Behindert

8
(c) Bildquelle

Am heutigen Sonntag findet unter dem Motto „Mission: Inklusion“ der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung statt. In Berlin beispielsweise geht eine große Demonstration an den Start – weitere Infos dazu findest du auf der Webseite des Protesttags. Und hier auf meinTestgelände präsentieren wir euch einen Text der Story-Teller – geschrieben hat ihn Birgit Hohnen. Viel Spaß beim Lesen!

Ich lebe mit Behinderung. Und das ist eben so. Und manchmal habe ich Wut darauf. Aber. Ich bin wie ich bin, und ich bin auch anders. Alle sind anders. Das ist auch Gleichheit. Ich habe einen Behindertenausweis, also bin ich behindert. Das ist wie es ist. Ich bin wie ich bin. Das kann man und braucht man nicht heilen. Das ist mein eigener Standard. Wenn ich meinen Kopf zur Seite lege, habe ich eine Schaukelfunktion. Das ist eine Funktion, die ich mir aber nur vorstelle. Ich kenne einen, der hat eine echte Schaukelfunktion. Der hat nur seine Schaukelfunktion und sonst nix, glaube ich. Jeder hat so seine Funktion.

Ich frage mich ernsthaft: Warum schreibt man über Behinderung und nicht einfach über sich? Ich denke nach. Ich bin ein Mensch, der sich äußert. Ich habe etwas beizutragen. Ist man behindert, weil man nicht gehen kann, weil man anders denkt oder weil man eine andere Logik oder Logistik hat? Ist man behindert oder wird man behindert? Und: Ist man vielleicht auch talentiert?

Behindert, was das heißt?– Behindert ist luftig leicht, schwer wie Blei, anstrengend meist, Quäle-Seele. Mensch geht oder humpelt oder fährt im Rollstuhl. Manche können ohne Rollstuhl nicht gehen. Die Barrieren sind nervig. Barrieren behindern. Mit Rollstuhl ist nervig, mit Behinderung in Gesicht oder Gehirn oder Körper oder Bewegung ist nervig; weil andere Menschen komisch gucken und denken: Oho, behindert! Es gibt Leute, die sehen mich und kennen mich nicht. Die denken, ich bin vielleicht ein UFO. Ich bin groß und dünn. Ich kann singen und tanzen. Ich fahre mit der S-Bahn. Ich stehe morgens früh auf, dusche, esse, gucke auf die Uhr: Wann muss ich los? Manchmal früher, manchmal später. Ich arbeite im Theater. Ich bin unterschiedlich drauf: traurig, sauer, böse, lustig, fröhlich, verliebt, Daumen hoch oder runter oder mittel. Ich finde gut an mir, dass ich ein toller Mensch bin, ein lustiger Typ. Ich kann mit Leuten reden; auch wenn ich mal Probleme habe. Ich kann getrennte Wege gehen, wenn mir jemand Schlechtes sagt. Wenn ich in den Spiegel gucke, finde ich besonders schön, wie das Herz pocht. Und das Herz sagt: Ich bin bei dir, Kathi. (Kathi Bromka hat das Williams-Beuren-Syndrom, was das genau bedeutet, kann sie nicht sagen, sie vermutet: „Das hat mit dem Herz zu tun. Nachts ruhe ich mich aus; ich wache morgens auf und bin ein neuer Mensch.“)

Was ich sage auf die Frage: Sind Sie behindert?– Wenn mich jemand fragt, ob ich behindert bin, könnte ich sagen: Sind wir nicht alle ein bisschen behindert? Mich ärgert, dass bei uns Menschen mit Unterstützungsbedarf oft mehr auf unsere Schwächen als auf unsere Stärken gesehen wird. Ja, wir haben schon so unsere Probleme. Aber die hat doch jeder. Kein Mensch ist vollkommen. Jeder sollte akzeptiert werden wie er ist, solange er nicht anderen etwas tut. (Michael Schumacher hat Asperger-Autismus, Pazifismus und wünscht sich eine Welt ohne Schubladen voll Vorurteilen.)

Ich bin nicht vom Mars! (Peter Burhorn)

Mehr dazu:

  • Stöbert doch mal ein bisschen im Profil der Story-Teller herum😊

Wir sind die Story-Teller aus Hamburg. Mit unseren Texten möchten wir von unseren Erfahrungen berichten und Denkanstöße geben.

Hinterlasse eine Nachricht

Deine Emailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *