst in diesem Augenblick wurde mir alles klar. Wir würden an diesem Tag meinen Opa besuchen. Er war einen Monat nach meiner Geburt an Krebs gestorben. Von ihm habe ich meinen Namen. Mein Vater hatte uns vorher kaum etwas über ihn erzählt. Wenn er überhaupt etwas über meinen Großvater mitteilte, dann waren es stets sehr kurze Geschichten. Was war das für ein Mensch, habe ich mich dann immer gefragt. Aber weil ich spürte, dass mein Vater nicht gerne von ihm sprach, habe ich die Frage nie ausgesprochen. In einem Punkt waren sich jedoch alle einig, wenn sie von ihm redeten. Er war scheinbar ein tadelloser, toller und herzensguter Mensch. Bis heute bedauere ich es, dass ich einen so großartigen Menschen nie kennen gelernt habe.

In Gedanken versunken folgte ich meiner Familie auf dem Weg über den Friedhof. Es war kein sonderlich großer Friedhof und die Gräber waren recht bescheiden geschmückt. Ich sah mich um und entdeckte wie zuvor auch hier nur Kakteen und Unkraut. Die Gräber waren unscheinbar, so als hätte man nur das Nötigste dafür bezahlt. Ich fragte mich direkt, ob die Familien der hier Beerdigten so lieblos waren oder ob sie wirklich nur kein Geld dafür gehabt hatten.

Plötzlich machte der Gruppenzug halt. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass wir vor einen Grab stehen geblieben waren. Als ich aufblickte, entdeckte ich die Inschrift. Da stand sein Name: Hussein Mustafa Ramadan. Es war der Name meines Opas. Sofort beschlich mich ein bedrückendes Gefühl. Sein Grab war schön, so als hätte man sich große Mühe gegeben, sein Gedenken zu bewahren. Am Ende der Gruft stand ein ca. ein halber Meter hoher weißer Stein mit seinem Namenszug. Eine etwa 2 Meter lange, auf dem Boden liegende, weiße Platte bedeckte das Grab. Darin waren einige Koran-Zitate auf Arabisch eingraviert.

Das zuvor bedrückende Gefühl war mit einem Mal wie verblasst, als ich sah, wie meine Familie sich um den Stein versammelte. Es war das erste Mal, dass ich ihn besuchte. Das erste Mal, dass ich an seinem Grab stand. Zuerst blieben wir nur ganz still und andächtig dort stehen. Dann ergriff irgendjemand das Wort. Wir beteten für meinen Großvater und seine Seele. Ich hoffte so sehr, meine Gebete würden ankommen und dass es ihm da, wo er jetzt war, einfach nur gut ging. Dann forderte mein Vater uns auf, uns gegenseitig die Hände zu reichen. Und dann hielt eine Rede. Eine Rede, die ich nie wieder vergessen werde. Nie wieder habe ich ihn so persönlich, so gefühlsbetont reden hören. „Hallo Vater“, fing er an, „ich vermisse dich wirklich sehr und wünschte du wärst bei mir, nein bei uns.“ „Ja“, dachte ich im gleichen Moment, „wie schön wäre es, wenn er jetzt hier wäre. Wenn auch er uns an die Hand nehmen würde, mit uns reden könnte.“ „Du warst immer der Mensch, der mir Halt gegeben hat“, fuhr mein Vater fort und weiter: „Du warst immer der Mensch, den ich als Vorbild hatte. Der Mensch, zudem ich gelaufen bin, wenn ich mich verletzt hatte. Ich vermisse dich wirklich sehr!“

Als ich diese Worte hörte, musste ich mit den Tränen kämpfen. Obwohl ich meinen Opa nicht gekannt hatte, war er mir auf einmal so nahe. Über die Gefühle meines Vaters, über den Namen auf seinem Grabstein. Aber die Rede meines Vaters war noch nicht zu Ende: „Heute bin ich nicht zum ersten Mal hier, aber heute ist es das erste Mal mit meinen Kindern. Sieh sie dir an: Es sind Männer und sie werden von deinem Sohn erzogen. Von dem Sohn, den du vorher erzogen hast! Diese Kinder sind mein Herz und meine Seele. Sie machen mich glücklich und ich bin sehr stolz.“

Zum Schluss sprach mein Vater noch ein Gebet: „Oh Gott, ich bete dafür, dass ich dich, meinen Vater, auch immer glücklich gemacht habe. Ich wünsche mir so sehr, dass du auf uns herunter schaust mit diesem Stolz im Herzen, den mir meine Kinder auch machen.“

Es war das erste Mal, dass ich meinen Vater habe weinen sehen. Ich wusste nicht, wohin mit meinen Gefühlen. Hatte kein Gespür dafür, ob ich glücklich sein sollte über seine Worte oder ob ich auch richtig weinen sollte. Nach einer Weile schaute ich mich verstohlen um. Wie geht es den anderen, fragte ich mich. Dann bemerkte ich, dass mein Vater, meine Tante und meine Brüder alle still vor sich hin weinten.

 

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