Die Angst vorm Scheitern

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(c) Spry:  #Fail  (CC BY-NC-ND 2.0)

„Prekäre Arbeitsverhältnisse. Zeitverträge. Hungerhonorare. Eine sich ständig verändernde Arbeitswelt. Und dazu Medien, die einem das schöne Leben vorleben, die uns sagen, dass wir es schaffen können und wenn nicht, dann ist das unsere Schuld […].“ Unsere Autorin Mare hat sich in einem sehr persönlichen Text mit ihrer Angst vorm Scheitern auseinandergesetzt und dabei den Nerv einer ganzen Generation getroffen. Unbedingt lesen!

„Ich glaube“, sagt die ergraute Psychotherapeutin gegenüber von mir bei der ersten Probesitzung, „deine Probleme lassen sich alle auf eine Sache herunterbrechen: Die Angst vor dem Scheitern. Schreib doch dazu mal einen Artikel, das ist so typisch für eure Generation. Ihr habt da alle mit Probleme.“

Schreib doch dazu mal einen Artikel. Zu dieser Diagnose. Noch gibt es sie nicht schwarz auf weiß. Eher schwarz auf dem gelbem Überweisungsschein vom Hausarzt. Anpassungsstörung. Das klingt fremd. Anpassungsstörung. Das klingt nach dem Jungen, der sich früher immer geprügelt hat, nicht stillsitzen konnte und ständig Fünfen nach Hause gebracht hat. Nicht nach dem Lehrerliebling, mit den glatten Einsen. Anpassungsstörung. Aber vielleicht passt es doch. Vielleicht gerade deshalb. Lehrerliebling, glatte Einsen und ein ständiges „Aus dir wird mal was!“ Denn die Frage ist jetzt da. Ich werd‘ mal was. Aber was? Und vor allem wann?

„Du machst so viel“, wird mir manchmal gesagt, „Du machst so viel“, mit einem Unterton, den ich kenne, denn es ist gibt immer eine, die ein Auslandssemester, zwei Fremdsprachen und drei unbezahlte Praktika mehr auf dem Lebenslauf hat als man selbst. „Du machst so viel“, und dann kenne ich diesen Unterton auch bei mir. Ist es Neid? Angst?

„Du machst doch so viel“, sagt meine Psychotherapeutin und es klingt ungläubig. „Du machst so viel. Woher die Angst?“. Zwischen uns liegen gut 40 Jahre, aber ich fühle mich wie die, deren Zeit abläuft. Abitur. 18. 19. 20. 21. 22. 22. 22. 22. Schon 22. Das ist fast 25 ist fast 30 ist doch eigentlich der Punkt, wo ich weiß, wo es hingeht, wo ich schon mit beiden Beinen fest im Leben stehe und in die richtige Richtung gehe. Stattdessen fühle ich mich so, als würde ich mich nur im Kreis drehen, genau wie meine Gedanken, die mir immer wieder dasselbe sagen. „Du schaffst das nicht. Das wird doch nichts. Du machst nur Fehler. Du schaffst das nicht“.

Oder vielleicht geht es auch einfach nach unten. Wie in einer Sanduhr. Die Zeit vergeht und es wird enger und enger und immer weniger kommen weiter und werden erfolgreich, und so rieseln wir uns durch das Leben. So fühle ich es zumindest. So fühlen wir uns zumindest, denn ich bin bestimmt nicht die Einzige.

Prekäre Arbeitsverhältnisse. Zeitverträge. Hungerhonorare. Eine sich ständig verändernde Arbeitswelt. Und dazu Medien, die einem das schöne Leben vorleben, die uns sagen, dass wir es schaffen können und wenn nicht, dann ist das unsere Schuld und „WOW! Dieser 16-jährige hat das Rad neu erfunden und verdient jetzt mit seinem Start-Up mehr, als Du in Deinem Leben je besitzen wirst. HAHAHA, DU LOSER! Mehr nach der Werbung, bleiben Sie dran!“.

Und in den Medien sehen wir es ja auch immer wieder, wir sind starke, unabhängige Frauen im 21. Jahrhundert. Immer top gestylt. Immer tough im Job mit bloßen Fäusten das Glasdach zerschlagend, das uns von den Führungspositionen fernhält. Und dazwischen noch Zeit für perfekte Instagram-Fotos aus dem Fitnessstudio mit Rosenkohl-Mango-Quinoa-Shake. Kein Wunder, dass wir alle falsch Erwartungen haben.

Wie es da raus geht? Ich weiß es nicht ganz genau. Ich weiß nur, es ist ein Prozess. Ich lerne langsam, Dinge auf mich zukommen zu lassen, Dinge hinzunehmen, und vor allem zu akzeptieren: Mit 22 kann noch alles passieren. Mit 30 muss ich noch nicht den Job haben, den ich 10 Jahre später noch habe. Man kann nicht immer alles 40 Jahre in die Zukunft planen. Und man kann auch nicht immer perfekt sein.

Ich lerne es aber nicht mit der Psychotherapeutin aus der Probesitzung. „Weißt du, das ist so ein Generationending bei dir. Ich bin da viel zu alt für. Ich versteh das einfach nicht. Immer so viele Ansprüche haben wollen. Such dir lieber mal jemanden, der da näher dran ist. Und schreib vor allem wirklich mal einen Artikel darüber. Es gibt einfach so viele.“

 

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Ich bin hier, um mir Frust von der Seele zu schreiben und etwas Liebe zu verbreiten.

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